„– Sag mal, hast du meine Ohrringe vielleicht nicht verloren oder gar verkauft? Bei dir kann man ja alles erwarten! – Welche Ohrringe? – Die, die ich dir zur Hochzeit geschenkt habe. Mit Smaragden. Gib sie zurück. Sie waren eigentlich für die Ehefrau meines Sohnes gedacht – und die bist du ja jetzt nicht mehr. Als Nastja auf die Schmuckschatulle blickte, lagen darin die funkelnden Smaragdohrringe – ein Hochzeitsgeschenk ihrer Schwiegermutter Galina vor drei Jahren. Wieder klingelte das Telefon: Galina, zum fünften Mal heute. Nastja nahm nicht ab, sie ahnte weitere Vorwürfe und Forderungen. Die Scheidung von Alexej verlief ruhig – sie hatten gemerkt, dass sie grundverschieden waren. Er war häuslich, ruhiger Mama’s Liebling, sie dagegen unternehmungslustig, freiheitsliebend – und Galina, die Schwiegermutter, stets kontrollierend und bevormundend. Drei Jahre lang hielt Nastja es aus, dann bat sie um die Scheidung: Einvernehmlich, ohne Streit, ohne gemeinsames Eigentum – doch Galina drehte daraufhin völlig durch. Eine Woche nach der offiziellen Trennung kam der erste Anruf: – Nastja, du hast meinem Sohn das Leben ruiniert! – Galina, wir haben diese Entscheidung gemeinsam getroffen. – Lüg nicht! Du hast ihn verlassen, er leidet jetzt! Stille. Nastja wusste: Alexej war erleichtert gewesen, als alles vorbei war. – Na gut, darum geht’s nicht, – fuhr Galina fort. – Sag, hast du die Ohrringe nicht verloren und auch nicht verkauft? Dir ist schließlich alles zuzutrauen! – Welche Ohrringe? – Die Smaragdohrringe zur Hochzeit. Gib sie zurück, die waren für die Frau meines Sohnes gedacht. Und du bist das nun mal nicht mehr. Nastja war fassungslos. – Galina, das war doch ein Geschenk! – Ein Geschenk für die Schwiegertochter! Und das bist du nicht mehr. Also zurück damit! – So läuft das aber nicht! Geschenke nimmt man nicht zurück! – Doch, wenn du meinen Sohn verlässt. Gib die Ohrringe zurück, Nastja, oder ich setze das gerichtlich durch! Fassungslos legte Nastja auf. Die Ohrringe waren damals ein emotionales Geschenk gewesen – jetzt forderte Galina sie zurück. Am nächsten Tag begannen die Anrufe gemeinsamer Bekannter. – Stimmt es, dass du dich weigerst, Familienschmuck zurückzugeben? – Das ist doch kein Familienschmuck, Galina hat sie vor drei Jahren im Juweliergeschäft gekauft, ich hab die Box gesehen! – Trotzdem, nach einer Scheidung gibt man sowas doch zurück … Nastja wurde zur Zielscheibe von Galinas Verleumdungen, ihr Umfeld tuschelte, sie sei geizig und hätte Familienwerte gestohlen. Schließlich kam Alexej höchstpersönlich vorbei. – Bitte gib ihr einfach die Ohrringe, meine Mutter macht jeden Tag einen Aufstand. – Alexej, es war ein Geschenk! Das gehört mir! – Aber sie will sie doch für die nächste Frau. Wenn ich wieder heirate. – Plant deine Mutter schon dein nächstes Hochzeitsgeschenk? Verlegenes Schweigen. – Bitte, erspar mir den Stress … Innere Empörung hielt Nastja davon ab einzulenken – sie wollte das Prinzip verteidigen. Schließlich ließ sie einen Anwalt prüfen: Der beruhigte sie – das Geschenk müsse sie nicht zurückgeben. Und tatsächlich: Galina klagte vor Gericht und verlor krachend, denn ein angeblicher Familienschmuck war vom Juwelier, das Foto als Beweis zeigte ganz andere Ohrringe. Nach dem Prozess schien alles vorbei – bis Nastja einen Anruf von einer gewissen Olga erhielt, Alexejs neuer Freundin, die bestätigte: Galina habe schon für sie die Ohrringe vorgesehen. Doch Olga lehnte ab. Ein Jahr später begegneten sich Nastja und Alexej zufällig – er war wieder allein, Olgas Konsequenz war der Mutter zu viel gewesen. So lagen die Smaragdohrringe weiterhin in Nastjas Schmuckkästchen. Nicht wegen ihres Wertes, sondern weil sie für Selbstbestimmung standen – ein Geschenk, das sie sich nicht zurücknehmen ließ. Was meint ihr dazu? Schreibt eure Meinung in die Kommentare und lasst ein Like da.“

Sag mal, Hanna, hast du meine Ohrringe eigentlich behalten oder sogar verkauft? Bei dir wundert mich mittlerweile ja gar nichts mehr!
Was für Ohrringe meinst du denn?
Die, die ich dir zur Hochzeit geschenkt habe. Mit Smaragden. Gib sie bitte zurück. Die waren eigentlich für die Frau meines Sohnes gedacht und das bist du ja jetzt nicht mehr.

Luise saß da und schaute auf das kleine Kästchen vor sich. Drin lagen die Smaragdohrringe teuer, elegant, funkelnd. Ein Geschenk ihrer Schwiegermutter zur Hochzeit vor drei Jahren.

Das Handy vibrierte wieder. Angelika. Schon das fünfte Mal heute. Luise wollte nicht abheben, sie wusste eh, was diesmal wieder alles an Vorwürfen und Forderungen kommt.

Die Scheidung von Sebastian war ganz ruhig verlaufen. Sie hatten beide gemerkt, dass sie einfach zu unterschiedlich waren. Er war ein ruhiger Typ, hing sehr an seiner Mutter.

Luise dagegen war voller Energie, reiste gern, wollte ihr Leben selbst gestalten. Dazu kam diese Schwiegermutter, Angelika ständig präsent, kontrollierend, immer mit einer Meinung zu allem.

Sag mal, Luise, warum ist denn die Suppe so dünn? fragte Angelika, wenn sie zu Besuch kam.

Warum hast du die Wohnung nicht ordentlich geputzt? Basti hat doch eine Stauballergie!

Und musst du dich so anziehen? Als verheiratete Frau sollte man doch ein bisschen zurückhaltender aussehen.

Luise hielt das drei Jahre aus. Dann bat sie um die Trennung. Sebastian hat das ohne Streit akzeptiert. Kein gemeinsames Eigentum, keine großen Diskussionen, im Guten auseinander.

Angelika allerdings die drehte richtig auf, als sie von der Scheidung erfuhr.

Der erste Anruf kam eine Woche nach dem Termin beim Standesamt.

Luise, du hast das Leben meines Sohnes ruiniert! die Stimme der Schwiegermutter bebte vor Wut.

Angelika, wir haben uns gemeinsam dafür entschieden.

Pah, lüg mich nicht an. Du hast ihn verlassen! Basti leidet, er weint ständig.

Luise schwieg lieber. Sie wusste genau, dass Sebastian ziemlich erleichtert war, als alles vorbei war.

Aber darum geht es jetzt nicht fuhr Angelika fort. Hast du meine Ohrringe noch? Ich will sie zurück. Von dir kann man ja alles erwarten!

Luise wurde hellhörig.

Welche Ohrringe meinst du?

Die von der Hochzeit. Mit den Smaragden. Die gehören jetzt wieder mir, du bist ja nicht mehr meine Schwiegertochter.

Luise traute ihren Ohren kaum.

Angelika, das war doch ein Geschenk!

Ein Geschenk an meine Schwiegertochter! Aber das bist du ja jetzt nicht mehr. Also zurück damit.

So läuft das aber nicht! Geschenke nimmt man nicht zurück.

Doch, wenn man sich von meinem Sohn scheiden lässt. Gib mir endlich die Ohrringe, Luise. Sonst muss ich das übers Gericht regeln.

Luise legte auf. Sie starrte einfach vor sich hin. Die Ohrringe waren damals im Beisein aller Gästen überreicht worden. Mit Tränen, Umarmungen und den Worten: Jetzt bist du meine Tochter. Und jetzt das hier.

Am nächsten Tag ging es los Bekannte riefen an:

Luise, stimmt das, dass du die Familenschmuck nicht zurückgeben willst?

Was für Familienschmuck? fragte Luise erstaunt.

Na, die Ohrringe, die dir Angelika geschenkt hat. Sie sagt, die sind schon hundert Jahre in der Familie!

Luise lachte.

Die hat sie vor drei Tagen vor der Hochzeit im Juwelier gekauft, ich hab die Verpackung mit Preisschild gesehen.

Naja, trotzdem, schick ist das nicht, sie jetzt zu behalten. Ihr seid ja getrennt.

Luise war das Diskutieren langsam leid. Angelika hatte eine richtige Hetzkampagne gestartet überall erzählte sie herum, Luise wäre gierig, hätte ihr quasi das Familiensilber gestohlen.

Eines Abends kam Sebastian selber vorbei.

Luise, gib Mama doch die Ohrringe, bitte. Sie nervt mich jeden Tag mit dem Thema.

Basti, das ist ein Geschenk! Ich muss die nicht zurückgeben.

Aber sie will sie halt weitergeben…

Wofür denn?

Sebastian druckste rum.

Na, sie will die halt der nächsten Frau schenken, wenn ich mal wieder heirate.

Luise sah ihn an:

Ach so. Deine Mutter plant also schon dein nächstes Hochzeitsfest?

Naja, früher oder später…

Und dann gibt sie dieselben Ohrringe weiter? Und verlangt sie zurück, falls wieder ne Scheidung kommt?

Sebastian zuckte mit den Schultern.

Bitte, kannst du die nicht einfach zurückgeben? Ich hab echt genug von dem Stress.

Luise überlegte. Klar, es wäre einfach, nachzugeben und dann wäre endlich Ruhe. Aber etwas in ihr wollte das einfach nicht. Es fühlte sich entwürdigend an.

Nein, Basti. Die Ohrringe bleiben bei mir.

Sebastian zog ab, Telefonterror und Nachrichten von Angelika gingen weiter. Sie drohte mit Gericht, machte Luise bei ihren Eltern schlecht.

Luise entschied sich, einen Anwalt zu fragen. Sie schilderte die Situation.

Sie müssen das Geschenk nicht zurückgeben, erklärte der Anwalt. Das war freiwillig. Da gibts keine Rückforderung.

Und wenn sie wirklich klagt?

Dann soll sie, sie hat keine Chance.

Luise war beruhigt. Sie blieb standhaft.

Nach einem Monat bekam sie tatsächlich Post vom Gericht Angelika klagte auf Rückgabe wegen angeblicher Familiensache.

Im Sitzungssaal fragte der Richter:

Gibt es Beweise, dass die Ohrringe Familienschmuck sind?

Angelika zückte ein altes Foto.

Hier, meine Oma mit den Ohrringen, die wurden seit Generationen weitergegeben.

Luise schaute genauer hin. Die abgebildeten Ohrringe sahen ganz anders aus rund, und der Stein war auch nicht grün.

Das sind aber nicht die gleichen, Herr Richter sagte sie ruhig.

Doch, die sind das! stieß Angelika hervor.

Nein, auf dem Foto sind sie rund, meine sind oval. Und andere Steine.

Der Richter ließ sich das Foto zeigen, schaute genau.

Stimmt, die Ohrringe unterscheiden sich.

Angelika wurde blass.

Dann habe ich vielleicht das falsche Foto genommen… Aber trotzdem, das ist unser Familienschmuck!

Dann brauchen Sie dafür den Nachweis, sagte der Richter.

Da kam nichts mehr. Die Ohrringe waren ja im Juwelier gekauft worden, das wusste Luise definitiv.

Das Gericht wies die Klage ab. Die Ohrringe galten als Geschenk und durften von Luise behalten werden.

Angelika verließ das Gericht knallrot vor Wut. Luise war dagegen ganz ruhig und zufrieden.

Aber damit war die Geschichte nicht zu Ende. Nach einer Woche rief eine fremde Frau an.

Hallo, ich bin Katharina, Sebastians neue Freundin.

Luise war überrascht.

Oh, hallo! Wie kann ich helfen?

Angelika hat mir von den Ohrringen erzählt. Sie meint, Sie hätten die geklaut.

Nein, wirklich nicht. Das war ein Geschenk.

Katharina zögerte.

Wissen Sie, ich hab mit Sebastian geredet. Er hat zugegeben, dass die Ohrringe aus dem Juwelier sind und, naja, dass Angelika nach der Scheidung sie zurück wollte. Ich hab dann gefragt, aus welchem Grund.

Und?

Und sie hat mir offen gesagt, sie wolle sie mir zur Hochzeit schenken, falls Sebastian und ich heiraten.

Luise musste lachen.

Im Ernst?

Total. Ich hab gesagt, dass ich keine gebrauchten Ohrringe von wem anders will. Sie soll mir neue kaufen, oder eben gar nichts schenken. Da war sie beleidigt. Jetzt erzählt sie rum, ich sei undankbar.

Die zwei quatschten noch eine halbe Stunde. Sie merkten, sie hatten echt viel gemeinsam unter anderem ihre Erfahrungen mit Angelika.

Halte durch, Katharina. Sie meint es nicht böse, sie ist einfach zu kontrollierend.

Danke dir. Ich habe zu Sebastian gesagt: Entweder er lernt, seiner Mutter auch mal Nein zu sagen, oder ich bin weg.

Gute Einstellung.

Ein Jahr später traf Luise Sebastian zufällig auf der Straße. Er war allein.

Hey, wie gehts?

Ganz okay, antwortete er.

Noch nicht wieder verheiratet?

Ne, meine Verlobte ist geflohen. Sie wollte nicht zusammen mit meiner Mutter leben.

Schade.

Joa. Ach so, Mama sucht jetzt schon wieder nach einer neuen Kandidatin. Die Ohrringe hat sie vergessen.

Luise musste schmunzeln.

Viel Glück, Basti.

Sie ging weiter, zufrieden. Die Ohrringe lagen noch immer in ihrer Schatulle zu Hause. Nicht wegen des Geldwerts, sondern weil sie ihr rechtmäßig gehörten. Sie hatte sich nicht einschüchtern lassen, hatte durchgehalten.

Und jedes Mal, wenn sie die Ohrringe sieht, denkt sie nicht ans Hochzeitsfest oder an Angelika sondern daran, dass sie zum ersten Mal im Leben den Mut hatte, Nein zu sagen.

Und? Wie findest du das Ganze? Schreib mal unten in die Kommentare, ob du das auch so gemacht hättest, und lass nen Like da!

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„– Sag mal, hast du meine Ohrringe vielleicht nicht verloren oder gar verkauft? Bei dir kann man ja alles erwarten! – Welche Ohrringe? – Die, die ich dir zur Hochzeit geschenkt habe. Mit Smaragden. Gib sie zurück. Sie waren eigentlich für die Ehefrau meines Sohnes gedacht – und die bist du ja jetzt nicht mehr. Als Nastja auf die Schmuckschatulle blickte, lagen darin die funkelnden Smaragdohrringe – ein Hochzeitsgeschenk ihrer Schwiegermutter Galina vor drei Jahren. Wieder klingelte das Telefon: Galina, zum fünften Mal heute. Nastja nahm nicht ab, sie ahnte weitere Vorwürfe und Forderungen. Die Scheidung von Alexej verlief ruhig – sie hatten gemerkt, dass sie grundverschieden waren. Er war häuslich, ruhiger Mama’s Liebling, sie dagegen unternehmungslustig, freiheitsliebend – und Galina, die Schwiegermutter, stets kontrollierend und bevormundend. Drei Jahre lang hielt Nastja es aus, dann bat sie um die Scheidung: Einvernehmlich, ohne Streit, ohne gemeinsames Eigentum – doch Galina drehte daraufhin völlig durch. Eine Woche nach der offiziellen Trennung kam der erste Anruf: – Nastja, du hast meinem Sohn das Leben ruiniert! – Galina, wir haben diese Entscheidung gemeinsam getroffen. – Lüg nicht! Du hast ihn verlassen, er leidet jetzt! Stille. Nastja wusste: Alexej war erleichtert gewesen, als alles vorbei war. – Na gut, darum geht’s nicht, – fuhr Galina fort. – Sag, hast du die Ohrringe nicht verloren und auch nicht verkauft? Dir ist schließlich alles zuzutrauen! – Welche Ohrringe? – Die Smaragdohrringe zur Hochzeit. Gib sie zurück, die waren für die Frau meines Sohnes gedacht. Und du bist das nun mal nicht mehr. Nastja war fassungslos. – Galina, das war doch ein Geschenk! – Ein Geschenk für die Schwiegertochter! Und das bist du nicht mehr. Also zurück damit! – So läuft das aber nicht! Geschenke nimmt man nicht zurück! – Doch, wenn du meinen Sohn verlässt. Gib die Ohrringe zurück, Nastja, oder ich setze das gerichtlich durch! Fassungslos legte Nastja auf. Die Ohrringe waren damals ein emotionales Geschenk gewesen – jetzt forderte Galina sie zurück. Am nächsten Tag begannen die Anrufe gemeinsamer Bekannter. – Stimmt es, dass du dich weigerst, Familienschmuck zurückzugeben? – Das ist doch kein Familienschmuck, Galina hat sie vor drei Jahren im Juweliergeschäft gekauft, ich hab die Box gesehen! – Trotzdem, nach einer Scheidung gibt man sowas doch zurück … Nastja wurde zur Zielscheibe von Galinas Verleumdungen, ihr Umfeld tuschelte, sie sei geizig und hätte Familienwerte gestohlen. Schließlich kam Alexej höchstpersönlich vorbei. – Bitte gib ihr einfach die Ohrringe, meine Mutter macht jeden Tag einen Aufstand. – Alexej, es war ein Geschenk! Das gehört mir! – Aber sie will sie doch für die nächste Frau. Wenn ich wieder heirate. – Plant deine Mutter schon dein nächstes Hochzeitsgeschenk? Verlegenes Schweigen. – Bitte, erspar mir den Stress … Innere Empörung hielt Nastja davon ab einzulenken – sie wollte das Prinzip verteidigen. Schließlich ließ sie einen Anwalt prüfen: Der beruhigte sie – das Geschenk müsse sie nicht zurückgeben. Und tatsächlich: Galina klagte vor Gericht und verlor krachend, denn ein angeblicher Familienschmuck war vom Juwelier, das Foto als Beweis zeigte ganz andere Ohrringe. Nach dem Prozess schien alles vorbei – bis Nastja einen Anruf von einer gewissen Olga erhielt, Alexejs neuer Freundin, die bestätigte: Galina habe schon für sie die Ohrringe vorgesehen. Doch Olga lehnte ab. Ein Jahr später begegneten sich Nastja und Alexej zufällig – er war wieder allein, Olgas Konsequenz war der Mutter zu viel gewesen. So lagen die Smaragdohrringe weiterhin in Nastjas Schmuckkästchen. Nicht wegen ihres Wertes, sondern weil sie für Selbstbestimmung standen – ein Geschenk, das sie sich nicht zurücknehmen ließ. Was meint ihr dazu? Schreibt eure Meinung in die Kommentare und lasst ein Like da.“
Bist du etwa beleidigt? — Ach Mama, ich bereue es schon dreihundert Mal, dass ich mich darauf eingelassen habe. Ich kann einfach nicht mehr, — klagte Viktoria verzweifelt, während sie versuchte, das Weinen ihrer Tochter zu übertönen. — So läuft es bei uns von früh bis spät. Und nachts — genauso. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich zuletzt wirklich geschlafen habe. Gestern habe ich den Wasserkocher angemacht und bin direkt auf dem Stuhl eingeschlafen… — Ach, mein Mädchen, was willst du machen, — seufzte Gabriele. — Alle kleinen Kinder schreien halt. Ihre Mutter verstand den Wink nicht und Viktoria fasste sich ein Herz. — Mama… Bitte, ich flehe dich an: Nimm sie doch wenigstens für zwei Stunden. Oder komm vorbei, setz dich zu ihr, damit ich wenigstens etwas schlafen kann. Ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst. Alles wie im Nebel. — Viki… — der Ton der Mutter wurde sofort von mitfühlend zu schleppend. — Sei mir nicht böse. Für wen hast du sie denn bekommen? Für dich selbst. Also kümmere dich auch drum. Wenn sie älter ist, wird’s einfacher. Ich hab dich damals auch ohne Windeln und Thermokocher großgezogen, da hat auch keiner gejammert. Außerdem schwankt bei mir ständig der Blutdruck wegen dem Wetter. Nicht dass ich auch noch umkippe, wenn ich bei dir bin. Verwundert zog Viktoria die Augenbrauen hoch. Mit so einer Antwort hatte sie nicht gerechnet und wusste gar nicht, was sie sagen sollte. — Na gut. Ich mach dann mal weiter… — murmelte sie und legte auf. Da breitete sich Kälte in ihrer Brust aus. Verschwunden war dieses kindliche Gefühl der Geborgenheit, dass Mama immer da ist und alles regelt, wenn man nur ruft. Viktoria konnte nicht einmal widersprechen. Oder doch? …Oft hatte Viktoria eigene Wünsche zurückgestellt, um ihrer Mutter zuliebe zu verzichten. Jedes Silvester zum Beispiel. Erst war sie bei Freunden eingeladen, dann wollte sie mal mit ihrem Mann allein feiern. — Ja, ist ja klar… — seufzte ihre Mutter, sobald Viktoria Pläne für die Feiertage äußerte. — Na dann, feiert mal schön. Ich hier, ganz alleine… Da zieht man euch auf, und an den Familienfesten sitzt man dann doch allein… — Mama… Mensch, ich komm am 1. doch gleich zu dir. — Ach was, ich warte auf dich. Ich feier gar nicht, — gab Gabriele seufzend zurück. — Wozu auch? Gibt ja keinen. Leg mich um neun schlafen, morgens wach — das war’s mit Silvester. Und jedes Mal gab Viktoria nach und fuhr zu ihrer Mutter. Wie sollte sie die Mutter alleine lassen? Sollen Freunde eben alleine Spaß haben, Wunderkerzen anzünden und Lieder grölen. Romantik kann auch mal warten. Hauptsache Mama fühlt sich nicht traurig. Und das war längst nicht das Einzige. Gabriele liebte es sehr, ihre Tochter mit ihrem eigenen Befinden in Atem zu halten. Ging es ihr schlecht, fuhr sie nicht zum Arzt — alarmierte aber jedes Mal Viktoria. — Ich hab Blutdruck über 200. Ich glaube, ich kipp bald um… Viki, komm sofort! — rief sie panisch. — Mama, ich komm ja, aber du musst trotzdem den Notarzt rufen. Das ist kein Spaß! — Was soll der mir bringen?! Die schleppen mich ins Krankenhaus, und da gibt’s eh keine gescheiten Ärzte! Lass uns erstmal selber überlegen. Gib mir die Spritze, und wenn’s dann immer noch schlimm ist — dann rufen wir den Notarzt. Gabriele hatte absolut kein Vertrauen in Ärzte und wurde sofort ungehalten, wenn Viktoria eine Ambulanz rufen wollte. Dafür glaubte sie, dass jeder Anfall sich durch Fußmassage, Essigkompressen und viel Aufmerksamkeit von Viktoria behandeln ließ. Tochter Viktoria aber saß dann jedes Mal da und zitterte. Sie musste die ganze Verantwortung tragen, Spritzen geben und konnte trotzdem nicht helfen, weil die Mutter so stur war. Blieb nur abwarten und hoffen. Trotzdem fand Viktoria jedes Mal Zeit. Sagte Treffen ab, verschob Termine, verließ früher den Arbeitsplatz. Auch im Wissen, dass sie nichts bewirken kann und nur ihre Nerven ruiniert. Aber die Mutter komplett alleine lassen? Das ließ ihr Gewissen nicht zu. Ganz im Gegensatz zu Gabriele. Dabei hatte sie sich Enkelkinder immer genauso sehr gewünscht wie Viktoria. — Die Leni hat schon eine Enkelin, die geht jetzt in die Schule! — seufzte ihre Mutter bei jeder Familienfeier. — Und Waltraud kümmert sich schon um’s zweite. Und ich, ich bin wie das fünfte Rad am Wagen. Wann kriegt ihr endlich welche? Ich will doch noch erleben, wie das ist, Oma zu sein! Und jetzt… Jetzt, wo das Baby eben kein süßes Poster mehr war, sondern ein echtes Wesen mit Eigenheiten und Problemen, war Gabriele plötzlich weg. Viktoria war enttäuscht. “Für mich geboren”… Na, das wird sie nicht vergessen. Die folgenden sechs Monate wurden zum Dauerloop. Viktoria wusste nicht mehr, war heute Montag oder Donnerstag. Es lief immer gleich: Füttern, Geschrei, Versuch einzuschläfern, kurzes Vergessen, wieder Schreien. Gabriele blieb im Leben ihrer Tochter, aber nur wie eine entfernte Bekannte. Einmal pro Woche rief sie an und fragte: — Na, wie läuft es? Wächst sie? Doch kaum schrie ihr Enkelkind im Hintergrund auf, war die Oma gleich wieder verschwunden. — Oh Viki, ’tschuldige, aber ich hab Kopfschmerzen. Und bei euch ist’s so laut… Pass auf euch auf. Muttersein ist harte Arbeit, — meinte sie und legte auf. Viktoria lernte, ohne Mutter zu überleben. Olga, die Schwiegermutter, war streng, aber herzlich. Sie versprach keine Wunder und schmeichelte nie. Aber als sie merkte, dass Viktoria durch die Augenringe schon aussah wie ein Panda, kam sie einfach regelmäßig vorbei. Jeden Samstag, an ihrem freien Tag. — Ab ins Bett, — befahl sie Viktoria. — Wir gehen mit Alina in den Park. Sind in drei Stunden zurück. — In den Park? Die wird doch nur schreien… — Ich bin nicht aus Zucker, werd schon nicht zerlaufen. Hauptsache, du schläfst mal aus. Olga schlug Viktoria auch vor, ab und an eine Tagesmutter zu engagieren — auch nur zwei Stunden Schlaf nebenan machen den Unterschied. Und sie war es, die Alarm schlug: — Die schreit aber schon sehr viel, — stellte sie fest. — Hör auf, alles auf Zahnen und Drei-Monats-Koliken zu schieben, da stimmt was nicht. Olga organisierte kurzerhand einen Termin beim befreundeten Kinderarzt, hörte nicht auf ihren Sohn und bezahlte stillschweigend alle Untersuchungen. Der Arzt fand rasch die Ursache. — Ganz einfach gesagt, sie hat nach jedem Füttern Sodbrennen. Keine Sorge, das bekommen wir in den Griff, — erklärte er. Zwei Wochen später hatte endlich die Stille Einzug bei Viktoria und Paul gehalten. Nicht belastend und unruhig, sondern friedlich. Alina verbog sich nicht mehr und schrie weniger, sie schlief ruhig. Für Viktoria bekam die Welt wieder Farbe. Die Zeit raste statt zu schleichen. Aus der kleinen Quenglerin wurde das Traum-Enkelkind, von dem jede Oma träumt: mit Grübchen in den Wangen und riesigen Schleifenprachten im Haar. Still und heimlich wurde es Dezember. Gabriele, die Alina bisher nur per Videoanruf kannte, war die Veränderung nicht entgangen. Das Mädchen spielte, baute, lachte, war ganz vertieft in ihre Puppen. Da entschied sich die Großmutter, wieder mitzumischen. — Viki, was soll ich euch Leckeres kochen? — fragte sie weich eine Woche vor Silvester. — Ihr kommt doch zu mir feiern, oder? — Aber ich hab doch Alina dabei. Ist doch zu anstrengend mit Kleinen für dich. — Ach quatsch! Sie ist jetzt ein richtiges Mädchen, ganz ruhig. Ich hab ihr sogar schon eine große Puppe als Geschenk besorgt. Wir schmücken zusammen den Baum, ich mach Sülze. Paul liebt doch Sülze. Früher hätte Viktoria gejubelt, das Fest mit ihrer Mutter geplant und sich gefreut, dass die Mutter „wieder lieb“ ist. Doch diesmal war da… nichts. Kein Ärger, kein Schmerz. Nur etwas Kaltes, Klebriges. — Mama, wir kommen nicht. — Wie bitte? — Gabriele war entsetzt. — Wo wollt ihr denn sonst hin? Oder feiert ihr zuhause? — Wir fahren zu Olgas Familie. Wir feiern dort. — Zu Olga?! — erschrak die Mutter. — Also gehst du zur Schwiegermutter und lässt deine eigene Mutter Silvester alleine sitzen? — Mama… Sei nicht gekränkt, aber Olga war da, als Alina Tag und Nacht geschrien hat. Als ich am Ende war. Sie war da, als wir „anstrengend“ waren, und hat uns trotzdem gemocht. Du sagtest doch selber, ich hab für mich geboren. Dann entscheide ich auch, mit wem ich meine Tochter feiere. Am anderen Ende herrschte für einen Moment Schweigen. — Bist du jetzt etwa beleidigt? Rächtst du dich jetzt so? — hakte Gabriele schließlich nach. — Wie kannst du nur! Ich hab dich großgezogen, Nächte durchgemacht… Und du machst das jetzt so mit mir? — Nein, Mama, ich räche mich nicht. Ich entscheide nur, was mir guttut. Und das hab ich übrigens von dir gelernt. Die Mutter lamentierte noch, doch Viktoria beendete das Gespräch mit dem Hinweis, sie müsse los. Sie hatte keine Lust auf Schuldzuweisungen. Sie legte das Handy weg und ging ins Schlafzimmer. Dort, auf dem Teppich zwischen Bauklötzen, hockte ihr Mann, baute etwas mit der Tochter. Alina lachte schallend, als sie den Turm umwarf. Viktoria blieb im Türrahmen stehen und lächelte. Sie war etwas traurig, aber es war eine gute Traurigkeit — so wie nach einer gründlichen Aufräumaktion, wenn die alten Plüschtiere das Haus verlassen und Platz für etwas Neues machen. Natürlich wollte Viktoria nicht die kompletten Kontakte zu ihrer Mutter abbrechen. Sie hatte nur aufgehört, sich selbst zu verraten. Sie hörte auf, beim ersten Anruf für Menschen zu springen, die nur bei Sonnenschein auftauchen, und suchte sich stattdessen jene aus, die auch in den schlimmsten Stürmen einen Schirm über sie hielten.