Weißt du, er hat sie mal als armselige Hausmagd beschimpft und ist einfach zu einer anderen Frau gegangen. Aber als er später zurückkam, hat er mit einer Antwort gerechnet, die er so nie erwartet hätte.
Die Friederike hat immer denselben Spruch von ihrer Oma und ihrer Mutter gehört: In unserer Familie haben Frauen nie Glück in der Liebe. Die Urgroßmutter wurde mit zweiundzwanzig Witwe, der Opa starb im Werk, und die Mutter blieb mit einem Baby zurück, als Friederike noch nicht mal drei war. Friederike hat nie an Flüche geglaubt, aber tief im Inneren hat sie immer befürchtet, dass ihr Liebesleben auch im Schmerz enden würde. Sie wollte das nicht, hat aber doch heimlich von einer richtigen Familie geträumt Mann, Kinder, Geborgenheit.
Ihren späteren Mann, Matthias, hat sie in der Fabrik kennengelernt. Sie hat dort als Verpackerin gearbeitet, er war im Lager, aber sie haben immer zusammen in der Werkskantine gegessen. So haben die zwei sich verliebt. Es ging alles ratzfatz: ein paar Treffen, Heiratsantrag, Hochzeit. Matthias ist dann bei ihr in die Zwei-Zimmer-Wohnung eingezogen, die sie von der Oma geerbt hatte. Ihre Mutter war da schon gestorben. Anfangs war es ganz ruhig: das erste Kind kam, dann das zweite. Friederike hat alles gegeben: gekocht, gewaschen, die Kinder großgezogen. Matthias hat gearbeitet, das Geld nach Hause gebracht, aber war kaum noch da und die Gespräche sind auf ein Minimum geschrumpft.
Als Matthias immer öfter spät nach Hause kam, müde und mit fremdem Parfüm am Hemd, da hat Friederike eins und eins zusammengezählt. Trotzdem hat sie nie gefragt; sie hatte Angst, allein dazustehen mit zwei Kindern. Doch irgendwann ist es rausgebrochen:
Denk doch mal an die Kinder, bitte, hat sie gesagt. Ich flehe dich an.
Er schwieg nur, mit so einem kalten Blick. Keine Erklärung, kein Streit. Am nächsten Morgen hat sie ihm das Frühstück hingestellt, und er hat es nicht mal angerührt.
Du taugst nur zur Hausmagd, hat er gesagt, ganz verächtlich.
Eine Woche später war er weg. Hat die Koffer gepackt, Tür zu.
Bitte lass uns nicht im Stich!, hat sie ihm noch im Treppenhaus nachgerufen. Die Kinder brauchen ihren Vater!
Armselige Hausmagd!, hat er noch mal nachgelegt und ist abgehauen. Die Kinder haben alles gehört. Die zwei saßen Arm in Arm auf dem Sofa, völlig überfordert: Haben wir etwas falsch gemacht? Warum geht Papa weg?
Aber Friederike hat sich nicht unterkriegen lassen. Sie hat für die Kinder gelebt geputzt in Treppenhäusern, schwere Eimer getragen, beim Lesen geholfen, Wäsche per Hand gewaschen, wenn die Maschine spinnt. Die Kinder sind schnell großgeworden und haben mit angepackt. Sie hat sich selbst vergessen, ihre eigenen Träume, alles. Aber das Leben hat so seine Überraschungen parat.
Eines Tages im REWE ist ihr eine Packung Tee aus der Tasche gefallen. Ein Mann hat sie aufgehoben und freundlich gegrinst:
Kommen Sie klar mit den Taschen?
Ja, geht schon, hat sie abgewunken.
Ich helf einfach mal mit, meinte er und hat gleich zugepackt.
Er hieß Johann. Plötzlich war er jeden Tag im Laden zu finden, bald hat er sie begleitet und irgendwann stand er sogar bei ihr vor der Haustür zum Putzen helfen. Die beiden Kinder waren erst skeptisch, aber er war nett, geduldig. Beim ersten gemeinsamen Abendessen brachte Johann eine Schwarzwälder Kirschtorte und weiße Rosen mit. Und als der ältere Sohn mal gefragt hat:
Hast du Basketball gespielt?
Johann lachte:
Früher in der Schule, aber ist schon ewig her.
Später hat er ihr gestanden:
Ich hatte einen Unfall. Ich spreche langsam und kann mich nicht mehr so gut bewegen. Meine Frau ist abgehauen. Wenn du mich nicht willst, versteh ich das.
Wenn die Kinder dich mögen, sollst du bleiben, sagte Friederike.
Er hat um ihre Hand angehalten und wollte auch die Kinder um Erlaubnis bitten.
Ich will ein richtiger Vater sein.
Abends hat Friederike den Kindern alles erklärt. Sie haben sie ganz fest gedrückt.
Unser Vater ist gegangen und hat uns vergessen, hat der Jüngere ehrlich gesagt. Es wäre cool, einen Papa zu haben, der bleibt.
So wurde Johann ein Teil der Familie. Hat mit den Kindern Fußball gespielt, bei Mathe geholfen, Regale repariert, mit ihnen gelacht. Endlich war wieder Leben im Haus. Die Zeit verging. Aus den Jungs wurden Männer. Als Lukas irgendwann verliebt war, holte er beim Johann Rat. Und eines Abends klingelte es an der Tür.
Davor stand Matthias.
Ich war ein Dummkopf. Nimm mich wieder auf. Lass uns nochmal anfangen
Verschwinde!, hat Lukas ihm direkt gesagt.
So sprichst du mit deinem Vater?!, schrie Matthias.
Rede nicht so mit meinem Sohn, erwiderte Johann ruhig, aber bestimmt.
Wir brauchen dich nicht, sagte der Jüngere noch. Wir haben schon einen Vater.
Sie haben die Tür zugemacht. Für immer.
Friederike blieb im Flur stehen, sah ihre drei Männer an ihre Beschützer, ihre Familie, die sie sich durchs Leben und Arbeit aufgebaut hat. Und zum ersten Mal seit Jahren war sie einfach glücklich.



