Ich hätte nie gedacht, dass fünf Minuten Warten mein Leben verändern könnten – doch genau das ist mir passiert.

Ich hätte nie gedacht, dass fünf Minuten des Wartens mein Leben verändern könnten. Doch genau das ist geschehen.

Alles begann vor vielen Jahren, vor drei Jahrzehnten. Ich erinnere mich noch daran, wie ich sie zum ersten Mal an der Haltestelle in München sah. Nun, verfolgen wäre übertrieben die alte Dame näherte sich mit ihrem Gehstock, zog das rechte Bein unsicher hinter sich her und winkte mir zu, als hänge ihr ganzes Glück davon ab.

Natürlich hielt ich an.

Ach, danke dir, mein Junge, keuchte sie und hielt sich am Geländer fest. Die alten Knochen sind eben nicht mehr das, was sie einmal waren.

Nur keine Sorge, setzen Sie sich ruhig, antwortete ich, damals noch junger Busfahrer.

Von diesem Tag an wurde sie zu einer Stammfahrerin. Jeden Dienstag und Freitag wartete ich an der gleichen Haltestelle sei es, weil sie zum Arzt musste oder ihre Schwester im Altenheim besuchte. Immer das gleiche Bild: Sie kam stets im letzten Moment, gerade als ich schon abfahren wollte.

Beim zweiten Mal sah ich sie im Rückspiegel langsam näherkommen. Mein Kollege neben mir murmelte:

Fahr los, wir liegen schon hinter dem Fahrplan.

Ich drehte mich aber noch einmal um: Da kam sie, in ihrem moosgrünen Mantel, die Tasche fest im Arm.

Wir warten, sagte ich ruhig.

Dafür kannst du Schwierigkeiten bekommen…

Ich zuckte die Schultern. Dann sei es so.

Sie stieg ein, lächelte mich mit ihren hellen Augen an und flüsterte leise:

Du bist ein Engel.

So wurde es zu unserem kleinen Ritual: Immer dienstags und freitags wartete ich, wenn sie noch nicht da stand. Dreißig Sekunden, eine Minute, manchmal zwei so lange es eben dauerte. Kein einziger Fahrgast beschwerte sich. Die Leute mochten sie. Einige reckten sogar neugierig die Köpfe aus dem Fenster:

Da kommt sie!

Mit der Zeit begann sie, selbstgebackene Plätzchen für mich mitzubringen.

Die hat meine Enkelin gebacken, sagte sie dann mit einem zwinkernden Lächeln. Ganz geglaubt habe ich es nie.

Eines Freitags im Juli kam sie nicht. Und auch dienstags nicht. Eine Woche verging, dann noch eine. Ich hielt trotzdem immer an ihrer Ecke, sah gespannt hinaus aber sie blieb fern.

Sie ist sicher krank, meinte eine Dame aus der Nachbarschaft, die ich oft chauffierte. In ihrem Alter…

Erst nach drei Wochen sah ich sie wieder. Nun ging sie noch langsamer, gestützt auf einen Rollator. Kurz entschlossen stieg ich aus und ging ihr entgegen.

Geht es Ihnen gut? fragte ich vorsichtig.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Ich war im Krankenhaus. Aber ich habe meiner Tochter gesagt, dass ich unbedingt noch einmal in deinen Bus steigen muss.

Ich half ihr hinein. Der ganze Bus spendete Beifall.

Letzten Dienstag war mein letzter Arbeitstag auf dieser Linie. Nach über dreißig Jahren Dienstzeit ging ich in den Ruhestand. Als ich an besagte Haltestelle kam, war sie nicht allein. Viele Menschen standen dort Fahrgäste aus all den Jahren, Nachbarn, sogar der Bäcker vom Eck.

Sie trugen ein Banner:
Danke dir. Du hast uns gezeigt, dass Freundlichkeit nie zu spät kommt.

Ich stieg aus und verstand erst nicht, was geschah. Sie näherte sich langsam, gestützt auf ihre Enkelin, und umarmte mich.

So oft hast du auf mich gewartet, sagte sie mit warmer Stimme. Heute warten wir auf dich.

Man hielt Reden, es gab ein neues Schild. Die Haltestelle sollte von nun an meinen Namen tragen Haltestelle des Mannes, der immer wartet.

Meine Stimme zitterte, als ich sprach:

Ich… ich habe nur gewartet. Das ist doch nichts Besonderes.

Da rief jemand aus dem Hintergrund:

Doch! In dieser Stadt rennen alle aber keiner wartet!

Wieder klatschten alle.

Am Abend erzählte ich meiner Frau davon. Sie lächelte und meinte:

Deshalb liebe ich dich. In einer Welt, die immer hetzt, wusstest du immer, wann es Zeit ist, stehenzubleiben.

Das Schild steht nun zwischen den Fotos unserer Kinder. Doch das, was ich wirklich im Herzen bewahre, ist etwas anderes ihr Lächeln, jedes Mal beim Zusteigen, und ihr leises Danke, mein Junge.

Die Leute sagen, ich hätte etwas Besonderes getan. Ich habe nur gewartet.
Und manchmal denke ich, genau das ist vielleicht das Außergewöhnlichste, was wir tun können auf jemanden warten, auch wenn die Welt sagt, man solle weiterfahren.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: