Paul, hast du deine Sprache verloren? Oder wartest du darauf, dass deine Mutter uns mitsamt dem Sofa hinausträgt?
Ulrike, musst du gleich so anfangen? Paul wich zurück. Meine Mutter war doch nur kurz zum Tee da. Wir haben ein bisschen geredet, ich habe nicht mal gemerkt, wann sie gegangen ist. Ich war auf der Toilette.
Ach, auf der Toilette warst du Ulrike ahmte ihn nach, verzog verärgert das Gesicht und zeigte mit dem Finger auf die Anrichte im Flur. Ich frage noch mal. Da lag eine Tüte. Groß, schwarz. Wo ist die? Ist die einfach verdampft? Oder hat sie Beine bekommen und ist weggelaufen? Na los, spucks aus! Ich weiß doch, wie sehr deine Mutter es liebt, alles einzupacken, was nicht annagelt ist.
Warum gleich meine Mutter? Vielleicht hast du sie selbst irgendwohin gestellt. Oder sie hat sie genommen Sie dachte bestimmt, es ist Müll Paul duckte sich innerlich.
Ulrike kannte diesen Tonfall. Sie wusste, wenn sein Blick umherschweifte, log Paul. Sie ahnte längst, was passiert war. Ingrid, ihre Schwiegermutter, hatte vermutlich gedacht, es sei Abfall und Paul hatte mal wieder nichts gesagt. Ganz typisch für die beiden.
Müll? Paul, das waren Sachen für Mareike! Einige ganz neu, sogar noch mit Etikett! Ich wollte sie ihr bringen, alles vorbereitet, gleich an die Tür gestellt! Ich habe es ihr versprochen! Was soll ich sagen? Dass meine Schwiegermutter eine Elster ist und mein Mann ihr beim Plündern hilft?
Eine Welle der Wut durchströmte Ulrike. Dass ihre Pläne durchkreuzt wurden, wäre das eine; aber sie wollte Mareike wirklich helfen. Mareike war mit zwei Kindern und den Schulden ihres Ex festgesessen. Sie musste im Winter Turnschuhe tragen, weil die Stiefel kaputt und kein Geld für neue da war. Sie kochte Frikadellen fast nur aus Brot, aß aber selbst kaum, damit es für die Kinder reichte. Mareike redete nie darüber, doch Ulrike verstand es auch so.
Geld wollte Mareike nicht annehmen, also blieb nur, ihr Lebensmittel und Kleidung zu bringen. Ulrike hatte jede Menge übrig. Manches passte nach dem ersten Waschen schon nicht mehr, anderes gefiel ihr plötzlich nicht mehr. Zweimal im Jahr räumte Ulrike den Schrank aus und brachte die Kleiderspende zu Mareike.
Diesmal aber lief alles schief. Vielleicht hätte sie sonst geschwiegen, aber der Frust war zu groß. Es war ja nicht das erste Mal.
Wie immer hatte es mit Kleinigkeiten begonnen.
Vor zwei Jahren hatte Ulrike einen Bonus bekommen und sich teure Feuchtigkeitscreme gegönnt. Am nächsten Tag war eine hässliche Furche in der glatten Creme.
Ach, ich hab doch nur kurz einen Tee mit euch getrunken. Dann sah ich das Döschen. Meine Haut ist so trocken. Ich hab gedacht, probier ich mal, vielleicht hol ich mir auch so was rechtfertigte sich Ingrid ohne den geringsten Anflug von Scham. Das bisschen merkst du doch gar nicht.
Wirklich nur ein bisschen. Aber da Ingrids Lippen ständig mit Ausschlag bedeckt waren und ihr Gesicht blühte wie eine Wiese, landete die Creme im Müll. Ulrike wollte kein Risiko mit den Keimen ihrer Schwiegermutter eingehen.
Dann die teuren Parfums, ein Geschenk von Paul zum Hochzeitstag, mit edlen Holznoten. Ulrike kam einmal früher von der Arbeit und traf Ingrid im Flur. Ingrid roch so extrem nach den Parfums, als hätte sie darin gebadet.
Ulrike schwieg wieder. Ihre Erziehung verbot es ihr, einen Aufstand zu machen. Sie hatte Angst, zur sprichwörtlichen bösen Schwiegertochter zu werden, die ständig kleinkariert ist.
Der Höhepunkt kam mit dem Multikocher. Vor einem halben Jahr hatten sie einen brandneuen gekauft, steuerbar per Smartphone. Den alten packten sie in den Schrank für die Gartenlaube, zum Verkauf oder für alle Fälle. Doch nach einer Woche war der Karton weg.
Paul, wo ist der Multikocher? fragte Ulrike.
Den hat Mama mitgenommen, sagte Paul beiläufig, während er weiter an seiner Spielekonsole spielte.
Wie bitte?
Sie hat gefragt, was der Karton da macht, ich sagte, das ist der alte Multikocher. Sie meinte, braucht ihr doch nicht mehr, das nimmt nur Platz weg. Sie wollte ihn für eine Freundin mitnehmen. Also hab ich ja gesagt.
Ulrike war fassungslos. Sie hatte das Gerät noch vor der Ehe gekauft. Paul verteilte ihre oder zumindest gemeinsame Sachen, als wären es Bonbonpapier. Kein Anruf, keine Nachfrage einfach weggeben, weil Mama es wollte.
Mit den Sachen für Mareike war es nun wohl ähnlich gelaufen.
Ruf sie an, sagte Ulrike gepresst. Deine Mutter. Wir klären das jetzt sofort.
Ulrike, das ist doch unangenehm… Es ist schon spät, Mama schläft bestimmt schon
Es ist dir unangenehm? Gut, dann rufe ich an. Und noch etwas: Ich werde nicht weiter freundlich und schweigend zusehen. Wenn du unser Zuhause nicht vor den Raubzügen deiner Mutter schützen kannst, dann tue ich es.
Sie griff zum Handy und ging ins Wohnzimmer. Das Klingeln tat fast weh. Einen Moment lang war Ulrike versucht, zurückzuziehen aber der Punkt war überschritten. Heute musste sie ein Zeichen setzen. Sonst würde Ingrid künftig vielleicht sie selbst mitnehmen.
Hallo? Bist du das, Ulrike? erklang Ingrids Stimme, schwach und leidend wie ein sterbender Schwan. Ich war gerade erst eingeschlafen. Ist was passiert?
Ja, das ist es. Frau Zimmermann, wo ist die schwarze Tüte vom Flurschrank?
Ach, die Klamotten? Die habe ich mitgenommen. Ich dachte, du willst sie wegwerfen. Ich kenne dich doch ständig kaufst du neuen Krempel, gibst Geld aus, und am Ende landet alles im Müll. Aber bei meiner Freundin Lena, deren Tochter hat deine Größe. Die arme geht schon fünf Jahre mit nur einer Jacke rum, das Innenfutter ist komplett zerrissen. Da dachte ich: Soll das im Müll verkommen? Dann lieber etwas Gutes tun
Frau Zimmermann, etwas Gutes tun heißt, sein eigenes zu schenken, zischte Ulrike. Wenn man ohne zu fragen fremdes nimmt, nennt man das Diebstahl. Die Tüte war für meine Freundin, die genauso dringend Hilfe braucht wie Lenas Tochter.
Ach komm, Ingrid fauchte. Was heißt Diebstahl? Ich bin die Mutter deines Mannes, wir sind Familie, alles ist unser gemeinsames. Du wirst nicht arm werden, dein Gehalt ist doch hoch genug. Stell dich nicht so an, sei nicht so kleinlich.
Das Tier in Ulrike, all die Jahre angekettet durch Erziehung, brach endgültig aus.
Sie wissen was, Frau Zimmermann? Lassen wir die Diskussion. Wenn Sie es nicht anders verstehen, dann eben mit anderen Mitteln. Ich lasse morgen Kameras in jeder Wohnungsecke installieren
Was?! kreischte Ingrid.
So ist es! Wenn Sie nächstes Mal auch nur einen Wattepad mitnehmen, gehe ich mit dem Video zur Polizei. Und da ist mir egal, wessen Mutter Sie sind. Vor dem Gesetz sind Sie dann eine Diebin.
Du bist verrückt geworden! Freche Göre! Ich betrete eure Wohnung nie wieder! Ich erzähle Paul, mit welcher Giftschlange er verheiratet ist!
Bitte, tun Sie das. Schönen Abend noch.
Ulrike legte auf und warf das Handy auf das Sofa. Mit geschlossenen Augen atmete sie tief durch. Als sie den Kopf drehte, stand Paul im Türrahmen, sichtlich überfordert.
Ulrike… begann er vorsichtig. Musste das sein? Überwachungskameras, Polizei Es ist doch meine Mutter. Klar, sie übertreibt manchmal Aber in unserer Familie ist es normal, dass alles geteilt wird. Und ist doch egal, wem geholfen wird?
Geteilt, ja? Ulrike blickte auf den Fernsehtisch, unter dem Pauls ganzer Stolz, seine neueste Playstation, stand.
Hey, was hast du vor? wurde er nervös.
Weißt du, Paul sagte sie leise. Im fünften Stock wohnt eine Familie, sehr arm, mit einem Jungen. Der Vater trinkt, die Mutter ist Lehrerin. Der Junge ist höflich, aber er hat nicht mal ein vernünftiges Handy, das Display ist komplett zersprungen. Du spielst da höchstens zweimal die Woche; das Ding verstaubt.
Ulrike ging betont langsam auf die Konsole zu.
Ich nehm sie ihm jetzt. Er braucht sie dringender. Und du kaufst dir einfach eine neue dein Gehalt reicht doch, du wirst nicht verarmen. Ein gutes Werk, alles Familie, alles geteilt, oder?
Paul sprang auf und stellte sich ihr in den Weg.
Bist du verrückt?! Das ist meins! Ich habe ein halbes Jahr dafür gespart! Welcher Junge denn?!
Ah! Ulrike grinste schief. Autsch, oder? Es ist nicht schön, wenn jemand anderes über deine Sachen entscheidet. Wenn andere für dich aussuchen, was du brauchst und was nicht.
Paul wurde rot vor Aufregung, atmete schwer. In seinem Blick spiegelte sich ein wachsendes Begreifen. Die Analogie war hart, aber wirkte. Zum ersten Mal begriff er, wie es seiner Frau erging.
Schon gut Ich habs kapiert, murmelte er. Ich rede mit Mama.
Mit deiner Mutter habe ich schon gesprochen. Deine Aufgabe: Halte mir einfach den Rücken frei. Sonst geht die nächste Wohltätigkeitsaktion auf deine Kosten. Und diesmal meine ich es ernst.
Ein Monat verging.
Drei Wochen herrschte eisernes Schweigen zwischen Ulrike und Schwiegermutter. In der vierten Woche hob Ingrid das Telefon und rief ihren Sohn an.
Paulchen, mein Schatz Ich habe frische Kirschtaschen gebacken. Die, die du so liebst. Ganz weich, sie zergehen auf der Zunge! Soll ich sie dir gleich bringen, zum Frühstück?
Paul, der lustlos mit der Gabel in den Nudeln stoch, schluckte unwillkürlich. Sein Magen knurrte laut. Seine Mutter wusste immer, wie sie ihn erwischte.
Mama, wir haben schon gefrühstückt, antwortete er zögerlich und warf Ulrike einen Blick zu.
Dann isst du sie halt abends! Wenn du von der Arbeit heimkommst, gibts was Hausgemachtes, von Mama.
Paul zögerte. Das Angebot war verführerisch, aber vor seinem inneren Auge sah er Ulrike, wie sie drohte, die Playstation zu verschenken.
Nein, Mama, sagte er bestimmt. Bitte bring nichts vorbei. Komm nicht.
Paul! entsetzt Ingrid. Willst du deine eigene Mutter wegen ein paar Klamotten nicht mehr reinlassen?
Mama, lass uns bitte nicht streiten. Wir treffen uns lieber am Samstag. Ich komm zu dir oder wir gehen ins Café. Dann kannst du mir alles geben. Aber zu uns im Moment eben keine Gäste. Ulrike und ich haben das so abgemacht.
Alles klar. Du bist jetzt also total unterm Pantoffel!
Das Tuten im Hörer war unmissverständlich. Im Zimmer herrschte plötzlich Ruhe. Ulrike sah von ihrem Handy auf, blickte Paul an.
Danke.
Ach was, grummelte er. Mamas Kirschtaschen sind schon lecker Aber Frieden in der Familie und unsere Nerven sind wichtiger.
Mit Ingrid Zimmermann kam keine Aussöhnung mehr zustande. Sie versuchte es zwar weiterhin mit kleinen Belagerungen, doch die Tür zur jungen Familie blieb zu. Der Preis waren einige entgangene Kirschtaschen, aber dafür gab es weniger Streit und endlich sichere Grenzen in ihrem Zuhause.




