Herr Thomas öffnete die Augen und staunte nicht schlecht: Auf seinem Schoß saß ein schmutziger, grauer, dünner wie ein Schaschlikspieß Kater. Die Ohren standen frech in alle Richtungen auf dem kleinen Kopf. Das Katerchen stellte sich auf die Hinterpfoten und schmiegte das Gesichtchen an seines
Herzfehler gehören zu den schlimmsten Diagnosen. Wenn es richtig kritisch wird, bleibt meist nur noch eine Herztransplantation als Option. Und bis endlich ein passender Spender gefunden ist, überbrücken die Patienten die Zeit mit Operationen oder bekommen kunstvolle Geräte eingepflanzt, die das lahmende Herz irgendwie am Laufen halten.
Doch selbst mit all den modernen Methoden ist es oft so, dass Menschen mit angeborenen Herzfehlern das Erwachsenenalter gar nicht erreichen.
Bei Thomas war alles anders.
Er lebte immerhin bis zu seinem fünfunddreißigsten Geburtstag für die Ärzte schon fast ein Wunder. Jedes Jahr Krankenhaus, immer wieder Untersuchungen, neue Operationen: Das war längst zum Alltag geworden. Mal gabs ein Implantat, mal wurde das Herz repariert, und immer hofften alle, dass es noch ein bisschen weitergehen möge.
So schleppte er sich eben durch anders kann man es nicht nennen. Denn wie will man das Leben nennen, wenn man eigentlich nur noch auf das nächste Organ, den nächsten Eingriff oder das Ende wartet? Familie hatte er nie gegründet. Erstens fand sich keine Frau, die auf Dauer mit dem Damoklesschwert leben wollte. Und zweitens wollte er auch niemandem zur Last fallen. Die Eltern waren schon gegangen, der Rest war Schweigen.
Das jährliche Einchecken auf Station wurde zu einer Art Ritual. Doch diesmal lief alles anders.
Der Arzt, Herr Dr. Schneider, blätterte nervös in seinen Papieren, tippte im Computer herum und seufzte dann so schwer, dass auch Thomas schlucken musste. Dann räusperte sich der Arzt und sagte:
Sie sollten ihre Angelegenheiten regeln. Wenn es etwas zu vererben gibt, jetzt ist der Moment. Und besuchen Sie nochmal Ihre Verwandten
Dr. Schneider sah ihm nicht in die Augen.
Wir hoffen immer noch auf ein Spenderherz, aber das ist reine Glückssache. Ihr Zustand ist sehr ernst. Weitere Operationen helfen leider nicht mehr. Wir könnten Sie auf Intensiv legen und an die Geräte anschließen, aber dann kommen Sie hier auch nicht mehr raus bis zur Transplantation. Wann ein Herz kommt dafür gibt es keinen Plan.
Thomas schwieg. Er war ausgelaugt die Angst, das ewige Warten, die zermürbende Unsicherheit all das hatte ihn fast erstickt. Das Leben? Eigentlich war es das ja nicht mehr wirklich. Aber er lächelte tapfer und sagte:
Machen Sie sich keine Sorgen. Ich hab schon länger beschlossen: Ich geh auf Reisen.
Der Arzt hob entsetzt den Blick:
Sie dürfen auf keinen Fall weit weg! Falls ein Spenderherz auftaucht? Wir könnten nicht helfen!
Aber Thomas stand schon auf und verließ das Zimmer. Er konnte das Krankenhaus einfach nicht mehr ertragen, keine Termine, keine ständigen Einschränkungen. Also machte er sich auf den Weg ins Reisebüro. Sein letzter großer Traum war Venedig: Die Stadt auf dem Wasser, einmal durch die Gassen schlendern, eine Runde mit der Gondel drehen
Als ihn draußen in München auf einer Bank im Englischen Garten die Schwäche überkam, musste er sich setzen. Er atmete langsam, die Sonne blitzte durch das Laub, und er blinzelte ins Licht Dann passierte das, was keiner erwartet hatte:
Etwas Winziges hüpfte auf seinen Schoß. Thomas öffnete die Augen da kauerte nun wirklich ein schmuddeliges graues Katerchen, Ohren wild abstehend, auf seinen Knien! Es stellte sich auf die Hinterbeine, schmiegte sich mit seinem kleinen Gesicht an Thomas Wange.
Entschuldigung, erklang es plötzlich neben ihm.
Eine Frau Mitte dreißig, mit zerzausten Haaren und einem Hauch von Verzweiflung, stand neben der Bank.
Ich wollte das Katerchen gerade abholen, habs doch durch halb München gesucht und dann läuft es ausgerechnet zu Ihnen! Sie behalten es doch nicht? Bitte, geben Sie ihn mir zurück.
Thomas grinste, hob das Katerchen hoch, aber der Winzling krallte sich fest und maunzte kläglich. Thomas ließ locker.
Na, Kleiner Ich kann dich doch nicht behalten, ich weiß ja selbst nicht, ob ich morgen noch aufwache. Geh zu der netten Dame.
Die Frau setzte sich zu ihm, sah ihn an und fragte ganz leise:
Warum sind Sie sich nicht sicher, ob Sie morgen noch leben?
Das hätte Thomas selbst überrascht. Aber plötzlich erzählte er ihr alles: Von der Kindheit an, die Gespräche mit dem Arzt, der ewige Kampf und seinen Traum von Venedig. Während er sprach, schlief das Katerchen auf seinem Schoß ein fest umklammernd mit winzigen Krallen. Die Frau kämpfte mit den Tränen.
Entschuldigen Sie ich wollte Sie nicht traurig machen, stotterte Thomas verwirrt.
So! sagte sie plötzlich und stand auf. Nach Venedig fahren Sie auf alle Fälle. Aber heute
Heute kommen Sie erst mal mit zu mir, ich hole alles für das Katerchen und dann zu Ihnen. Irgendwie hat er Sie sich ja ausgesucht, ob Sie wollen oder nicht.
Thomas stand auf, reichte ihr einen Schlüssel.
Das ist meine Wohnung. Falls mir etwas passiert nehmen Sie das Katerchen.
Ihnen passiert nichts!, sagte sie fest. Jetzt haben Sie doch einen Grund zu leben.
Sie gingen gemeinsam durch den Park, redeten und lachten. Und zum ersten Mal im Leben hörte Thomas auf, angestrengt auf sein Herz zu lauschen. Die Schwäche war wie weggeblasen.
Keine Sorge, ich verschone Sie mit Details. Das Wesentliche:
Thomas lebte noch zwanzig Jahre. Zwanzig glückliche Jahre.
Er und die Frau, die übrigens Henrike hieß, bekamen zwei Söhne. Sie fuhren als Familie nach Venedig, glitten mit der Gondel durch die Kanäle, hörten Musikanten, schlenderten im Mondschein am Ufer entlang. Venedig wurde ihr Familientraum, der wahr wurde. Von Krankenhäusern sprach Thomas nicht mehr.
Die Ärzte riefen ihn zwar weiterhin einmal im Jahr zur Kontrolle. Henrike schleifte ihn hin, Thomas jammerte:
Mir gehts blendend, lass mich bloß in Ruhe!
Aber: Den Sensenmann kann man nicht austricksen. Man kann ihn nur eine Weile vertrösten. Wenn man weiß, wofür.
Eines Nachts setzte sich der inzwischen uralte Kater zu Thomas auf den Schoß. Thomas verstand sofort. Leise stand er auf, damit Henrike nicht wach wird, und ging auf den Balkon. Die Münchner Mondnacht war unerwartet hell, wie nur für ihn allein.
Er setzte sich in den Sessel, drückte den Kater an sich und sagte:
Hab keine Angst. Ich bin bei dir. Ich hab dich lieb.
Der Kater sah ihm in die Augen, seufzte leise und schlief für immer ein.
Thomas streichelte noch über das Fell und blickte zum Mond.
So fanden sie die beiden am Morgen gemeinsam sitzend. Thomas schaute zum Himmel.
Sie wurden nebeneinander beigesetzt. Henrike sagte:
Ihre Herzen haben zusammen gelebt. Und sind zusammen stehen geblieben.
Sie schimpfte nicht mit dem Schicksal und nicht mit Gott. Die zwanzig Jahre, die sie geschenkt bekommen hatten, waren das größte Glück. Sie war dankbar der Welt, dem kleinen schmutzigen Kater, dem Mann mit dem kaputten Herzen, vor allem sich selbst dass sie nicht einfach vorbeigegangen war.
Wer weiß schon, wo ein Wunder beginnt?
So endete ihre Geschichte. Vielleicht nicht kitschig-fröhlich aber wer will behaupten, dass sie nicht glücklich war?
Ganz sicher nicht ich.





