Eine junge Lehrerin, neunzehn Jahre alt, kommt nach dem Referendariat in ein malerisches, idyllisches Dorf und zieht mit einem kleinen Koffer als Untermieterin bei einer alleinstehenden älteren Dame ein.

Es war einmal, vor vielen Jahren, als eine junge Lehrerin, kaum neunzehn Jahre alt, nach ihrem Abschluss einer Zuteilung folgend in ein idyllisch gelegenes Dorf im Herzen Bayerns reiste. Mit einem kleinen, abgegriffenen Koffer stand sie da, um bei einer alleinstehenden alten Dame einzuziehen.

Die alte Dame, obwohl damals schon fünfundsechzig Jahre alt, wirkte erstaunlich jugendlich. Das Haus war sauber und luftig, und von dem schmalen Flur gelangte Elisabeth Hochstetter wie die Lehrerin hieß, oder Liesel, wie sie ihre Freunde nannten in ein Zimmer mit einem alten Kachelofen. Ein Tisch mit einer hellen Tischdecke, übersät mit himmelblauen Blümchen, stand bereit.

Zur Rechten lag das Zimmer der Vermieterin, geradeaus das Wohnzimmer, in dem Liesel ihr neues Zuhause fand. In ihrem Zimmer stand ein ordentlich gemachtes Bett mit aufgeschüttelten Daunenkissen und ein runder Tisch, an dem sie abends ihre Stundenpläne schrieb.

Die alte Dame, Frau Margarete Danner, die Liesel bald Tante Grete nannte, war ein sehr geselliger Typ und redselig dazu. An den Abenden, wenn Liesel weder ins örtliche Lichtspielhaus ging noch in einem ihrer Bücher versunken war, saßen sie gemeinsam bei Tee. Dann erzählte die alte Margarete aus ihrem langen Leben, und Liesel lauschte gebannt diesen Geschichten, die von einer Zeit erzählten, als alles noch ganz anders war.

Obwohl Tante Grete schon alt war, galt sie einst als Schönheit: eine aufrechte Statur, mit funkelnden, tief braunen Augen, so dunkel und süß wie reife Schattenmorellen. Auch war sie ungemein klug und ihre Redewendungen waren oft voller Weisheit und Witz. Wenn sie etwa von jemandem sprach, sagte sie: Der war klug listenreich! oder Sie war schön wohlgenährt! Solche Doppeldeutigkeiten begeisterten Liesel, denn sie waren einprägsam und verbargen einen tieferen Sinn.

So saßen sie eines Abends zusammen, Tante Grete biss von einem Stück Zucker ab und schlürfte geräuschvoll Tee aus einem bunten Unterteller.

Weißt du, mein Lieschen, damals war das ganz anders. Da fragte niemand, wen wir mochten oder nicht. Die Eltern bestimmten, wen wir zu heiraten hatten. Ich war fünfzehn, als die Jungens von den Nachbardörfern zu unseren Spinnstuben kamen. Einer davon war groß und stattlich, und wie liebevoll er um mich warb! Alle Mädchen beneideten mich. Er brachte mir stets kleine Gaben mit Nüsse, Lebkuchen, Bonbons aus dem nächsten Dorf. Ich schenkte sie großzügig meinen Freundinnen. Und wie viel Schmuck er mir schenkte: Perlenketten, Ohrringe, Tücher!

Anfangs wehrte ich mich gegen Geschenke, doch er sagte nur: Nimms und denk ab und zu an mich! Und ich: Vergessen tu ich dich nie! Er dankte, und ich auch, aber ich wusste, meine Eltern würden seine Werbung nicht gutheißen.

Dann gestand er mir eines Tages: Mei Familie weiß Bescheid, ich will dich heiraten. Kommst du mit mir? In mir tobte ein Sturm, Tränen stiegen mir in die Augen. Ich sagte: Es wird nichts aus uns. Er verstand erst nicht. Warum? fragte er verzweifelt. Meinetwegen? Ich musste ihm erklären, wie sehr doch die alten Sitten galten.

Er hatte einen älteren Bruder, der einmal der Schönste weit und breit war, bis ihn ein Unfall beim Pflügen entstellte. Ein Pferd trat ihm ins Gesicht, und ab da trug er eine Klappe vor dem Gesicht. Die Leute nannten ihn nur noch Fremder. Als meine Eltern hörten, wessen Bruder um mich warb, schlossen sie es aus dachten, man würde mich nur in so ein Haus geben, wenn etwas mit mir nicht stimmte.

Was hätte ich tun sollen? So sehr es mir das Herz zerriss ich war abhängig von meinem Vater und meiner Mutter. Ich bat ihn schließlich, keine Werbung mehr zu machen, um mich nicht in Verruf zu bringen. Er blickte mich nur traurig an, dann ging er. Jene Nacht habe ich nur geweint. Und meine Eltern befahlen mir, nicht weiter daran zu denken.

Zwei Tage später kam ein anderer Bursche vorbei. Ich wurde seine Frau und bemühte mich, ihn liebzugewinnen den Andreas, meinen späteren Ehemann. Er war kleiner als der erste, bescheidener von Gemüt, aber er liebte mich und ich bemühte mich, eine gute Frau zu sein. Wenn wir ausgingen, schob ich oft heimlich etwas Stroh in seine Stiefel, damit er größer wirkte, doch er merkte es immer und schmunzelte nur: Bestimmt haben die Kinder wieder Stroh reingestopft!

Er war mir nie böse, nur einmal sagte er etwas, das ich nie vergaß. Unsere älteste Tochter war krank, ich saß weinend am Bett und er meinte nur: Ach, reg dich nicht auf. Davon bekommen wir noch viele! Ich war gekränkt, doch zum Glück wurde unsere Tochter wieder gesund. Es kamen noch ein Mädchen und ein Bub, der kleine Franz.

Dann kam das Jahr 1940, schlimm voller Not. Die Regierung forderte Getreide ein, Hungerstreik machte die Runde. Mein Andreas half auf der Mühle, Tag und Nacht. Als Lohn gabs ein paar Säcke Korn. Doch ein neidischer Nachbar zeigte sie an, und alle wurden wegen Diebstahl verurteilt und nach Sachsen verschickt, zur Zwangsarbeit in den Braunkohlegruben.

Andreas durfte sich von uns verabschieden. Er setzte sich nieder, nahm den kleinen Franz auf den Schoß, streichelte ihm übers Haar und weinte: Lebe wohl, Franzl, hör auf die Mama, bleib brav! Dort ist er geblieben. Nach dem Krieg suchte ich lange nach Nachrichten, ein hoher Herr von auswärts, der bei uns zur Untermiete wohnte, versprach, zu helfen und schickte später einen Brief: Andreas sei an Herzschwäche gestorben, bei schwerster Arbeit und ohne menschenwürdige Bedingungen.

Die alte Dame seufzte tief und fuhr leiser fort: Er war noch so jung, und alles hat er für die Familie getan. Was für ein schlimmes Schicksal… Und ich blieb mit meinen drei Kindern. Wir haben viel mitgemacht!

Liesel hörte gebannt zu, stellte ab und zu eine leise Frage, wenn Margarete in Erinnerungen abschweifte.

Und, Tante Grete, hast du dann je wieder geheiratet?
Nein, Kind. Nach dem Krieg gabs ja kaum noch Männer im Dorf. Mit all der Arbeit blieb kein Platz für andere Gedanken.

Doch Liesel konnte nicht anders, sie fragte schließlich nach jenem Burschen von früher, spürte, dass Tante Grete das nicht umsonst erzählt hatte.

Und was wurde aus dem Jungen, dem du nicht folgen durftest, Tante Grete?

Margarete strich über das Tischtuch und verlangte: Schenk mir noch eine Tasse ein, Liesl! Der Tee ist heute besonders gut gelungen.
Was hast du denn aufgebrüht?
Johannisbeerblätter und Minze!

Margarete lächelte ein wenig. Weißt du, wir haben uns tatsächlich noch einmal gesehen. Meine Kinder hatten eigene Familien, ich lebte allein, bis mich mein Sohn nach München einlud. Er zeigte mir die Stadt Kino, Varieté, Museen. Zur selben Zeit kam, stell dir vor, mein alter Freund zurück ins Dorf, fragte nach mir. Nach all den Jahren konnte er die erste Liebe nicht vergessen. Sie sagten ihm, ich sei verwitwet und führe ein stilles Leben. Da fragte er nach, wo mein Sohn wohnt, und holte die Adresse. Ich saß gerade im Fernsprechamt, als plötzlich seine Stimme kam: Grete, meine Liebe, erinnerst du dich? Ich hab dich nie vergessen! Da stand ich also, vierfache Großmutter, und sein Liebesruf hallte durchs ganze Amt. Ich rief schnell zurück: Schreib mir lieber, Manni, ich hör dich so schlecht! und legte auf.

Margarete seufzte zufrieden. Zwölf Jahre lang lebten wir dann noch zusammen, so innig wie kaum zwei Menschen. Er hat mich nie mit einem harten Wort bedacht; für ihn war ich stets Gretelein und ich nannte ihn Meiner. Am Ende war es Krankheit, die ihn holte, doch nie werde ich die lichte Zeit vergessen, die uns im Alter durch Geduld vergönnt war.

Sie blickte Liesel forschend an und meinte: Hätte mir das vor Jahren jemand erzählt, ich hätte es nicht geglaubt. Aber so ist das Leben manchmal weht eben doch der Wind zurück…

Liesel nickte. Ich glaube daran. Es wäre ja ungerecht, wenn ihr euch nie wiedergesehen hättet!

Margarete lachte leise: Wo steht geschrieben, dass es im Leben gerecht zugeht? Wir hatten nur Glück der Gegenwind wurde zu einem Rückenwind.

Dieser Ausdruck war Liesel neu, aber sie fragte nicht weiter. Manche Dinge lassen sich eben mit Worten nicht erklären und auch in keinem Wörterbuch nachschlagen.

So sind viele Jahre vergangen, aber selbst jetzt sieht man Liesel im Geiste noch am Tisch, mit Tante Grete plaudernd in der duftenden Veranda, während frischer Tee und ein Hauch von Kirschmarmelade durch das offene Fenster ziehen und leise hoffen lassen, dass alles Schöne wiederkehren kann wenn erst wieder der Wind umkehrt.

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Homy
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