Wie soll ich euch denn eine solche Last aufbürden? Nicht einmal mein Vater und Tatjana wollten ihn zu sich nehmen – Marina, meine Tochter, komm doch zur Vernunft! Mit wem willst du denn nur heiraten?! – klagte meine Mutter, während sie meinen Schleier zurechtzupfte. Erklär mir doch wenigstens, was an Sergej dich stört! – war ich ganz ratlos über ihre Tränen. Wieso? Seine Mutter arbeitet im Supermarkt, schnappt alle an, der Vater ist völlig verschollen und hat sein Leben früher nur mit Saufen und Feiern verbracht. Unser Opa hat auch getrunken und Oma durchs Dorf gescheucht – na und? Dein Opa war geachteter Mann im Ort, war Vorstand. Oma hatte deshalb aber trotzdem ein schweres Leben. Ich war klein und weiß noch, wie sehr sie sich vor ihm fürchtete. Mit Sergej, Mama, wird alles gut. Man soll Menschen nicht nach ihren Eltern beurteilen. Warte ab, bis ihr Kinder habt! Dann verstehst du! – warf meine Mutter leidenschaftlich ein, und ich seufzte nur. Es ist schwer zu leben, wenn Mama ihre Meinung über Sergej nicht ändert. Und doch feierten wir mit Sergej eine fröhliche Hochzeit und wurden eine eigene Familie. Zum Glück hatte Sergej ein Haus im Dorf geerbt von seinen Großeltern, den Eltern jenes verschollenen Vaters und Taugenichts. Sergej baute das Haus nach und nach um und bald war es ein richtiges modernes Heim mit allem Komfort – leben und sich freuen! So ein toller Mann, und warum hat Mama ihn damals nur schlechtgeredet? Ein Jahr nach der Hochzeit kam unser Sohn, Johannes, zur Welt, vier Jahre später unsere Tochter Marie. Aber immer sobald die Kinder krank wurden oder irgendwas angestellt hatten, war meine Mutter zur Stelle mit: „Ich hab’s dir doch gesagt!“ Und immer wieder: „Kleine Kinder – kleine Sorgen! Wart’s ab, wenn sie groß werden mit solchen Vorfahren…“ Ich versuchte meist, ihre Anmerkungen zu ignorieren, sie meckerte inzwischen nur aus Gewohnheit. Schließlich habe ich gegen ihren Willen geheiratet – ohne Segen der Eltern. So ist meine Mutter eben, sie mag, wenn alles nach ihren Vorstellungen läuft. Mittlerweile hat sie sich mit meiner Wahl abgefunden und im tiefsten Herzen – ganz tief – stimmt sie längst zu, dass mein Sergej Gold wert ist. Laut würde sie das aber nie sagen. Das hieße, einen Irrtum zugeben und das geht gar nicht! Auch meinte sie es bei den Enkelkindern meist nicht ernst, eher aus Sorge. In Wahrheit liebte sie sie heiß und innig. Hätte ihnen was gefehlt, würde sie zuerst vom Felsen in den Fluss springen und sich vor lauter Schuld die Haare raufen wegen all ihrer Sprüche. Trotzdem, manchmal hatte ich richtige Angst vor diesen angekündigten „großen Sorgen“. Erfahrung der Generationen lehrt, dass das Erwachsenwerden der Kinder unweigerlich mit Problemen einhergeht. Und die Kinder wuchsen und wuchsen. Schon ging unser Sohn Johannes nach dem Abitur ins Erwachsenenleben – an eine der angesehenen Unis unserer Region, nur 143 Kilometer entfernt. Für ein Mutterherz sind das 143 Lichtjahre – wie von der Erde zum Merkur! Einfach weit weg! Die ersten vier Nächte schlief ich gar nicht, dachte immer an meinen Sohn: Wird er gekränkt? Hat er was Ordentliches gegessen? Verdirbt ihn die große Stadt, Johannes ist doch so ein feiner Junge… Zuerst zog Johannes ins Wohnheim, ein Zimmer extra für Jungs vom Land. Aber ich hielt das nicht aus und überredete Sergej, unserer Sohn soll eine Wohnung bekommen. Johannes wollte dafür sogar mitverdienen, im Internet irgendwas, der ist schließlich ein heller Kopf! Jede Woche fuhr ich in die Stadt, um Johannes zu besuchen, helfen, putzen, kochen… Obwohl alles ordentlich war bei ihm. Daheim hatte er nie Ordnung, sondern liebte das klassische Chaos. Und trotzdem war immer frisch gekocht: Dampfkoteletts und Schmorbraten im Tontopf – sag ich doch, ein Genie! Meine wöchentlichen Ausflüge begannen aber Sergej zu nerven. Marina! Lass Johannes endlich los, du klammerst ihn fest an dich! Er kann ja gar nicht frei leben und für mich hast du auch kaum Zeit! Sonst gehe ich zu Larisas Postbotin, die begrüßt wenigstens jeden – du wirst schon sehen! Er hat nur gescherzt – aber Angst machte es doch. Ohne meinen Mann? Und Recht hatte er, es war an der Zeit, Johannes loszulassen. Erst benahm ich mich weiter wie eine Glucke, lernte aber langsam, den Sohn ziehen zu lassen. Ich gab ihm die Freiheit – doch vergebens, wie sich zeigte. Eines Tages kam ein Anruf vom Dekanat: Mein Sohn schwänzt, droht gar exmatrikuliert zu werden! Was? Mein Johannes? Unmöglich! Ich schmiss alles hin und raste in die Stadt, da konnte Sergej mich nicht bremsen. Johannes war überrascht und – er hatte die Ursache seiner Fehlzeiten nicht versteckt. Der Grund: ein Mädchen namens Anna. Hübsch, wie ein Engel – und in der Wohnung war auch noch ein Kind! Einjähriger Junge, genaugenommen. Ich ahnte sofort: Das Mädchen mit Baby will meinen Sohn einwickeln und zur Hochzeit drängen. Ich bin eine moderne Mutter, weiß: Solche Dinge kommen vor. Aber Johannes ist viel zu jung für Ehe und Stiefkind! Anna wirkt höchstens achtzehn – wann hat sie das Kind bekommen? Innerlich tobte ein Sturm, aber ich riss mich zusammen. Grüsste Anna nur und ging mit Johannes in die Küche zum ernsten Gespräch. Johannes, bist du denn richtig verliebt? – grinste ich krampfhaft. Sehr, Mama, – lachte er zurück. Was wird nun aus dem Studium? – fragte ich vorsichtig. Ich weiß, Mama, ich hab das vernachlässigt. Aber keine Sorge, das wird wieder. Was ist denn los, möchtest du erzählen? Kann ich nicht, Mama. Ist nicht mein Geheimnis. Vielleicht, wenn ihr Anna besser kennt. Ich wusste nicht, was tun, um ihn nicht gegen mich aufzubringen. Also fuhr ich erst mal nach Hause. Das ist alles deine Schuld! – brüllte ich Sergej an, – Freiheit wolltest du für ihn, schau nur, was daraus wurde! Was tun wir jetzt? Was ist denn passiert? – fragte der unerschütterliche Optimist. – Was stört dich am fertigen Kind? Wenn Johannes ihn liebt, ist er nicht fremd. Willst du Opa werden für ein fremdes Kind? Warum nicht?! Ich wusste immer, irgendwann bin ich Opa. Aber doch nicht für Fremde! Marina! Ist das wirklich noch meine Frau? Ein Kind ist nie fremd! Denk mal drüber nach. Er schlief im Gästeraum, ich lief die halbe Nacht durchs leere Schlafzimmer, schimpfte auf alles und jeden – auf Anna, auf Sohn, auf meinen Mann, dass er sich gegen mich stellte. Irgendwann beruhigte ich mich und begriff – Sergej hat, wie immer, recht. Das Kind kann nichts für die Umstände. Anna sicher auch nicht. Bis zum Morgen hatte ich mich ausgelaugt, schlich mich zum Mann ins Wohnzimmer. Sergej, verzeih mir! Ich liebe euch alle einfach zu sehr. Komm her, du verrückte Frau! – hob er die Decke, und ich kuschelte mich zu ihm. So schliefen wir ein, auf den Lippen das erste Glückslächeln. Na dann – werde ich eben Oma! Was ist schon dabei? Der Junge, Michail hieß er, war ein Sonnenschein. Aber es wurde ganz anders, als ich glaubte. Johannes informierte uns bald: Er geht aufs Abendstudium und will Anna heiraten. Diesmal reagierte ich nicht sofort, sondern schluckte erst alles – dann fuhren wir gemeinsam zum Besuch in die Stadt. Sergej, wusste ich, hilft uns, keinen Fehler zu machen. Denn das Bedürfnis, Fehler zu machen, war so groß, damit hätten wir den ganzen Winter heizen können! Im Flur empfing uns Anna, wischte sich eine Träne ab: Tut mir leid! Ich will das alles nicht, aber Johannes ist eigensinnig. Das wissen Sie sicher. Eigensinnig ist milde ausgedrückt, – grinste Sergej, zog die Schuhe aus, – aber er ist auch nicht dumm. Wenn er so entscheidet, hat das seinen Grund. Beruhig dich, Anna, wir reden einfach mal. Wir gingen in die Küche. Johannes war nicht da. Johannes ist Milch holen, kommt gleich, – sagte Anna. Wieso entschuldigst du dich dauernd? – fragte Sergej. – Wir wissen noch gar nicht, ob du schuld bist. Schenkst du müden Gästen Tee? Bin grad 143 Kilometer gefahren. Oh, Entschuldigung, – Anna wuselte herum. Sergej verdrehte die Augen, Anna lächelte. Da bemerkte ich: Sergej hat Annas Wahl längst akzeptiert. Der Tee duftete, Sergej knabberte am dritten selbstgebackenen Keks – sehr selten für junge Frauen; ich weiß, Johannes kann so was nicht, und als der Sohn zurück kam, hatte ich das Gefühl, ich dürfte eigentlich nichts mehr bestimmen über diesen erwachsenen Mann. Ihr wollt also heiraten? – fragte Sergej. Ja, und es gibt darüber keine Diskussion, – sagte Johannes fest. Gut. Habt ihr einen Grund für die Eile? Erwarte ihr ein weiteres Kind? Nein, niemals! – Anna schüttelte den Kopf, wurde rot. Mir kam ein verrückter Gedanke, vielleicht sind Johannes’ Beziehung zu ihr noch gar nicht so weit… Unmöglich, aber… Weshalb denn dann so hastig? Sonst kommt Michail ins Heim, – flüsterte Anna und senkte den Blick. Warum sollte man das Kind wegnehmen? – fragte Sergej streng. Weil seine Mutter verstorben ist, – Anna zitterte. Anna, du musst das nicht erzählen! – Johannes sprang auf. – Mama, Papa, bleibt bitte bei dem, was ich am Telefon gesagt habe. Der Rest geht nur uns an! Johannes, warte mal, – unterbrach Anna. – Jetzt sind wir zusammen, dann sind eure Eltern auch meine Familie. Ich will ehrlich sein, das ist wichtig. Anna schwieg, wir sahen uns an. Anna, ist Michail denn nicht dein Sohn? – fragte ich beherzt. Nein, wirklich nicht. Michail ist mein kleiner Bruder – mütterlicherseits, wir haben verschiedene Väter. Jetzt wollte ich die ganze Welt umarmen! Aber ich ließ mir nichts anmerken. Anna erzählte weiter: Meine Mutter ist im Gefängnis gestorben, sie hatte einen schweren Herzfehler, lebte trotzdem ziemlich lang. Das Leben meiner Mutter war nicht einfach, sie war impulsiv – wie ich glaube. Anna trank etwas Tee, seufzte schwer. Ihre Worte fielen ihr sichtbar schwer, doch sie redete weiter. Erstmal kam Mama ins Gefängnis nach einem Streit mit meinem Vater, da hat sie eine alte Frau auf dem Zebrastreifen angefahren. Da stand sogar in der Zeitung. Als Mama verurteilt wurde, nahm mich mein Vater, wir lebten getrennt. Noch bevor Mama wieder rauskam, heiratete Papa neu. Ich nehme es ihm nicht übel: Mama war schwierig, er konnte nicht mehr. Seine neue Frau, Tatjana, ist ganz lieb, unser Verhältnis ist gut. Vielleicht habe ich gerade wegen Papas Entscheidung ein angenehmes Leben gehabt, sie beide sind meine Familie. Wieder Pause, unter dem Tisch ergriff Anna Johannes’ Hand, und mir wurde klar: Das Schlimmste ihrer Geschichte kam erst noch. Vor drei Jahren verliebte sich meine Mutter, total Hals über Kopf. Denis war zehn Jahre jünger, dann kam Michail. Ich freute mich über den Bruder und war oft zu Besuch. Bei mir gab es keine Streitereien, später im Prozess sagten die Nachbarn, sie hätten oft Krach und Geschirrklirren gehört. Eines Tages, so hörte ich, stritten Mama und Denis heftig. Sie war eifersüchtig. Im Affekt stieß sie Denis, er stolperte übers Plaid, schlug mit dem Kopf auf die Tischkante. Zwei Tage später starb Denis im Krankenhaus, Mama wurde verhaftet. Anna holte Luft, wollte fertig werden: Mama starb noch in U-Haft, kam nie vor Gericht. Ihr Herz hörte einfach auf. Bitte urteilen Sie nicht zu hart – sie war wie ein Kolibri, bunt, wild und ungezähmt. Aber ich habe sie sehr geliebt. Jetzt musst du uns verzeihen, Anna, – sagte Sergej. – Dass du uns das alles erzählen musstest. Aber du hast recht, wir sind jetzt Familie und müssen zusammenhalten. Ich muss zugeben, ich wollte in dem Moment schreien: „Was tust du, mein Sohn! Johannes, überleg doch! Solche Verwandtschaft brauchen wir nicht! Bei uns gab es nie Kriminelle!“ Doch ich stoppte mich, sah mich selbst im Brautkleid und Mama, wie sie mich vom Sergej abhalten wollte. Ich gab mir innerlich eine Ohrfeige: „Urteile nie über Menschen wegen ihrer Herkunft! Gerade du solltest das wissen!“ Dieser innere Schlag bewirkte ein Wunder: Mir kam eine verrückte, aber geniale Idee. Ich blickte zu Sergej, sah sein freundliches Lächeln – er hat’s verstanden, er ist dabei! Zur Bestätigung nickte Sergej und sagte: Wie wäre folgender Vorschlag: Marina und ich übernehmen die Vormundschaft für Michail. Ihr wartet noch mit Hochzeit und macht erst das Studium fertig. Was? – Anna verstand nicht. Papa, hör auf! – protestierte Johannes. Michail wird sich bei uns wohlfühlen, du weißt, wie deine Kindheit war. Und wenn ihr wollt, könnt ihr ihn später zu euch nehmen. Uns ist langweilig ohne dich, Johannes. Wir kümmern uns gern um Michail. Deine Schwester interessiert sich jetzt eh mehr für Jungs als für die Eltern. Anna, – schaute ich ihr in die Augen, – das entscheidest du allein! Wie kann ich euch so eine Last aufbürden? Nicht einmal mein Vater und Tatjana wollten ihn aufnehmen. Da merkte keiner, dass Michail schon wach war. Er stieg vom Sofa, tappste in die Küche und streckte die Arme – nicht etwa zu mir, sondern zu Sergej. Oh, was für eine schwere Last, – rief Sergej spaßig und hob Michail hoch. Sergej, du schaffst es, bist doch eher Vater als Opa, – lachte ich. Warte ab, – frotzelte er, – nachts zeig ich dir den Opa. Die Kinder schimpften kurz, stimmten aber zu, dass Michail zu uns kommt. Die Vormundschaft lief problemlos. Die Sachbearbeiterin sagte, es ist inzwischen oft so, dass Familien unseres Alters kleine Kinder aufnehmen. Die eigenen sind groß, aber die Liebe bleibt und will raus – bei uns gab’s davon mehr als genug! Wir wurden richtig jung durch Michail. Nachts, wenn ich zu ihm ging, vergoss ich vor Freude so manche Träne – mein unerwartetes Glück! Nur meine Mutter meckerte wie immer über unseren Entschluss. Sie schimpfte und schimpfte, aber liebte Michail am meisten – und er sie. Ach, Marina, was macht ihr denn nur! – klagte Mama, und gleich darauf zu Michail: Wer knipst uns hier die Äuglein zu, wer will schlafen?! Und dann wieder: Woran denkt ihr bloß? Marina! Wer hat denn jetzt seine kleinen Fingerchen schmutzig gemacht?! Ach, ich weiß wirklich nicht, was nun wird! Wo ist nur mein Michail, wo hat er sich versteckt?!

Wie könnte ich euch nur so eine Last aufbürden? Nicht einmal mein Vater mit Elisabeth wollte ihn bei sich aufnehmen.

Marie, mein Kind, komm endlich zur Vernunft! Weißt du überhaupt, wen du heiraten willst? klagte meine Mutter und zupfte nervös an meinem Schleier.

Erklär mir doch wenigstens, warum du mit Sebastian nicht zufrieden bist? Ich war völlig durcheinander durch ihre Tränen.

Wie denn, seine Mutter arbeitet als Verkäuferin und blafft jeden Kunden an. Seinen Vater keiner weiß, wohin der verschwunden ist, und in seiner Jugend hat er nur getrunken und herumgehurt!

Unser Opa hat auch getrunken und Oma durchs ganze Dorf gejagt. Und was macht das für einen Unterschied?

Dein Opa war eine respektierte Persönlichkeit im Dorf, ein Kopf von Mensch!

Nur hat das für unsere Oma nicht viel erleichtert. Ich war noch klein und kann mich daran erinnern, wie sie sich vor ihm gefürchtet hat. Aber Sebastian und ich, Mama, wir werden es gut machen. Man sollte Menschen doch nicht nach ihren Eltern bewerten.

Wart’s ab, wenn du selbst Kinder bekommst, wirst du verstehen! murmelte Mutter aufgebracht, doch ich seufzte nur tief.

Es würde wahrlich kein leichtes Leben, wenn sich meine Mutter nicht endlich mit Sebastian versöhnen würde und trotzdem feierten wir ein fröhliches Hochzeitsfest und begannen unser gemeinsames Leben als Familie. Zum Glück hatte Sebastian ein Häuschen im Dorf geerbt, von seinem Großvater und seiner Großmutter den Eltern eben jenes verschwundenen Taugenichts.

Sebastian renovierte und baute das Haus Stück für Stück um, bis wir es kaum wiedererkannten: unser eigenes modernes Zuhause, wie ich es gerne nannte. Mit allem Komfort, lebenswert und voller Freude. Immer fragte ich mich, was meine Mutter damals nur gegen ihn einzuwenden hatte.

Ein Jahr nach der Hochzeit kam unser Sohn Johannes zur Welt, und vier Jahre später unsere Tochter Gretel. Doch sobald die Kinder kränkelten oder mal Unfug trieben, stand meine Mutter sofort vor der Tür: Siehst du, ich habe es dir doch gesagt! Kleine Kinder kleine Sorgen. Wart es ab, wenn sie erwachsen sind, da bekommst du noch ganz andere Probleme bei so einer Herkunft!

Ich versuchte, Mamas Vorwürfen keine Beachtung zu schenken; sie nörgelte mehr aus Gewohnheit. Schließlich bin ich gegen ihren Willen verheiratet ohne Segen der Eltern. Sie war einfach ein Mensch, der glaubte, alles müsse so laufen, wie sie es will. Und im tiefsten Inneren hatte sie sich mit meiner Wahl abgefunden und wusste inzwischen, dass Sebastian Gold wert war aber das würde sie nie offen zugeben. Das hieße ja, sie hätte sich einmal geirrt. Unmöglich! Also redete sie nie ernsthaft gegen die Enkel. Eigentlich aus Angst um sie. Insgeheim liebte sie Johannes und Gretel und hätte alles für sie getan, wenn Gefahr drohte.

Und trotzdem manchmal bekam ich selbst Angst vor diesen großen Sorgen, von denen schon frühere Generationen wussten, dass sie zum Erwachsenwerden der Kinder dazugehören. Die Jahre vergingen, die Kinder wurden unvermeidlich größer. Johannes schloss das Gymnasium ab und sollte ein Studium antreten, an einer durchaus angesehenen Universität in der nächstgrößeren Stadt, knapp 143 Kilometer entfernt.

Für eine Mutter ist diese Strecke wie ein Universum zwischen Erde und Merkur! Es war einfach weit weg.

Nach den ersten vier Nächten ohne Schlaf machte ich mir pausenlos Sorgen: Wie ging es meinem Sohn nur? Was, wenn ihn jemand ärgert? Was, wenn er hungrig blieb? Was, wenn ihm das Stadtleben nicht bekommt? Johannes, mein guter Junge.

Er wohnte anfangs im Studentenwohnheim, zugeteilt für die Jungs vom Land. Aber mein Mutterherz war zu schwach und ich überredete Sebastian, ihm in der Stadt eine kleine Wohnung zu mieten. Johannes entschied, einen Teil der Miete selbst zu bezahlen und arbeitete nebenbei im Internet er ist schließlich klug, mein Sohn!

Ich war jedes Wochenende in der Stadt: nach Johannes sehen, ihm helfen, sauber machen, kochen. Dabei war es bei ihm aufgeräumter als je zuvor zu Hause, wo er immer im Chaos lebte. Sogar das Essen war vorbereitet ob Dampfkoteletts oder Bratgerichte im Ton. Ich sage ja, ein schlauer Kerl.

Doch langsam störten meine regelmäßigen Fahrten Sebastian gewaltig.

Marie! Hör endlich auf, den Johannes am Rockzipfel festzuhalten! Lass ihm Luft zum Atmen und denk auch mal an mich! Wenn du nicht aufhörst, zieh ich aus vielleicht zur Postbotin Gisela, die grüßt jeden freundlich!

Er scherzte, aber ich war erschrocken! Ohne meinen Mann das geht gar nicht! Recht hatte Sebastian es war an der Zeit, Johannes loszulassen, damit er erwachsen werden konnte.

Noch ein Weilchen beknackte ich herum, dann lernte ich langsam, mit dem Gedanken zu leben, dass mein Sohn nun selbstständig war. Ich ließ ihn in Ruhe und hörte auf, ihn zu bemuttern aber wie sich zeigen sollte, zu früh.

Eines Tages kam ein Anruf vom Dekanat: Mein Sohn schwänzt Vorlesungen und steht kurz davor, exmatrikuliert zu werden. Wie bitte? Ihr irrt euch, nicht mein Johannes! Das kann einfach nicht sein! Ich machte mich sofort auf den Weg im Büro ein paar Tage Urlaub genommen und raste in die Stadt. Diesmal konnte mich nicht einmal Sebastian aufhalten, manchmal bin ich wie ein Panzer.

Johannes war völlig überrascht von meinem Besuch. Es wäre okay, wenn er nicht aufgeräumt hätte. Aber er hatte etwas ganz anderes nicht versteckt nämlich der Grund für seine Fehlzeiten.

Die Ursache war Klara. Eine sanft-mädchenhafte junge Frau, fast wie ein Engel.

Wäre ja an sich nicht schlimm, hätte mein Sohn eine Freundin das ist ja irgendwann zu erwarten. Doch es war noch ein kleines Kind in der Wohnung! Ein einjähriger Junge, um exakt zu sein.

Sofort wusste ich Bescheid: Die junge Frau mit Baby, wollte meinen Sohn an sich binden und heiraten.

Ich bin eine moderne Mutter; heute sind solche Dinge nicht selten. Aber Johannes ist noch jung, und er soll nicht fremde Kinder großziehen. Klara schien nicht älter als 18 wann hat sie das Baby bekommen?

In mir tobte ein Sturm, dennoch beherrschte ich mich. Ich grüßte Klara, schloss die Küchentür und stellte Johannes zur Rede.

Hast du dich total verliebt? fragte ich, mit einer Grimasse, die ein Lächeln sein sollte.

Ja, Mama, sehr! Johannes lächelte zurück.

Und was ist mit dem Studium? Ich tastete mich vorsichtig voran.

Ich weiß, Mama, ich habe das Studium schleifen lassen, aber das ist eine Phase. Mach dir keine Sorgen, ich kriege das hin.

Was für eine Phase? Worüber sprichst du?

Kann ich dir nicht sagen. Das ist nicht mein Geheimnis. Vielleicht bald, wenn ihr Klara besser kennt.

Ich wusste nicht, wie ich weiter verfahren sollte, um Johannes nicht gegen mich aufzubringen. Also gönnte ich mir eine Auszeit und fuhr nach Hause.

Das hast du angerichtet! beschwerte ich mich bei Sebastian, du wolltest Johannes Freiheit geben! Siehst du jetzt, was daraus geworden ist? Was machen wir jetzt?

Was ist denn passiert? fragte mein optimistischer Mann. Was hast du gegen das Kind? Wenn Johannes es schon ins Herz geschlossen hat, dann gehört es zu uns.

Und du willst Opa werden?

Warum nicht? Ich wusste schon, als die Kinder kamen, dass ich eines Tages ein Opa sein würde.

Doch nicht für ein fremdes Kind!

Marie! Ich erkenne dich gar nicht wieder. Ein Kind kann nie fremd sein. Denk darüber nach.

Er zog ins Gästezimmer zum Schlafen, ich wanderte stundenlang durch das leere Schlafzimmer. Erst war ich wütend auf alles und jeden: das Leben, Klara, Johannes und Sebastian, weil er auf ihrer Seite war. Aber dann beruhigte ich mich und begriff, dass Sebastian wie immer recht hatte.

Das Kind trifft keine Schuld. Und Klara wohl auch kaum die Umstände können für jeden anders sein. Am frühen Morgen schimpfte ich mit mir selbst, weinte alle Tränen aus und kroch erschöpft zu Sebastian aufs Sofa.

Sebastian, verzeih mir! Ich habe endlich klar gesehen. Ich liebe euch alle einfach so sehr!

Komm her, dumme Frau! rief er und zog die Decke hoch, ich legte mich zu ihm.

So schliefen wir ein, und auf meinen Lippen lag ein glückliches Lächeln. Nun also werde ich Oma! Was ist schon dabei? Der kleine Junge in der Wohnung ist ein Engel! Er heißt Max.

Doch alles kam anders, als ich dachte. Bald sagte Johannes, er wolle Teilzeit studieren und Klara heiraten.

Diesmal blieb ich ruhig, verdaut alles und dann fuhren wir zu ihm zur Stadt. Sebastian, das wusste ich, würde uns helfen, klug und ohne Fehler zu entscheiden. Denn bei all meiner Vernunft ich wollte alles auf den Kopf stellen! Wie Holz für den Winter stapeln!

Im Flur empfing uns Klara, wischte sich eine Träne weg und sagte:

Bitte entschuldigen Sie! Ich möchte nicht, dass Johannes diesen Weg geht, aber er ist so stur. Sie wissen das bestimmt.

Stur trifft es nicht, meinte Sebastian, die Schuhe ausziehend , aber unser Sohn ist nicht dumm. Wenn er so entschieden hat, wird er seinen Weg gehen. Nun beruhig dich und lass uns alles bereden.

Wir gingen in die Küche. Johannes war nicht zu Hause.

Er ist Milch holen, kommt gleich, entschuldigung, sagte Klara.

Warum entschuldigst du dich dauernd? fragte Sebastian. Wir wissen doch gar nicht, ob du einen Fehler gemacht hast. Lass uns lieber alles besprechen. Gibt es eine Tasse Tee für müde Gäste? Ich bin gerade 143 Kilometer am Steuer gesessen.

Oh, entschuldigung! sagte Klara und hetzte herum.

Sebastian verdrehte die Augen; Klara bemerkte das und lächelte. Ich sah, dass Sebastian inzwischen längst einverstanden war ich seufzte.

Wir tranken Tee, Sebastian knabberte das dritte selbstgebackene Plätzchen und ich wusste, Johannes kann das bestimmt nicht selbst. Da kam er aus dem Laden zurück.

Er räumte die Einkäufe auf den Tisch, sah aber bedrückt aus. Doch ich erkannte einen festen Glanz in seinen Augen, etwas ganz Männliches mir kam der Gedanke, dass ich nun keine Ratschläge mehr geben durfte. Er war erwachsen.

Also, ihr wollt heiraten? fragte Sebastian, sobald wir saßen.

Ja, und das steht fest! Johannes blieb hart.

Gut, aber was ist der Grund für die Eile? Erwartet ihr noch ein Kind?

Nein, auf keinen Fall! rief Klara, ganz rot im Gesicht.

Mir kam ein verrückter Gedanke: Vielleicht haben Klara und mein Sohn noch gar keine Beziehung, aus der Kinder entstehen könnten. Aber…

Also, warum drängt es euch mit der Hochzeit?

Sonst wird Max ins Heim gebracht, sagte Klara, mit gesenktem Blick.

Wieso sollte das passiert? fragte Sebastian streng.

Weil seine Mutter verstorben ist, flüsterte Klara leise, ihre Lippen zitterten.

Klara, du musst nichts erzählen! unterbrach Johannes. Mama, Papa, ich bitte euch, nehmt nur das an, was ich euch am Telefon gesagt habe. Alles Weitere betrifft uns beide.

Johannes, warte, stoppte Klara ihn. Wenn wir zusammen sind, sind deine Eltern auch meine Familie. Ich will vor ihnen nichts verbergen, das wäre falsch.

Klara schwieg und wir sahen uns an.

Klara, ist Max nicht dein Sohn? wagte ich zu fragen.

Nein! Max ist mein kleiner Bruder, von meiner Mutter, die Väter sind verschieden.

In diesem Moment hätte ich alle umarmen können! Ich hielt mich aber zurück. Klara fuhr fort:

Meine Mutter verstarb im Gefängnis, sie litt an einem Herzfehler. Es heißt, sie hat mit der Diagnose lang gelebt. Das Leben war schwer für sie. Sie hatte einen explosiven Charakter, glaube ich.

Klara trank einen Schluck Tee, atmete schwer. Die Worte kamen ihr nur mühsam über die Lippen. Johannes wollte sie mehrfach stoppen, auch Sebastian und ich, aber sie sprach weiter.

Das erste Mal kam Mama ins Gefängnis, als sie nach einem Krach mit meinem Vater auf dem Zebrastreifen eine ältere Frau angefahren hat. Unsere Lokalzeitung schrieb sogar darüber.

Während Mama einsaß, nahm Vater mich zu sich, wir lebten allein. Noch bevor Mama freikam, heiratete Vater neu. Ich nehme ihm das nicht übel. Bei Mama war das Leben schwierig. Seine neue Frau, Elisabeth, ist herzensgut und wir verstehen uns wunderbar. Vielleicht geht es mir heute nur deshalb gut. Sie und Papa haben mich großgezogen, sie sind meine Familie.

Klara schwieg wieder. Ich sah, wie sie und Johannes sich unter dem Tisch an den Händen fassten. Mir war klar: Das Schwerste in ihrer Geschichte kam erst.

Drei Jahre lang war Mama verliebt, kopflos, in Dennis, zehn Jahre jünger als sie. Dann wurde Max geboren. Ich war stolz auf meinen kleinen Bruder, oft zu Besuch. Ich habe nie Krach erlebt, aber die Nachbarn sagten vorm Gericht, es sei anders gewesen.

Eines Tages, wie ich später erfuhr, gerieten Mama und Dennis in einen heftigen Streit. Sie war wohl eifersüchtig. Im Streit stieß Mama ihn. Dennis stolperte und schlug mit dem Kopf auf die Ecke vom Couchtisch. Zwei Tage später starb Dennis im Krankenhaus, Mama wurde verhaftet.

Klara zog die Luft ein und sprach hastig weiter:

Mama starb noch in der Untersuchungshaft, vor der Gerichtsverhandlung. Ihr Herz blieb einfach stehen. Bitte, urteilen Sie nicht zu streng über meine Mama! Sie war wie ein Kolibri auffällig, unruhig, unbändig. Aber ich liebte sie von ganzem Herzen.

Jetzt entschuldige du uns, Klara, sagte Sebastian, als sie geendet hatte. Dafür, dass du alles erzählen musstest. Aber du machst uns zurecht klar: Wir sind jetzt Familie und stehen zusammen.

Peinlich zuzugeben, doch ich wollte in dem Moment schreien: Was machst du da, Johannes! Sohn, besinn dich! Solche Verwandten brauchen wir nicht! Solche Leute gab es bei uns nie!

Doch ich stoppte mich, denn vor Augen stand das Bild, wie ich als Braut dasaß, Mutter weinte und flehte, mich nicht mit Sebastian zu vermählen.

Ich ohrfeigte mich in Gedanken: Marie, bewerte nie jemanden nach seinen Eltern! Du solltest das besser wissen!”

Dieses Selbstgespräch brachte das Wunder: Mir kam eine verrückte, aber geniale Idee. Ich blickte Sebastian an, sah sein Lächeln. Er hatte dasselbe gedacht, war also einverstanden!

Sebastian nickte mir zu und sagte:

Wie wäre es damit: Wir übernehmen die Vormundschaft für Max, ihr wartet mit der Heirat und schließt euer Studium ab?

Wie soll das gehen? fragte Klara.

Papa, hör auf! protestierte Johannes.

Max hätte es gut im Dorf weißt du selbst, wie deine Kindheit war. Und wenn ihr möchtet, könnt ihr ihn später zu euch nehmen.

Uns ist mit dir doch langweilig geworden, Johannes. Wir kümmern uns gerne um Max.

Deine Schwester ist sowieso mehr an Jungs interessiert als an den Eltern.

Klara, ich blickte ihr ernsthaft in die Augen , die Entscheidung liegt allein bei dir.

Aber wie kann ich euch so eine Bürde aufladen? Sogar mein Vater mit Elisabeth wollte ihn nicht aufnehmen.

In diesem Moment wachte der Grund für die ganze Diskussion auf, kletterte vom Sofa, tappte in die Küche und streckte seine Händchen aus direkt zu Sebastian.

Ach, so eine schwere Last! rief Sebastian lachend und hob Max auf den Arm.

Sebastian, du tauchst mehr als Vater als als Opa auf, scherzte ich.

Warts ab! schüttelte er die Faust und beugte sich an mein Ohr, ich zeige dir heute Nacht, was ein Opa ist.

Die jungen Leute zierten sich noch, akzeptierten dann doch unseren Vorschlag, Max zu uns zu holen. Die Überschreibung der Vormundschaft ging erstaunlich glatt.

Die Sachbearbeiterin meinte, es sei inzwischen üblich, dass Paare unseres Alters kleine Kinder aufnehmen eigene Kinder längst erwachsen, aber noch genug Liebe und Energie für neue Aufgaben. Wir haben uns tatsächlich jünger gefühlt mit Max und ich habe in den Nächten, wenn ich nach ihm sah, manchen Freudentränen geweint.

Nur meine Mutter schimpfte, wie eh und je: Schimpfte und schimpfte, aber liebte Max mehr als alle anderen. Und er liebte sie zurück.

Marie! Was macht ihr bloß? rief meine Mutter, und dann hechelte sie Max an: Wer macht denn hier schon wieder die Äuglein zu, wer will schlafen?

Und gleich darauf wieder:

Was denkt ihr euch eigentlich, Marie? Wer hat denn hier die kleinen Finger so schmutzig gemacht? Ich weiß nicht, wie das weitergeht. Wo ist mein Max jetzt wieder hin?

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Wie soll ich euch denn eine solche Last aufbürden? Nicht einmal mein Vater und Tatjana wollten ihn zu sich nehmen – Marina, meine Tochter, komm doch zur Vernunft! Mit wem willst du denn nur heiraten?! – klagte meine Mutter, während sie meinen Schleier zurechtzupfte. Erklär mir doch wenigstens, was an Sergej dich stört! – war ich ganz ratlos über ihre Tränen. Wieso? Seine Mutter arbeitet im Supermarkt, schnappt alle an, der Vater ist völlig verschollen und hat sein Leben früher nur mit Saufen und Feiern verbracht. Unser Opa hat auch getrunken und Oma durchs Dorf gescheucht – na und? Dein Opa war geachteter Mann im Ort, war Vorstand. Oma hatte deshalb aber trotzdem ein schweres Leben. Ich war klein und weiß noch, wie sehr sie sich vor ihm fürchtete. Mit Sergej, Mama, wird alles gut. Man soll Menschen nicht nach ihren Eltern beurteilen. Warte ab, bis ihr Kinder habt! Dann verstehst du! – warf meine Mutter leidenschaftlich ein, und ich seufzte nur. Es ist schwer zu leben, wenn Mama ihre Meinung über Sergej nicht ändert. Und doch feierten wir mit Sergej eine fröhliche Hochzeit und wurden eine eigene Familie. Zum Glück hatte Sergej ein Haus im Dorf geerbt von seinen Großeltern, den Eltern jenes verschollenen Vaters und Taugenichts. Sergej baute das Haus nach und nach um und bald war es ein richtiges modernes Heim mit allem Komfort – leben und sich freuen! So ein toller Mann, und warum hat Mama ihn damals nur schlechtgeredet? Ein Jahr nach der Hochzeit kam unser Sohn, Johannes, zur Welt, vier Jahre später unsere Tochter Marie. Aber immer sobald die Kinder krank wurden oder irgendwas angestellt hatten, war meine Mutter zur Stelle mit: „Ich hab’s dir doch gesagt!“ Und immer wieder: „Kleine Kinder – kleine Sorgen! Wart’s ab, wenn sie groß werden mit solchen Vorfahren…“ Ich versuchte meist, ihre Anmerkungen zu ignorieren, sie meckerte inzwischen nur aus Gewohnheit. Schließlich habe ich gegen ihren Willen geheiratet – ohne Segen der Eltern. So ist meine Mutter eben, sie mag, wenn alles nach ihren Vorstellungen läuft. Mittlerweile hat sie sich mit meiner Wahl abgefunden und im tiefsten Herzen – ganz tief – stimmt sie längst zu, dass mein Sergej Gold wert ist. Laut würde sie das aber nie sagen. Das hieße, einen Irrtum zugeben und das geht gar nicht! Auch meinte sie es bei den Enkelkindern meist nicht ernst, eher aus Sorge. In Wahrheit liebte sie sie heiß und innig. Hätte ihnen was gefehlt, würde sie zuerst vom Felsen in den Fluss springen und sich vor lauter Schuld die Haare raufen wegen all ihrer Sprüche. Trotzdem, manchmal hatte ich richtige Angst vor diesen angekündigten „großen Sorgen“. Erfahrung der Generationen lehrt, dass das Erwachsenwerden der Kinder unweigerlich mit Problemen einhergeht. Und die Kinder wuchsen und wuchsen. Schon ging unser Sohn Johannes nach dem Abitur ins Erwachsenenleben – an eine der angesehenen Unis unserer Region, nur 143 Kilometer entfernt. Für ein Mutterherz sind das 143 Lichtjahre – wie von der Erde zum Merkur! Einfach weit weg! Die ersten vier Nächte schlief ich gar nicht, dachte immer an meinen Sohn: Wird er gekränkt? Hat er was Ordentliches gegessen? Verdirbt ihn die große Stadt, Johannes ist doch so ein feiner Junge… Zuerst zog Johannes ins Wohnheim, ein Zimmer extra für Jungs vom Land. Aber ich hielt das nicht aus und überredete Sergej, unserer Sohn soll eine Wohnung bekommen. Johannes wollte dafür sogar mitverdienen, im Internet irgendwas, der ist schließlich ein heller Kopf! Jede Woche fuhr ich in die Stadt, um Johannes zu besuchen, helfen, putzen, kochen… Obwohl alles ordentlich war bei ihm. Daheim hatte er nie Ordnung, sondern liebte das klassische Chaos. Und trotzdem war immer frisch gekocht: Dampfkoteletts und Schmorbraten im Tontopf – sag ich doch, ein Genie! Meine wöchentlichen Ausflüge begannen aber Sergej zu nerven. Marina! Lass Johannes endlich los, du klammerst ihn fest an dich! Er kann ja gar nicht frei leben und für mich hast du auch kaum Zeit! Sonst gehe ich zu Larisas Postbotin, die begrüßt wenigstens jeden – du wirst schon sehen! Er hat nur gescherzt – aber Angst machte es doch. Ohne meinen Mann? Und Recht hatte er, es war an der Zeit, Johannes loszulassen. Erst benahm ich mich weiter wie eine Glucke, lernte aber langsam, den Sohn ziehen zu lassen. Ich gab ihm die Freiheit – doch vergebens, wie sich zeigte. Eines Tages kam ein Anruf vom Dekanat: Mein Sohn schwänzt, droht gar exmatrikuliert zu werden! Was? Mein Johannes? Unmöglich! Ich schmiss alles hin und raste in die Stadt, da konnte Sergej mich nicht bremsen. Johannes war überrascht und – er hatte die Ursache seiner Fehlzeiten nicht versteckt. Der Grund: ein Mädchen namens Anna. Hübsch, wie ein Engel – und in der Wohnung war auch noch ein Kind! Einjähriger Junge, genaugenommen. Ich ahnte sofort: Das Mädchen mit Baby will meinen Sohn einwickeln und zur Hochzeit drängen. Ich bin eine moderne Mutter, weiß: Solche Dinge kommen vor. Aber Johannes ist viel zu jung für Ehe und Stiefkind! Anna wirkt höchstens achtzehn – wann hat sie das Kind bekommen? Innerlich tobte ein Sturm, aber ich riss mich zusammen. Grüsste Anna nur und ging mit Johannes in die Küche zum ernsten Gespräch. Johannes, bist du denn richtig verliebt? – grinste ich krampfhaft. Sehr, Mama, – lachte er zurück. Was wird nun aus dem Studium? – fragte ich vorsichtig. Ich weiß, Mama, ich hab das vernachlässigt. Aber keine Sorge, das wird wieder. Was ist denn los, möchtest du erzählen? Kann ich nicht, Mama. Ist nicht mein Geheimnis. Vielleicht, wenn ihr Anna besser kennt. Ich wusste nicht, was tun, um ihn nicht gegen mich aufzubringen. Also fuhr ich erst mal nach Hause. Das ist alles deine Schuld! – brüllte ich Sergej an, – Freiheit wolltest du für ihn, schau nur, was daraus wurde! Was tun wir jetzt? Was ist denn passiert? – fragte der unerschütterliche Optimist. – Was stört dich am fertigen Kind? Wenn Johannes ihn liebt, ist er nicht fremd. Willst du Opa werden für ein fremdes Kind? Warum nicht?! Ich wusste immer, irgendwann bin ich Opa. Aber doch nicht für Fremde! Marina! Ist das wirklich noch meine Frau? Ein Kind ist nie fremd! Denk mal drüber nach. Er schlief im Gästeraum, ich lief die halbe Nacht durchs leere Schlafzimmer, schimpfte auf alles und jeden – auf Anna, auf Sohn, auf meinen Mann, dass er sich gegen mich stellte. Irgendwann beruhigte ich mich und begriff – Sergej hat, wie immer, recht. Das Kind kann nichts für die Umstände. Anna sicher auch nicht. Bis zum Morgen hatte ich mich ausgelaugt, schlich mich zum Mann ins Wohnzimmer. Sergej, verzeih mir! Ich liebe euch alle einfach zu sehr. Komm her, du verrückte Frau! – hob er die Decke, und ich kuschelte mich zu ihm. So schliefen wir ein, auf den Lippen das erste Glückslächeln. Na dann – werde ich eben Oma! Was ist schon dabei? Der Junge, Michail hieß er, war ein Sonnenschein. Aber es wurde ganz anders, als ich glaubte. Johannes informierte uns bald: Er geht aufs Abendstudium und will Anna heiraten. Diesmal reagierte ich nicht sofort, sondern schluckte erst alles – dann fuhren wir gemeinsam zum Besuch in die Stadt. Sergej, wusste ich, hilft uns, keinen Fehler zu machen. Denn das Bedürfnis, Fehler zu machen, war so groß, damit hätten wir den ganzen Winter heizen können! Im Flur empfing uns Anna, wischte sich eine Träne ab: Tut mir leid! Ich will das alles nicht, aber Johannes ist eigensinnig. Das wissen Sie sicher. Eigensinnig ist milde ausgedrückt, – grinste Sergej, zog die Schuhe aus, – aber er ist auch nicht dumm. Wenn er so entscheidet, hat das seinen Grund. Beruhig dich, Anna, wir reden einfach mal. Wir gingen in die Küche. Johannes war nicht da. Johannes ist Milch holen, kommt gleich, – sagte Anna. Wieso entschuldigst du dich dauernd? – fragte Sergej. – Wir wissen noch gar nicht, ob du schuld bist. Schenkst du müden Gästen Tee? Bin grad 143 Kilometer gefahren. Oh, Entschuldigung, – Anna wuselte herum. Sergej verdrehte die Augen, Anna lächelte. Da bemerkte ich: Sergej hat Annas Wahl längst akzeptiert. Der Tee duftete, Sergej knabberte am dritten selbstgebackenen Keks – sehr selten für junge Frauen; ich weiß, Johannes kann so was nicht, und als der Sohn zurück kam, hatte ich das Gefühl, ich dürfte eigentlich nichts mehr bestimmen über diesen erwachsenen Mann. Ihr wollt also heiraten? – fragte Sergej. Ja, und es gibt darüber keine Diskussion, – sagte Johannes fest. Gut. Habt ihr einen Grund für die Eile? Erwarte ihr ein weiteres Kind? Nein, niemals! – Anna schüttelte den Kopf, wurde rot. Mir kam ein verrückter Gedanke, vielleicht sind Johannes’ Beziehung zu ihr noch gar nicht so weit… Unmöglich, aber… Weshalb denn dann so hastig? Sonst kommt Michail ins Heim, – flüsterte Anna und senkte den Blick. Warum sollte man das Kind wegnehmen? – fragte Sergej streng. Weil seine Mutter verstorben ist, – Anna zitterte. Anna, du musst das nicht erzählen! – Johannes sprang auf. – Mama, Papa, bleibt bitte bei dem, was ich am Telefon gesagt habe. Der Rest geht nur uns an! Johannes, warte mal, – unterbrach Anna. – Jetzt sind wir zusammen, dann sind eure Eltern auch meine Familie. Ich will ehrlich sein, das ist wichtig. Anna schwieg, wir sahen uns an. Anna, ist Michail denn nicht dein Sohn? – fragte ich beherzt. Nein, wirklich nicht. Michail ist mein kleiner Bruder – mütterlicherseits, wir haben verschiedene Väter. Jetzt wollte ich die ganze Welt umarmen! Aber ich ließ mir nichts anmerken. Anna erzählte weiter: Meine Mutter ist im Gefängnis gestorben, sie hatte einen schweren Herzfehler, lebte trotzdem ziemlich lang. Das Leben meiner Mutter war nicht einfach, sie war impulsiv – wie ich glaube. Anna trank etwas Tee, seufzte schwer. Ihre Worte fielen ihr sichtbar schwer, doch sie redete weiter. Erstmal kam Mama ins Gefängnis nach einem Streit mit meinem Vater, da hat sie eine alte Frau auf dem Zebrastreifen angefahren. Da stand sogar in der Zeitung. Als Mama verurteilt wurde, nahm mich mein Vater, wir lebten getrennt. Noch bevor Mama wieder rauskam, heiratete Papa neu. Ich nehme es ihm nicht übel: Mama war schwierig, er konnte nicht mehr. Seine neue Frau, Tatjana, ist ganz lieb, unser Verhältnis ist gut. Vielleicht habe ich gerade wegen Papas Entscheidung ein angenehmes Leben gehabt, sie beide sind meine Familie. Wieder Pause, unter dem Tisch ergriff Anna Johannes’ Hand, und mir wurde klar: Das Schlimmste ihrer Geschichte kam erst noch. Vor drei Jahren verliebte sich meine Mutter, total Hals über Kopf. Denis war zehn Jahre jünger, dann kam Michail. Ich freute mich über den Bruder und war oft zu Besuch. Bei mir gab es keine Streitereien, später im Prozess sagten die Nachbarn, sie hätten oft Krach und Geschirrklirren gehört. Eines Tages, so hörte ich, stritten Mama und Denis heftig. Sie war eifersüchtig. Im Affekt stieß sie Denis, er stolperte übers Plaid, schlug mit dem Kopf auf die Tischkante. Zwei Tage später starb Denis im Krankenhaus, Mama wurde verhaftet. Anna holte Luft, wollte fertig werden: Mama starb noch in U-Haft, kam nie vor Gericht. Ihr Herz hörte einfach auf. Bitte urteilen Sie nicht zu hart – sie war wie ein Kolibri, bunt, wild und ungezähmt. Aber ich habe sie sehr geliebt. Jetzt musst du uns verzeihen, Anna, – sagte Sergej. – Dass du uns das alles erzählen musstest. Aber du hast recht, wir sind jetzt Familie und müssen zusammenhalten. Ich muss zugeben, ich wollte in dem Moment schreien: „Was tust du, mein Sohn! Johannes, überleg doch! Solche Verwandtschaft brauchen wir nicht! Bei uns gab es nie Kriminelle!“ Doch ich stoppte mich, sah mich selbst im Brautkleid und Mama, wie sie mich vom Sergej abhalten wollte. Ich gab mir innerlich eine Ohrfeige: „Urteile nie über Menschen wegen ihrer Herkunft! Gerade du solltest das wissen!“ Dieser innere Schlag bewirkte ein Wunder: Mir kam eine verrückte, aber geniale Idee. Ich blickte zu Sergej, sah sein freundliches Lächeln – er hat’s verstanden, er ist dabei! Zur Bestätigung nickte Sergej und sagte: Wie wäre folgender Vorschlag: Marina und ich übernehmen die Vormundschaft für Michail. Ihr wartet noch mit Hochzeit und macht erst das Studium fertig. Was? – Anna verstand nicht. Papa, hör auf! – protestierte Johannes. Michail wird sich bei uns wohlfühlen, du weißt, wie deine Kindheit war. Und wenn ihr wollt, könnt ihr ihn später zu euch nehmen. Uns ist langweilig ohne dich, Johannes. Wir kümmern uns gern um Michail. Deine Schwester interessiert sich jetzt eh mehr für Jungs als für die Eltern. Anna, – schaute ich ihr in die Augen, – das entscheidest du allein! Wie kann ich euch so eine Last aufbürden? Nicht einmal mein Vater und Tatjana wollten ihn aufnehmen. Da merkte keiner, dass Michail schon wach war. Er stieg vom Sofa, tappste in die Küche und streckte die Arme – nicht etwa zu mir, sondern zu Sergej. Oh, was für eine schwere Last, – rief Sergej spaßig und hob Michail hoch. Sergej, du schaffst es, bist doch eher Vater als Opa, – lachte ich. Warte ab, – frotzelte er, – nachts zeig ich dir den Opa. Die Kinder schimpften kurz, stimmten aber zu, dass Michail zu uns kommt. Die Vormundschaft lief problemlos. Die Sachbearbeiterin sagte, es ist inzwischen oft so, dass Familien unseres Alters kleine Kinder aufnehmen. Die eigenen sind groß, aber die Liebe bleibt und will raus – bei uns gab’s davon mehr als genug! Wir wurden richtig jung durch Michail. Nachts, wenn ich zu ihm ging, vergoss ich vor Freude so manche Träne – mein unerwartetes Glück! Nur meine Mutter meckerte wie immer über unseren Entschluss. Sie schimpfte und schimpfte, aber liebte Michail am meisten – und er sie. Ach, Marina, was macht ihr denn nur! – klagte Mama, und gleich darauf zu Michail: Wer knipst uns hier die Äuglein zu, wer will schlafen?! Und dann wieder: Woran denkt ihr bloß? Marina! Wer hat denn jetzt seine kleinen Fingerchen schmutzig gemacht?! Ach, ich weiß wirklich nicht, was nun wird! Wo ist nur mein Michail, wo hat er sich versteckt?!
Ich habe dir geraten, nach dem dritten Kind Schluss zu machen. Ich habe dir sogar spezielle Tabletten gekauft – in der Hoffnung, dass du zweimal über deine Entscheidung nachdenkst. Doch offenbar waren all meine Mühen vergeblich. – Wie viele Kinder willst du eigentlich noch bekommen? fragte meine Schwiegermutter sarkastisch. – Lass uns doch bitte den Sarkasmus sein lassen. Bist du so verärgert, weil Peter dir von meiner Schwangerschaft erzählt hat? entgegnet Monica ruhig. – Natürlich bin ich das! Ich habe dir gesagt, beim dritten Kind sollte Schluss sein. Sogar Tabletten habe ich dir gekauft, damit du das überdenkst. Doch anscheinend war mein Einsatz umsonst, beschwert sich meine Schwiegermutter. – Wir kennen deine Einstellung, aber wir wollen nicht gegen die Natur handeln, antwortet Monika. – Wollt ihr mich auf den Arm nehmen? Dann könnt ihr künftig nicht mehr mit meiner Unterstützung rechnen! ruft Maria. Monika will gerade etwas erwidern, als plötzlich das Telefon klingelt. Maria hat ihre Kinder nie wirklich unterstützt. Sie besucht ihre Enkel selten, verbringt keine Zeit mit ihnen und bringt nur zu Geburtstagen kleine Geschenke oder Süßigkeiten mit. Finanziell sind Monica und Peter vollkommen unabhängig. Als Monica zum dritten Mal schwanger wurde, bestand die Schwiegermutter sogar auf einer Abtreibung – doch das Paar lehnte ab, und schließlich verliebte sich Maria in ihre Enkelin. Und dann wurde Monica wieder schwanger! Sie bemühte sich, die angespannte Beziehung zur Schwiegermutter vor ihrem Mann zu verbergen, solange sie und die Kinder sich wohl fühlten. Peter hat einen gut bezahlten Job, Monica arbeitet in Teilzeit von zu Hause aus. Als ihr kleines Geschäft zu wachsen begann, stellte sie sogar eine Assistentin für die Kinderbetreuung ein. Eigentlich läuft alles wunderbar – wäre da nicht Marias zerstörerische Einstellung. Von Anfang an mochte sie ihre Schwiegertochter nicht und hoffte sogar, ihr Sohn würde sich von Monica trennen. Doch ihre Hoffnungen erfüllten sich nie. Dann kamen die Kinder, eines nach dem anderen. Laut Monica lehnt ihre Schwiegermutter ein viertes Enkelkind vor allem deshalb ab, weil sie fürchtet, dass Peters Geld künftig hauptsächlich für die Familie und nicht mehr für die Unterstützung seiner Mutter verwendet wird. Maria war daran gewöhnt, ein komfortables Leben zu führen – ihr Sohn bezahlte die Zahnarztbesuche, schickte sie ins Spa und renovierte ihr Haus. Nun drohen all diese Extras zu entfallen: Kein finanzieller Rückhalt mehr. Bei dem Gedanken, künftig auf etwas verzichten zu müssen, ist Maria verständlicherweise aufgebracht. Monica versucht, Marias ständige Negativität zu ignorieren, doch es bleibt nicht ohne Einfluss auf ihr eigenes Wohlbefinden. Dennoch – es ist unwahrscheinlich, dass Maria die Entscheidung von Sohn und Schwiegertochter beeinflussen kann. Sie bekommen ihr viertes Kind! Wie geht man mit einer Mutter um, die sich so unverhohlen in das Leben ihrer erwachsenen Kinder einmischt?