Zu Besuch bei Oma

Besuch bei Oma

So eine Wendung hätte Katharina selbst nicht erwartet.

Die Mädchen sind davongelaufen, während sie gemeinsam mit Klara zum nahegelegenen Supermarkt gehen zum Glück hat er noch geöffnet. Dann fangen sie an zu kochen: Kartoffeln, Hähnchen, Kartoffelsalat Oma Helga hilft hier und da, aber meist gibt sie nur kluge Tipps.

Katharina, wirf doch ‘ne ganze Zwiebel zu den Kartoffeln in den Topf, das gibt mehr Geschmack! Und das Hähnchen übergießt du, dann wirds schön knusprig.

Oma liebt es, am Herd zu stehen.

Minka, das Kätzchen, beißt ständig in die Fersen eine richtige Plage. Es bringt aber nichts mehr, sie wegzusperren sie hat längst gelernt, geschickt aus der Kiste zu entkommen. Und irgendwie will es auch niemand. Diese schnurrende, flauschige kleine Fellkugel, selbst wenn sie mit ihren winzigen Zähnchen zwickt, schenkt ein Gefühl von Wärme und Zärtlichkeit, das alle Herzen weich macht.

Katharina und Klara heben Minka dauernd nacheinander vom Boden hoch und küssen sie auf die Nase.

Ihr solltet lieber kochen statt die Katze zu bezirzen! meckert Oma, doch man merkt, wie glücklich sie ist, dass Gäste im Haus sind und Minka sie so erfreut. Sie ist müde, will sich aber nicht zur Ruhe legen.

Ach, ausruhen kann ich später noch. Schade nur, dass ich keinen Tannenbaum besorgt hab hätte ich wissen müssen Weißt du noch, früher, Katharina? Opa hat die Tanne gebracht und ihr habt sie geschmückt.

Macht nichts, Oma. Wir feiern auch ohne Baum schön. Später schauen wir mal zu den Müllers rüber.

Doch gegen halb sechs knallt die Haustür im Flur. Stimmengewirr, Trubel die Tür zur Stube fliegt auf und vorneweg erscheint ein Tannenstamm. Mit dem Baum dringt der Geruch nach Wald und frischem Harz ins Haus das riecht einfach nach Weihnachten.

Guten Abend! Frohes neues Jahr schon mal! Musste zweimal laufen, ruft der Gast und lächelt müde.

Es ist derselbe ‘Waldarbeiter’ aus dem Bus, in seinem rostbraunen Lammfellmantel und der Pelzmütze.

Ist der Baum für uns?

Hinter ihm spähen die Gesichter der Mädchen Svenja, Dörte.

Svenja hat erzählt, dass ihr Silvester hier bleibt. Und was ist schon Silvester ohne Tanne? Ist für euch.

Katharina ist etwas verlegen ihretwegen ist jemand in den Wald gegangen.

Ist das denn überhaupt erlaubt?, fragt sie vorsichtig.

Man muss die richtigen Plätze kennen.

Er hat aber ein schönes Lächeln, denkt Katharina.

Stellst du uns die Tanne auf, Fritz? Ein Eimer müsste im Schuppen sein, sagt Oma gelassen, Nur Sand fehlt

Doch siehe da er hat auch Sand mitgebracht. Er zieht sich aus, sieht jetzt aus wie ein echter Skandinavier Wollpulli mit Norwegermuster, Stepphose, selbstgestrickte Wollsocken. Es würde nur noch der Bart fehlen. Frisch rasiert, die Haare kurz geschnitten. Irgendwie kennt sie ihn von früher.

Kommt doch nachher auch auf den Marktplatz! Da wird gefeiert am Bürgerhaus! Disko, aber für die Älteren gibts Blasmusik.

Und du? In welcher Gruppe tanzt du denn? Bei der Disko oder bei der Blasmusik? neckt Katharina.

Ich? Früher immer Disko. Aber neulich war ich plötzlich bei der Blasmusik. Verrückt, hm? Ich werd wohl alt. Wohin soll der Baum?

Katharina räumt schon die Ecke frei.

Katharina, die Leiter steht noch draußen im Schuppen.

Wirklich, Oma?, greift sie sich ans Herz, Sind die alten Kugeln noch da?

Natürlich, die liegen noch auf dem Dachboden.

Das ist ein kleines Wunder! Richtiges Weihnachtswunder.

Fritz bringt die Leiter, aber raufklettern lässt Katharina ihn nicht das macht sie selbst. Sie findet die Kiste auf Anhieb, trägt sie vorsichtig nach unten. Die Augen der Mädchen glänzen voller Erwartung, wie damals in ihrer eigenen Kindheit. An Silvester werden selbst die Erwachsenen wieder zu Kindern und erst die Jugendlichen!

Ganz vorsichtig das ist hauchdünnes Glas. Wer was zerbricht, bekommt keine Schokolade!

Die eigensinnigste beim Schmücken ist jedoch Minka. Zuerst schnuppert sie neugierig am Baum, springt prompt in den Eimer mit Sand und will dort ihr Geschäft machen gerade noch rechtzeitig wird sie herausgezogen. Dann hüpft sie hoch, weil urplötzlich die uralte Lichterkette aufleuchtet, über die sie tapst. Die Lichterkette hat schon vierzig Jahre auf dem Buckel.

Generell ist es ein Abenteuer, den Baum zu schmücken, wenn ein Kätzchen hilft: Kiste auf, Kugel raus, Katze rausheben, Kiste wieder zu. Minka taucht immer wieder wie durch Zauberhand in der Kiste auf, aber nichts kann sie kaputt machen, sie ist zu zart. Eher gehen die Kugeln dabei zu Bruch.

Die alten Anhänger, einige schon abgeblättert, schwer und bunt, verzaubern die Mädchen: ein Maiskolben, ein Flugzeug, Eieruhren, der Mond, Perlenketten, ein Fliegenpilz.

Wer ist das? Hieß der… Pfadfinder? fragt Svenja.

Pionier!, rufen Katharina und Fritz im Chor.

Herr Onkel Fritz, warst du auch so ein Pionier? Svenja hält die Figur hoch.

Na klar! Jetzt gehöre ich wohl endgültig zum Blasmusik-Team, lacht er.

Katharina blickt zum Baum und denkt, wie sehr dieser Baum an ihre Kindheit erinnert. Wie schön, dass sie geblieben sind. Das ist echtes Glück.

Bald gehen alle zurück zu ihren Familien. Silvester feiern sie dann zu dritt Oma, Katharina und Klara, ganz bescheiden, aber herzerwärmend. Oma meint, seit fünf Jahren hat sie an Silvester nicht mehr am Tisch mit Sektflöten gesessen.

Klara, magst du erzählen, was los gewesen ist? Wenn du willst

Ach Mama, alles gut. Ich musste nur was beweisen. Der ist jetzt mit Lena zusammen.

Martin? Tuts dir leid?

Nein, gar nicht mehr. Sicher, war blöd. Aber die Mädchen haben mich aufgefangen. Es war ja eh nix Ernstes warum also Zeit verschwenden?

Und die Liebe?

Liebe muss von beiden Seiten kommen. Sonst ist es Leiden. Und ich will nicht diejenige sein, die leidet, Mama!

Kindermund tut Wahrheit kund…

Aber nein, ihre Tochter ist kein Baby mehr. Und auch Katharina weiß, dass es mit Alexander keine Zukunft gibt, und genug gelitten hat sie. Kein Neujahrsgruß von ihm, doch das wundert sie nicht. Er arbeitet immer, für ihn ist es nie ein Fest.

Überrascht ist sie eher, dass sie selbst ihm nicht geschrieben hat und es auch nicht vermisst. Sie weiß genau, was dann passiert wäre: im Hintergrund Musik, er abgelenkt, keine Zeit für sie.

Kurz nach Mitternacht stürmen die Mädchen ins Haus und rufen zum Marktplatz. Beide tragen Filzstiefel. Klara hat Omas alte Stiefel ebenfalls angezogen.

Oma, wer ist eigentlich dieser Fritz?, fragt Katharina, als sie allein mit ihrer Oma in der Küche steht.

Fritz? Das ist der Enkel von Frau Schulze. Erinnerst du dich an sie?

Nicht wirklich. Aber an ihn glaube ich… Ich weiß jetzt wieder, der mit den Äpfeln damals?

Genau. Ich hab ihn damals mit der Haselrute erwischt. War ein Lausbube. Und Schulze war froh drum. Keiner konnte mit ihm umgehen.

Kleiner Dieb?

Ach was Wer hat denn nicht Äpfel geklaut als Kind? Aber jetzt schau ihn dir an.

Jetzt? Was denn?

Ein richtiger Ordnungsmann bei der Polizei oder beim Bund, oder so was. Ich steig durch das alles gar nicht mehr durch. Er ist ein Guter, hilfsbereit aber heiraten will er nicht. Sucht noch immer.

Oma legt sich schlafen der Tag war anstrengend. Auch Katharina macht sich auf den Weg durch den Schnee, stolpert über die schmale Spur auf den Marktplatz. Im vorigen Jahr brannte jemand in der Silvesternacht das Heu auf dem örtlichen Hof an hier ist jedes Jahr was los. Deshalb bleibt sie lieber in der Nähe ihrer Tochter.

Vor dem Bürgerhaus wird ausgelassen gefeiert. Der Weihnachtsmann und sein Engel sind da, auch eine Hexe. Klara tanzt mit den Freundinnen und filmt alles fürs Handy. Katharina bleibt abseits, sie will nicht stören. Trunken sind nicht viele zumindest nicht zu sehr. Kinder tollen herum, überall Erwachsene; das halbe Dorf hält Hof. Die Leiterin des Kulturhauses moderiert, zwei Ansager animieren zu Spielen und Tanz.

Eigentlich könnte sich so manches Fest in der Stadt davon eine Scheibe abschneiden. Wahrscheinlich ist das so, weil hier jeder jeden kennt. Viele umarmen sich zum Neujahr, stoßen an, laden sich zu Besuchen ein.

Und da sieht sie auch Fritz. Seine Figur hebt sich von der Menge ab zusammen mit einem Kollegen führt er einen wild gewordenen Jungen von der Feier weg. So läuft es wohl jedes Jahr.

Eine Viertelstunde später steht er plötzlich neben ihr.

Frohes neues Jahr! Amüsierst du dich?

Ich? Und wie! So ein außergewöhnliches Silvester hatte ich ewig nicht. Und Klara auch Sie vermisst das Internet gar nicht.

Hier im Dorf ist immer was los. Weißt du schon vom geklauten Traktor?

Traktor?

Ja, der Fahrer hat ihn vorm Haus stehen lassen, ein paar Besoffene fanden das lustig. Sind drauf los, sogar aufs Eis. Und ist es eingebrochen?

Na klar. Bei dem Winter! Aber sie sind glimpflich davongekommen und schnell wieder nüchtern.

Wahnsinn!

Ach, zu Silvester ist hier dreimal so viel Alkohol im Umlauf wie sonst.

Ich kann mich auch an dich erinnern. Früher, als du mit meinem Cousin Georg die Äpfel stiebitzt hast. Oma hat euch einzeln mit der Rute nach hinten geführt.

Fritz lacht: Ach, so schlimm wars auch nicht sie hat uns nur leicht geschimpft. Schulze war froh drum. Es war eine schöne Kindheit. Ich erinnere mich auch an dich: Immer mit den hübschen Locken und im gepunkteten Kleid.

Ich? Im Kleid?

Ja. Ich dachte immer, ich bin nur ein einfacher Dorfjunge mit zerrissenen Hosen, aber du, du schienst mir ganz fein und vornehm. Im Bus hab ich dich gleich erkannt, als du die Nase kraus gezogen hast. Ehrlich gesagt, ich hatte immer ein bisschen Schiss, dich zu berühren, als wärst du was ganz Besonderes. Und ehrlich, so gehts mir immer noch.

Katharina lacht, nimmt seinen Arm und schlägt einen Spaziergang vor.

Weißt du was? Lass uns ehrlich miteinander reden so, als wären wir Bruder und Schwester. Ich erzähle was von mir, und du was von dir, offen und ehrlich.

Die Zeit vergeht unbemerkt, sie reden und hören einander zu, ganz fasziniert. Die Mädchen gehen schon zurück nach Hause, sie schließen auf und setzen das Gespräch fort.

Mama, dürfen wir noch zu Dörte rüber gehen? ruft Svenja.

Svenja, ich hol dich dann ab, ruft Fritz.

Ach Quatsch, Onkel Fritz.

Doch, doch. Hab ich der Mutter versprochen.

Sie warten bei Oma Helga. Auch da geht das Gespräch ganz natürlich weiter. Warum eigentlich? Wahrscheinlich macht die Erinnerung an die Kindheit sie ein wenig vertraut.

Fritz gesteht schließlich, dass es bei ihm auch mal eine Liebe gab. Eine ältere Frau, schon verheiratet. Katharina merkt ihm den Schmerz an wahrscheinlich liebt er sie noch immer. Deshalb heiratet er wohl nicht.

Auch sie erzählt von der Scheidung, von ihren Problemen mit Alexander und von Schwierigkeiten mit Klara. Sie trinken Kaffee, starren hinaus in die silbrig verschneite Nacht. Schlaf will sich nicht einstellen.

Also bist du jetzt in München? Beide sind längst beim vertrauten Du.

Nicht direkt in einem Vorort seit Kurzem. Ich war vorher in Bayern, jetzt arbeite ich bei der Bundespolizei. Immer unterwegs. Kein richtiges Zuhause.

Aber alles noch vor dir!

Wann musst du eigentlich wieder arbeiten, Katharina?

Jetzt sind doch Ferien.

Dann lass uns morgen Skilaufen gehen.

Oh nein, nein! Wir haben ja gar keine Ausrüstung dabei. Wir wollten ja nur kurz bleiben.

Das kriegen wir hin.

Ich kann das nicht mehr, und Klara hats nie gelernt. Nein, danke.

***

Am Morgen bringt Fritz Skischuhe, Skistiefel und sogar die passenden Skier vorbei. Niemals zieht meine Tochter diese alten Hosen an, denkt sich Katharina, weil sie Klaras Geschmack kennt.

Klara ist begeistert aber nach den ersten Versuchen auf den Brettern ist der Enthusiasmus verflogen. Eine Stunde lang üben die Mädchen im Hof.

Katharina hat es leichter; in ihrer Schulzeit war Skilanglauf noch im Sportunterricht. Zwar fällt auch sie ein paar Mal, aber schnell findet sie den alten Rhythmus wieder. Schon bald gleitet sie stockeinsatzsicher durch den Garten, weicht elegant den Bäumen aus. Die Spur windet sich immer weiter in den Wald.

Fritz geht vorneweg. Er kommt immer wieder zurück, wenn jemand gefallen ist, und unterstützt. Er beherrscht die Skier wie ein Profi.

Mama, schau mal!, ruft Klara mit strahlenden Augen, als sie einen kleinen Hang hinuntersaust.

Schnee liegt wie ein Hut auf den Ästen, die Luft ist klar, alles glänzt. Eine kleine Nuss liegt am Rand der Spur, irgendwo flitzt ein Eichhörnchen davon.

Katharina genießt es. Sie nähern sich einer langen Abfahrt. Die frostigen Flocken zerplatzen auf der geröteten Haut.

Da ist der Hang. Die Spur senkt sich sanft abwärts.

Nein! Das ist verrückt! Klara, lass das bloß!

Aber die Stadt macht mutig. Klara fällt, steht wieder auf, gibt nicht auf. Katharina zögert.

Du wirst es lieben. Versuch es einfach, drängt Fritz.

Sie gehorcht. Kaum stößt Katharina sich ab, spürt sie das berauschende Gefühl von Fahrtwind fällt, lacht, probiert es gleich nochmal.

Sie ermüden schnell. Runter gehts einfach rauf ist anstrengender.

Die Mädchen aber sind kaum noch zu bremsen, filmen sich gegenseitig, tollen herum.

Komm, lass sie ruhig mal alleine fahren, meint Fritz.

Und wir?, fragt Katharina.

Ich zeig dir was.

Er führt sie an eine Klippe. Unten mäandert die verschneite Isar ins Tal.

Wahnsinn!, staunt sie.

Komm, ich erzähl dir, warum ich immer herkomme. Immer, wenn ich was anfangen will, was Neues. Hier muss man rufen laut, so laut es geht.

Rufen?

Genau So richtig aus vollem Herzen. Pass auf!

Er stellt sich breitbeinig hin, atmet tief und brüllt:

YIIIIPPIEEEE!!!

Von den Tannen rauscht Schnee, glitzert wie tausend kleine Sterne.

Ich kann das nicht.

Doch! Ich fahr ein Stück zurück, dann hast du Platz, und du rufst einfach.

Sie sieht ihm nach; dann blickt sie auf die weiß-glitzernde Flussschleife. Irgendwas in ihr will auch so frei sein, aus den inneren Zwängen ausbrechen.

Wie Klara. Auch sie war verkrampft, hat sich hier aber gelöst, ist ganz sie selbst geworden, ein fröhliches, offenes Mädchen nie wäre das in der Stadt passiert.

Katharina dreht sich breitbeinig zur Kante, atmet ein und ruft:

YIHAAAA!! YIHAAAA!!, ruft sie, voller Lebenslust, die Gefühle überwältigen sie.

Elstern flattern auf. Für einen Moment klingt es, als würde der Fluss selbst antworten. Sie lächelt, keck und fröhlich. Fritz steht da, stützt sich auf die Skistöcke und sieht sie ernst an.

Ja, sie mag ihn. Das weiß sie schon länger, doch jetzt spürt sies ganz offen. Und er mag sie auch, das ist klar.

Sie dreht sich zu ihm, rast auf Skiern zu ihm hinüber, er kommt ihr entgegen. Sie stoßen zusammen, purzeln im Schnee, lachen, küssen sich nicht aus Leidenschaft, sondern aus einem warmen, freundschaftlichen Gefühl, das verbindet und rein ist.

Zurück später, fahren sie Ski, Katharina direkt hinter Klara.

Mama, sieben Mal ohne zu stürzen Wahnsinn! Dörte hat ein Video, das schicken wir den anderen! So ein Silvester einfach der Hammer, und meine Filzstiefel Zeig ich allen!

Klara, weißt du, ich mag Fritz sehr gern.

Klara hält abrupt an.

Ui!, ruft Katharina, zieht ihre Skier auseinander, um nicht aufzufahren.

Klara schaut sie an, lässt eine Pause, dann lächelt sie breit.

Ich auch, Mama. Aber anders als du. Ich hab nix dagegen

Dagegen gegen was?

Gegen alles, was kommt. Weißt du, du bist noch voll cool. Mach ruhig was mit ihm, kichert sie und fährt weiter.

Das ist wohl das höchste Lob. Und ja sie sollte es wagen. Spätestens jetzt weiß sie, dass Fritz auch will. Und er wird niemals so windig sein wie Alexander, das spürt sie ganz sicher.

Sie haben da am Fluss auf das Vergangene verzichtet und treten gemeinsam ins Neue. Klara wird das bald begreifen, denkt Katharina.

Wenig später bringt sie Fritz zum Bus.

Warum wollt ihr nicht doch ein Taxi nehmen?, versucht er zu überreden.

Ist schon gut, Fritz, schau wir haben doch die Stiefel!

Ach, Schule ist so öde!, jammert Klara.

Dann bleib doch einfach daheim!, sagt Fritz.

Fritz!, sagt Katharina streng.

Was? Zwei Wochen mehr oder weniger macht doch keinen Unterschied. Holt schon mal die Unterlagen. Klara, du kommst eh bald auf eine neue Schule. In München. Das steht fest.

Fritz!, Katharina sucht nach den richtigen Worten für Klara, aber er ist schneller…

Echt? Wow! Ich bin dabei!

Wie machst du das?, staunt Katharina, Sie hört immer auf dich. Klara, ich wollte dir das noch erklären

Mama, kein Problem. Wir gehen, wohin du willst. Ich hab doch längst gecheckt, dass ihr zwei voll ein Paar seid.

Gecheckt? Fritz legt den Kopf schief. Ja, eben! Wir sind ein Paar, also

***

Hallo Katharina.

Hallo Alexander.

Verzeih, ich hab lange nicht angerufen. Es war einiges los… Ich war nach den Feiertagen wieder in München, einer vom ZDF hat mir da was versprochen. Kaum zu glauben, was?

Ja, ich glaube es.

Wir hatten schon Kontakt, weißt ja, was ich erreichen wollte. Aber dann wurde die Stelle ausgeschrieben, sie haben irgendeinen Superstar genommen. Ich habs abgehakt und bin zurück… Blöde Sache. Treffen wir uns? Ich bin wieder in der Stadt.

Ich leider nicht, Alexander. Ich bin weg aus Regensburg.

Weg? Wohin denn?

Nach München. Ich habe geheiratet. Ruf mich bitte nicht mehr an.Alexander schweigt. Für einen Moment glaubt Katharina, der Anruf sei schon beendet, doch sie hört seinen leisen Atem.

Verstehe Mehr sagt er nicht.

Katharina sieht aus dem Fenster. Draußen glänzt der Schnee in der Nachmittagssonne, und irgendwo jault Minka, verlangt Aufmerksamkeit. Klara poltert die Treppe herauf, schnauft verschwitzt und lachend, hält eine Schneekugel in der Hand, ganz stolz. Fritz steht unten im Hausflur, ruft irgendetwas Unsinniges, das Lachen dringt bis in die Küche.

Katharina legt das Handy weg, atmet durch und lächelt dieses Mal kein wehmütiges, sondern ein erwartungsvolles Lächeln. Da ist diese leise Freude in ihrer Brust, wie sie sie früher als Kind empfunden hat, immer kurz bevor ein schönes neues Jahr begann. Ohne Angst, nur Neugier.

Sie stellt den Wasserkocher an, gießt Tee auf und hört zu, wie im Haus das Leben pulsiert: Stimmen, Lachen, das dumpfe Pochen der alten Standuhr. Draußen krächzen Krähen und irgendwo knallen die letzten Silvesterböller. Ihre Zukunft liegt nicht mehr in Gestern. Sie ist angekommen, nicht irgendwo, sondern bei sich selbst.

Als sie in den Flur tritt, nimmt Fritz wortlos ihre Hand. Klara wirft Minka die Schneekugel vor die Pfoten, und Oma ruft aus dem Sessel: Kommt ihr zum Tee, ihr Kinder? Ihr friert doch draußen fest!

Katharina lacht und sagt: Schon unterwegs, Oma! Sie spürt Klaras Arme, die sich um sie legen, und sieht Fritz’ verschmitztes Grinsen.

So fühlt sich ein neues Jahr an. Nicht spektakulär, keine Raketen, kein großer Knall. Stattdessen Wärme, Geborgenheit, ein Zurücklehnen in das, was möglich ist, wenn man nur mutig loslässt.

Der Kater schmettert gegen den Teppich, die Uhr schlägt eins. Katharina denkt, ganz still: Jetzt kann alles kommen. Und während draußen die Welt langsam auftaut, weiß sie, dass genau hier ihr Glück beginnt.

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Homy
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