Es gibt eine Frau, mit der ich einst zusammen zur Schule ging. Nehmen wir an, ihr Name sei Silke. Silke war tatsächlich eine regelrechte Diva. Nach dem Abitur ging sie nach München, um dort Jura zu studieren. Später beschloss sie, sich ein zweites Studium zu gönnen etwas mit Wirtschaft und Management. An dieser Hochschule lernte sie einen Mann kennen, den sie schließlich heiratete. Dieser Mann verdiente gut und machte Silke nie Druck, selbst zu arbeiten, sodass sie ihre Abschlüsse in aller Ruhe beenden konnte.
Als Silke ihr zweites Studium abgeschlossen hatte, suchte sie sich keine Arbeit sie blieb einfach zu Hause. Wenn ihre Freunde sie darauf ansprachen, antwortete sie immer, sie sei vollkommen zufrieden mit ihrem Leben. Ihr Mann liebe es, wenn alles ordentlich und gemütlich sei; das hätte sie mit einem Job nie leisten können. Ihr Mann drückte ihr für alles Geld in die Hand, was das Herz begehrte: von Kosmetikstudios bis zu Boutique-Fitnessclubs.
So lebten sie in einer Art stillen Harmonie. Manchmal, so erzählte Silke, sprach ihr Mann davon, wie sehr er sich ein Kind wünschte. Doch daran wollte sie nicht denken. Sie war zu sehr auf ihre Figur, ihre Gesundheit und ihre Freiheit bedacht, um sich auf das Abenteuer Mutterschaft einzulassen.
Ihre Ehe hielt rund zwölf Jahre. Irgendwann, auf surreale Weise, beschlossen sie, sich scheiden zu lassen wie in einem Traum, in dem Entscheidungen plötzlich gefallen sind, ohne dass man versteht, wie es dazu kommt. Silke sagt nie, was dazwischen vorgefallen ist, und ich frage auch nicht nach Einzelheiten. Nach der Trennung hörte ihr Ex-Mann auf, für sie zu sorgen.
Jetzt erhält Silke ein kleines Taschengeld von ihrem Vater, der noch immer als Ingenieur irgendwo in Stuttgart arbeitet. Doch diese Beträge stehen in keinem Vergleich zum früheren Lebensstil; es ist beinahe, als hätte sie plötzlich in einem fremden Land mit fremden Regeln aufzuwachen und das Geld reicht vorne und hinten nicht aus. Ihr Vater rät ihr immer wieder, endlich arbeiten zu gehen. Schließlich ist Silke mittlerweile fünfunddreißig.
Im Nebel eines Traumes wandte sich Silke an einige aus unserer alten Klasse, um Hilfe bei der Jobsuche. Einer von ihnen führte inzwischen einen kleinen Modeladen im Frankfurter Einkaufszentrum und bot ihr an, bei ihm als Verkäuferin einzusteigen. Aber das lehnte Silke ab. Sie meinte, sie wolle trotz ihres Universitätsabschlusses nicht den Tag damit verbringen, Kleidung zusammenzufalten.
Es ist irgendwo komisch: Sie hat nie gearbeitet, da das Studium schon Jahre zurückliegt, aber ihre Ansprüche schweben wie Seifenblasen durch den Traum sie will direkt eine leitende Position mit einem hohem Gehalt.
Was meint ihr dazu? Welche Art Job kann man mit fünfunddreißig bekommen, wenn man noch nie zuvor gearbeitet hat?





