„Du bist hier ein Nichts – genau wie dein Balg!“ – sagte die Schwägerin meines Mannes. Sabine heiratete früh – am Tag ihres 18. Geburtstags fand ihr Vater den Bräutigam. Die Familie war wohlhabend – was braucht man mehr zum Glück? Die Hochzeit war ein rauschendes Fest, das ganze Dorf feierte. Nur das Brautpaar fühlte sich fehl am Platz. Sabine mochte ihren Bräutigam, auch wenn sie ihn kaum kannte. Ihre Schwester hatte weniger Glück – sie heiratete einen 40-jährigen Mann aus dem Nachbardorf. Alle dachten, sie bleibe eine alte Jungfer, aber der Vater suchte ihr einen Mann und versprach eine Mitgift. Das Paar zog ins Haus von Eduard. Es war wenig Platz, aber alles sollte nach und nach wachsen. Das Familienoberhaupt sagte: Wenn Enkel kommen, bauen wir das Haus aus. Die Schwiegermutter war freundlich zu ihrer neuen Schwiegertochter, half ihr, sich zurechtzufinden und sich an die Rolle der jungen Ehefrau zu gewöhnen. Ihre Schwägerin hingegen zeigte von Anfang an eine feindselige Haltung. Anna war älter, lebte aber mit den Eltern. Auch sie wurde verheiratet, doch nach einem Jahr brachte der Schwiegersohn die junge Frau samt ihren Sachen zurück. Sie war ein rechter Drachen. Sie wollte sich nicht um den Haushalt kümmern, Familie bedeutete ihr nichts. So lebte sie allein. Nach alter Tradition wird die Schwiegertochter erst mit der Geburt des ersten Sohnes zur echten Herrin im Haus. Bis dahin muss sie sich zurückhalten und schweigen. Daher bemühte sich jedes junge Mädchen, beim Einzug in das Haus des Mannes schnell schwanger zu werden. Sabine machte es genauso. Bis sie schwanger war, ließ Anna sie die schwersten und schmutzigsten Arbeiten tun. Eigentlich war das sinnlos, denn auf dem Hof arbeiteten Angestellte. Doch die Schwägerin verspottete Sabine gern. Als Eduard erfuhr, dass er Vater werden würde, strahlte er vor Glück. Die Schwiegereltern waren stolz auf ihre Schwiegertochter. Am selben Tag holten sie Baumaterialien, um das Haus zu vergrößern. Anna verzweifelte. Sie wusste jetzt, dass sie für immer bei den Eltern wohnen würde. Niemand würde sie heiraten, niemand ihr ein Haus bauen… Sechs Monate vergingen. Sabine wurde von lautem Klopfen geweckt. Es war Anna. „Warum liegst du hier? Hast du schon alle Arbeiten erledigt?“ „Drinnen ja, aber mein Mann lässt mich nicht raus auf den Hof.“ „Er lässt dich nicht, weil du einfach nur faul bist!“ „Was willst du eigentlich?“ „Mit wem sprichst du so? Übst du schon, mich herumzukommandieren? Ich erinnere dich daran, dass du erst nach der Geburt das Sagen hast!“ „So meinte ich das nicht…“ „Du bist hier ein Nichts – genau wie dein Balg! Hast du das verstanden?“ Anna benahm sich wie eine Verrückte, warf Gegenstände nach Sabine und schrie. Der Schwiegervater stürmte hinein und führte die wütende Tochter weg. Sabine streichelte ihren Bauch und beruhigte sich. Alles wird gut. Ganz sicher.

3. März 1987

Heute schreibe ich, weil mein Herz schwer ist und ich einfach all diese Gefühle aus mir herausschreiben muss. Du bist hier niemand, genauso wenig wie dein Kind! Das waren die Worte, die Karin, die Schwester meines Mannes, mir heute ins Gesicht warf.

Ich heiße Hannelore. Mit jungen 18 Jahren wurde ich verheiratet. Vater hat Hans, meinen Ehemann, für mich ausgesucht, an meinem Geburtstag, als das Leben erst so richtig hätte anfangen können. Meine Familie ist groß und angesehen in unserem Teil des Schwarzwalds was braucht man mehr zum Glück, habe ich mir immer wieder eingeredet. Die Hochzeit war ein richtig großes Fest, das ganze Dorf hat mitgefeiert. Komisch nur, dass wir beide, Hans und ich, uns dabei irgendwie fehl am Platz gefühlt haben.

Mit der Zeit habe ich Hans wirklich gern gewonnen, obwohl er zu Beginn kaum ein Fremder für mich war. Meine Schwester hatte es deutlich schlechter erwischt sie wurde einem 40-jährigen Mann ins nächste Dorf versprochen. Niemand hätte gedacht, dass sie jemals unter die Haube kommt, aber Vater hat einen Bräutigam und eine gute Mitgift gefunden.

Nach der Hochzeit sind Hans und ich zu seinem Elternhaus gezogen. Viel Platz war da wirklich nicht, aber immerhin ein Anfang. Der Familienvater hat gleich gesagt, dass wir das Haus erweitern, sobald Enkelkinder da sind.

Mit meiner Schwiegermutter hatte ich Glück, sie hat mir geholfen, mich einzufinden und mich an das Leben als junge Ehefrau in ihrer Familie zu gewöhnen. Doch Karin, seine Schwester, hatte es auf mich abgesehen. Sie ist älter als mein Mann, wohnt aber immer noch Zuhause. Schon einmal war sie verheiratet gewesen, aber ihr Mann hatte sie nach einem Jahr zurück zu den Eltern gebracht samt Koffer und allem Drum und Dran. Karin ist es gewohnt, ihren Willen zu bekommen. Sie kümmert sich wenig ums Haus, die Familie bedeutet ihr rein gar nichts. Deshalb lebt sie nun allein, verbittert und ständig schlecht gelaunt.

Nach altem Brauch hier im Dorf wird die Schwiegertochter erst dann als richtige Hausfrau angesehen, wenn sie den ersten Sohn zur Welt bringt. Bis dahin soll sie sich im Hintergrund halten und alles tun, was ihr aufgetragen wird. Vermutlich deshalb versucht jedes Mädchen so schnell wie möglich, schwanger zu werden.

Ich habe ebenfalls auf diese Art mein Glück versucht. Solange ich noch nicht schwanger war, hat Karin mir ständig die schwersten und schmutzigsten Arbeiten aufgebrummt. Dabei hatten wir Angestellte für die Feldarbeit, aber sie musste mir wohl einfach ständig zeigen, wer die Stärkere ist.

Als Hans dann erfahren hat, dass er Vater wird, war er überglücklich. Auch meine Schwiegereltern waren stolz und sofort voller Tatendrang. Schon am selben Tag sind sie zum Baustoffhandel im nächsten Ort gefahren, um alles für einen Anbau ans Haus zu besorgen. Karin dagegen hat nur geweint, sie wusste, dass sie wohl ihr Leben lang bei den Eltern wohnen bleibt. Sie hat keine Hoffnung mehr, dass sie jemand heiratet, geschweige denn, für sie ein Haus baut.

Sechs Monate sind seitdem vergangen. Heute früh klopfte es energisch an die Tür meines Zimmers. Es war Karin.

Warum liegst du denn noch? Hast du überhaupt alles erledigt? fragte sie.
Im Haus ja, aber mein Mann lässt mich jetzt nicht mehr in den Hof.
Natürlich nicht, du bist einfach nur faul!, schnauzte sie zurück.
Was willst du denn von mir? entgegnete ich leise.
Redest du jetzt so frech mit mir? Willst du übernehmen? Zur Erinnerung: Noch hast du keinen Sohn zur Welt gebracht, du hast hier gar nichts zu sagen!
Daran habe ich doch gar nicht gedacht…, erwiderte ich, aber sie ließ mich nicht zu Wort kommen.
Du bist hier nichts und dein Balg auch nicht! Hast du das verstanden?

Karin verhielt sich wie eine Verrückte, warf mit allem, was sie fand, nach mir und schrie wie am Spieß. Mein Schwiegervater stürmte herein und riss seine tobende Tochter aus dem Raum. Ich blieb allein zurück, mein Herz hämmerte doch ich legte schützend die Hand auf meinen runden Bauch, atmete tief durch und sagte mir: Es wird alles gut. Bestimmt wird alles gutDie nächsten Tage war es still im Haus. Karin mied mich, suchte sich Arbeit im Stall oder verschwand bei der Nachbarin. Mein Schwiegervater tat so, als sei nichts gewesen, und Hans beäugte mich aufmerksam, als könnte ich jeden Augenblick zerbrechen. Dabei fühlte ich in mir eine neue Stärke, als hätte irgendetwas in mir endgültig aufbegehrt.

In einer lauen Märznacht, kurz bevor der Vollmond aufging, weckte mich ein seltsamer Druck tief im Bauch. Es war Zeit. Hans rannte, noch halb im Schlaf, in den Hof, um Hilfe zu holen. Die Schwiegermutter kam mit warmen Tüchern angerannt, ihre Hände ruhig und sicher. Karin stand blass im Türrahmen, unsicher, ob sie helfen sollte oder ob sie lieber weglaufen wollte.

Stundenlang dauerte es. Ich wimmerte, krallte mich an die Laken, aber ich hielt durch. Und als der Morgen dämmerte, lag ein kleiner, schreiender Junge auf meinem Bauch. Mein Sohn. Unser Sohn.

Die erste war meine Schwiegermutter, die mich umarmte, Tränen in den Augen; dann kam Hans, der lachte und weinte zugleich und mir schwor, dass ab jetzt alles anders werden würde. Sogar mein Schwiegervater, sonst so streng, beugte sich über mich, legte mir eine Hand auf die Schulter und nickte anerkennend.

Und Karin? Sie stand noch immer an der Tür, wie versteinert, aber in ihrem Blick lag zum ersten Mal so etwas wie Respekt oder vielleicht Sehnsucht nach dem, was sie verloren hatte.

Vielleicht würde sich nicht alles im Handumdrehen ändern, die alten Gesetze lösten sich nicht über Nacht auf. Aber als ich meinen Sohn an mich drückte und den ersten Sonnenstrahl auf seiner winzigen Stirn sah, wusste ich: Ich habe einen Platz in diesem Haus, nicht nur für mich, sondern auch für mein Kind. Und niemand nicht einmal Karin konnte mir das mehr nehmen.

Draußen blühte der erste Märzenbecher. Drinnen begann mein neues Leben.

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Homy
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„Du bist hier ein Nichts – genau wie dein Balg!“ – sagte die Schwägerin meines Mannes. Sabine heiratete früh – am Tag ihres 18. Geburtstags fand ihr Vater den Bräutigam. Die Familie war wohlhabend – was braucht man mehr zum Glück? Die Hochzeit war ein rauschendes Fest, das ganze Dorf feierte. Nur das Brautpaar fühlte sich fehl am Platz. Sabine mochte ihren Bräutigam, auch wenn sie ihn kaum kannte. Ihre Schwester hatte weniger Glück – sie heiratete einen 40-jährigen Mann aus dem Nachbardorf. Alle dachten, sie bleibe eine alte Jungfer, aber der Vater suchte ihr einen Mann und versprach eine Mitgift. Das Paar zog ins Haus von Eduard. Es war wenig Platz, aber alles sollte nach und nach wachsen. Das Familienoberhaupt sagte: Wenn Enkel kommen, bauen wir das Haus aus. Die Schwiegermutter war freundlich zu ihrer neuen Schwiegertochter, half ihr, sich zurechtzufinden und sich an die Rolle der jungen Ehefrau zu gewöhnen. Ihre Schwägerin hingegen zeigte von Anfang an eine feindselige Haltung. Anna war älter, lebte aber mit den Eltern. Auch sie wurde verheiratet, doch nach einem Jahr brachte der Schwiegersohn die junge Frau samt ihren Sachen zurück. Sie war ein rechter Drachen. Sie wollte sich nicht um den Haushalt kümmern, Familie bedeutete ihr nichts. So lebte sie allein. Nach alter Tradition wird die Schwiegertochter erst mit der Geburt des ersten Sohnes zur echten Herrin im Haus. Bis dahin muss sie sich zurückhalten und schweigen. Daher bemühte sich jedes junge Mädchen, beim Einzug in das Haus des Mannes schnell schwanger zu werden. Sabine machte es genauso. Bis sie schwanger war, ließ Anna sie die schwersten und schmutzigsten Arbeiten tun. Eigentlich war das sinnlos, denn auf dem Hof arbeiteten Angestellte. Doch die Schwägerin verspottete Sabine gern. Als Eduard erfuhr, dass er Vater werden würde, strahlte er vor Glück. Die Schwiegereltern waren stolz auf ihre Schwiegertochter. Am selben Tag holten sie Baumaterialien, um das Haus zu vergrößern. Anna verzweifelte. Sie wusste jetzt, dass sie für immer bei den Eltern wohnen würde. Niemand würde sie heiraten, niemand ihr ein Haus bauen… Sechs Monate vergingen. Sabine wurde von lautem Klopfen geweckt. Es war Anna. „Warum liegst du hier? Hast du schon alle Arbeiten erledigt?“ „Drinnen ja, aber mein Mann lässt mich nicht raus auf den Hof.“ „Er lässt dich nicht, weil du einfach nur faul bist!“ „Was willst du eigentlich?“ „Mit wem sprichst du so? Übst du schon, mich herumzukommandieren? Ich erinnere dich daran, dass du erst nach der Geburt das Sagen hast!“ „So meinte ich das nicht…“ „Du bist hier ein Nichts – genau wie dein Balg! Hast du das verstanden?“ Anna benahm sich wie eine Verrückte, warf Gegenstände nach Sabine und schrie. Der Schwiegervater stürmte hinein und führte die wütende Tochter weg. Sabine streichelte ihren Bauch und beruhigte sich. Alles wird gut. Ganz sicher.
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