Johanna betrat die kleine Altbauwohnung in Berlin und begann leise, ihren Mantel und die engen, schicken Pumps auszuziehen. Sie biss sich auf die Lippen, als sie die Schuhe von den schmerzenden Füßen streifte neue Schuhe, billig gekauft, doch sie hatten ihre Haut längst aufgescheuert.
Warum bist du so früh zurück? Hast du dir das Hochzeitsfest nicht gefallen lassen? Die Stimme ihrer Mutter, Frau Schneider, erklang plötzlich aus dem Flur.
Und warum liegst du nicht längst im Bett? Wartest du schon wieder auf mich? gab Johanna etwas schroff zurück.
Frau Schneider verzog den Mund und verschwand wortlos ins Wohnzimmer. Johanna spürte sofort das schlechte Gewissen, ging ihr nach, setzte sich zu ihr auf das abgewetzte Sofa und legte die Arme um sie.
Nun mach mir doch nichts vor. Wenn du mir nichts erzählen willst, erfahr ichs eben von Franziskas Mutter! entgegnete ihre Mutter, kaum wärmer als vorher.
Verzeih, Mama. Ich bin einfach erschöpft, die Füße sind wund. Das Restaurant war prächtig, mindestens fünfzig Gäste waren geladen. Es war laut, aber ausgelassen.
Und Franziska sie sah in dem weißen Kleid einfach umwerfend aus, und ihr Bräutigam Richtig gut aussehend! zählte Johanna auf.
Na, warum bist du dann früher gegangen? warf Frau Schneider ein.
Die Leute waren alle so steif, überlegen, wie Gänse am Martinstag. Keine einfachen Leute. Und morgen muss ich früh raus.
Wohin denn? Es ist doch Sonntag! staunte die Mutter und schaute forschend auf ihre Tochter.
Morgen erzähl ichs dir. Jetzt geh ich erstmal duschen. Johanna küsste sie auf die Wange und verschwand in ihrem alten Kinderzimmer, um sich umzuziehen.
Sie riss angewidert das schlichte Kleid vom Körper zwischen den teuren Stoffen der anderen Gäste kam es ihr nur noch billiger vor. Unter der heißen Dusche schrubbte sie sorgfältig den Rücken, wo die schwitzigen, feuchten Hände des beleibten Herrn sie beim erzwungenen Tanz berührt hatten.
Er hatte sie schon zum Tanzen aufgefordert, als Johanna höflich ablehnte. Was hätte sie tun sollen sich prügeln? Mit seinen Pranken presste er sie an seinen Bauch.
Sie spürte seine heißen, feuchten Hände auf dem Rücken und die Fersen der Schuhe, die sich tief in ihre Haut bohrten. Sie hielt bis zum Ende des Tanzes durch.
Dann setzte er sich an ihren Tisch und drängte ihr ein Glas nach dem anderen auf. Niemand beachtete sie; die einzige Vertraute, Franziska, abgelenkt von anderen Gästen und dem neuen Ehemann.
Nur ein, zwei Mal begegnete sie dem Blick jenes einen Mannes, aber er unternahm nichts, um sie vor dem widerlichen Verehrer zu retten.
Johanna entschuldigte sich, müsse zur Toilette, und stahl sich stattdessen direkt vor das Restaurant, nahm ein Taxi bezahlt mit ihrem letzten Zwanziger und fuhr heim.
Nein, für sich selbst wünschte sie kein so festlich-kaltes Hochzeitsfest, wo alles inszeniert war wie auf einer Theaterbühne. Sie fühlte sich wie Statistin.
Der Schlaf kam spät; im Kopf klangen noch immer Musik, Gläserklirren, lautes Lachen und die Gespräche nach. Immer wieder dachte sie an den einen Mann. Besser, er hätte mich zum Tanzen aufgefordert, statt dieser schwitzende Kerl. Und genug davon! ermahnte sie sich, rollte sich zusammen endlich Schlaf.
Auf den goldenen September folgte ein nasskalter Oktober. Franziska kehrte frisch verheiratet aus den Flitterwochen zurück und lud Johanna ein, zu ihr zu kommen und von ihren Reisen zu erzählen.
Johanna wollte gern wissen, wie die Reichen wohnen, aber nicht mit leeren Händen in die gehobene Neubausiedlung gehen. Nach dem Seminar kaufte sie in einer Konditorei Franziskas Lieblings-Eclairs. Beim Hinausgehen stieß sie an der Tür mit einem Mann zusammen. Er trat zurück und schöpfte höflich Platz.
Sie? sagte er plötzlich.
Johanna hob die Augen und erkannte den geheimnisvollen Mann vom Hochzeitsfest. Völlig überrascht blieb sie wie angewurzelt im Eingang stehen.
Kommen Sie doch raus, wir blockieren den Weg, lachte er offen und zog Johanna mit sanftem Griff zur Seite.
Sie sind einfach verschwunden damals auf der Hochzeit, wie Aschenputtel! Ich wollte Sie noch kennen lernen. Er lächelte, zeigte blitzweiße Zähne.
Aber ich habe keinen Schuh verloren lächelte Johanna zurück.
Sie fahren heim? Lassen Sie mich Sie fahren, bot er an.
Nein, ich will zu meiner Freundin, der Braut. Sie haben es sich anders überlegt mit den Einkäufen? Johanna hob fragend eine Braue.
Ich bin so froh über diese Begegnung ich würde alle Eclairs der Welt dafür aufgeben, antwortete er charmant, als er die Konditoreipackung in ihrer Hand sah. Kommen Sie. Er bot Johanna den Arm und führte sie zu seinem glänzenden SUV.
So einen großen, luxuriösen Wagen war sie nie gefahren ehrlich gesagt, fahren war für sie sowieso selten. Mit sicherer Hand steuerte er durch die ruhigen Straßen Westberlins, fragte nicht einmal nach der Adresse. Johanna wurde unruhig.
Ich weiß, wo Ihre Freundin wohnt. Ihr Mann ist ein Geschäftspartner und Freund von mir, erklärte er, als er ihren skeptischen Blick bemerkte.
Während der Fahrt erzählte er, er heiße Andreas, sei geschieden und habe eine Labradorhündin
Reich, gutaussehend, erfolgreich. Genau wie Mama es immer wollte, dachte Johanna.
Als sie nach Hause kam, wartete ihre Mutter auf sie.
So spät erst, ich war schon in Sorge, empfing Frau Schneider sie.
Ich war bei Franziska, du solltest ihr neues Haus sehen Johanna schilderte detailreich das Luxusleben der Freundin.
Und wie bist du rausgekommen bis nach Dahlem? Das ist schick, die Arme-Leute-Siedlung, nicht wahr? fragte Frau Schneider mit dem typischen, spitzen Berliner Humor.
Ein Bekannter hat mich gefahren, sagte Johanna, ärgerlich, dass sie ihrer Mutter so einen Aufhänger lieferte.
Bei der Hochzeit kennengelernt? Hoffentlich aus gutem Haus? Hast du ihm wenigstens deine Nummer gegeben?
Na klar, Mama, sogar eingepackt mit Schleife, fuhr Johanna sie an.
Sei doch nicht so gereizt! Ein ordentlicher Mann schenkt dir Aufmerksamkeit und du fauchst wie eine Katze! Das bist du doch sonst nicht schüttelte Frau Schneider den Kopf.
Ich habe ihm die Nummer gegeben. Zufrieden? Verhör beendet? fragte Johanna genervt.
Was ist denn nur mit dir los?
Deine ewigen Fragen nerven! Willst du mich unbedingt loswerden? Johanna brodelte.
Ach Quatsch. Ich mache mir nur Sorgen, wünsche mir für dich einen guten Ehemann, wie deine Freundin, und nicht etwa so einen armen Studenten. Willst du etwa von Luft und Liebe leben?
Wann mussten wir denn hier von Luft und Liebe leben? Johanna blinzelte.
Na ja, war ein bisschen übertrieben gab Frau Schneider kleinlaut zu. Aber, findest du ihn denn wirklich gar nicht sympathisch?
Mama, hör auf. Ich will jetzt gar nicht an Heiraten denken.
Da rettete sie ihr Handy, das im Schlafzimmer klingelte, vor weiteren Diskussionen. Es war Andreas.
Ich dachte, ich rufe dich gleich an und frage: Was machst du am Sonntag?
Nicht viel. Lernen für die Uni.
Den ganzen Tag? Das Wetter wird prima, ich schlage dir einen Ausritt vor. Bist du schon mal geritten? Nein? Dann hole ich dich um elf ab.
Johanna antwortete überrascht ja sie wusste gar nicht, wann sie mit ihm aufs Du gewechselt war.
Sie hatte Pferde bisher nur bei ihrer Oma auf dem Lande gesehen und war eigentlich immer zu schüchtern gewesen, mal näher zu kommen. Aber der Ausritt mit Andreas war einzigartig, voller Emotionen, Weite, Leichtigkeit.
Andreas umwarb sie klug, immer vorsichtig, aber zielstrebig. Er öffnete ihr Türen, die sonst verschlossen blieben. Johanna genoss die Aufmerksamkeit dieses reiferen Mannes.
Am nächsten Wochenende tauchte er mit einem Strauß Rosen und einer Schwarzwälder Kirschtorte bei ihnen auf.
Johanna schämte sich ein wenig wegen der kleinen, abgenutzten Plattenbauwohnung, des verblichenen Teppichs, der dunklen Tapeten. Doch Andreas lachte nur, machte Komplimente und sagte, in seiner Kindheit sei es bei ihnen Zuhause genauso gemütlich gewesen. Frau Schneider war hingerissen.
Ein Traummann, wirklich sagte sie später zu Johanna. Wenn er dir einen Antrag macht, sag ja, ja?
Mama, wir haben uns erst ein paarmal getroffen. Wie kommst du auf einen Antrag? Johanna empörte sich.
Doch kurz vor Weihnachten hielt Andreas tatsächlich um ihre Hand an und schenkte ihr einen Verlobungsring mit kleinem Brillant.
Mein Gott, ich bin so froh. Nun kann ich beruhigt meinen letzten Weg antreten, hauchte Frau Schneider gerührt, die Hände auf die Brust gepresst. Johanna konnte nur den Kopf schütteln.
Die Hochzeit wurde im Vorort gefeiert, Anfang März, als die Sonne so mild und verheißungsvoll auf die tropfenden Dachrinnen schien und der Frühling in der Luft lag. Und Hoffnung. Hoffnung auf Glück und Liebe.
Johanna setzte Andreas die Bedingung klein, ruhig, familiär. Kein Auftritt, kein Glamour. Er stimmte zu und sie zog nach der Feier zu ihm in das große Haus.
Wenigstens habe ich jetzt wieder jemanden, mit dem ich sprechen kann. Die Ehefrauen seiner Freunde reden nur von Outfits, Spa und Shopping in Mailand. Ich glaube, die haben in ihrem Leben kein Buch gelesen. lachte Franziska, nun schwanger im sechsten Monat.
Doch Andreas ließ Johanna nicht alleine gehen. Morgens brachte sie sein Fahrer zur Uni, nachmittags wurde sie abgeholt.
Eines Tages fiel eine Vorlesung aus und Johanna kam auf die Idee, zu Fuß nach Hause zu gehen. Es war so mild, alles roch fantastisch nach Frühling.
Da stieß sie auf Stefan, einen Kommilitonen, sie tranken einen Kaffee im Café um die Ecke. Wie sehr sie dieses einfache Gespräch vermisst hatte! Alles, was ihr jetzt fehlte, war wirkliche Nähe. In der Uni wurde sie inzwischen gemieden.
Worüber denkst du nach? fragte Stefan.
Ich muss los, sagte Johanna stattdessen betrübt.
Kontrolliert er dich? Stefan wurde ernst.
Nein, wirklich, ich muss einfach los, Johanna ging.
Zu Hause wartete Andreas schon.
Wo warst du? fragte er eiskalt.
In der Uni.
Lüg nicht. Vorlesung fiel aus, aber du hast dem Fahrer nichts gesagt. Warum? Um deinen Liebhaber zu treffen?
Das ist kein Liebhaber, er ist in meiner Gruppe, stammelte Johanna.
Andreas war nie zuvor so hart. Seine Augen waren so kalt wie Eissplitter.
Wir haben nur Kaffee getrunken, das ist alles, sie hasste es, sich zu rechtfertigen, und doch tat sie es.
Du bist jetzt meine Frau. Ich habe viele Feinde und Neider, die jede Schwäche ausnutzen. Du darfst mir keinen Grund geben.
Habe ich dich gefährdet, weil ich mit einem Kommilitonen im Café saß? Johanna regte sich auf.
Verstehst du gar nichts?! Andreas sprang vom Sofa auf und kam bedrohlich näher.
Rede nicht so mit mir, Johanna wich zurück.
Ich lasse dich nicht gehen, knurrte Andreas, packte sie brutal am Arm. Wenn du nicht spurst
Was dann? Sperrst du mich ein? Wenn ich Ärztin bin, sind alle meine Patienten dann deine Feinde und meine Liebhaber? Sie versuchte, sich zu befreien.
Sie verstand nicht, was geschah. Sie spürte kaum den Schmerz, vernahm nur einen lauten Ton im Ohr; alle anderen Geräusche verschwanden.
Andreas sagte irgendetwas, doch Johanna verstand die Worte nicht, schmeckte die leicht salzige Blutspur von der aufgeplatzten Lippe. Sein Gesicht war ihr plötzlich fremd. Er trat näher.
Hast du verstanden? hörte sie dumpf.
Ja, ihre Lippen wollten kaum gehorchen. Ich habe verstanden.
Andreas schlug sie so schnell, dass Johanna sich nicht schützen konnte. Sie fiel zurück, verlor für einen Moment das Bewusstsein.
Als sie zu sich kam, war Andreas fort. Ihr Körper zitterte, sie wankte nach oben in das Schlafzimmer, fiel aufs Bett und weinte hemmungslos. Der Versuch, Kühlendes aus der Küche zu holen, scheiterte die Tür war verschlossen, wann hatte Andreas das getan?
Am nächsten Morgen war ihr Gesicht geschwollen, die Lippe schmerzte stark. Andreas kam nicht, hatte ihr Handy an sich genommen.
Verzweifelt irrte sie im Zimmer umher. Sie war wie ein Vogel im Käfig. Da klickte das Schloss.
Na, zur Vernunft gekommen? Andreas stand in der Tür.
Ich hasse dich! Lass mich raus! schrie Johanna.
Die Wunde platzte wieder auf, sie schmeckte Blut. Abermals schlug er zu, diesmal nicht so stark, aber genau auf dieselbe Seite. Johanna schrie auf, wurde erneut eingesperrt.
Kurz vor Mittag kam wie stets die Putzfrau. Johanna flehte sie an, sie herauszulassen. Der Schlüssel steckte von innen. Mit zitternden Fingern öffnete die Frau die Tür und erschrak sofort beim Anblick von Johannas Gesicht.
Ich kriege Ärger, wenn ich Sie rauslasse, flüsterte sie voller Angst.
Sagen Sie, ich hätte Sie um ein Glas Wasser gebeten und wäre abgehauen, bat Johanna und lief hinunter.
Wo wollen Sie so hin? Ziehen Sie mindestens die Kapuze auf, riet die Frau.
Johanna dankte, verhüllte ihr Gesicht und lief durch Nebenstraßen nach Hause, die Blicke der Passanten ausgewichen. Die Mutter schlug entsetzt die Hände zusammen.
Ach, mein Kind! Und er schien so zuverlässig! Verzeih mir, ich meinte es nur gut. Aber wenn er hierher kommt unsere Tür hält nichts stand.
Bitte, Mama, keine Angst.
Johanna war alles egal. Aber sie rief noch Stefan an und bat ihn, zu kommen.
Er jobbte im letzten Semester beim Rettungsdienst, hatte Erfahrung. Er versorgte Johannas Wunden, rief einen Arzt, der die Blessuren dokumentierte.
Dann fotografierte er ihr Gesicht, schickte die Fotos an Andreas mit einer deutlichen Drohung: Sollte er jemals noch einmal Hand an sie legen, ginge alles sofort online.
Andreas ließ sich nicht mehr blicken. Erst zwei Wochen, nachdem die Blutergüsse verschwunden waren, konnte Johanna wieder zur Uni gehen.
Die Scheidung verlief zügig. Im Sommer, direkt nach dem Examen, gingen Johanna und Stefan zusammen in ein Café. Da kam Andreas vorbei, Arm in Arm mit einer jungen Frau. Er bemerkte Johanna nicht, war ganz auf seine Begleitung konzentriert. Während Andreas zur Toilette ging, setzte sich Johanna zu deren Tisch.
Passen Sie auf. Am besten gehen Sie, solange Sie können. Er tut Furchtbares, wenn ihm irgendetwas nicht passt.
Wer sind Sie? fragte die junge Frau misstrauisch.
Seine Ex-Frau. Sagen Sie ihm bitte nichts von mir. Laufen Sie, solange Sie können! Johannas Stimme zitterte. Sie stand auf und ging, bevor Andreas zurückkam.
Durch die Glastür sah sie noch, wie Andreas zurückkam, die junge Frau fragte irgendetwas, sie zuckte unschuldig die Schultern. Sie hat nichts gesagt, atmete Johanna erleichtert aus.
Was, wenn sie es ihm doch verrät? schüttelte Stefan draußen den Kopf.
Hätte mich nur jemand damals gewarnt. Ich tat es für sie, damit ihr erspart bleibt, was ich erlebt habe. Keiner hat je gesagt, warum Andreas und seine Frau auseinandergegangen sind. Nicht mal Franziska, sagte Johanna.
Sie zogen ins Ruhrgebiet. Stefan wurde Chirurg, Johanna arbeitete als Kardiologin.
Ein Sohn wurde geboren. Die Mutter mischte sich nie mehr ein.
Eines Tages, beim Frisör, entdeckte Johanna eine alte Zeitschrift. Skandal in München: Geschäftsmann Andreas Wagner ermordet Ehefrau lautete die Schlagzeile.
Draußen sah sie Stefan mit dem Kinderwagen vorbeigehen. Wie gut, dass er da ist. Dass unser kleiner Emil lebt. Und Mama gesund ist. Geld? Geld ist Nebensache. Es kommt im Leben nur darauf an, genug zu haben, um Mensch zu bleiben, dachte Johanna und folgte dem Ruf der Frisörin.





