Das große Kennenlernen: Traditionelle deutsche Brautschau

Brauch

Wie meinst du, du willst heiraten? Mein Sohn, und warum hör ich das erst jetzt? Hedwig Paulsen legte die Stricknadeln und den halbfertigen Schal beiseite. Der Kater Moritz, dick und zufrieden, rollte sich auf ihrem Schoß noch enger zusammen.

Mama, ich wusste nicht, wie ich es dir sagen sollte

Und warum nicht?

Ich hatte Angst, dass du nicht einverstanden bist!

Jens, was ist denn los? Seit wann hast du Angst vor mir? Wann habe ich dich je nicht unterstützt? Mein Sohn! Jetzt werd ich langsam nervös!

Das solltest du nicht, Mama! Jens kniete sich neben den Lehnstuhl und blickte Hedwig direkt in die Augen. Ich erzähle dir alles, wenn du ruhig bleibst und aufhörst, mich damit zu erpressen.

Ach, du Lausbub!

Mama! Ich kenn dich doch! Die Stimme zittert, aber in den Augen tanzen schon die Teufelchen! Lass das. Es ist einfach kompliziert. Ich wusste wirklich nicht, wie ich das Gespräch anfangen soll.

Fang einfach am Anfang an, der Rest ergibt sich. Hedwig legte das Strickzeug weg und zog Jens lachend an den Ohren. Eigentlich müsste ich dir den Hintern versohlen. Aber dazu fehlt mir inzwischen die Kraft, und sonst macht es keiner.

Wenn Vater doch noch da wäre

Von deinem Vater will ich jetzt nichts hören! Hedwig runzelte die Stirn, und Jens beugte sich sofort vor, um sie zu umarmen.

Entschuldigung, Mama! Ich vermisse ihn auch so sehr

Wenn dein Vater noch leben würde, hättest du dich so nicht aufgeführt! Schaut euch das an, Leute Mann Mitte vierzig und traut sich nicht, seiner Mutter die Braut zu zeigen! Warum?

Jens befreite sich lachend aus ihrem festen Griff.

Mama! Lass das! Sonst seh ich bald aus wie ein Dackel!

Wäre doch hübsch! Da würdest du noch besser aussehen! Schluss jetzt mit der Aufregung, mein Lieber! Wer ist sie denn?

Sie heißt Annegret.

Das ist ja spannend! Und sonst?

Nein, da ist noch mehr.

Muss ich dir jetzt für jedes Detail ein Wort aus der Nase ziehen oder soll ich zu Zwangsmaßnahmen greifen?

Gibst du mir sonst keine Schokolade oder stellst mich in die Ecke?

Ich zwing dich, den Zaun am Schrebergarten zu reparieren! Und Unkraut zu jäten!

Was für Unkraut, Mama? In deinem Garten wachsen doch seit Jahren nur Rosen, Erdbeeren und Johannisbeeren!

Für dich pflanze ich extra Kartoffeln!

Lass mal, ich erzähle ja schon!

Je länger Hedwig Paulsen ihrem Sohn zuhörte, desto höher wanderten ihre sorgsam gezupften Brauen. So etwas hatte sie von ihrem Sohn wirklich nicht erwartet! Was sollte sie nur damit anfangen? Nur eines war sicher: Jens war diesmal ernsthaft verliebt, nicht nur so eine Laune. Und als er sagte, es ist kompliziert, war das noch eine Untertreibung. Die Fragen, die ihr durch den Kopf schossen, blieben fürs Erste unbeantwortet.

Und sie, ist sie einverstanden?

Noch nicht, sie sagt, sie will mir das Leben nicht verkomplizieren.

Na so was. Hast du ein Foto?

Jens zog sein Handy aus der Tasche, blätterte in der Galerie und reichte es seiner Mutter.

Hier, das ist Annegret.

Hedwig setzte die Lesebrille auf und schaute sich das Bild genau an. Eine sympathische Frau, vielleicht Anfang dreißig, blickte sie an. Helles, zerzaustes Haar, kaum geschminkt, das ganze Bild strahlte eine wohlige Ruhe aus. Jens hatte sie offenbar in einem Park erwischt nackte Baumäste rahmten ihr Gesicht ein, auf den Zweigen zeigte sich zart das erste Grün: Der Frühling hielt Einzug. Neues Leben… Man spürte förmlich die Einladung, diese zarte Schönheit behutsam zu behandeln, damit sie sich entfalten konnte.

Du warst schon immer talentiert! Dein Vater sagte immer, hättest du nicht die Bundeswehr gewählt, wärst du bestimmt ein großer Fotograf geworden. Ein so kleiner Moment und so viel Bedeutung… Gut gemacht, mein Sohn! Hedwig gab Jens das Handy zurück und stellte die große Frage: Wann lernen wir sie denn kennen?

Sobald sie einwilligt. Mama

Jens, warum zitterst du wie ein Blätter im Wind? Ich werde ihr doch nichts tun! Oder hast du gedacht, ich würde darauf warten, dass du mir ein junges Mädchen bringst, blutrot vor Scham? Klar bist du ein toller Kerl, aber eine Frau zu erziehen bist du zu alt! Wenn die Frau bereits Lebenserfahrung hat, ist das doch normal. Viel wichtiger ist, wie ihr zusammen auskommt. Aber das musst du eh selbst herausfinden. Nur eins, mein Lieber: Mit ihr leben wirst du, nicht ich!

Jens zog sich zurück, und Hedwig Paulsen machte sich langsam fertig.

Waldi musste raus, und Moritz hatte kaum noch Futter. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Und nebenbei konnte sie sich die Gedanken durch den Kopf gehen lassen.

Hedwig wusste, die erste Begegnung mit ihrer zukünftigen Schwiegertochter konnte nicht mehr lange dauern. Kaum jemand widerstand dem Charme ihres Jens ein echter deutscher Recke: groß, attraktiv, mit feinsinniger Ironie. Aber leider zeigte Jens diesen Teil von sich nicht jedem.

Hedwig seufzte. Die Zeit der Unsichtbarkeit zog sich. Seit Jens Frau weg war damals unschön, einfach abgehauen war es, als ob die Zeit in ihrer Familie stillstand. Jens konnte sich den Verlust des Kindes nie verzeihen, und Hedwig machte sich stets Vorwürfe, dass sie nicht eingeschritten war. Auch wenn ihr klar war, sie hätte ohnehin nichts ändern können der Schmerz blieb.

Die Geschichte von Jens und Gabriele war so alt wie die Zeit. Zwei junge Menschen, die auf niemanden hörten, die nur einander sahen… Dann folgte die ernüchternde Erkenntnis: So kann es nicht weitergehen, es gibt etwas Anderes, etwas Wichtigeres. Und alles, was war, wurde vergessen, als ob es nie existierte. Gabriele erklärte einmal eiskalt:

Es war nie etwas. Immer leer, bedeutungslos.

Wieso dann all das?

Einfach so. Jeder erwartete, dass ich heirate. Ohne Trauschein bist du nichts. Überall hörte ich das. Aber niemand fragte je, was ich selbst will! Ich will leben! Nicht nur existieren. Neben dem Menschen, den ich liebe, und nicht, weil es andere erwarten!

Sie hatte fast geschrien, dabei Tränen wegwischend, die sie nicht einmal bemerkte. Hedwig, plötzlich voller Mitleid für dieses verdutzte Mädchen, bedauerte es beinahe wie ihren eigenen Sohn aber vor allem das ungeborene Kind, das nie zur Welt kam.

Mit Gabrieles Weggang verschwand etwas Grundlegendes aus Jens. Er verlor seine Sicherheit, suchte verzweifelt nach Antworten, fand aber keine. So stürzte er sich mehr und mehr in seine Arbeit, war monatelang im Ausland. Hedwig stellte keine Fragen mehr, sondern betete jede Nacht, er möge gesund zurückkehren.

Inzwischen war sie selbst allein. Verwitwet… Ein seltsames Wort. Als würde jemand einen Stein unter einem Gebäude herausziehen, und plötzlich merkt man, dass man gefährlich balanciert. Aber aufgeben konnte sie nicht. Jens brauchte sie.

So lebten sie weiter, stützend, einer den anderen.

Von Glück für Jens wagte Hedwig kaum mehr zu träumen. Sie wusste, dass es Frauen in seinem Leben gab, doch nie wurde etwas daraus. Ihre Angst war, dass niemand je sein Herz berühren könnte. Enkelkinder erwartete sie nicht mehr. Sie wollte einfach, dass Jens irgendwann wieder lachen könnte so viel Herzlichkeit war noch in ihm, unerkannt und ungelebt.

Waldi zerrte plötzlich an der Leine, bellte empört einen vorwitzigen Spatz an und Hedwig musste schmunzeln: Was dachte sie sich da? Systemabsturz, hätte der Nachbarsjunge gesagt der war ihr ständiger Computerretter.

Benni, du bist erst zwölf! Wie kennst du dich so aus?

Tante Hedwig, das ist doch Kinderkram! Für Einsteiger eben!

Für wen?!

Na “Einsteiger”, so nennt man Technikneulinge aber das ist nichts Schlimmes! Meine Uroma bekommt beim Computer Furcht sie meint, der frisst ihr das Gehirn!

Eine echte Gruselgeschichte!

Wie im Fernsehen! Wenn meine Oma mal ein Drehbuch schreiben würde alle würden Bauklötze staunen! So, ich habe dir die neue Strick-App installiert, und deine Spiele auch, Tante Hedwig.

Wo? Hedwig sah sich suchend um und Benni prustete los.

Nicht da! Ach, sie sind so herrlich komisch, Tante Hedwig!

Na gut, ich bleib Anfänger Hauptsache, der Deckel hält!

Benni erinnerte Hedwig an Jens als Kind: genauso hilfsbereit, neugierig und schlau. Und immer wieder schoss ihr durch den Kopf: Hätte damals Gabriele sich nicht so entschieden, wäre ihr Enkel nun auch schon fast zehn…

Hedwig dachte an Annegret und konnte nicht glauben, dass eine Frau mit so viel Wärme im Blick schlecht sein könnte. Ihr Eindruck war eindeutig, da war ein Funken im Blick, ein ehrliches Lächeln.

Entschlossen griff sie Waldi, der Park konnte warten. Als sie die Tüte von unterwegs auspackte, sprang Moritz sofort vom Sofa.

Und, Moritz? Sieht das gut aus? Ja, du Genießer! Es gibt noch viel zu tun, aber wir schaffen das!

Am Ende hatte Annegret doch zugestimmt nach langen Gesprächen, fast ein ganzes Jahr lang. Jens strahlte bei jedem Besuch so, dass Hedwig erklärte:

Bald sparen wir uns die Glühbirnen, Sohnemann!

Aber zur ersten Begegnung redete sie ihm nicht mehr rein, wartete, bis er selbst einen Termin vorschlug.

Es wurde Weihnachten, die Tüte vom Spaziergang war fast leer, das Geheimnis wartete in ihrer Kammer auf seinen Einsatz.

Wie jedes Jahr feierte Jens Silvester mit seinen Freunden, aber Weihnachten verbrachte er mit seiner Mutter. Dieses Mal rief er einige Tage vorher an und fragte:

Mama, hättest du was dagegen, wenn wir mit Annegret zu dir kommen?

Nach diesem Anruf legte Hedwig los: Moritz flüchtete unters Bett, Waldi rannte aufgeregt in der Wohnung herum, zwischen Staubsauger und ihren Beinen kreuzend. Dann war alles vorbereitet, Hedwig richtete sich her und setzte sich mit verschränkten Händen an den Tisch.

Moritz kam langsam zum Vorschein, setzte sich neben ihre Füße, schob Waldi sacht zur Seite.

Was ist los? Hedwig lächelte ihren beiden Tieren zu.

Vier neugierige Augen blinzelten synchron sie spürten, dass ihre Bezugsperson nervös war. Wachmannschaft mit Schwänzchen, sagte Jens lachend, er würde ihnen die Mutter lieber anvertrauen als sich selbst.

Hedwig streichelte zuerst Moritz, dann Waldi. Tiere sind Tiere, aber wie viel Freude, wie viel Trost spenden sie… Hedwig erinnerte sich noch, wie sie einst unfreiwillig Besitzerin von Waldi wurde.

Herr Gottfried Müller wohnte im Nachbarhaus. Sie waren keine Freunde, Müller war eher wortkarg. Keine Familie, keine Kinder nur Waldi. Den kleinen Welpen hatte er zitternd am Müllhaufen gefunden, halb blind, halb verhungert. Der alte Junggeselle nahm das Bündel auf, pflegte ihn, Waldi wurde Müllers Familie. Der wortkarge Nachbar wurde freundlicher, erzählte jedem bereitwillig von Waldis Abenteuern. Manche hörten zu, andere beeilten sich weiter, aber Müller störte das nicht Waldi gab seinem Leben Sinn.

Hedwig freute sich, dass sie nun jemanden hatte, dem sie Suppenreste und Knochen geben konnte. Herr Müller bedankte sich jedes Mal herzlich, seine Töpfe blitzten danach wie neu.

So sauber waren meine Töpfe noch nie!

Das ist das Mindeste, was wir Waldi und ich Ihnen zurückgeben können, liebe Frau Paulsen!

Als Herr Müller plötzlich verstarb, brach das Chaos los Waldi jaulte unaufhörlich. Hedwig, die übers Wochenende in der Kleingartenanlage war, organisierte alles Nötige, als sie zurückkam. Niemandem war aufgefallen, dass Herr Müller fehlte. Alle schimpften auf Waldi, doch keiner hatte die Polizei oder einen Arzt geholt.

Nach der Beerdigung nahm Hedwig Waldi zu sich. Er wich wochenlang kaum von ihrer Seite, schlief nur auf dem Teppich neben ihrem Bett und sprang bei jedem Geräusch auf, suchte ihre Nähe.

Was bist du denn so erschrocken, Waldi? Keine Angst! Mir geht es gut, ich lebe länger als dein Frauchen, du wirst schon sehen, Enkel will ich auch noch.

Waldi wurde erst ruhiger, als Moritz kam. Nicht Hedwig, sondern Waldi, so behauptete sie gerne, hatte den Kater adoptiert gefunden im Park, eingepackt in ein zugebundenes Kopfkissen. Moritz, ein roter Winzling, war der einzige Überlebende eines Wurfs, die anderen waren schon tot, trotz aller Mühe.

Siehst du, Waldi? Du bist jetzt Mutter! Jetzt weißt du mal, wofür es sich lohnt, zu leben.

Für Waldi und Moritz machte sie aus einem alten Korb ein Lager, fürchtete nachts nicht mehr, auf ihren tapferen Hund zu treten beim Aufstehen. Alles hatte nun seinen Platz: Hedwig im Bett, Waldi und Moritz im Eckchen.

Jens lachte herzerwärmend über die Gespräche, die Hedwig mit ihren Tieren führte.

Mama! Du redest mit ihnen, als wären es Menschen!

Ach, Jens, manchmal versteh ich die beiden besser als echte Menschen. Sie haben kluges Köpfchen!

Jetzt schaute sie die beiden Tiere wieder an: Wir bekommen Besuch. Wichtig. Prüfen wir mal, ob unser Jens gut aufgehoben ist, ja?

Das Klingeln an der Tür ließ Hedwig erschrocken aufstehen.

Da sind sie Benehmt euch, ja? Stellt mich nicht bloß!

Jens kam herein, füllte den ganzen Flur mit seiner Statur und stellte einen Kiste Clementinen ab.

Frohes neues Jahr und frohe Weihnachten, Mama! Er küsste sie auf beide Wangen und machte Platz.

Die Frau, die nun vor ihr stand, war die von dem Foto. Die gleichen leuchtenden, sanften Augen, das zurückhaltende Lächeln. Zwei Kinder, ein etwa achtjähriger Junge und ein jüngeres Mädchen, schauten neugierig zu Hedwig.

Herzlich willkommen Hedwig vergaß alles Vorgeplante, aber das war gar nicht nötig.

Das Ankommen, die winterlichen Jacken, die ausgelassene, fröhliche Stimmung. Alles lief seinen natürlichen Lauf.

Nach dem Essen zogen die Kinder ein Spiel aus der Tasche, und Hedwig musste herzlich lachen, wie Jens sich als Frosch gab, sodass Waldi und Moritz erschreckt unter den Tisch sprangen.

Mama, so benimmt man sich nicht!

Was denn, Sohn?

So über den eigenen Sohn zu lachen!

Ach geh, du! Ich räum lieber ab und dann gibts Tee. Ich hab Napoleonschnitten und Eclairs gemacht.

Nicht schlecht! Jens wurde gleich lebhafter, und Hedwig zwinkerte Annegret zu, die half, den Tisch abzuräumen. Immer schon eine Naschkatze! Als Kind hat er fast eine ganze Torte allein gegessen.

Echt? Annegret musste lachen. Ist ihm nicht übel geworden?

Und wie! Fast einen Tag lang hat er gekämpft. Aber klüger ist er dadurch nicht geworden, und die Lust auf Süßes blieb ihm bis heute!

Annegret lächelte Jens an und folgte Hedwig in die Küche.

Darf ich helfen? Ich weiß, an ihrer Küche hat eigentlich nur eine Frau zu stehen, aber ich dachte, Sie sind vielleicht ein wenig erschöpft.

Du hast recht, ich bin wirklich erschöpft und nervös. Solch ein Tag kommt nicht oft im Leben. Hedwig ließ sich auf einen Stuhl sinken.

Ich auch!

Hast wohl genug Geschichten von bösen Schwiegermüttern gehört?

Ja, aber ich glaub da nicht dran.

Warum?

Ich hatte schon zwei Schwiegermütter beide waren wundervoll.

Also werde ich die Dritte?

Annegret wurde kurz still, legte die Teller vorsichtig ab.

Ist das in Ordnung? Hedwig? Darf ich so zu Ihnen sagen? Meine ältere Schwester hieß auch Hedwig, sie ist nicht mehr unter uns. Ich würde mich freuen, den Namen oft bei uns im Haus zu hören.

Natürlich Annegret lächelte und trocknete die Hände.

Was beschäftigt dich? Hedwig wollte nicht drum herum reden sie spürte, Annegret war eine ehrliche Frau.

Nicht Sie, falls Sie das meinen. Ich habe Angst vor Veränderungen. Es ist einfach alles so anders.

Erzähle mir davon. Wenn du magst. Ich glaube, dann wird es für alle leichter.

Gut Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Über mich zu reden, fällt mir schwer.

Fang mit den Kindern an. Das ist einfacher.

Schon recht. Wie Sie sicher gemerkt haben, sie haben verschiedene Väter. Florian ist vom ersten Mann. Mein Mitschüler. Wir saßen fünf Jahre nebeneinander. Meine Familie zog nach München um, mein Bruder kam ins Gymnasium, ich in die normale Schule. Und dann Sie kennen das: Klassische Geschichte Mädchen mit Notenmappe, Junge mit Fußball, und der Ball sorgte immer für Ärger. Egon wuchs bei seiner Mutter auf, der Vater hatte sie verlassen, alles allein gestemmt.

Wie traurig! Hedwig trocknete eine Tasse ab.

Ja, die Mutter schmiss sie samt Kindern raus hätte die Nachbarschaft ihr nicht geholfen, wäre sie obdachlos gewesen.

Konnte sie die Wohnung behalten?

Ja, mit Hilfe, sogar Unterhalt wurde eingeklagt. Sie hat sich immer durchgebissen.

Hast du dich getrennt oder?

Nein, er war Fernfahrer. Verunglückt auf der Autobahn bei Nürnberg. Annegret wischte sich kurz übers Gesicht, lächelte aber. Ich habe ihn sehr geliebt. Florian ist sehr nach dem Vater, nicht nur äußerlich. So ein Kind gibt es wohl nur aus Liebe Er ist mein Glück, mein Stolz.

Hat er noch Kontakt zur Oma?

Und zur Tante! Wir sind noch alle eine Familie. Ohne Egons Mutter hätte ich es nie geschafft mit dem kleinen Florian. Und mit dem großen auch nicht. Er ist immer der Jüngste, sieht jünger aus als Klassenkameraden.

Ja, ich dachte auch, er sei erst acht oder neun.

Er ist zwölf. Es ist nicht einfach, aber Egons Mutter weiß damit umzugehen. Sie ist mein Fels.

Wer?

So nenn ich sie: Mein Fels. Wissen Sie, wenn man so erschöpft ist, dass man sich kaum noch auf den Beinen halten kann, reicht es, sich kurz gegen eine sichere Wand zu lehnen. Dann kommt die Kraft zurück. Egons Mutter sagt immer, dass ich ihr Halt sei, aber glauben Sie ihr das nicht! Es ist umgekehrt.

Annegret trocknete die Spüle.

Und deine Tochter?

Mia ist von meinem zweiten Mann. Seine Mutter hat uns zusammengebracht, als Florian fünf war sie arbeitete mit Jonas Mutter zusammen. Die Schwiegermütter haben uns verkuppelt, sozusagen. Es dauerte, wir waren beide kreativ, temperamentvoll Jonas ist Künstler. Ein Riesentalent! Mia ist ganz der Vater, schon als Kleinkind zeichnete sie im Bad mit Fingerfarben. Jetzt ist sie in der Kunstschule, jünger als die anderen, aber die Lehrer sind begeistert kein Wunder bei einem solchen Vater.

Lebt er noch?

Gott sei Dank! Sie klopfte traditionell dreimal auf den Holzbrottopf. Topfit, kreativ, aber als Familie hat es nicht funktioniert. Wir waren einfach zu verschieden. Die Geburt von Mia hat ihm viel abverlangt, plötzlich war da keiner mehr zum Arbeiten daheim, er war überfordert. Also beschlossen wir, Freunde zu bleiben und Mia gemeinsam, aber in getrennten Wohnungen aufzuziehen.

Hattet ihr eine Anlaufstelle?

Nein, aber Jonas Mutter nahm uns bei sich auf. Später überließ sie mir eine Wohnung, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte auf die Kinder geschrieben.

Nahm sie auch Florian an?

Ja, selbstverständlich. Beide Schwiegermütter waren echte Mütter ich wusste bis dahin gar nicht, was das bedeutet.

Du bist also ein Waisenkind?

Nicht ganz. Mein Vater und mein älterer Bruder haben mich großgezogen meine Mutter starb bei der Geburt, Großmütter gab es nicht. Deshalb bin ich vielleicht ein bisschen schräg geraten. Während die Mädchen Puppen hatten, schraubte ich am Motorrad herum und lernte schießen. Später hat mein Vater darauf bestanden, dass aus mir noch eine Dame wird ich war nicht begeistert! Aber rückblickend bin ich ihm sehr dankbar für Musikschule, Kultur, Klavier. Ohne ihn wäre ich heute nicht Musiklehrerin.

Was arbeitest du eigentlich, Annegret?

Ich unterrichte Gesang an der Musikhochschule.

Plötzlich richtete sich Annegret auf, atmete tief durch dann füllte ihre klare Stimme die Küche:

Die Liebe hat Flügel, das Leben erhebt so hell und frei sang sie, dass Hedwig ganz vergaß, wo sie war. Es klang nach Theater, nicht nach Küche.

Das ist also mein Beruf! Ich bringe anderen das Singen bei. Sie setzte sich wieder und schaute Hedwig offen an. Habe ich alle Fragen beantwortet?

Ja, danke, mein Kind! Ich bin wirklich froh, dass du so offen warst.

Ich habe ja meinen Sohn. Und im Stillen graut mir schon vor später werde ich dann eine schlimme Schwiegermutter?

Was erwartest du denn von einer Schwiegertochter?

Ohne zu zögern antwortete Annegret, so als hätte sie sich das schon oft überlegt:

Hauptsache, sie liebt mein Kind alles andere ist nebensächlich.

Genau so sehe ich das auch.

Hedwig blickte Annegret prüfend an, diese nickte ernst und sagte dann leise:

Ich liebe Jens.

Waldi bellte und sprang im Wohnzimmer herum, Moritz miaute laut, und Hedwig erhob sich.

Es wird Zeit für den Tee.

Gegen Abend, als vom Napoleonkuchen kaum noch etwas übrig war, brachte Hedwig ein paar kleine Päckchen aus dem Schlafzimmer.

Was ist das? Mia klatschte begeistert, zupfte am roten Band ihres Geschenks.

Mach mal auf, ich hoffe, es gefällt euch.

Schneeweißer Schal und Mütze für Annegret, das gleiche Set nur kleiner und mit blauen Schneeflocken für Mia. Florian zog einen schwarzen Schal hervor und jubelte:

Mama, schau mal!

Annegret lächelte und wickelte sich den Schal um den Hals.

So weich!

Und warm ihr werdet nie frieren! Hedwig richtete Mias Mütze und lächelte. Schön?

Sehr! Mia umarmte sie so herzlich, dass Hedwig kurz überrumpelt war, bevor sie sie erwiderte. Danke!

Danke! stimmte auch Annegret ein. Ich kann überhaupt nicht stricken. Wollte es immer lernen, aber niemand hat es mir beigebracht.

Dann üben wir nächsten Sommer auf der Gartenlaube miteinander.

Blicke trafen sich, und Hedwig wusste: Jetzt kann sie ruhiger schlafen. Nun, wo sie zwei Enkel gleichzeitig bekommen würde, wird es keinen Mangel an Aufgaben geben. Natürlich musste sich noch vieles einspielen, aber das Wichtigste war erreicht: Sie liebten denselben Menschen, jeden auf seine Weise. Das bedeutete, sie würden alles daran setzen, dass er glücklich wird denn dann würde auch ihr eigenes Glück wachsen. So musste es sein. Und Hedwig war bereit, alles dafür zu tun, dass ihr Sohn eine Familie bekommt, und diese Frau, die ihr Gesicht in die weiße Wolle vergräbt, Jens jedes Mal anlächelt, wenn er nach Hause kommt.

Und zwei Jahre später stemmt sich Annegret mühsam aus dem Schaukelstuhl auf der Veranda der alten Gartenlaube, fasst sich an den Rücken, hält den großen Bauch und ruft ihre Lieben:

Mama Hedwig, Mia, wo seid ihr?

Ein von den ersten Erdbeeren verschmiertes Mädchengesicht schaut um die Hausecke und Mia winkt:

Hier, komm zu uns!

Barfuß stapft Annegret den Weg entlang, geht ums Haus, reicht Hedwig zwei selbstgestrickte Baby-Schühchen:

Und, was meinst du?

Hedwig dreht die winzigen Schuhe in den Händen, nickt ernst und sagt nur:

Hervorragend!

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Homy
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