Meine beste Freundin entpuppt sich als Verräterin – Wie Polina mich nach 30 Jahren Freundschaft aus ihrem neuen Leben ausschloss und am Ende als „Ballast aus der Vergangenheit“ zurückließ

Die beste Freundin war eine Verräterin

Ach, fang nicht schon wieder damit an, stöhnte die Freundin und rollte mit den Augen. Deine ewigen Empfindlichkeiten wegen nichts und wieder nichts, Irmgard! Wir leben jetzt unterschiedlich, das musst du akzeptieren.

Du hast dein Leben, ich meins. Und ehrlich, wir sind inzwischen auf ganz verschiedenen Ebenen. Ich kann nicht jeden Hinz und Kunz bei mir reinlassen.

Jeden Hinz und Kunz? Irmgard spürte, wie ein Kloß in ihrem Hals wuchs. Bin ich für dich jetzt irgendwer von der Straße?

Pia, erinnerst du dich noch, wie ich dir damals in deiner kleinen Einzimmerwohnung Vorhänge genäht habe, aus alten Gardinen? Als du kaum Geld für Essen hattest? Ich habe drei Jahre lang deine Kinder von der Schule abgeholt!

Ja und? Soll ich dir jetzt zu Füßen liegen deswegen? fuhr Pia scharf dazwischen.

Irmgard blieb wie angewurzelt stehen mit dieser Frau war sie fast dreißig Jahre durch dick und dünn gegangen

In der Manteltasche ihres alten Frühlingsmantels fand sie eine flache, graue Knopfschachtel mit vier Löchern.

Schlagartig erinnerte sie sich daran, wie sie genau so einen Knopf Pia vor etwa fünfzehn Jahren angenäht hatte. Damals spielten ihre Töchter im Hof, während sie beide auf der Bank vor dem Haus saßen und Pia sich ausweinte, weil ihr Mann mal wieder das Haushaltsgeld vertrunken hatte.

Irmgard hatte damals wortlos eine Nadel und etwas Garn aus der Handtasche gezogen, den blöden Knopf befestigt und ihrer Freundin einen zerknitterten Fünfziger in die Hand gedrückt.

Nimms, sagte sie damals. Kauf den Kindern Milch. Gibs mir zurück, wann auch immer du kannst.

Pia hat nie zurückgezahlt. Weder damals, noch später. Doch Irmgard hat auch nie nachgefragt für eine Freundin, die sie schon so lange kannte, gab sie alles gern.

Sie hatten zusammen so viel durchgestanden: Spulwürmer bei den Kindern nach dem Sommerlager bekämpft, Tapeten in Pias abgewohnter Einzimmerbude geklebt, als Pia endlich ihren Versager-Mann rauswarf.

Irmgard schleppte Suppentöpfe zu ihr, während Pia zwischen zwei Jobs hin und her rannte, um Kredite abzuzahlen.

Irmgard, du bist mein Schutzengel, sagte Pia oft, das verweinte Gesicht in einem fettigen Tuch vergraben. Ohne dich läg ich längst unter der Brücke.

Wartes ab, ich komm wieder auf die Beine. Ich geb dir alles zurück, versprochen. Wir gehen zusammen auf Weltreise, du wirst schon sehen!

Irmgard schmunzelte nur und schenkte ihr noch Tee nach. Weltreise? Sie war schon froh, wenn das Geld bis zum Monatsende reichte.

Die Veränderungen kamen schleichend. Erst fing Pia bei einer zwielichtigen Firma für Grundstückshandel an.

Mit der Zeit wurde ihr Ton am Telefon kühler, die Gespräche abgehackt. Ich hab jetzt keine Zeit kam immer öfter über die Leitung.

Pia, kommst du morgen vorbei? fragte Irmgard einmal. Ich hab die Krautpiroggen gebacken, die du so magst.

Ach Irmgard, jetzt nicht, kam es aus dem Hörer. Ich hab gerade eine wichtige Transaktion. Außerdem, sowas ess ich nicht mehr, da ist zu viel Gluten drin.

Hab mich auch im Fitnessstudio angemeldet. Lass uns ein andermal darüber sprechen.

Wie sich herausstellte, gabs kein anderes Mal mehr.

Ein halbes Jahr später kaufte Pia sich ein Auto einen riesigen, glänzenden SUV, der kaum in den alten Hof passte.

Sie kam, um anzugeben, stieg aber nicht einmal aus, sondern ließ nur das Fenster runter, rückte ihre Sonnenbrille zurecht und wies auf die Ledersitze.

Siehst du, Irmgard? Alles Luxusausstattung. Nicht wie dein klappriger Golf.

Irmgard streichelte mit der Hand nur kurz das kalte Blech.

Ich freu mich für dich, Pia. Ehrlich. Willst du hereinkommen auf einen Tee? Den Kauf begießen, vielleicht mit einem Glas Saft?

Geht nicht, Pia warf einen Blick auf ihre Uhr. Ich hab gleich einen Termin fürs Maniküre in der Innenstadt. Die sind da sehr streng mit der Zeit.

Irmgard sah dem teuren Auto nach, das davonfuhr. Etwas fühlte sich fremd an. Kein Neid eher, als wüchse langsam eine unsichtbare Glaswand zwischen ihnen.

Bald darauf begann Pia, ein Haus zu bauen. Sie nannte es ihre Residenz. Fotos schickte sie stapelweise aufs Handy: hier wird der Grund gegossen, dort kommen riesige Panoramafenster, der Designer zeigt ihr Fliesensamples, von denen eins so viel kostet wie Irmgards zwei Monatsgehälter.

Komm vorbei, schaus dir an! schrieb Pia.

Aber immer, wenn Irmgard einen konkreten Besuchsvorschlag machte, gab es Ausreden: Die Handwerker seien da, sie müsse einkaufen, Kopfweh.

Den Schlusspunkt setzte sie kurz vor Pias Geburtstag. Irmgard, wie immer, kaufte als Einzugsgeschenk eine schöne Leinentischdecke und beschloss, unangemeldet vorbeizufahren.

Sie wusste, dass Pia zuhause war sie hatte gerade in den sozialen Medien ein Bild von einem ruhigen Morgen am neuen Ort gepostet.

Der Zaun war fast drei Meter hoch, alles ganz wie es sich gehört: schwere schmiedeeiserne Tore, Video-Gegensprechanlage. Irmgard drückte den Knopf.

Ja? meldete sich Pia selbst.

Pia, ich bins. Ich war gerade hier in der Nähe und dachte, ich bring dir die Leinentischdecke, die du immer so mochtest. Als Geschenk.

Irmgard hörte, wie sie auf dem Kiesweg schlurfte. Das Eisentor öffnete sich nur einen Spalt da stand Pia: im Seidenmorgenmantel, gepflegt frisierte Haare, perfekte Nägel. Irmgard dachte noch, wie schafft sie das bloß alles? Der makellose Rasen und die Fassade blitzten dahinter.

Doch Pia trat keinen Schritt zurück, um sie hereinzubitten, blieb einfach in der Tür stehen.

Hallo Irmgard, sagte sie oberflächlich. Was gibts? Wolltest du etwas?

Irmgard stand da mit dem Geschenk in der Hand. Dreißig Jahre Freundschaft lösten sich auf in diese kurze, geschäftsmäßige Frage.

Nichts, Pia… Ich wollte nur vorbei schauen. Ein kleines Geschenk bringen. Vielleicht einen Tee trinken. Den Hausbau anschauen, von dem du so viel erzählt hast

Pia würdigte das Päckchen keines Blickes.

Irmgard, jetzt ist wirklich ungünstig. Ich muss gleich aufräumen, dann kommen noch Gäste wichtige Leute.

Und da ist jetzt neuer Boden und alles, verstehst du? Nicht, dass du noch was schmutzig machst Schau mal deine Schuhe an alles voller Dreck.

Bist du etwa zu Fuß gekommen? Wo ist denn dein alter Golf? Endlich auseinander geflogen? Gib mir einfach das Geschenk, ich schau mir die Decke an und ruf dich irgendwann mal an, ja?

Sie griff danach, doch Irmgard drückte es unwillkürlich an sich.

Wichtige Leute? murmelte sie leise. Und ich bin also jetzt niemand?

Siehst du, Pia stach mit dem Finger in die Luft. Da fängst du schon wieder an! Willst du jetzt wieder aufzählen, wie du mir früher geholfen hast?

Hör zu, Irmgard, ich bin dir dankbar. Ehrlich. Aber das war früher. Lang, lang her! Heute ist alles anders. Ich hab alles allein geschafft.

Allein? Irmgard lächelte bitter. Natürlich.

Ja, allein! Und ich will die Altlasten nicht mehr mitschleppen. Das ist mühsam. Also, was ist jetzt? Gibst du mir das Geschenk oder nicht? Ich hab keine Zeit.

Irmgard betrachtete ihre Freundin. Vor ihr stand eine völlig fremde Frau. Glattes Gesicht, kühler Blick, gepflegte Hände.

Wo war das Mädchen von früher, das eine Tafel Schokolade teilte? Oder das Kind, das geschworen hat, sie blieben Freunde für immer?

Weißt du was, Pia, Irmgard ließ die Tüte langsam zu Boden gleiten. Du brauchst mich nicht mehr anrufen. Und mit der Tischdecke mach, was du willst. Nimm sie als Putzlappen oder leg sie eben wichtigen Leuten zu Füßen.

Herrlich, knurrte Pia. Immer musst du alles dramatisieren.

Das Tor fiel krachend ins Schloss. Irmgard stand vor dem hohen Zaun und hörte, wie sich Schritte entfernten.

Als sie zu ihrem alten Golf lief, fühlten sich ihre Beine schwer wie Blei an. Sie setzte sich ans Steuer, warf einen Blick in den Rückspiegel auf der Rückbank lag noch ein Kinderspielball, wohl von ihrem Enkel vergessen.

Irgendwie liefen ihr Tränen übers Gesicht, sie startete den Motor und fuhr nach Hause, dahin, wo alles vertraut war.

***

Drei Monate vergingen. Irmgard lebte weiter ihr ganz normales Leben: Arbeit, Wohnung, sonntags zum Schrebergarten.

Sie blockierte Pias Nummer nicht vor Wut, sondern weil sie nicht in Versuchung kommen wollte nachzusehen, ob sich Pia gemeldet hatte. Was aber nicht der Fall war.

Der große Knall kam an einem Novemberabend.

Irmgard saß in der Küche, schälte Kartoffeln, als es klingelte. Sie wischte sich die Hände ab, ging zur Tür und erstarrte: Auf dem Flur stand Pia.

Aber nicht die elegante Residenz-Bewohnerin, sondern eine abgekämpfte, deutlich gealterte Frau. Der Mantel offen, Make-up verschmiert, die Haare zerzaust, zitternde Hände.

Irmgard öffnete die Tür.

Irmgard Pia klammerte sich an den Türrahmen. Lass mich rein Bitte.

Irmgard bewegte sich keinen Zentimeter. Sie stand im Türrahmen, sperrte den Weg frei genauso wie Pia vor drei Monaten an ihrem Eisentor.

Was ist los? fragte sie gleichmäßig. Was willst du?

Pia zuckte zusammen bei diesen Worten, als hätte sie sich selbst reden hören. Sie verbarg das Gesicht in den Händen und brach in Tränen aus hemmungslos, wie damals vor fünfzehn Jahren.

Irmgard, ich bin ruiniert… Die alte Wohnung hab ich verkauft, um ins Haus zu investieren. Aber das Grundstück war illegal. Die Unterschriften waren gefälscht. Jetzt laufen Ermittlungen. Alles ist weg! Das Konto, das Auto

Rausgeschmissen haben sie mich heute. Sie sagten, ich solle das Haus räumen. Die wichtigen Leute keiner nimmt mehr ab.

Ich hab niemanden mehr Nicht mal die Kinder wollen mich

Irmgard hörte ihr reglos zu. In ihr war nur Leere, weder Triumph noch Mitleid einfach nichts.

Was willst du von mir, Pia? Irmgard neigte den Kopf. Wir leben doch jetzt unterschiedlich. Ich hab hier eine ganz einfache Einrichtung, manchmal auch Staub Das ist nichts für dich.

Verzeih mir! Pia sank auf die Knie, direkt auf den abgetretenen Teppich. Ich war ein schrecklicher Mensch! Hochmütig, verblendet! Du warst immer die Einzige, meine beste Freundin Weißt du noch, wie wir den Kindern Läuse ausgekämmt haben?

Ich erinnere mich, nickte Irmgard. An alles. Wie ich dir den Knopf annähte. Und wie du mich nicht mal zur Tür reingelassen hast. Ich war für dich irgendwann nur noch Ballast.

Ich wollte nicht Pia schluchzte. Lass mich nur heute Nacht bleiben! Es ist so kalt draußen

Irmgard sah aus dem Fenster draußen dämmerte es schon, erster Schnee wirbelte.

Nein, Pia, sagte Irmgard leise, aber bestimmt. Ich kann dich nicht reinlassen.

Sie verschwand in der Wohnung, kam zwei Minuten später wieder raus.

Die Tischdecke hier, die ist frisch gewaschen, falls du sie brauchst. Und schau, hier sind fünftausend Euro, alles was ich geben kann.

Irmgard Pia streckte verzweifelt die Hand nach ihr aus.

Nein, Irmgard wich zurück. Gerade ist kein geeigneter Moment. Verstehst du? Familie, Dinge zu erledigen.

Aber du bist doch stark. Hast ja alles allein geschafft. Dann schaffst dus jetzt auch. Unsere Niveaus sind eben verschieden.

Mit sanfter, aber fester Bewegung schloss sie die Tür. Das Schloss klickte zu. Irmgard lehnte sich erschöpft an die Holztür und schloss die Augen.

Draußen hörte man Pia an die Tür kratzen, flehen, dann, als klar wurde, dass keine Antwort kam, wütend fluchen.

Nach zehn Minuten wurde es still.

***

Pia fand Unterschlupf bei einer entfernten Verwandten auf dem Land. Man erzählte sich, sie sei stark gealtert, arbeite nun am Postschalter und erzähle abends jedem in der Dorfkneipe von ihrem früheren Reichtum und von jener Verräterin Irmgard, der besten Freundin, die sie sitzen ließ, im Stich, ohne Rat, ohne Hilfe. Angeblich aus purem Verrat an der Freundschaft.

Irmgard hörte diese Geschichten, aber sie widersprach nicht. Warum auch? Das Leben regelt alles irgendwann von selbst.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Meine beste Freundin entpuppt sich als Verräterin – Wie Polina mich nach 30 Jahren Freundschaft aus ihrem neuen Leben ausschloss und am Ende als „Ballast aus der Vergangenheit“ zurückließ
Nur mit einem DNA-Test – Wir wollen keine Fremden! So sprach die Schwiegermutter „Nur hunderttausend Euro?“ – lachte Elisabeth. „Ganz schön billig hast du die Freiheit deines Sohnes bewertet! Vielleicht kommen sogar noch zweihunderttausend zusammen?“ „Wenn‘s sein muss, dann konnte ich das auftreiben“, murmelte Maria. „Na, bist du einverstanden? Geht’s nur um den Preis?“ „Sag mal, Maria, wie lange hast du überlegt, mir sowas vorzuschlagen?“ fragte Elisabeth. „Das Geld lassen wir erstmal außen vor. Sag mir als Frau, ehrlich!“ „Lass uns keine Moralpredigt halten“, zog Maria eine finstere Miene, „keiner ist ohne Fehler. Und als Mutter von mehreren Kindern solltest du verstehen, wie sehr man für sein eigenes kämpft…“ „Willst du mich etwa einfach kaufen?“ fragte Elisabeth. „Oder meine Dasha? Wir kommen ja so grade durch, und du meinst, ein bisschen Geld sorgt sofort für Ruhe und Ordnung!“ Dabei hat dein Jan meiner Dasha zuerst schöne Augen gemacht, dann geschwängert – und jetzt … Ich weiß nicht mal, wie ich‘s nennen soll. Abhauen oder sich bei Mama verstecken? Damit ihr die Folgen seiner Eskapaden bereinigt!“ „Elisabeth, lass uns Klartext reden“, sagte Maria. „Jan ist erst achtzehn! Wofür Familie und Kind? Er muss eine Ausbildung machen, Fuß fassen! Was soll er später anfangen mit Kind und Familie im Schlepptau?“ „Hat dein Jan vorher nicht darüber nachgedacht, als er sich an meine Dasha rangemacht hat?“ – Elisabeth lächelte schief. „Jetzt soll er mal Verantwortung lernen!“ Kind gemacht – dann sei auch dafür da! Sonst gibt’s andere Wege: das Gericht oder Unterhalt … Maria schlug vor Staunen die Hand vor den Mund. „Pass auf, sonst fliegt dir gleich eine Krähe in den Mund!“ – fauchte Elisabeth. „Und dass ich von morgens bis abends am Ackern bin, heißt nicht, dass mir was entgeht!“ „Ich will hier nicht streiten, sondern alles friedlich klären!“ – sagte Maria, als sie sich gefangen hatte. „Und bin bereit, die Unruhe zu entschädigen!“ „Wofür willst du denn zahlen?“ – fragte Elisabeth. „Weil dein Jan meine Dasha geschwängert hat? Oder weil er sich jetzt davonmacht? Oder soll meine Dasha etwa abtreiben? Oder ist das deine Anzahlung auf mögliche Unterhaltszahlungen, falls sie das Kind bekommt?“ Maria war entgeistert vom Angebot. Die letzte Option stieß ihr besonders übel auf. Ihr Sohn könnte ja jederzeit zur Rechenschaft gezogen werden! „Verwirr mich nicht!“ – Maria drohte mit dem Finger. „Ich meine es ernst mit dem Geld, um die Sache ein für alle Mal zu klären! Wie du das machst, ist mir egal! Wollt ihr abtreiben, behalten oder das Kind ins Heim geben – Hauptsache, mein Jan soll damit nichts mehr zu tun haben! Und wenn das Geld nicht reicht, sag einfach, wie viel du willst! Notfalls nehm ich Kredit auf den Mann.“ „Maria, jetzt reicht’s!“ – sagte Elisabeth. „Als anständige Frau kann ich gar nicht sagen, wohin… Aber du kennst den Weg ja! Die Geldscheine, die du gebracht hast, kannst du gleich einpacken und tief vergraben!“ „Elisabeth, lass uns friedlich reden!“ – fauchte Maria. „Dann geh in Frieden!“ – entgegnete Elisabeth. „Sonst mache ich den Hund los!“ Bis zum Schluss war nicht klar, ob Maria ihren Sohn wirklich geschützt hatte – doch solange Elisabeth so wütend war, ließ sie ihre Tochter bestimmt nicht in Jans Nähe. Das hieß: Jan hatte Zeit, sich zu sammeln und weiter zu lernen. Und falls Elisabeth es sich anders überlegte, wäre Jan längst über alle Berge. Er sollte ja ins Studium in die Stadt – und dort verirrt man sich leicht und bleibt unerreichbar. Maria musste sich sehr beherrschen, um Elisabeth nicht gleich an die Haare zu gehen: „Die kommt mir auch noch mit Stolz und lehnt das Geld ab! Dabei bin ich ganz freundlich gekommen! Und nun droht sie mit dem Hund! Mit so einer setzt man sich besser gar nicht erst neben die Feuerstelle – die dreht einen auf links!“ Doch Maria wusste nicht, dass die Geschichte hier noch lange nicht zu Ende war, sondern erst richtig begann. Eigentlich hatte sie ein bisschen früher begonnen. Eltern erfahren selten rechtzeitig von den Problemen ihrer Kinder. Meistens leider zu spät, um noch etwas zu ändern. Als Maria von Nachbarin Ignatz erfährt, dass ihr Jan Elisabeths Dasha geschwängert hat, bleibt ihr fast das Herz stehen. „Mein Jan soll sich für Dasha interessieren? Die ist doch aus einer Großfamilie! Da bringt sie nicht viel mit! Jan würde nie auf sie stehen!“ „Ich erzähle nur, was ich weiß“, sagt Ignatz. „Glaubst du mir nicht, frag jedes Kind im Dorf! Alle wissen’s – nur du nicht!“ Unter Ignatz’ schnaubendem Lachen zieht sich Maria ins Haus zurück. Weder Mann noch Sohn sind da, sie sind seit früh im Wald unterwegs. Eigentlich hätte Maria im Haushalt arbeiten können, aber die Neuigkeit ließ sie nicht los. „Wozu, warum und für wen? Was haben wir davon?“ Sie quält sich bis zum Abend, beinahe um den Verstand gebracht. Als Jan heimkommt, beginnt der Verhör: „Wo warst du wieder unterwegs? Gibt’s bei uns keine normalen Mädels?“ Jan muss gestehen. Sein Plan war, die Ferien noch durchzuhalten und dann ins Nachbardorf zu verschwinden, wo er in der Berufsschule lernt. Dort hätte ihn sowieso keiner aufgespürt. Vielleicht wäre die Sache an ihm vorbeigegangen! Aber dem mütterlichen Zorn entkam er nicht. Jan weint und bettelt um Verständnis. Er ist kein Schönling, nicht besonders klug, keine tolle Figur, bei den Mädchen hat er eh nichts zu melden. Das Alter und die Hormone verlangen aber ihren Tribut! Und die Jungs machen noch Witze, er bliebe für immer allein. „Und Dasha war einverstanden!“ „Dasha geht auf jeden Loser los!“ – empört sich Maria. „Neunzehn ist sie, und die Jungs laufen davon, wie vor einer Geisteskranken!“ „Solche Familien tun sich doch kein Vernünftiger an! Die haben nichts, massenhaft Kinder, der Mann ist krank! Nimm so eine Dasha und du bist dein Leben lang für ihre Sippschaft zuständig.“ „Mama, sie ist lieb und herzlich!“ – sagte Jan mit Tränen. „Und dass sie nicht besonders hübsch ist, stört dich gar nicht?“ – Maria schrie auf. „Wie konntest du nur…“ Jan wurde rot und senkte den Blick. „Herrgott, wie konnte es dich bloß erwischen!“ – Maria rang mit sich. „Es war nur ein paarmal“, sie Jan leise. „Mehr braucht’s doch nicht!“ – schimpfte Maria. „Das Ergebnis kommt schon bald! Und nächstes Jahr willst du doch studieren – wie denn mit Kind im Schlepptau? Die legen dir noch Unterhalt auf!“ „Vielleicht ist das Kind gar nicht von mir?“ – hoffte Jan. „Ich würde es hoffen – aber wer soll sonst mit so einer etwas anfangen?” – stöhnte Maria. „Falls wir uns nicht einigen, dann nur mit DNA-Test! Wir wollen keine fremden oder untergeschobenen Kinder!“ „Sie hat geschworen, dass sie treu ist“, flüsterte Jan. „Hoff mal lieber, sie hat dich belogen“, knurrte Maria und holte die Sparschatulle. „Grischa!“ Das galt dem Vater, deswegen verzog sich Jan lieber in ein anderes Zimmer. „Grischa, hier ist nicht viel drin!“ – rief Maria. „Der Rest ist auf dem Konto – läuft nächste Woche aus, weißt du noch?“ – antwortete Grischa. „Schon! Dabei kann man den Verstand verlieren!“ – Maria ließ sich ins Polster fallen. „Hast du gehört, was Jan da angerichtet hat?“ „Ja, unser Junge wird erwachsen!“ – lächelte Grischa. „Soll ich schon für die Hochzeit sparen?“ „Bist du verrückt? Hochzeit? Mit wem denn?“ – Maria war empört. „Niemals! Wir werden uns freikaufen – meinst du, hunderttausend reichen?“ „Woher soll ich das wissen?“ – Grischa zuckte die Schultern. „Elisabeth ist gerade so klamm, die nimmt jeden Cent.“ „Mit einem Cent kommst du aber nicht weit!“ – schüttelte Maria den Kopf. Sie zählte das Bargeld, dazu das Sparguthaben. „Zweihunderttausend hätten wir“, sagte sie schließlich. „Erstmal biete ich hundert – und falls sie feilscht, gebe ich zweihundert! Und zur Not in einer Woche dann fünfhunderttausend.“ Maria nickte sich selbst zu. „Soll ich dich begleiten?“ fragte Grischa. „Hättest du besser aufgepasst, müssten wir jetzt kein Geld rausrücken!“ – grollte Maria. „Ich schaffe das allein!“ *** Elisabeths Antwort blieb vage, Dasha selbst hatte nichts zu sagen. Sie durfte ohnehin nichts entscheiden. Jan erlebte den Rest der Ferien ruhig und zog ins Nachbardorf zur Berufsschule. Früher als nächsten Sommer sollte er nicht zurückkommen. Dem Dorf diente er nun nur noch als Gesprächsstoff – und am meisten für Dasha, die mit Baby Bauch spazieren ging und später entband. Auch Elisabeth bekam ihr Fett weg. „Nicht mal Unterhalt hat sie bekommen! Jetzt werden sie selber am Hungertuch nagen!“ Elisabeth konterte die Gerüchte stets mit den Worten: „Das geht euch gar nichts an! Wir kommen schon klar!“ Ende Juni tauchte Jan kurz im Dorf auf, aber die Eltern ließen ihn nicht aus dem Haus. Sobald die Prüfungen durch waren, sollte er in die Stadt ziehen – da kann man sich leicht verlieren! Das Studium wartet. Doch Jan fällt durch die Prüfungen, nicht mal im Bezahlstudium wäre er untergekommen. „Grischa, sprich mit dem Wehrdienstberater!“ – forderte Maria. „Wenn er zur Bundeswehr geht, vergisst er alles! Vielleicht klappt’s dann nächstes Jahr mit dem Studium!“ Es klappte nicht mit einer Einigung. Und weil Grischa darauf beharrte, wurde er zuerst verprügelt und dann für fünfzehn Tage festgesetzt. Als Grischa zurückkam, hatte er einen neuen Plan: „Er muss Dasha heiraten und das Kind anerkennen! Dann gibt’s bis zum dritten Geburtstag des Kindes keinen Wehrdienst für Jan! Danach macht er einfach noch eins und kriegt erneut Aufschub! Und so vergeht die Zeit, bis Jan zu alt für den Dienst ist!“ „Haben sie dir den letzten Verstand rausgeprügelt?“ – rief Maria. „Solche Verwandtschaft wünsche ich niemandem!“ „Dann zieht er halt zur Bundeswehr!“ gab Grischa zurück. Maria wollte Jan keinesfalls zur Bundeswehr schicken, noch weniger ihn mit Dasha verheiraten. Aber es gab einfach keine Alternativen. „Gehen wir zu Elisabeth“, gab Maria nach. „Grischa, hol das Geld aus der Schatulle! Vielleicht nimmt sie es …“ „Nach all dem, was passiert ist? Nach dem, was sie letztes Jahr im Dorf über uns gehört hat?“ – grinste Grischa. „Vielleicht kommst du besser klar, wenn Jan einfach in den Wald zieht, bis er siebenundzwanzig ist!“ „Nimm die Schatulle und los!“ – befahl Maria.