Die listige NachbarinAls ich eines Abends das Flüstern aus der Küche hörte, bemerkte ich, dass die Nachbarin schon wieder heimlich das Rezept ihres berühmten Apfelkuchens austauschte, um es als ihres auszugeben.

Liselotte starrte verwirrt die betagte Nachbarin an:

Ich habe immer noch keine Ahnung, was Sie von mir wollen.

Ich bin nur hier, um mich vorzustellen und dir ein paar Pfannkuchen zum Frühstück zu bringen. Ich bin deine Nachbarin, Gertrud Weber, sagte die alte Frau mit einem schiefen Lächeln.

Um sieben Uhr morgens?

Du musst dich doch für die Arbeit fertig machen wann sonst? Normale Menschen frühstücken und gehen dann arbeiten.

Liselotte hielt sich nicht für normal. Sie war es gewohnt, nachts zu arbeiten und erst mittags aufzustehen. Als Illustratorin sprudelten die besten Ideen gerade in der Stille der Dunkelheit aus ihr heraus.

Sie bedauerte es sehr, dass die Nachbarin sie geweckt hatte. Sie wusste, dass sie kaum noch einschlafen würde und das hieße: Heute würde ihre produktive Arbeitszeit bei null liegen.

Na dann, komm rein, um dich vorzustellen. Ich habe nicht vor, zur Arbeit zu gehen, also finde ich schon Zeit für einen Tee mit dir, sagte Liselotte, während sie das Fenster einen Spalt breit öffnete.

Gertrud musste nicht lange überredet werden. Sie war allein und freute sich immer über ein Gespräch.

Liselotte, bist du erst kürzlich eingezogen? Ich habe dich noch nie gesehen. Sie begann zu erzählen, wie früher die Familie Müller hier gewohnt hatte, das leere Mietobjekt aber unverkäuflich blieb, weil niemand das Geld in die Hand nehmen wollte, das man damit hätte verdienen können.

Genau, das war der Grund für das Geld! Sie haben die Wohnung an mich vermietet. Ich wollte endlich mal aus dem Elternhaus ausziehen, und so landete ich hier.

Und ich lebe hier seit meiner Heirat…

Zwei Stunden lang schilderte Gertrud ihr Leben. Liselotte wurde müde, doch sie konnte die alte Frau nicht einfach hinauswerfen die Erziehung ließ es nicht zu. Gertrud war zwar gesprächig, aber herzlich und gut gelaunt.

Als Liselotte plötzlich zu gähnen begann, stand Gertrud auf und sagte:

Ach, ich habe dich nur ein wenig belästigt, ich gehe wieder. Komm jederzeit vorbei, ich bin immer zu Hause. Meine Beine sind nicht mehr die, die sie mal waren.

Nachdem Gertrud gegangen war, entschied Liselotte, die fremde Gegend zu erkunden. Der Gedanke, auszusiedeln, hatte sie schon lange im Kopf. Ihre Eltern hatten nie akzeptiert, dass sie nachts arbeitete sie konnten ja nicht schlafen, wenn sie die ganze Wohnung mit Licht erhellte.

Liselotte störte niemanden sie malte still in ihrem Zimmer. Vielleicht war das nur ein Vorwand, und die Eltern wollten einfach die alte Tochter loswerden.

Mit siebenundzwanzig hatte Liselotte nie daran gedacht, allein zu wohnen. Alles passte; doch im letzten Jahr fing ihre Mutter an, jede Kleinigkeit zu beanstanden: zu lange schlafen, nicht oft genug einkaufen, nicht kochen, nicht aufs Land fahren. Jede Beschwerde endete in einem Streit, und das Zusammenleben wurde unerträglich. Sobald sich eine günstige Wohnung bot, packte Liselotte ihre Sachen und zog ohne zu zögern um.

Nach dem Spaziergang hatte sie überhaupt keine Lust mehr zu schlafen. Sie wollte arbeiten, aber das gelang ihr nicht. Wieder klopfte es an der Tür.

Liselotte, lass uns zusammen Mittagessen, mir ist alleine zu langweilig.

Ich wollte gerade arbeiten Na gut, kommen wir.

An diesem Tag setzte Liselotte sich nie an den Schreibtisch. Zum Glück drängten die Abgabefristen nicht, und sie durfte ein wenig entspannen.

Am nächsten Morgen klopfte es erneut diesmal nicht an die Tür, sondern an die Wand.

Na, das reicht! Hier soll ich überhaupt schlafen können?

Das Klopfen hörte nicht auf, also beschloss Liselotte, in einem kleinen Café in der Nähe zu frühstücken und vielleicht zu arbeiten. Dort seufzte sie schwer.

Einige Tage ohne ihre Eltern und sie vermisste das heimische Haus bereits. Sie wollte ihre Mutter anrufen, doch dann dachte sie schnell daran, dass die Mutter wohl wieder denken würde, ihre Tochter könne nicht allein leben.

Im Café konnte sie nicht arbeiten; die vorbeigehenden Leute lenkten sie ständig ab. Sie brauchte Stille. Auf dem Weg zurück zur Wohnung begegnete sie Gertrud.

Ach, haben wir dich etwa geweckt? Mein Enkel hat heute Vormittag eine Regalstütze angebracht, und er kann nur nachts arbeiten. Abends geht das nicht.

Aufgeweckt, murmelte Liselotte.

Das ständige Getrampel der Nachbarin begann, sie zu reizen. Der Tag verging wie im Flug, doch das Zeichnen gelang nur halbherzig, ein wirres Durcheinander. Das selbstständige Leben schien mit jedem Tag unvernünftig, und ein unerklärliches Verlangen, zu ihrem alten Alltag zurückzukehren, wuchs.

Der ganze nächste Tag verbrachte Liselotte in ihrer Wohnung und arbeitete konzentriert. Sie reagierte nicht mehr auf das Klopfen oder Gertruds Stimme.

Plötzlich, am Abend, hörte sie ein Quietschen an der Tür. Als sie die Türöffnung blickte, erstarrte sie statt einer Tür war jetzt ein Loch.

Ach, mein Schatz, ich habe mich ja um dich gesorgt! Du hast nicht geantwortet, ich dachte, etwas Schlimmes ist passiert. Ich habe sofort einen Handwerker gerufen. Oh, was für ein Ärger! Wir werden das gleich reparieren.

Liselotte stockte der Atem. Sie wollte Gertrud für die eigenmächtige Aktion zur Rede stellen, doch gleichzeitig schien die alte Frau um ihr Wohl besorgt.

Die nächtliche Reparatur dauerte bis Mitternacht, und der Handwerker verlangte das Doppelte seiner üblichen Gebühr in Euro, selbstverständlich.

Einige Tage verliefen ruhig. Gertrud war bei Verwandten zu Besuch und störte Liselotte nicht mehr. Doch das Grauen, dass die alte Nachbarin zurückkehren und neue Unannehmlichkeiten bringen könnte, lag schwer in der Luft.

Kurz darauf kam Gertruds Enkel, Jan, mit lauter Musik, die den ganzen Tag dröhnte.

Können Sie das leiser machen? knurrte Liselotte, ihr Geduldsfaden war am Ende.

Ach, stört dich das, Jan? Dann setz dir doch Ohrstöpsel auf. Mach dir keine Sorgen, er fährt nächste Woche weg, meinte Gertrud locker.

Jan fuhr erst eine Woche später ab. In dieser Zeit verbrachte Liselotte ihre Zeit damit, zu wandern und zu schlafen das Haus zu betreten war unmöglich. Sie wohnte erst einen Monat dort, und sie sehnte sich danach, sofort zu fliehen.

Frau Weber! Können Sie bitte nicht mehr zu mir kommen? Sie lassen mich tagsüber nicht schlafen und abends nicht arbeiten!, rief Liselotte mit ungewohntem Mut. Wenn ich etwas brauche, hole ich mich das selbst.

In Ordnung, hauchte Gertrud, zog die Lippen zusammen und ging. Liselotte fühlte eine kleine Erleichterung und glaubte, endlich ein ruhiges, geordnetes Leben zu haben.

Doch am Morgen klopfte es erneut an der Tür.

Frau Simons?

Ja

Ich bin Inspektor Klaus Berger vom Ordnungsamt. Es gibt eine Beschwerde gegen Sie.

Eine Beschwerde? Von wem? Ich habe doch nichts getan!

Wie? Die Nachbarn schreiben, dass Sie nachts Lärm machen und sie bedrohen. Sie stören das Zusammenleben. Liselottes Stimme bebte vor Empörung.

Wem also?

Gertrud blickte aus ihrer Wohnung.

Guten Tag, Herr Inspektor! Unsere laute Nachbarin ist ein Ärgernis. Wir haben angerufen, aber die Vermieter hören nicht zu, sie legen einfach auf!

Darf ich reingehen?

Liselotte trat beiseite. Gertrud wollte ebenfalls eintreten, doch Inspektor Berger hielt sie zurück.

Sie können sich ausruhen, Frau Weber. Ich kümmere mich darum. Er wandte sich an Liselotte. Sie sollten besser ausziehen, das ist hier nicht mehr zu leben.

Wer soll uns das verbieten? Frau Weber?, fragte er.

Genau die, antwortete der Inspektor.

Er erzählte, dass die Familie Müller, welche die Wohnung vorher besessen hatte, die Immobilie verkaufen und in eine andere Stadt ziehen wollte. Gertrud hatte sofort zugeschlagen, um das Appartement für ihren Enkel zu kaufen. Die Nachbarn jedoch weigerten sich, das Haus zu verkaufen, weil sie genug von ihr hatten. Sie wollten das Mietobjekt behalten, doch Gertrud versuchte, das Treppenhaus in ein Schlammfeld zu verwandeln, brachte Obdachlose hinein alles, um potenzielle Käufer abzuschrecken. Schließlich schlug Gertrud vor: Vielleicht kaufe ich es doch selbst?

Die Müllers lehnten entschieden ab. Sie hatten die alte Nachbarin längst genug ertragen und beschlossen, das Apartment zu vermieten, egal welchen Studenten es bewohnte. Doch Gertrud fand erneut einen Plan: Sie gab Beschwerden über die Mieter weiter, bis sie auszogen. Die Wohnung wurde leer, und Gertrud jubelte.

Liselotte hörte die Geschichte und konnte kaum glauben, wie zweischneidig Menschen sein konnten.

Wissen Sie was? Ich bleibe doch hier, sagte sie plötzlich mit leuchtenden Augen. Wenn ich die alte Frau besiege, kann ich alles schaffen!

Der Inspektor sah bedrückt zu, denn er hatte selten solch entschlossenen jungen Menschen begegnet, und das endete selten gut.

Doch Liselotte gelang es. Zuerst kontaktierte sie die Familie Müller und verhandelte den Kauf der Wohnung. Sie freuten sich, das unliebsame Objekt loszuwerden. Sie musste sich verschulden, aber das hielt sie nicht auf.

Dann informierte sie die Nachbarn, dass Gertrud sehr krank sei und Hilfe brauche. Sie meldete die einsame alte Frau bei den Sozialdiensten. Plötzlich strömten Menschen zu Gertrud, boten Unterstützung, sprachen freundlich mit ihr. Zuerst wehrte sie sich, doch dann genoss sie die Aufmerksamkeit. Sie spielte die hilflose, schwache Oma und die Menschen halfen ihr gern.

Liselotte konnte endlich in Ruhe arbeiten. Sie versöhnte sich mit ihren Eltern, die erstaunt über ihre Selbstständigkeit waren. Sie richtete ihre Wohnung ein und begann sogar ein Liebesleben Inspektor Berger wurde ein häufiger Gast.

Wenn sie zusammen mit Gertrud zusammentrafen, zwinkerte die alte Frau und sagte:

Na, Liselotte! Ganz schön schlau, was?

So endete die Geschichte, während Liselotte mit einem Lächeln in die Zukunft blickte, das Licht der Abendsonne durch die Berliner Straße flackerte und der Klang von Klaviermusik aus dem gegenüberliegenden Café leise in die Nacht glitt.

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Homy
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Die listige NachbarinAls ich eines Abends das Flüstern aus der Küche hörte, bemerkte ich, dass die Nachbarin schon wieder heimlich das Rezept ihres berühmten Apfelkuchens austauschte, um es als ihres auszugeben.
Mit 38 Jahren bin ich wieder zu meiner Mutter nach Hause gezogen.