Als ich aus dem Bus gestiegen bin, habe ich meine Mutter gesehen sie saß auf dem Gehweg und hat gebettelt. Mein Mann und ich blieben wie versteinert stehen. Keiner hatte geglaubt, dass so etwas möglich ist.
Ich bin 43, meine Mutter 67. Wir wohnen zwar beide in München, aber in entgegengesetzten Ecken. Wie so viele ältere Menschen braucht sie eigentlich jemanden, der ein Auge auf sie hat. Aber bei mir einziehen? Unmöglich, aus nur einem Grund: Bei ihr leben bereits vier Katzen und drei Hunde. Außerdem füttert sie sämtliche streunenden Tiere in unserer Nachbarschaft die Hälfte Münchens würde sagen, sie sei eine offizielle Tierschutzbeauftragte. Jeden Euro, den ich ihr gebe, investiert sie in Tierfutter und Medikamente allerdings nicht für sich, sondern für ihre Fellnasen.
Ich kaufe deshalb mittlerweile Milch, Brot, Nudeln, Butter, Medikamente alles selbst und liefere es direkt bei ihr ab. Sonst würde sie am Ende noch ihre eigenen Tabletten gegen Wurst für die Hunde tauschen.
Letzte Woche waren mein Mann Johann und ich abends bei einem Freund, und danach wollten wir den Bus nach Hause nehmen ein echter Münchner Luxus. Die Überraschung kam an der nächsten Haltestelle: Da saß meine Mutter, Hannelore, auf dem Boden und hielt eine Blechdose in der Hand. Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Mein Mann guckte mich an wie ein bayerischer Hirsch im Fernlicht. Schließlich wusste er genau, dass wir jeden Monat einen Batzen Geld aus unserem Haushaltsbudget für meine Mutter einplanen.
Die Frage lag auf der Hand: Wo bitte bleibt das ganze Geld? Tja, wie sich rausstellte sie sammelt nicht für sich, sondern für ihre vierbeinigen Mitbewohner, damit sie nie eine Mahlzeit verpassen oder auf die nächste Tollwut-Impfung verzichten müssen.
Ehrlich gesagt, klingt das alles ziemlich traurig. Aber was soll ich machen? Was würden Freunde, Nachbarn oder die entfernte Verwandtschaft von mir denken, wenn sie meine Mutter, die ihre Rente auf dem Bürgersteig aufbessert, sehen würden? Natürlich würden sie glauben, ich sei die schlechteste Tochter Münchens und hätte meine Mutter zum Hungertod im Regen stehen lassen. Seitdem laufe ich regelmäßig durch sämtliche Straßen in Schwabing und versuche, sie zu erwischen aber seien wir ehrlich: Auch wenn ich sie mit lautem Maaaaama! rufe, ist sie auf einmal spurlos verschwunden. Wahrscheinlich kennt sie inzwischen mehr geheime Ecken der Stadt als die Polizei und versteckt sich, als wäre sie im Zeugenschutzprogramm.





