Sabine betrat das Schulgebäude zum Klassentreffen. Dreißig Jahre waren vergangen… Sie hatte sich entschieden, zu kommen, um ihre Lieblingslehrerin zu begrüßen. Das Wiedersehen war bewegend. Auch die Jungs aus der Parallelklasse waren erschienen. Sabine zuckte innerlich zusammen, als sie Andreas sah! Ihre heimliche Schulschwärmerei… Ein großer Mann, graue Schläfen, gepflegter Bart. Er hatte nur noch wenig mit dem lausbübischen Jungen von damals gemein. Im Saal war es laut und lebhaft. Nach den Begrüßungen standen alle in kleinen Gruppen und unterhielten sich. Sabine erstarrte regelrecht vor Staunen, als sie sah, wer auf sie zukam.
Sabine galt einst als das unscheinbarste Mädchen der Klasse. Zumindest dachte sie das immer von sich selbst.
Mit Neid blickte sie auf die blonden, blauäugigen Mitschülerinnen.
Meine Tochter, du wirst schon noch aufblühen, hatte ihre Mutter sie beruhigt. Ich bin auch erst mit sechzehn zur richtigen Dame geworden. Hab Geduld, du wirst dein Herz noch vielen Jungen stehlen. Jetzt hast du noch Zeit
Mama, ich habe es nicht eilig, antwortete Sabine leise und senkte die Wimpern, doch ihre grünen Augen verrieten sie.
Sabine schaute oft traurig in den Spiegel und seufzte.
Schon lange gefiel ihr ein Junge aus der Parallelklasse Andreas. Sportlich, groß, immer fröhlich.
Seine Abenteuerlust beim Spielen und Streiche ausdenken erinnerte eher an Übermut.
Beim Sportunterricht beobachtete Sabine heimlich Andreas beim Basketballspielen. Sein Ehrgeiz und seine Energie steckten immer alle an, sodass seine Mannschaft jedes Mal gewann.
Selbst wenn Andreas kein gutaussehender Typ gewesen wäre, hätte Sabine ihn gemocht aber seine Ausstrahlung raubte ihr jede Hoffnung auf eine Freundschaft mit ihm als Anführer und Mittelpunkt.
Dazu kam noch, dass sich ständig Freunde und Mädchen um ihn scharten da war kein Durchkommen.
Andreas war nie allein. Immer von einer Gruppe Jungs und Mädchen umgeben. Aber die seltenen Begegnungen auf dem Flur in den Pausen waren für Sabine kleine Highlights.
Doch da war ihr mangelndes Selbstbewusstsein, das ihr einen Strich durch die Rechnung machte.
Immer, wenn sie in seine Nähe kam, sah sie ihn kaum an und wandte sofort den Blick ab.
Niemandem erzählte Sabine von ihrem heimlichen Verliebtsein, doch sie hatte immer das Gefühl, dass alle um sie herum ihr Geheimnis kannten und sie wurde rot bei der Vorstellung, dass die Mitschüler oder, schlimmer noch, Andreas selbst über sie lachen könnten.
Also beschloss sie, den hübschen Jungen einfach zu vergessen, ihm aus dem Weg zu gehen und nicht mehr an ihn zu denken.
Das klappte anfangs nur schlecht, aber mit Ausdauer und Willenskraft schaffte sie es. Sabine wurde ruhiger und war insgeheim stolz auf sich.
Bloß nicht in seine Nähe kommen, flüsterte sie sich selbst immer wieder zu.
Sobald sie ihn in der Schule sah, wechselte sie sofort die Richtung oder huschte hinter die anderen Kinder.
Zwei Jahre vergingen. Sabine lernte fleißig, wurde selbstbewusster, und was ihre Mutter einst vorhergesagt hatte, traf ein von einem unscheinbaren Mädchen verwandelte sie sich im Laufe eines Sommers in eine elegante, schlanke junge Frau.
Nach der zehnten Klasse wechselte Sabine auf die Fachoberschule.
Über Andreas und die alten Klassenkameraden erfuhr sie nur ab und zu etwas von ihrer früheren Klassenlehrerin, Frau Becker, die in der gleichen Straße wohnte wie Sabine.
An den jährlichen Schul-Abenden nahm Sabine lange nicht teil. Ihre Klasse war irgendwie nie besonders eng, enge Freunde hatte Sabine aus der Schulzeit nicht.
Erst als sich alle zum Jubiläum von Frau Becker zum großen Ehemaligentreffen versammelten, entschloss sich auch Sabine, endlich zu gehen und ihrer geschätzten Lehrerin zu gratulieren.
Immerhin waren dreißig Jahre seit ihrem Abitur vergangen!
Das Treffen war sehr bewegend, niemand hatte viele Mitschüler seit den Schultagen gesehen.
Auch die Jungs aus der Parallelklasse kamen.
Sabine zuckte innerlich zusammen, als sie Andreas sah. Ein stattlicher Mann, graues Haar, gepflegter Bart kein Vergleich mehr zu dem früheren Lausbub. Doch seine Augen waren dieselben geblieben: lebendig und verschmitzt.
Im Veranstaltungsraum herrschte buntes Treiben. Nachdem alle Frau Becker begrüßt hatten, bildeten sich Gruppen, viele fielen sich in die Arme und unterhielten sich.
Sabine war vollkommen überrascht, als Andreas direkt auf sie zukam!
Er lachte breit, nahm ihre Hand und sagte:
Da ist ja meine heimliche Schul-Liebe Sabine
Er küsste ihre Hand, als hätte es die vielen Jahre dazwischen nie gegeben. Sabine wurde rot.
Liebe? Ich?, fragte sie erstaunt. Warum erfahre ich das denn erst jetzt?
Beide lachten. Natürlich hatten inzwischen alle Familien, Kinder bekommen. Auch Andreas und Sabine waren längst Eltern.
Andreas und Sabine standen nun etwas abseits. Er erzählte ihr von seiner Arbeit, seiner Familie und seinem Sohn.
Ich habe auch einen Sohn, erzählte Sabine. Wie ich es mir immer gewünscht habe.
Sie seufzte, und als sie Andreas anschaute, fragte sie plötzlich:
Sag mal, warum ich? Wieso mochtest du ausgerechnet mich? Ich war doch immer so still und unauffällig und nicht gerade eine Schönheit
Genau deshalb, lachte Andreas, weil du nie versucht hast, dich anzubiedern wie die anderen. Du bist immer mit erhobenem Haupt an mir vorbeigegangen… Ich hätte mich gar nicht getraut, dich anzusprechen. Stolz warst du. Und ich mochte dich sehr. Heute ist es eine süße Erinnerung an die Jugend
Und ich fand dich auch toll, gestand Sabine plötzlich. Aber bei deiner Clique kam man einfach nicht durch Ich hätte nie den ersten Schritt gemacht. Naja, es war eben nur eine Kinderschwärmerei.
Wer weiß…, sagte Andreas nachdenklich. Vielleicht haben wir ja wirklich etwas verpasst im Leben.
Kann sein, lachte Sabine. Vielleicht sehen wir uns im nächsten Leben wieder
Da werde ich deine grünen Augen suchen, flüsterte Andreas und lächelte sanft.
Man sah, wie fasziniert er von Sabine war. Und sie war nun wirklich eine Schönheit geworden.
Auf einmal rief jemand nach Sabine.
Mama! Papa und ich sind da wie du gesagt hast
Ein junger Mann kämpfte sich durch die Menge.
Darf ich vorstellen, mein Sohn, meinte Sabine lächelnd.
Andreas, stellte sich ihr Sohn fröhlich vor und reichte die Hand.
Andreas Berger, sagte der ältere Andreas und schüttelte die Hand.
Er blickte Sabine an sein Gesicht zeigte Überraschung, Zuneigung, einen Anflug Unsicherheit.
Sabine winkte ihm und ging zum Ausgang. An der Tür holte Andreas sie noch ein.
Sabine, hör mal…, sagte er mit feuchten Augen, ich danke dir
Wofür?, fragte sie irritiert.
Dafür, dass es noch einen Andreas gibt. Danke für die Erinnerung…
Sabine nickte. Sie ging zum Auto und stieg auf den Rücksitz.
Ihr Mann fragte:
Und, wie war es?
Schön, antwortete sie. Viele waren da. Es war rührend, alle wiederzusehen. Ein bisschen Wehmut ist schon dabei die Zeit verändert uns doch. Ich freue mich für Frau Becker. Eine tolle Lehrerin möge sie noch viele Generationen begleiten…Auf der Fahrt nach Hause blickte Sabine aus dem Fenster, sah die feinen Regentropfen an der Scheibe entlanglaufen. In ihrem Herzen fühlte sie ein seltsames Ziehen, das gleichzeitig traurig und warm war. Je weiter sie sich von der Schule entfernten, desto mehr glaubte sie, ihre Jugend hinter sich zu lassen und doch hatte sie sie heute für einen Augenblick noch einmal berührt.
Ihr Sohn summte fröhlich auf dem Rücksitz, unterhielt sich mit seinem Vater über den Abend. Sabine lächelte. Für einen Moment hatte sie in den Augen ihres Sohnes den gleichen Schalk gesehen wie damals bei Andreas vielleicht war das Leben voller unerwarteter Verbindungen, Kreise, die sich schließen, wenn man es am wenigsten erwartet.
Sabine griff in ihre Handtasche, ertastete den Stein, den sie als Mädchen immer in der Jackentasche getragen hatte ein Glücksbringer aus Kindertagen, achtlos in der Tasche gelandet, bevor sie das Haus verlassen hatte. Sie betrachtete den kleinen, glatten Kieselstein in ihrer Handfläche und wusste: Die Zeit hatte sie verändert, doch das Wesentliche war geblieben.
Über all die Jahre hinweg hatten ihre stillen Hoffnungen, ihre heimlichen Träume ihr Herz bewahrt und heute war ihr klargeworden, dass es nie darum gegangen war, etwas zu verpassen oder ein unerfülltes Leben zu führen. Es ging darum, sich selbst treu zu sein, und vielleicht darin die größte Schönheit zu finden.
An einer roten Ampel drehte sie sich noch einmal um, lächelte ihren Sohn an und in diesem Moment wusste Sabine, dass sie genau dort war, wo sie hingehörte. Alles war gut.





