Ich weiß alles über sie – Eine Geschichte über Schweigen, Lügen und einen Neuanfang in Berlin

Ich weiß alles über sie

Wer hat angerufen?

Max riss zusammen, das Handy beinahe fallend.

Niemand. Nur Betrüger…

Klara schnitt weiter Gurke für den Salat, ohne aufzublicken. Der dritte Betrüger an diesem Abend. Bemerkenswerte Statistik für jemanden, der früher klagte, dass ihn außer seiner Mutter und den Paketboten niemand anruft.

Max steckte sein Handy in die Jeans und ging zum Kühlschrank, wobei er selbst nicht zu wissen schien, warum. Er stand einen Moment vor der offenen Tür, starrte die Regale an, als würde er dort Antworten auf geheime Lebensfragen suchen. Dann schloss er die Tür, ohne etwas zu nehmen.

Abendessen ist in zwanzig Minuten fertig, sagte Klara.
Mhm.

Er verzog sich ins Wohnzimmer, keine Sekunde später ertönte der Fernseher. Laut. Viel zu laut für ihre kleine Münchner Wohnung. Klara schmunzelte und kochte weiter.

Die Überstunden begannen eine Woche nach den seltsamen Anrufen. Erst ein Abend, dann zwei hintereinander. Am Monatsende kam Max praktisch jeden Tag erst um neun Uhr zurück.

Neues Projekt brennt, erklärte er beim Schuheausziehen in der Diele. Der Kunde dreht durch, der Chef tobt.
Verstehe.

Klara stellte ihm das aufgewärmte Abendessen hin und setzte sich mit einem Buch gegenüber. Sie fragte nicht nach. Erklärte nicht, welches Projekt warum so exzessive Überstunden erforderte. Max schien auf Nachfragen gewartet zu haben hatte sich Antworten zurechtgelegt auf dem Weg nach Hause. Doch Klara stellte keine Fragen, und so wusste Max nicht, wohin mit seinen einstudierten Ausflüchten.

Bist du nicht böse? Fragte er irgendwann, die Gabel im Frikadellenfleisch.
Worüber?
Na ja… Weil ich so spät komme.

Klara blätterte um.

Arbeit ist Arbeit.

Max nickte, sichtlich unglücklich mit dieser Gelassenheit. Menschen, die lügen, fühlen sich nie wohl, wenn ihnen bedenkenlos geglaubt wird.

Die Geschenke begannen Anfang Dezember. Erst Ohrstecker ohne Anlass, einfach so. Dann ein seidenes Tuch aus jener Boutique nahe Odeonsplatz, an der sie gemeinsam hundertmal vorbeigelaufen waren und Klara nie ein Wort darüber verloren hatte.

Ich dachte, das würde zu deinem beigen Mantel passen, sagte Max und reichte ihr die Schachtel.

Klara entfaltete das Papier, streichelte den weichen Stoff.

Schick.
Gefällt es dir wirklich?
Natürlich.

Sie legte das Tuch in den Schrank, zu anderen selten getragenen Sachen. Max sah aus wie jemand, dessen Schuld schon vergeben wurde, bevor er gestanden hat.

Mit dem Geld ging Max verschwenderisch um. Neuer Flatscreen, während der alte noch wunderbar lief. Teure Kaffeemaschine, über die Klara mal nebenbei gesprochen hatte. Theaterkarten in der ersten Reihe.

Klara nahm alles mit einem leisen Lächeln entgegen. Innerlich setzte sie ein Puzzle zusammen: fremder Parfümduft am Hemdkragen. Nachrichten, die Max unter laufendem Wasser in der Badewanne las. Das Telefon neuerdings immer mit dem Display nach unten.

Der Betriebs-Weihnachtsabend war in einem Restaurant an der Isar. Klara trug den beigen Mantel und das Seidentuch Max strahlte, als er sie sah. Seine Kollegen schilten um die Buffet-Tische, jemand hielt schon den ersten Trinkspruch.

Anna kam auf sie zu, als Max Getränke holte.

Darf ich kurz?

Sie traten ans Fenster, weg vom Lärm.

Wir kennen uns kaum, begann Anna, nestelte am Gurt ihrer Tasche. Mein Mann arbeitet mit Max im selben Team.
Ich weiß.
Also… Anna zeigte ihr das Handy. Letzte Woche war ich in der Innenstadt. Durch Zufall sah ich ihn und… Entschuldigung, ich wusste nicht, ob ich es zeigen soll.

Auf dem Bildschirm umarmte Max eine Frau mit dunklem Haar. Auf dem nächsten Bild küsste er sie vor einem Lokal.

Klara betrachtete die Fotos. Ihr Gesicht blieb ruhig.

Ich weiß, wie das wirkt, sagte Anna hastig. Es ist nicht meine Sache… aber ich dachte, Sie sollten es wissen.
Danke.
Geht es Ihnen gut?
Ja.

Anna nickte zögernd.

Ich sag es niemandem. Nicht mal meinem Mann.
Vielen Dank.

Max kam mit zwei Gläsern Sekt zurück. Klara nahm ihren üblich lächelnd entgegen. Er merkte nichts zu beschäftigt damit, den Kellner mit den Häppchen zu suchen.

Sie fuhren schweigend heim. Max schaltete das Radio ein, summte vor sich hin. Klara sah den vorbeiziehenden Laternen zu und dachte darüber nach, wie seltsam Menschen doch seien. Sie fürchten Enthüllung, hinterlassen aber überall Spuren.

War ein schöner Abend, sagte Max beim Einparken vor dem Haus. Hats dir gefallen?
Sehr.

Sie hatte es nicht eilig. Wochen verstrichen wie gewohnt: Frühstücke, Abendessen, belanglose Gespräche. Max blieb lange im Büro, Klara stellte keine Fragen.

Die Geschenke hörten nicht auf. Ein goldenes Armband zu Silvester, ein Gutschein fürs Spa, und freie Hand bei der Küchenrenovierung koste es, was es wolle. Klara nahm alles.

Die Überweisungen begannen im Januar. Kleine Summen, unauffällig: Fünfhundert Euro für die Massage, achthundert für den Kosmetiker, tausend zweihundert für neue Stiefel.

Mama, ich habe dir das Geld überwiesen.
Habs gesehen, meine Kleine. Erika fragte nicht weiter. Nonverbale Worte am Telefon sagten schon genug. Alles wird gut.
Weiß ich doch.

Klara berichtete Max von Ausgaben für Kosmetik, Boutiquen, Praxen. Er nickte abwesend, achtete nicht auf Details. Was macht schon den Preis einer Behandlung, wenn man sich das Gewissen mit jedem Betrag freikauft?

Teure Tasche, kommentierte er, als er die Markttüte im Flur sah.
Italienisches Leder.
Elegant.

Die Tasche war aus dem Sale, dreißig Euro. Der Rest vierhundertsiebzig ging an ihre Mutter. Max merkte keinen Unterschied überhaupt merkte er nichts mehr, außer seinem Handy und unendlichen Meetings.

Erika legte das Geld auf ein eigenes, geheimes Konto. Die Tochter musste nichts erklären, Mutterherzen verstehen auch ohne Worte. Da braute sich etwas zusammen.

Kommst du am Wochenende vorbei? fragte sie oft.
Noch nicht, aber bald.

Klara plünderte Stück für Stück das Familiensparbuch. Englischkurse, für die sie sich nicht anmeldete. Fitnessstudio, das nie existierte. Teure Zahnbehandlung, die keiner brauchte.

Max akzeptierte alles und spürte Erleichterung, als würde jedes Mal sein Konto mit einer kleinen Absolution begleichen, Stein für Stein die Schutzwand zu seinem eigenen Frieden hochziehen.

Brauchst du noch was? fragte er abends.
Ich bestelle morgen Bettwäsche im Angebot.
Natürlich.

Er fragte nicht, welcher Laden und welches Angebot. Klara musste schmunzeln. Es ist kinderleicht, jemanden zu täuschen, der selbst in Lügen erstickt.

Ende Februar waren auf dem gemeinsamen Konto noch acht Euro und dreiundvierzig Cent übrig. Klara prüfte morgens den Kontostand, während Max im Bad war. Sie schaute auf die Zahlen. Dann schloss sie die App.

Abends buk sie Frikadellen, Max Lieblingsessen, und deckte den Wohnzimmertisch statt in der Küche.

Gibts was zu feiern? Max war erstaunt.
Setz dich.

Er setzte sich. Klara blieb stehen.

Ich weiß alles über sie.

Max erstarrte, Gabel halb erhoben. Sein Gesicht wechselte in Sekunden drei Farben: von Rosa, zu Blass, zu Grau.

Über wen?
Lass es, Max.

Die Gabel klirrte auf den Teller.

Woher… wie hast du…
Spielt keine Rolle.

Er wollte aufspringen, doch die Beine versagten. Klara beobachtete ihn ruhig, beinahe teilnahmslos. Monate lang hatte sie sich auf diese Szene vorbereitet, nun spürte sie nichts als Müdigkeit.

Klara, ich kann das erklären…
Musst du nicht.
Es war ein Fehler, ich
Die Scheidung reiche ich morgen ein.

Max klammerte sich an die Tischkante.

Warte, wir können doch reden. Das kriegen wir
Nein.

Klara drehte sich um und begann im Schlafzimmer zu packen. Max blieb zwischen den kalten Frikadellen sitzen und starrte ins Leere. Das Spiel war vorbei, und er hatte verloren.

Erika öffnete die Tür, noch bevor Klara klingeln konnte.

Es gibt Borschtsch. Das Gästezimmer ist fertig.

Klara umarmte ihre Mutter auf der Schwelle. Zum ersten Mal seit Monaten entspannten sich ihre Schultern, angespanntes Loslassen.

Danke, Mama.
Iss erst mal, wir reden später.

Die Scheidung lief still und schnell ab. Max machte keine Szene, kämpfte um nichts. Das Gemeinschaftskonto leer, die Wohnung gehörte ihm, nichts war zu verteilen.

Klara unterschrieb mit leichtem Herzen. Keine Rache, keine Bitterkeit. Nur Erleichterung.

Ein halbes Jahr bei der Mutter verging wie im Traum: Arbeit, Bücher, Spaziergänge durch Münchens alte Straßen. Dann meldete sich die Maklerin mit guten Nachrichten.

Eine Einzimmerwohnung im Neubau liegt voll im Budget. Möchten Sie sie sehen?

Klara wollte.

Der Kredit war in einer Woche genehmigt. Gute SCHUFA, sicheres Gehalt, das Eigenkapital das, was sie noch vom gemeinsamen Konto retten konnte.

Den Schlüssel überreichte man ihr an einem sonnigen Augustnachmittag. Der schwere Bund drückte wohlig in der Jackentasche.

Die erste Nacht verbrachte Klara auf einer Luftmatratze in der neuen Wohnung, mitten im leeren Raum. Die Möbel kamen erst morgen, aber sie wollte nicht mehr warten. Sie lag da, starrte in die Decke und dachte an den weiten Weg der letzten zwölf Monate.

Kein Bedauern. Keine Fragen wie Was wäre, wenn…? Nur Stille, duftend nach frischem Putz und Aufbruch.

Klara lächelte in die Dunkelheit…

Am Morgen würde sie Kaffee im neuen kleinen Kocher aufsetzen und ihn am Fenster trinken. Dann würde sie beginnen, ihr neues Zuhause einzurichten langsam, Stein für Stein, so beharrlich, wie sie aus der Lüge geflohen war.

Geduld und Kalkül hatten sie hierher gebracht. Und diese würden sie weitertragen.

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Homy
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