Zufällige Benachrichtigung
Das Handy lag wie immer mit dem Display nach unten auf dem Nachttisch. Ich hatte nicht vor, es in die Hand zu nehmen. Ich wollte nur nach dem Glas Wasser greifen, streifte den glatten Kunststoffrand, und das Display leuchtete von selbst auf zufällig, so wie manchmal Dinge aufflackern, die besser im Dunkeln geblieben wären.
Ich las eine einzige Zeile. Nur diese eine, in einer Messenger-Benachrichtigung.
Ich vermisse dich auch. Heute war so schön. Deine Heike.
Zuerst verstand ich nicht. Starrte auf die Worte, eine Sekunde, noch eine, als wären sie in einer fremden Sprache verfasst, für deren Übersetzung ich Zeit bräuchte. Dann warf ich einen Blick auf meine schlafende Ehefrau. Katharina lag auf der Seite, das Gesicht zur Wand, die Schulter leicht erhoben, atmete ruhig und tief, so wie Menschen atmen, die eine reine Weste haben.
Deine Heike.
Heike. Heike Baumgartner. Freundin. Genau die, die vor drei Monaten Tapeten für das Kinderzimmer mit uns ausgesucht hatte. Die, die schon unzählige Male Tee in unserer Küche getrunken hat. Die, die letzte Woche bei mir anrief und darüber klagte, keinen vernünftigen Mann zu finden, dass sie das Alleinsein satt habe, weil alle gleich seien.
Vorsichtig nahm ich das Glas Wasser, trank, stellte es zurück. Stand vom Bett auf so leise, dass kein Dielenbrett knarrte verließ das Schlafzimmer, zog die Tür hinter mir zu. Ging in die Küche, schaltete nur das kleine Licht über dem Herd an, nicht das grelle Deckenlicht, weil mir die Augen ohnehin brannten. Wahrscheinlich brannten sie vom Inneren heraus.
Ich setzte mich an den Tisch und starrte auf die leere Tischplatte.
Draußen war Nacht, eine typische, nasse Herbstnacht in Hamburg, matschige Lichter auf der anderen Seite des Hofs. Der Wasserkocher stand noch da, mit dem Wasser von gestern. Ich machte ihn nicht an, saß einfach.
Heute war so schön.
Wann heute? Am Mittwoch kam sie nach Hause gegen halb acht, sagte, sie hätte mit Kollegen länger im Restaurant gesessen, sei müde, wolle schlafen. Ich wärmte ihr das Essen auf, das sie kaum anrührte, danach schauten wir etwas fern, sie schlief auf dem Sofa ein, ich deckte sie zu. Ich mit meinen eigenen Händen.
Ich presste die Finger auf den Rand des Tisches.
Paul schlief nebenan. Acht Jahre, schläft wie ein Stein, murmelt manchmal Unsinn über Autos oder die Schule. Morgen wollte ich ihn um neun zur Fußball-AG bringen. Brot kaufen. Meine Mutter anrufen, die ich seit vier Tagen nicht gesprochen hatte. Sicher war sie beleidigt.
Das Leben, das normale, verständliche, war in diesen Kleinigkeiten. Und darunter, stellte ich fest, lebte noch ein anderes Leben. Parallel. Mit anderen Nachrichten, anderen Abendessen, einer anderen Frau, die unterschrieb: deine.
Ich stand auf, trat ans Fenster. Auf der Fensterbank stand ein Topf mit Geranien. Ich mochte sie nie, goss sie aber stur, weil sie mal die Nachbarin vorbeigebracht hatte. Die Geranie war zäh, leicht staubig wie so vieles.
Ich dachte überraschend lang an diese Geranie. Dann ging ich zurück zum Tisch.
Ich musste etwas entscheiden. Oder auch nichts entscheiden. Ich wusste nicht, was besser war. In mir war alles still, eine Stille, die schneidend wird, bevor etwas explodiert. Kein Weinen, kein Schreien, nur diese Stille voller Schärfe.
Bis vier Uhr morgens saß ich so. Tat nichts, sah nur zu, wie gegenüber die Fenster nach und nach erloschen. Dann stellte ich endlich den Wasserkocher an. Machte Tee, trank ihn nicht aus. Spülte die Tasse. Ging zurück ins Schlafzimmer. Legte mich zu Katharina ins Bett, ohne sie zu berühren, starrte an die Decke.
Sie schlief.
Ihr Atmen war für mich plötzlich nicht mehr einfach Teil der Nacht, nicht mehr so unauffällig wie der Kühlschrank oder das Rauschen der Autos draußen. Jetzt hörte ich jedes Einatmen als hätte ich es zum ersten Mal wirklich wahrgenommen, und es war beinahe unerträglich.
Am Morgen stand ich vor ihr auf. Weckte Paul, machte ihm Haferbrei, den er nur widerwillig aß, weil er lieber ein belegtes Brot mit Wurst wollte. Ich machte ihm das Brot. Band ihm die Schnürsenkel, weil er es noch nicht schnell genug konnte, die Zeit drängte. Nahm seine Hand, verließ mit ihm das Haus.
Es war kalt draußen, roch nach nassem Asphalt und Laub. Paul plapperte etwas über den Matheunterricht gestern, die Lehrerin sei ungerecht gewesen, denn er hatte alles richtig, sagte sie aber nicht. Ich hörte zu, nickte, antwortete an den richtigen Stellen. Autopilot das konnte ich seit Jahren.
Wir kamen rechtzeitig zum Sport. Ich übergab Paul dem Trainer, stand noch eine Minute an der Tür, sah, wie er zu seinen Freunden lief, aus tiefstem Herzen lachte. Dann trat ich wieder hinaus.
Auf der Bank vor der Tür nahm ich das Handy. Suchte in den Kontakten Heike B. Starrte auf den Namen, legte das Handy wieder weg.
Jetzt nicht.
Noch nicht.
In den ersten Tagen dachte ich viel darüber nach, wie lange das schon ging. Schrieb im Kopf die letzten Monate noch einmal durch, wie alte Fotos, suchte Spuren. Hatte mich damals gefreut, dass meiner Frau meine Freundin gefiel. Nicht jeder hat so ein Glück, hatte ich da noch gedacht. Samstags hatten wir Stoffe für Gardinen ausgesucht, Heike und Katharina führten lange Gespräche in der Küche, während ich Paul ins Bett brachte. Ich fragte: Worüber? Sie sagte: Über Heikes Job als Architektin, ich wollte was zum Büro wissen. Ich nickte. Natürlich.
Natürlich.
Ich weinte nicht. Das überraschte mich selbst. Ich wartete auf Tränen, es kam nur Trockenheit im Hals und Kälte unter den Rippen. Ich aß, schlief, erledigte meine Aufgaben. Katharina bemerkte nichts. Fragte nach meinem Tag, küsste mich manchmal auf die Wange, wenn sie zur Arbeit ging. Ich hielt ihr die Wange hin.
Am vierten Tag rief Heike an.
Das Telefon vibrierte in der Hosentasche, ich las ihren Namen auf dem Bildschirm, stockte kurz. Atmete aus, nahm ab, sprach mit der gewöhnlichen Stimme.
Hallo Heike.
Hallo Martin! Wo bist du denn geblieben? Hab dir Montag geschrieben, keine Antwort.
Ganz normal, warm, so leicht schuldbewusst. Genau diese Wärme war jetzt kaum zu ertragen.
Tut mir leid, war viel los. Paul war etwas erkältet, log ich leicht und flüssig, war überrascht über mich selbst.
Ach du Schreck. Fieber?
Nein, nur ein Schnupfen.
Du machst mir Sorgen. Ich wollte fragen, ob wir Samstag was zusammen machen? Wir haben uns so lange nicht gesehen.
Ich starrte die Wand an. Da hing ein Foto von mir und Katharina an der Ostsee, sechs Jahre her, Paul war noch nicht geboren. Wir lachen, der Wind zerzaust unsere Haare. Gutes Foto.
Samstag wird schwierig, sagte ich. Ich sag dir gegen Ende der Woche nochmal Bescheid, ja?
Klar. Gehts dir sonst gut? Klingst irgendwie
Bin nur müde. Alles okay.
Wenn was ist, ruf bitte an.
Ich weiß, danke. Bis bald.
Ich legte auf. Stand auf. Ging zum Foto an der Wand, nahm es ab, legte es in die Schublade.
In der Nacht weinte ich endlich. Still, im Bad, mit laufendem Wasser als Geräuschkulisse. Weinte lang, hässlich, bis die Augen anschwollen und alles weh tat. Nicht mal, weil ich Katharina verloren hatte oder weil sie sich als jemand anderes entpuppte. Es war das andere um die Jahre, das Vertrauen, die einst so naive Hoffnung, um Paul, der in einer Familie groß werden würde, in der ein Elternteil gelogen hatte, und er das spät oder nie erfahren würde.
Ich wusch mir das Gesicht kalt. Sah mich im Spiegel an. Achtunddreißig, weder alt noch jung. Ein normales Gesicht mit dicken Augen. Ich dachte an den Job morgen. Lächeln.
Mir wurde klar: Ich konnte das nicht einfach laufen lassen. Konnte nicht zulassen, dass sie einfach weiter machen, so als wäre unsere meine, Pauls! Welt nur Hintergrund für ihr geheimes Leben. Das durfte nicht sein.
Ich ging zurück ins Schlafzimmer. Katharina schlief. Ich legte mich dazu.
Nachdenken.
Die nächsten zwei Wochen lebte ich in zwei Lagen. Nach außen alles wie immer: Arbeiten, kochen, Paul zur Schule bringen, mit Katharina sprechen, manchmal lachen. Unmerklich, dann wieder schmerzlich bewusst, dass ich kurz wirklich lebe, als sei alles normal.
Innerlich tat ich, was getan werden musste: beobachten. Keine Detektive, keine Scharaden, einfach Aufmerksamkeit. Wie sie das Handy nimmt und in den Flur geht. Wie sie ganz leicht lächelt, dann aufblickt und das Handy wegsteckt. Wieder ein Abend für Kundengespräche, wieder kommt sie spät und isst mein Essen nicht.
Eines Abends, sie war duschen, nahm ich ihr Handy. Kannte den Code: vier Ziffern, Pauls Geburtsjahr. Öffnete den Messenger, fand die Nachrichten mit Heike.
Las sie nicht alle, überflog sie nur, das reichte. Angefangen im Juli. Drei Monate. Während wir das Kinderzimmer strichen! Während ich bei meiner Mutter war, alleine, weil sie angeblich zu viel arbeitete.
Ich legte das Handy zurück, stellte mich in die Küche, schälte Zwiebeln für die Suppe. Schneidete sie ganz ruhig in Würfel.
Katharina kam aus dem Bad, Handtuch um, guckte in die Küche.
Oh, Suppe? Gut, ich hab Hunger.
In einer halben Stunde, sagte ich.
Alles war ruhig. Gleichmäßig. Zu gleichmäßig.
In dieser Nacht fasste ich einen Entschluss: Es musste ein gemeinsames Abendessen geben.
Nicht sofort. Ich wollte mich vorbereiten, kein Racheakt. Ich wollte sie beide an meinem Tisch, wollte in Ruhe das sagen, was gesagt werden musste. Ruhig, ohne Drama. Schreien bringt nichts, ich kannte die Mechanismen.
Am Freitagabend rief ich Heike an.
Heike, ich hab wegen Samstag überlegt. Komm doch einfach zu uns. Ich koche was Schönes, Katharina ist da. Wir hatten lange keinen Abend mehr zusammen.
Kurze Pause. So kurz, dass sie auffiel.
Gerne. Um sieben? Soll ich was mitbringen?
Nein, bring nichts mit.
Ich legte auf, sagte Katharina am Abend, dass Heike eingeladen war.
Sie drehte sich zu mir um, für einen Moment flackerte etwas in ihrem Gesicht.
Gute Idee, sagte sie.
Das war alles.
Ich wusste, sie würden sich gleich absprechen, sich verständigen, auf unauffällig machen. Das machte mir keinen Eindruck. Paul würde am Samstag zu meiner Mutter gehen das war geregelt.
Was ich kochen wollte, war mir wichtig. Nicht als Geste, sondern weil Kochen beruhigt. Ich entschied mich für Hähnchen mit Rosmarin und Kartoffeln, einen Salat mit Rucola und Birne (Heikes Favorit), und Apfelkuchen, meinen besten. Alles sollte schön sein.
Am Samstag brachte ich Paul zu meiner Mutter. Die fragte, warum ich so blass aussähe. Ich winkte ab, sagte, alles wäre gut. Gab Paul einen Kuss, fuhr zurück.
Zu Hause Stille. Katharina war weg, kam gegen drei, hatte Wein gekauft, ich bemerkte das Etikett.
Für den Abend, sagte sie.
Sie wirkte angespannt. Bewegte sich schnell. Schielte aufs Handy. Dann zwang sie sich, blieb ruhig, blätterte in einer Zeitschrift.
Ich bereitete das Essen zu. Der Duft von Rosmarin erfüllte die Wohnung. Ich öffnete das Fenster, ließ Herbstluft herein.
Um sechs Uhr deckte ich den Tisch. Drei Teller, drei Gläser. Keine Kerzen das hätte ich nicht ausgehalten. Einfach nur schön gedeckt, Blumen in der Vase.
Punkt sieben klingelte es.
Heike kam in einem neuen, dunkelblauen Mantel. Die Frisur saß. Ihr Parfum ich kannte es in- und auswendig. Sie brachte Pralinen mit, obwohl ich ausdrücklich gesagt hatte, sie solle nichts mitbringen.
Martin, bei dir ist es immer so gemütlich, sagte sie auf dem Flur.
Komm rein, schön, dass du da bist, murmelte ich. Und es war die Wahrheit, so absurd das war.
Katharina kam aus dem Zimmer. Sie begrüßten sich kühl, so, wie man es macht, wenn alle am Tisch Theater spielen.
Wir aßen.
Eine halbe Stunde lang Smalltalk. Heike erzählte von einem neuen Projekt, lustige Kundenwünsche für goldenene Schrankknöpfe. Katharina lachte, berichtete von ihren Kollegen. Ich schenkte Wein nach, hörte zu.
Es wurde dunkel. Ich machte die Lampe überm Tisch an, das schaffte eine heimelige, aber auch schmerzvolle Atmosphäre.
Nach dem zweiten Glas, während Heike sich gerade Salat nahm, sagte ich ruhig: Ich möchte etwas sagen. Bitte hört einfach zu.
Beide sahen auf. Heike mit der Gabel in der Hand, Katharina auf halbem Weg mit dem Glas.
Ich weiß Bescheid. Seit Juli. Ich habe die Nachrichten gelesen. Es reicht, ich muss das aussprechen.
Stille. Die Uhr in der Küche tickte unverschämt laut.
Katharina begann: Martin
Lass mich. Ich will nicht schreien. Ich will nur, dass ihr beide das hört, jetzt, heute, am selben Tisch. Ich weiß. Das ist alles.
Ich sah Heike an. Sie starrte auf die Tischdecke, die Finger krampften um die Gabel.
Heike, du warst so oft bei uns. Du kanntest jede Geschichte. Als ich Paul bekam, saßst du stundenlang nachts bei mir. Ich sage das nicht, damit du dich schämst. Sondern damit du weißt, dass ich mich erinnere. Ich habe nichts vergessen.
Heike hob die Augen. Tränen glänzten.
Martin, es tut mir leid, flüsterte sie.
Jetzt nicht, sagte ich leise.
Ich drehte mich zu Katharina.
Zwölf Jahre. Ich will gar nicht aufzählen, was, wann falsch lief. Dafür gibt es später Zeit. Heute wollte ich euch gegenüber sitzen, um das auszusprechen, weil ihr dachtet, ich wüsste nichts. Ich weiß es, das ist der Unterschied.
Katharina stellte das Glas ab, sehr vorsichtig.
Martin, das ist alles viel komplizierter Lass uns in Ruhe reden
Wir reden, morgen vielleicht. Nicht heute.
Ich stand auf, nahm mein Glas.
Esst in Ruhe auf, ich hab mir Mühe gegeben. Dann könnt ihr beide gehen. Paul bleibt bei meiner Mutter.
Sie rührten sich nicht.
Katharina sah irgendwie leer aus. Überfordert.
Heike hauchte nur: Martin, es tut mir leid.
Ich nickte. Sah sie an, das vertraute Gesicht, seit fünfzehn Jahren meine Freundin.
Vielleicht vergebe ich irgendwann, Heike. Jetzt nicht.
Ich verließ das Zimmer, ging ins Schlafzimmer, schloss die Tür, setzte mich aufs Bett. Hörte nur noch Stimmen und Stühlerücken in der Küche. Dann einmal die Wohnungstür. Eine Minute später erneut.
Stille.
Ich blieb sitzen, lauschte der Stille. Es roch nach Rosmarin und einem Hauch von Heikes Parfum, das langsam verflog. Drei Teller standen noch da, einer davon fast unberührt.
Wie lange ich so saß, weiß ich nicht. Irgendwann stand ich auf, räumte ab, wickelte das Hähnchen in Alufolie, legte es in den Kühlschrank, spülte ab. Fegte Krümel vom Tisch.
Dann setzte ich mich wieder. In die Mitte der aufgeräumten Küche.
Das war alles. Zwölf Jahre Ehe, beste Freundin, Haus, alles. Am Ende ein sauberer Tisch und der Duft von Spülmittel.
Ich rief meine Mutter an.
Mama, kann Paul bis Sonntag bei dir bleiben?
Na klar. Er schläft schon. Alles ok bei euch?
Nein. Aber erzähl ich dir später. Nicht jetzt.
Komm doch rüber, ich mach noch Tee.
Nein, Mama. Ich bleib lieber allein.
Sie bohrte nicht nach. Hast du was gegessen?
Ja, Mama. Ich habe… gut gekocht. Das Hähnchen ist gelungen.
Na, dann ist ja gut. Dieses na dann ist ja gut tat mehr weh als alles andere.
Ich legte auf und weinte. Einfach an der Küchenspüle, ohne leise sein zu müssen. Ich weinte lange, kam dann langsam zur Ruhe, wusch mir das Gesicht.
Draußen: Die Stadt, Hamburg, Lichter, November, ein ganz normaler Samstag. Irgendwo waren jetzt Katharina und Heike, vielleicht redeten sie im Auto, vielleicht standen sie einfach stumm nebeneinander. Was sie sich sagten, wusste ich nicht und merkwürdigerweise war es mir egal.
Ich dachte nicht daran, was weiter passieren würde. Nicht heute. Heute war genug, diesen Abend überstanden zu haben, ohne laut zu werden, ohne Vorwürfe, geradeheraus alles gesagt zu haben.
Katharina kam gegen ein Uhr nachts zurück.
Ich lag wach im Schlafzimmer, hörte, wie sie Schuhe auszog, leise in der Küche stand, Wasser trank. Dann eine Weile an der Tür zum Schlafzimmer. Dann trat sie ein.
Du schläfst nicht, sagte sie.
Nein.
Sie setzte sich auf ihre Betthälfte. Schwieg lange.
Martin, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll
Dann fang heute nicht an. Leg dich. Morgen reden wir.
Willst du
Katharina. Es ist Nacht. Ich bin müde. Bis morgen.
Sie legte sich hin. Keiner berührte den anderen. Wir lagen nebeneinander, zwei Fremde im selben Bett, nur durch Zufall oder Gewohnheit zusammengetragen.
Am Morgen stand ich früh auf. Während Katharina schlief, packte ich eine kleine Tasche. Nicht für immer, nur das Notwendigste. Ausweis, Dokumente, EC-Karte, etwas Kleidung, Pauls Foto.
Ich stellte die Tasche an die Tür.
Dann kochte ich Kaffee. Wartete, bis Katharina erschien.
Sie entdeckte die Tasche.
Du gehst?
Erstmal zu meiner Mutter. Mit Paul. Ich brauche ein paar Tage Abstand. Dann reden wir.
Sie sah erst die Tasche, dann mich an.
Ich möchte dir alles erklären.
Ich höre zu.
Schweigen. Ich nahm einen Schluck Kaffee. Starrte sie an.
Es ist einfach… passiert, ich habe das nicht geplant
Niemand plant sowas. So funktioniert das nicht.
Willst du die Scheidung?
Das Wort blieb wie ein Fremdkörper zwischen uns. Ich wich ihrem Blick nicht aus.
Ich weiß noch nicht. Ich muss darüber nachdenken. Ich weiß nur, dass ich gerade hier nicht die heile Welt vorspielen kann. Verstehst du?
Sie nickte, schwer, wie jemand, der alles versteht, dem aber nichts hilft.
Und Paul?
Paul ist okay. Das bleibt unsere Sache. Ich passe auf.
Ich trank aus, stellte die Tasse weg, nahm meine Tasche.
Ich rufe dich an.
Ging.
Im Treppenhaus war es kühl, es roch nach Holz und nach Brötchen aus der Nachbarwohnung. Die Stufen zählte ich wie ein Mantra. Zwölf Stockwerke Altbau, ich kannte sie auswendig, aber heute zählte ich neu.
Auf der Straße: feuchte Luft, nasses Laub, vor dem Haus ein Mitarbeiter in orange fegt Blätter zusammen. Der Himmel ein graues Hamburger Einheitsgrau. Aber ich stand an der Haustür und atmete diesen Herbst ein und da wurde es etwas leichter. Einfach, weil ich stand. Für einen Moment nur für mich selbst.
Ich dachte an Paul, wie er bei meiner Mutter aufwachen würde, nach Pfannkuchen verlangen, sie auch bekommen würde, wie alles noch normal für ihn war, und das sollte auch so sein. Er ist acht, das andere ist später. Alles wird landen.
Ich wusste nicht, wie es weitergehen wird. Scheidung, vielleicht irgendwas anderes, ob ich irgendwann Heike verzeihen würde das war das Schwerste. Unverständlich, vielleicht schlimmer als die Frauensache. Denn so etwas mit einer Freundin ist anders. Das verlangt Zeit.
Aber jetzt war ich draußen, mit meiner Tasche, das Morgen war grau, und irgendwo zwei Straßen weiter wartete mein Sohn. Ich machte einen Schritt. Einfach einen Schritt.
Meine Mutter empfing mich ohne Fragen. Sie reagierte nur mit einem: Geh Hände waschen, ich setz Tee auf.
Paul kam im Schlafanzug angerannt. Papa! Warum bist du hergekommen? Du wolltest doch nicht kommen?
Hab dich vermisst, sagte ich und drückte ihn fest, sein Kopf roch nach Kindershampoo und Schlaf.
Du kitzelst!, beschwerte er sich, lachte und rannte wieder ins Wohnzimmer zum Zeichentrickfilm.
Ich sah ihm nach.
Ging in die Küche, wo meine Mutter die Tassen bereitstellte. Kleine Küche, geblümte Vorhänge, der Kühlschrank voller Pauls Zeichnungen. Es war so vertraut, dass ich wieder fast hätte weinen müssen.
Ich tat es nicht.
Sie stellte den Tee hin, setzte sich dazu.
Magst du erzählen?
Später. Ich muss mich erst ordnen.
Ist es wegen Katharina?
Ja.
Sie nickte nur, keine großen Worte. Willst du eine Zeit lang hier wohnen?
Solange es nötig ist.
Damit war alles gesagt.
Dann begann ein Leben ohne Bezeichnung. Nicht Übergang, nicht neu, einfach: Leben, Tag für Tag.
Ich redete mit Katharina. Mehrmals. Es waren schwere, stille Gespräche ohne Geschrei. Sie sagte, sie habe sich verirrt, wisse nicht, was richtig ist. Sie empfand Reue. Sie dachte an Paul. Ich hörte zu, verzieh nicht, verfluchte sie aber auch nicht.
Das mit der Scheidung zog sich hin, wie das immer ist, wenn wirklich alles geklärt werden muss. Es gab Papiere, einen Anwalt, Gespräche über die Wohnung und Paul. Es war anstrengend, unschön. Aber ich ging da durch.
Heike meldete sich wochenlang nicht. Dann eine kurze Nachricht: Ich bin da, wenn du möchtest. Ich las sie, antwortete nicht. Nicht um zu strafen, sondern weil ich noch nicht wusste, was ich antworten könnte. Es brauchte Zeit.
Ende November holte ich Paul vom Training ab, als der erste Schnee in Hamburg fiel dünn, unsicher, taute sofort. Paul kam raus, fing eine Flocke mit der Zunge.
Papa! Es schneit!
Ich schaute zum Himmel. Die Flocken fielen aus dem Dunklen, als kämen sie vom Weltall her. Eine traf meine Wange, schmolz sofort.
Sehe ich, sagte ich.
Machen wir einen Schneemann?
Wenn genug Schnee fällt.
Versprochen?
Versprochen.
Er packte meine Hand. Warm, mit aufgemaltem Auto auf dem Kinderhandschuh. Wir liefen los. Paul erzählte irgendwas davon, dass ein Junge in seiner Klasse den höchsten Schneemann von allen machen kann.
Es tat noch weh. Das verging nicht einfach. Zwölf Ehejahre lösen sich nicht in einem November auf. Aber neben der Trauer war da etwas, das ich kaum benennen konnte. Eine Art Luft, Möglichkeit vielleicht. Das Gefühl, selbst zu gehen, frei zu entscheiden. Wohin auch immer.
Ob ich richtig handelte, wusste ich nicht. Besser wurde es deshalb noch lange nicht. Aber der Schritt war richtig gewesen. Das hatte ich jetzt gelernt, in meinen achtunddreißig Jahren unter erstem Schnee.
Kurz darauf sah ich eine kleine Wohnung in Barmbek: Zweizimmer, vierter Stock, Blick in den Hof. Die Vermieter, ein altes Ehepaar, waren freundlich, stellten keine Fragen. Ich lauschte auf die Ruhe dort, mochte die kleine Küche, das Fenster mit Sicht in die Bäume.
Nehmen Sie die Wohnung?
Ja, sagte ich.
Der Umzug war nach einem Tag geschafft. Pauls Kram brachte Katharina vorbei, stellte alles schweigend ab. Sagte, er hätte Glück mit dem Blick aus seinem Zimmer. Ging, im Türrahmen kurz inne haltend: Es tut mir leid, Martin.
Ich nickte. Ich weiß. Geh jetzt.
Dann begann ich auszupacken.
Paul kam gleich nach, inspizierte sein Zimmer, bewunderte den Blick, wollte auf dem Fensterbrett liegen und Katzen beobachten, die durch den Innenhof liefen. Ich erklärte, das Brett sei schmal, er sagte, keine Sorge, er sei ja noch klein. Ich musste lachen.
Wirklich lachen. Einfach so aus dem Bauch heraus, zum ersten Mal seit Wochen. Paul staunte.
Was ist denn los?
Ach, nichts. Komm, lass uns essen, ich mache Maultaschen.
Maultaschen!, rief er, und raste in die Küche.
Ich machte Licht, stellte Wasser auf, fand Salz. Die Küche roch nach fremder Wohnung und alten Wänden das verging, sobald gekocht wird.
Das Wasser kochte. Ich warf die Maultaschen hinein.
Paul malte an den Hausaufgaben für Kunst, vergaß gestern alles. Papa, bauen wir wirklich einen Schneemann?
Wenn der Schnee reicht, ja.
Versprochen?
Versprochen.
Draußen fiel jetzt richtiger Schnee, schon dicker, Dezember-Schnee. Er machte die Stadt leiser, weißer, freundlicher.
Ich stand am Herd, rührte im Topf. Dachte an nichts Konkretes. Einfach stehen, kochen, Paul zuhören, wie er an seinem Bild malt. Und die Flocken draußen beobachten.
Wie es weitergeht? Ich weiß es nicht.
Aber morgen stehe ich auf, mache Paul fertig für die Schule, gehe zum Bäcker, rufe meine Mutter an, endlich mal wieder. Abends vielleicht ein paar Umzugskisten wegpacken oder auch nicht. Nicht schlimm, sie laufen nicht weg.
Es wird schmerzen, das wusste ich. Die Nächte, manchmal die Tage, überraschend. Ein Duft, eine Stimme, ein Bild, das nicht einfach auszulöschen ist. Aber das ist schon in Ordnung so. Niemand verarbeitet zwölf Jahre sofort.
Aber jetzt waren die Maultaschen fertig. Paul ließ seine Stifte fallen und sah mich hungrig an.
Ist gleich fertig!, sagte ich.




