Weil ich mich an meinem wohlverdienten freien Tag weigerte, auf die Enkel meiner Schwägerin aufzupassen, war ich sofort die Familien-Feindin Nummer eins – “Du sitzt doch sowieso zu Hause, ist das wirklich zu viel verlangt? Erwachsen bist du, aber benimmst dich wie eine Egoistin”, schrillte es empört aus dem Telefon. “Marina und ihr Mann gehen ins Theater, die Karten haben sie seit einem Monat, und ich habe seit heute früh mit dem Blutdruck zu kämpfen. Wie soll ich da auf die Kinder aufpassen? Du bist gesund wie ein Pferd, erholst dich doch noch genug.” Elena nahm das Handy vom Ohr, verzog das Gesicht und blickte auf das Display. Svetlana. Die Schwägerin. Ein Mensch, der fest davon überzeugt ist, dass sich die ganze Welt nur um ihre Wünsche und die Bedürfnisse ihrer Familie dreht. Freitagabend, acht Uhr. Elena war gerade zur Wohnungstür herein, zog die Schuhe aus, die sich nach diesem Tag wie Fesseln anfühlten, und hatte nur einen Wunsch: Stille, ein heißes Bad und eine Tasse Minztee. Diese Woche war eine Katastrophe gewesen – Jahresabschluss, Steuerprüfung und der neue Chef, der das komplette Ablagesystem umkrempeln wollte. – “Svetlana, ich sitze nicht zu Hause, ich bin gerade erst von der Arbeit gekommen”, entgegnete Elena so ruhig wie möglich. “Und morgen habe ich den ersten und einzigen freien Tag seit zwei Wochen. Ich wollte ausschlafen und mal meine Sachen erledigen.” – “Was denn für Sachen?”, schnappte die Schwägerin sofort. “Staub wischen? Oder Serien schauen? Manche Leute müssen schließlich auf ihre Kulturabende verzichten. Kannst du wirklich nicht mal mitfühlen? Es sind schließlich die Enkel deines Mannes, dein eigenes Fleisch und Blut! Viktor hätte nie nein gesagt, aber den erreiche ich natürlich wieder nicht.” – “Viktor ist noch im Meeting, er kommt später,” erwiderte Elena kühl. “Was hat das überhaupt mit ihm zu tun? Die Kinder soll ja schließlich ich nehmen, nicht er. Svetlana, lass uns Klartext reden: Marina hat zwei Söhne, drei und fünf Jahre alt, richtige Wirbelwinde. Da braucht man Nerven und Gesundheit – und beides habe ich gerade nicht. Warum engagiert Marina nicht einfach eine Nanny?” Am anderen Ende entstand eine schwere Pause, dann die Explosion: – “Eine Nanny? Hast du mal die Preise gesehen? Die Jungen haben einen Kredit am Laufen, da zählt jeder Cent! Du bist wohl reich, wenn du solche Ratschläge gibst? Ich hätte nie gedacht, dass du so herzlos bist. Schon gut, ich hab’s verstanden. Danke, dass du dich so ins Zeug legst, liebe Verwandte.” Svetlana legte auf. Elena atmete tief aus und legte das Handy auf den Flurschrank. Ihre Schläfen pochten. Dieses Theater kannte sie auswendig: Erst kommt die als Bitten getarnte Forderung, danach das Mitleids-Drücken, schließlich die Aggression und der Kälte-Vorwurf. Früher hat das oft gewirkt. In den ersten Ehejahren mit Viktor wollte Elena die perfekte Ehefrau und Schwiegertochter sein: Gäste empfangen, Tische decken, im Gemüsegarten helfen, mit auf Marina aufpassen, als sie noch klein war. Aber Marina wurde groß, bekam selbst Kinder, und an Elenas Rolle als „kostenlose Ressource“ änderte sich nichts. (Warum ich an meinem freien Tag nicht auf die Enkel der Schwägerin aufpassen wollte – und sofort zur Familien-Feindin Nummer eins wurde)

Ich weigerte mich, auf die Enkel meiner Schwägerin an meinem freien Tag aufzupassen und war sofort der Feind Nummer eins

Du bist doch eh daheim, was kostet dich das? Eine erwachsene Frau benimmt sich wie eine Egoistin, gellte es aus dem Hörer, die Stimme überschlug sich vor Empörung. Sonja will mit ihrem Mann ins Theater, die Karten haben sie schon vor Monaten gekauft, und ich hab seit heute Morgen schon wieder Probleme mit dem Blutdruck. Wie soll ich das denn mit den Kindern machen? Du bist doch gesund wie ein Pferd, kannst dich später ausruhen.

Katrin hielt das Handy einen Moment weg vom Ohr, verzog das Gesicht und las auf dem Display: Heike. Die Schwägerin. Eine Frau, die allen Ernstes glaubte, die Welt müsse sich um ihre Wünsche und die ihrer Familie drehen. Es war Freitag, acht Uhr abends. Katrin war gerade erst in die Wohnung gekommen, hatte die Schuhe abgestreift, die nach diesem Tag zu Folterinstrumenten geworden waren, und wollte nur noch eines: Ruhe, ein heißes Bad und ein Glas Pfefferminztee. Die Woche war die pure Katastrophe gewesen Jahresabschluss, Prüfung vom Finanzamt, außerdem wollte der neue Vorgesetzte den ganzen Papierkram umstellen.

Heike, ich bin nicht zu Hause, ich bin jetzt erst von der Arbeit gekommen, antwortete Katrin, so ruhig sie konnte. Und morgen hab ich meinen einzigen freien Tag seit zwei Wochen. Ich will endlich ausschlafen und was für mich machen.

Was denn? Staubwischen? Serien gucken vielleicht? Andere Leute wollten mal was für die Kultur tun. Kannst du dich da nicht mal reindenken? Es sind schließlich die Enkel deines Bruders, das ist Familie! Michael hätte nicht nein gesagt, nur dass der wieder nicht ans Telefon geht!

Michael hat eine Besprechung und kommt später, schnitt Katrin ihr das Wort ab. Und überhaupt: Was hat Michael damit zu tun? Es geht ja darum, dass ich auf die Kinder aufpassen soll, nicht er. Heike, mal Klartext: Sonja hat zwei Kinder, drei und fünf Jahre alt. Beide temperamentvoll und laut. Dafür braucht man echt Nerven und Gesundheit, und beides hab ich heute nicht mehr übrig. Warum besorgt Sonja sich nicht eine Babysitterin?

Am anderen Ende Schweigen. Dann ein Wortschwall.

Babysitterin?! Hast du mal geguckt, was das kostet? Die beiden haben einen Kredit am Hals, da zählt jeder Cent! Bist wohl selbst auf Rosen gebettet, wenn du solche Ratschläge hast? Hätt ich echt nicht gedacht, dass du so gefühlskalt bist. Schon gut, danke für nichts.

Heike legte auf. Katrin atmete hörbar aus und legte das Handy beiseite. Es pochte in ihren Schläfen. Sie kannte dieses Ritual in- und auswendig: Erst die Bitte, die eigentlich schon eine Forderung ist; dann der Versuch, auf die Tränendrüse zu drücken; am Schluss Vorwürfe und Gemecker über ihre Kälte. Früher hatte das funktioniert. In den ersten Ehejahren versuchte Katrin, die perfekte Ehefrau und Schwägerin zu sein: Sie empfing Gäste zu jeder Zeit, half Schwiegermutter im Garten, kümmerte sich um die Nichte Sonja, als die noch klein war. Sonja wurde erwachsen und bekam selbst Kinder aber für Katrin blieb sie das wandelnde, kostenlose Hilfspersonal.

Michael kam eine Stunde später nach Hause, der Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Er drückte Katrin wortlos, trottete in die Küche und setzte sich, noch im Anzug, auf einen Stuhl.

Hat Mutti angerufen?, fragte er, als Katrin ihm das Gemüse-Ragout auflud. Oder wieder Heike?

Heike, nickte Katrin. Ich sollte morgen auf die Zwillinge aufpassen. Sonja geht ins Theater.

Und, hast du zugesagt?

Ich hab abgelehnt.

Michael seufzte schwer und rieb sich das Gesicht. Er wollte immer allen gefallen, Konflikte lagen ihm nicht. Diese Eigenschaft, die Katrin anfangs für liebenswert hielt, nervte sie inzwischen nur noch. Seine Familie nutzte diese Schwäche schamlos aus.

Vielleicht hättest du doch…, begann er zögernd. Die werden jetzt beleidigt sein. Heike wirft uns das Wochenlang vor.

Soll sie, stellte Katrin seinen Teller mit etwas zu laut auf den Tisch. Michael, ich bin erledigt. Ich halte morgen keine zwei Wildfänge in unserer Dreizimmerwohnung aus, in der gerade erst renoviert wurde. Weißt du noch letztes Mal? Bemalte Tapeten im Flur, die Vase, die ich von meinen Kollegen hatte, kaputt. Und Sonja? Kein Wort der Entschuldigung. Sind halt Kinder hat sie gesagt, und Heike meinte, ich hätte die Vase gefälligst wegräumen müssen.

Stimmt, das war echt ärgerlich, gab Michael kauend zu. Aber es ist halt Familie…

Familie heißt, sich gegenseitig zu achten! hielt Katrin dagegen. Aber bei uns gibts Hilfe nur, wenn sie was von uns wollen: Fahren, Sachen holen, babysitten. Letzten Monat lag ich mit Grippe flach, hat Heike auch nur einmal nachgefragt, ob ich was brauche? Nein. Aber als das alte Sofa zur Datsche gefahren werden musste, bist du an deinem freien Tag als Möbelschlepper eingesprungen.

Michael schwieg. Es gab nichts zu erwidern, und Katrin wusste, dass der Streit ins Leere laufen würde. Er würde wieder abtauchen, warten, bis Gras über die Sache wächst.

Der Samstagmorgen begann statt mit dem Duft von Kaffee und Sonnenlicht mit einem penetranten, fordernden Klingeln an der Wohnungstür. Katrin schlug die Augen auf halb neun. Ihr wohlverdienter freier Tag. Michael murmelte verschlafen neben ihr.

Wer will denn schon was?, nuschelte er.

Das Klingeln wurde zum Dauerton, jemand ließ die Finger nicht vom Knopf. Katrin schlüpfte in den Bademantel, dann in die Hausschuhe und tappte Richtung Flur das Herz schlug schneller. Sie warf einen Blick durch den Spion, stockte.

Auf dem Treppenabsatz stand Sonja, Heikes Tochter. Neben ihr zerrten die beiden Jungs, Max und Emil, an ihrem Mantel.

Katrin öffnete langsam die Tür nur einen Spalt, ließ die Kette dran.

Ah, Tante Katrin, endlich!, Sonja sah aus, als müsste sie zum Flughafen hetzen. Das Make-up saß, die Frisur tipptopp, und der süßliche Parfumgeruch ließ Katrin die Nase rümpfen. Wir klingeln und klingeln! Hier, nimm die Jungs, wir sind schon spät dran.

Wie bitte?, fragte Katrin leise, während in ihr kalter Ärger aufstieg. Ich hab deiner Mutter gestern klar gesagt: Ich kann nicht.

Mama meinte, du würdest dich nur anstellen, winkte Sonja ab und schob eine Tasche mit Kindersachen durch den Türspalt. Na komm, fang doch jetzt nicht an. Die Karten verfallen sonst. Die haben gefrühstückt, du musst sie nur mittags füttern. Wir sind um sechs zurück. Max, lass die Tür in Ruhe!

Sonja, hör mir genau zu, Katrin stemmte den Fuß gegen die Türschwelle. Ich stelle mich nicht an. Ich hab abgelehnt. ‘Nein’ heißt nein. Ich nehme die Kinder nicht.

Wie jetzt? Das Gesicht der Nichte wurde länger, die Freundlichkeit verschwand. Ernsthaft? Wir sind extra hergefahren! Was soll ich jetzt machen? Mama schafft das gesundheitlich nicht!

Das ist nicht mein Problem, Sonja. Du hast einen Mann, eine andere Oma, und notfalls bezahlte Babysitter. Ich habe nie zugesagt.

Onkel Michael!, rief Sonja in die Wohnung, in der Hoffnung, ihren Verbündeten zu alarmieren, Onkel Micha, sag doch was! Wir hatten doch gesprochen!

Michael kam in den Flur, kratzte sich verlegen am Kopf, sah seine Großneffen hilflos an.

Katrin, jetzt sind sie schon da…, hob er an.

Nein, meinte Katrin knapp, der Ton unmissverständlich, wenn du dich kümmern willst, nur zu aber dann zieh ich mich jetzt um und gehe raus. Ob in den Park, ins Café oder in die Bibliothek ich bin erst abends wieder da. Füttern, unterhalten, alles räumst du alleine auf, klar?

Michael wurde blass. Er wusste genau, dass er keine Stunde allein mit zwei Energiebündeln durchhalten würde.

Sonja, wandte er sich an die Nichte, Katrin hatte gestern schon abgelehnt. Warum seid ihr gekommen?

Wahnsinn!, schrie Sonja auf. So eine Familie! Wir fragen EIN MAL im Jahr und so was! Max, Emil, kommt! Wir haben eh keine Oma und keinen Opa, nur Egoisten!

Sie riss die Kinder an sich, der Kleine fing an zu heulen, und stampfend zogen sie zum Aufzug ab. Die Tasche blieb im Flur.

Nimm deine Sachen mit!, rief Katrin noch.

Sonja kam wütend zurück, schnappte die Tasche, warf ihrer Tante einen hasserfüllten Blick zu und verschwand. Die Tür krachte zu. Plötzliche Stille.

Du warst zu hart, murmelte Michael, während er in die Küche ging, um Wasser für Tee aufzusetzen. Du hättest netter sein können.

Nett war ich zwanzig Jahre. Nett nehmen sie nur als Schwäche.

Der Tag verlief angespannt. Das Telefon von Katrin und Michael klingelte ohne Pause Heike, die Schwiegermutter aus dem Schwarzwald, sogar eine Cousine fünften Grades aus Bielefeld, die Katrin nur einmal auf einer Hochzeit getroffen hatte. Katrin stellte alles auf lautlos. Michael hatte es aber geschafft, ans Telefon zu gehen, als seine Mutter anrief.

Katrin hörte nur Gesprächsfetzen: Mama, Katrin ist erschöpft Wir haben niemanden rausgeschmissen Mama, jetzt sei mal ruhig Nein, wir sind nicht abgehoben Als er auflegte, sah er aus, als hätte er einen Kohlewagen entladen.

Mutti weint, teilte er ihr mit, Fußbodenblick. Sie sagt, wir hätten die Familie blamiert. Heike musste alles absagen, zu Sonja fahren, auf die Kinder aufpassen, wieder Blutdruck außer Kontrolle…

Heike hat sofort einen ‘Kollaps’, wenn sie was tun soll, was sie nicht will, sagte Katrin ruhig, blätterte aber nur lustlos in ihrem Buch. Sie wussten seit gestern Bescheid. Ohne Einladung herzukommen, um mich mit offener Tür zu drängen, ist pures Kalkül. Lassen wir das zu, wird es immer so laufen.

Wir sind jetzt der Feind Nummer eins, lächelte Michael schief. Heike hat schon ein Drama in der Familien-WhatsApp-Gruppe gepostet.

Zeig her, forderte Katrin.

Michael gab das Handy rüber. In der Gruppe Unsere liebe Familie (fünfzehn Verwandte) prangte ein langer Text von Heike. Voller Ausrufezeichen und gebrochener-Herz-Emojis: Wie sie Michael früher bei Hausaufgaben geholfen habe, wie Sonja immer Respekt vor Tante Katrin gehabt habe, und wie grausam sie heute die Engelchen rausgeworfen hätten. Und ganz pathetisch am Schluss: Gott wird richten, der Bumerang kommt, wenn sie mal selbst Hilfe brauchen!

Katrin grinste und reichte das Handy zurück.

Weißt du, was am lustigsten ist? Kein Wort davon, dass ich gestern abgelehnt hab. Alles klingt, als hätte ich grundlos durchgedreht.

Ich schreib jetzt, wie es war, sagte Michael plötzlich entschieden. Die Finger schwebten über den Tasten.

Lass es. Rechtfertigen heißt, man hat Schuldgefühle. Und wir haben keinen Grund dafür. Sollen sie schreiben, was sie wollen.

Eine Woche später herrschte eiskalte Stimmung. Michael wurde weitgehend ignoriert, Katrin wurde beim Einkauf nicht gegrüßt sie wohnten alle im selben Stadtteil. Am darauffolgenden Freitag geschah allerdings das Unerwartete.

Katrin, von der Arbeit kommend, steuerte noch den Supermarkt an. Bei der Milch traf sie Heike direkt. Die Schwägerin sah bestens aus, nichts von gesundheitlichen Problemen im Gesicht, dafür steckte im Einkaufskorb eine teure Flasche Weinbrand, Lachs und Torte.

Heike wollte sie demonstrativ übersehen, aber der Gang war zu eng.

Hallo Heike, grüßte Katrin höflich.

Heike fauchte, blieb stehen. Ihr Redebedürfnis war offensichtlich größer als der Stolz.

Ach, grüßen kann sie kein schlechtes Gewissen? Wegen dir haben Sonja und ihr Mann sich gestritten. Er wollte zum Fußball, aber musste dann auf die Kinder aufpassen, weil ich plattlag. Familie auf dem Gewissen, dank deinem Egoismus.

Heike, lass uns nicht im Laden streiten, erwiderte Katrin ruhig. Wenn das Glück der Ehe an einem Abend mit den eigenen Kindern hängt, liegt das sicher nicht an mir. Im Übrigen sagt das deutsche Familienrecht: Eltern sind für ihre Kinder verantwortlich, nicht Tanten und Onkel.

Hör auf mit deinen Paragraphen, wurde Heike lauter, so dass die Leute guckten. Du solltest Menschlichkeit zeigen! Wir sind doch eine Familie!

Familie? Sag mal ehrlich: Wann hast du zuletzt mal einfach so angerufen, aus Interesse, nicht weil du was wolltest? Als ich für Michaels Mutter einen guten Arzt suchte, hast du gesagt, du hast keine Zeit, obwohl du in der Praxis arbeitest. Als wir mal Geld für die Autoreparatur brauchten, war angeblich nichts da einen Tag später postet Sonja Urlaubsfotos aus Mallorca. Familie?

Heike lief rot an.

Du bist nur neidisch!

Nein, ich ziehe nur meine Schlüsse. Ihr habt euch an Michaels Hilfsbereitschaft gewöhnt, und dass ich nie widerspreche. Jetzt ist Schluss mit kostenloser Rundumbetreuung. Wenn ihr was wollt, bittet höflich und lernt, dass wir auch nein sagen dürfen.

Katrin schob an der verblüfften Heike vorbei zur Kasse. Die Hände zitterten etwas, aber innerlich war ihr leicht. Als hätte sie einen schweren Rucksack abgelegt.

Am gleichen Abend kam Michael heim, ungewöhnlich vergnügt.

Rate mal, Sonja hat angerufen, sagte er beim Schuheausziehen.

Hat sie geschimpft?

Nein. Sich entschuldigt. Ihr Mann, André, hat nämlich die Familien-WhatsApp durchgelesen und Sonja richtig zusammengestaucht. Er meinte, er schämt sich, dass sie wie Schmarotzer auftreten. Er wusste nämlich gar nicht, dass du abgelehnt hattest Sonja hatte gesagt, du hättest erst zugesagt und dann abgesagt. Jetzt kümmern sie sich selbst und Überraschung haben eine Babysitterin organisiert. Geld wäre also doch dagewesen, aber Heike hatte Sonja eingeredet, bei uns sei das ja quasi selbstverständlich.

Katrin musste lachen. Der Kreis schloss sich: Nicht Not, sondern Dreistigkeit und Gier standen dahinter.

Na dann, sagte sie und umarmte Michael, dieses Wochenende fahren wir endlich mal wieder alleine aufs Land, wie geplant.

Das Verhältnis zu Heike blieb kühl. Niemand drängte sich mehr auf, bei Familienfesten blieb der Austausch formell. Aber Katrin bemerkte: Wenn Heike jetzt um einen Gefallen bat, zögerte sie, suchte Worte und fragte immer: Nur, wenn es passt. Das gefiel Katrin. Sie war nicht mehr die bequeme Verwandte, sondern endlich eine geachtete.

Manchmal muss man, um Familienfrieden zu finden, nicht vermitteln, sondern klare Grenzen setzen. Auch wenn man dafür eine Weile der Buhmann ist.

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Homy
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Weil ich mich an meinem wohlverdienten freien Tag weigerte, auf die Enkel meiner Schwägerin aufzupassen, war ich sofort die Familien-Feindin Nummer eins – “Du sitzt doch sowieso zu Hause, ist das wirklich zu viel verlangt? Erwachsen bist du, aber benimmst dich wie eine Egoistin”, schrillte es empört aus dem Telefon. “Marina und ihr Mann gehen ins Theater, die Karten haben sie seit einem Monat, und ich habe seit heute früh mit dem Blutdruck zu kämpfen. Wie soll ich da auf die Kinder aufpassen? Du bist gesund wie ein Pferd, erholst dich doch noch genug.” Elena nahm das Handy vom Ohr, verzog das Gesicht und blickte auf das Display. Svetlana. Die Schwägerin. Ein Mensch, der fest davon überzeugt ist, dass sich die ganze Welt nur um ihre Wünsche und die Bedürfnisse ihrer Familie dreht. Freitagabend, acht Uhr. Elena war gerade zur Wohnungstür herein, zog die Schuhe aus, die sich nach diesem Tag wie Fesseln anfühlten, und hatte nur einen Wunsch: Stille, ein heißes Bad und eine Tasse Minztee. Diese Woche war eine Katastrophe gewesen – Jahresabschluss, Steuerprüfung und der neue Chef, der das komplette Ablagesystem umkrempeln wollte. – “Svetlana, ich sitze nicht zu Hause, ich bin gerade erst von der Arbeit gekommen”, entgegnete Elena so ruhig wie möglich. “Und morgen habe ich den ersten und einzigen freien Tag seit zwei Wochen. Ich wollte ausschlafen und mal meine Sachen erledigen.” – “Was denn für Sachen?”, schnappte die Schwägerin sofort. “Staub wischen? Oder Serien schauen? Manche Leute müssen schließlich auf ihre Kulturabende verzichten. Kannst du wirklich nicht mal mitfühlen? Es sind schließlich die Enkel deines Mannes, dein eigenes Fleisch und Blut! Viktor hätte nie nein gesagt, aber den erreiche ich natürlich wieder nicht.” – “Viktor ist noch im Meeting, er kommt später,” erwiderte Elena kühl. “Was hat das überhaupt mit ihm zu tun? Die Kinder soll ja schließlich ich nehmen, nicht er. Svetlana, lass uns Klartext reden: Marina hat zwei Söhne, drei und fünf Jahre alt, richtige Wirbelwinde. Da braucht man Nerven und Gesundheit – und beides habe ich gerade nicht. Warum engagiert Marina nicht einfach eine Nanny?” Am anderen Ende entstand eine schwere Pause, dann die Explosion: – “Eine Nanny? Hast du mal die Preise gesehen? Die Jungen haben einen Kredit am Laufen, da zählt jeder Cent! Du bist wohl reich, wenn du solche Ratschläge gibst? Ich hätte nie gedacht, dass du so herzlos bist. Schon gut, ich hab’s verstanden. Danke, dass du dich so ins Zeug legst, liebe Verwandte.” Svetlana legte auf. Elena atmete tief aus und legte das Handy auf den Flurschrank. Ihre Schläfen pochten. Dieses Theater kannte sie auswendig: Erst kommt die als Bitten getarnte Forderung, danach das Mitleids-Drücken, schließlich die Aggression und der Kälte-Vorwurf. Früher hat das oft gewirkt. In den ersten Ehejahren mit Viktor wollte Elena die perfekte Ehefrau und Schwiegertochter sein: Gäste empfangen, Tische decken, im Gemüsegarten helfen, mit auf Marina aufpassen, als sie noch klein war. Aber Marina wurde groß, bekam selbst Kinder, und an Elenas Rolle als „kostenlose Ressource“ änderte sich nichts. (Warum ich an meinem freien Tag nicht auf die Enkel der Schwägerin aufpassen wollte – und sofort zur Familien-Feindin Nummer eins wurde)
„Du bist hier ein Nichts – genau wie dein Balg!“ – sagte die Schwägerin meines Mannes. Sabine heiratete früh – am Tag ihres 18. Geburtstags fand ihr Vater den Bräutigam. Die Familie war wohlhabend – was braucht man mehr zum Glück? Die Hochzeit war ein rauschendes Fest, das ganze Dorf feierte. Nur das Brautpaar fühlte sich fehl am Platz. Sabine mochte ihren Bräutigam, auch wenn sie ihn kaum kannte. Ihre Schwester hatte weniger Glück – sie heiratete einen 40-jährigen Mann aus dem Nachbardorf. Alle dachten, sie bleibe eine alte Jungfer, aber der Vater suchte ihr einen Mann und versprach eine Mitgift. Das Paar zog ins Haus von Eduard. Es war wenig Platz, aber alles sollte nach und nach wachsen. Das Familienoberhaupt sagte: Wenn Enkel kommen, bauen wir das Haus aus. Die Schwiegermutter war freundlich zu ihrer neuen Schwiegertochter, half ihr, sich zurechtzufinden und sich an die Rolle der jungen Ehefrau zu gewöhnen. Ihre Schwägerin hingegen zeigte von Anfang an eine feindselige Haltung. Anna war älter, lebte aber mit den Eltern. Auch sie wurde verheiratet, doch nach einem Jahr brachte der Schwiegersohn die junge Frau samt ihren Sachen zurück. Sie war ein rechter Drachen. Sie wollte sich nicht um den Haushalt kümmern, Familie bedeutete ihr nichts. So lebte sie allein. Nach alter Tradition wird die Schwiegertochter erst mit der Geburt des ersten Sohnes zur echten Herrin im Haus. Bis dahin muss sie sich zurückhalten und schweigen. Daher bemühte sich jedes junge Mädchen, beim Einzug in das Haus des Mannes schnell schwanger zu werden. Sabine machte es genauso. Bis sie schwanger war, ließ Anna sie die schwersten und schmutzigsten Arbeiten tun. Eigentlich war das sinnlos, denn auf dem Hof arbeiteten Angestellte. Doch die Schwägerin verspottete Sabine gern. Als Eduard erfuhr, dass er Vater werden würde, strahlte er vor Glück. Die Schwiegereltern waren stolz auf ihre Schwiegertochter. Am selben Tag holten sie Baumaterialien, um das Haus zu vergrößern. Anna verzweifelte. Sie wusste jetzt, dass sie für immer bei den Eltern wohnen würde. Niemand würde sie heiraten, niemand ihr ein Haus bauen… Sechs Monate vergingen. Sabine wurde von lautem Klopfen geweckt. Es war Anna. „Warum liegst du hier? Hast du schon alle Arbeiten erledigt?“ „Drinnen ja, aber mein Mann lässt mich nicht raus auf den Hof.“ „Er lässt dich nicht, weil du einfach nur faul bist!“ „Was willst du eigentlich?“ „Mit wem sprichst du so? Übst du schon, mich herumzukommandieren? Ich erinnere dich daran, dass du erst nach der Geburt das Sagen hast!“ „So meinte ich das nicht…“ „Du bist hier ein Nichts – genau wie dein Balg! Hast du das verstanden?“ Anna benahm sich wie eine Verrückte, warf Gegenstände nach Sabine und schrie. Der Schwiegervater stürmte hinein und führte die wütende Tochter weg. Sabine streichelte ihren Bauch und beruhigte sich. Alles wird gut. Ganz sicher.