Das sind nicht meine Kinder – wenn du der Schwester helfen willst, dann bitte nicht auf meine Kosten. Sie hat ihre Familie ruiniert und jetzt versucht sie, uns ihre Kinder aufzudrängen, während sie ihr eigenes Leben neu ordnet

Das sind nicht meine Kinder. Wenn du willst, hilf deiner Schwester aber nicht auf meine Kosten. Sie hat ihre Familie zerstört und versucht jetzt, uns ihre Kinder unterzuschieben, während sie ihr Leben neu ordnet.

Ihr habt es euch aber schön gemacht, Bruderherz. Da werde ich ja ganz neidisch, meinte Annegret, während sie mit dem Finger die Tischdecke befühlte und die Küche musternd betrachtete. Heike stellte die Salatschüssel auf den Tisch und setzte sich gegenüber von ihrem Mann. Bernd lächelte seiner Schwester zu, und bemerkte dabei nicht, wie Heike das Stofftuch vor Anspannung in der Faust hielt.

Wir haben uns Mühe gegeben. Ein halbes Jahr gesucht, bis wir endlich das richtige Haus gefunden hatten, erwiderte er.

Sie hatten ihre Wohnung verkauft, um hierher nach Göttingen zu ziehen, näher an Bernds Familie. Ein eigenes Grundstück, Gemüsebeet, Ruhe davon hatte Heike seit Jahren geträumt. Vor zwei Monaten war dieser Traum endlich Wirklichkeit geworden.

Tja, mit meiner Familie hat es ja leider nicht geklappt, seufzte Annegret und blickte auf ihren Teller. Drei Monate sind vorbei, aber ich stehe immer noch neben mir. Nachts wache ich auf, und neben mir ist niemand. Die Kinder fragen nach ihrem Vater. Was soll ich ihnen nur antworten?

Helga, Bernds und Annegrets Mutter, die am Kopf der Tafel saß, streichelte ihr beruhigend den Arm. Das wird schon, Kind. Hauptsache, die Kleinen sind gesund. Der Kerl wird es noch bereuen.

Ihr vierjähriger Neffe, Philipp, rutschte in diesem Moment vom Stuhl und rannte ins Wohnzimmer. Wenig später polterte es dort heftig offenbar war etwas zu Boden gefallen.

Philipp, sei bitte vorsichtig!, rief Annegret, ohne vom Tisch aufzustehen.

Die dreijährige Lina begann auf dem Schoß ihrer Mutter zu quengeln, wollte Aufmerksamkeit. Annegret schaukelte sie gedankenverloren hin und her und sprach weiter:

Zum Glück wohnt ihr jetzt in der Nähe. Mama kann nach ihrer OP kaum noch laufen, helfen kann ihr auch niemand.

Helga seufzte und rubbelte ihr schmerzendes Knie. Mich haben sie gerade so im Taxi abgeliefert vierter Stock ohne Aufzug, Kreislauf im Keller. Bis ich oben war, dachte ich, ich fall um. Da kann ich nicht aufpassen.

Heike erhob sich, um die Hauptspeise zu holen. Auf dem Fensterbrett standen Tomatenpflänzchen kleine grüne Keime in Torftöpfen. In einem Monat wollte sie sie ins Freie setzen. Zum ersten Mal Tomaten aus eigenem Anbau.

Da ertönte Annegrets Stimme aus der Küche: Hoffentlich macht es euch nichts aus, wenn ich die Kinder hin und wieder mal schnell lasse? Nur wenns wirklich brennt, selten ich muss mich ja um Job, Ärzte, Anwalt kümmern … Wohin denn sonst mit denen?

Heike drehte sich um. Annegret blickte den Bruder an, mit einem hilflosen Ausdruck, den Heike mittlerweile genau kannte. Sie war siebenundzwanzig, aber wusste, wie man die richtigen Töne anschlug.

Bernd nickte seiner Schwester mitfühlend zu. Na klar, Annegret. Wir helfen natürlich. Oder, Heike?

Drei erwartungsvolle, fordernde Blicke richteten sich auf sie.

Ja, natürlich, sagte sie. Wenns dringend ist.

Annegret strahlte. Ihr seid meine Rettung. Es geht ja auch nicht lange. Nur ein, zwei Stunden.

Gegen elf löste sich die Runde auf. Bernd bestellte ein Taxi für seine Mutter, half ihr vorsichtig die Stufen hinunter an jedem Treppenabsatz stöhnte sie und hielt sich fest. Annegret verfrachtete die müden Kinder in ihren alten VW Golf und fuhr los. Zum Abschied rief sie noch aus dem Fenster: Danke für den schönen Abend, ihr seid die Besten!

Heike räumte den Tisch ab und spülte das Geschirr. Bernd umarmte sie von hinten, küsste sie auf den Hinterkopf.

War doch nett, oder? Mutter zufrieden, bei Annegret hebt sich die Laune. War richtig, dass wir hergezogen sind.

Hm.

Was hast du? Bist du müde?

Ein bisschen.

Heike wollte nicht sagen, was sie beschäftigte. Wenns ganz dringend ist das klang ihr im Kopf nach. Zu oft wird daraus: Jeden Tag, weils halt praktisch ist.

Eine Woche später rief Annegret morgens an.

Heike, kannst du einspringen? Ich muss dringend zum Arzt, Mama kann keinesfalls auf die Kinder aufpassen. Wirklich nur drei Stunden, bis mittags hol ich sie wieder ab.

Heike schaute auf ihren Laptop die Tabellen fürs Quartals-Reporting waren offen, der Kunde erwartete alles bis Freitag.

Annegret, ich bin mit dem Bericht total im Verzug…

Die sind ganz ruhig, beschäftigen sich selbst! Mach einfach den Fernseher an. Bitte, Heike, ich muss wirklich.

Eine halbe Stunde später waren die Kinder da. Mittags kam Annegret nicht, dann wurde es langsam Abend.

Um sechs war Bernd zurück, steckte kurz den Kopf ins Wohnzimmer, sah die Kinder fernsehen.

Ach, Annegret hat sie noch nicht abgeholt?

Nein. Sie wollte schon mittags da sein, hat dann noch geschrieben, sie kommt später.

Kein Ding, meinte er und holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Das sind doch keine Fremden. Sollen sie halt bleiben.

Heike schwieg. Philipp hatte inzwischen Saft auf den Teppich verschüttet, und Linas Windeln waren verbraucht im Rucksack lag etwa nur eine.

Annegret kam um kurz vor neun, frisch, fröhlich, nach Kaffee duftend.

Sorry, hab mich verquatscht. Ihr habt mich mal wieder gerettet!

Den Report erledigte Heike bis um drei Uhr nachts. Der Kinderlärm rauschte ihr noch lange im Kopf.

Vier Tage später wars wieder so: Vorstellungsgespräch, sehr wichtig. Annegret brachte die Kinder um neun, wollte sie um drei holen. Bernd hatte Nachtdienst gehabt und schlief noch. Zum Mittag kam er in die Küche.

Sind die beiden immer noch da?

Wie du siehst.

Ach, egal”, er schenkte sich Tee ein, schaltete den Fernseher ein. “Lass dich nicht stressen, ich bin ja hier.

Er war da sah aber nur Fußball, während Heike versuchte, neben der Kinderbetreuung am Laptop zu arbeiten. Philipp kam zweimal zu ihm Onkel Bernd, spiel mit mir , aber der winkte nur ab: Gleich, ich schau das Spiel noch zu Ende.

Annegret holte die Kinder um acht ab.

Nach drei Wochen war es Routine: Drei-, manchmal viermal die Woche. Ärzte, Anwälte, Bewerbungen, Freunde. Ganz kurz wurde immer zu ganzen Abenden.

Eines Abends, als die Kinder endlich wieder weg waren, setzte sich Heike zu ihrem Mann.

Bernd, so geht das nicht.

Was geht nicht?

Drei Mal die Woche. Ich komme zu nichts mehr.

Er runzelte die Stirn. Heike, das ist gerade schwer für sie. Ihr Mann ist weg, sie steht mit zwei Kindern allein da. Wir sind ihre Familie.

Ich versteh das ja. Aber sie verspricht, die Kinder rechtzeitig zu holen stattdessen bleiben sie wieder bis abends. Das ist nicht Hilfe, das ist

Was denn?

Heike wollte Dreistigkeit und sich ausnutzen sagen, aber sie musste sich zurückhalten.

Mama hat auch angerufen, meldete Bernd. Meint, Annegret braucht Zeit zum Klarkommen. Ich bin ihr Bruder, ich muss doch helfen.

Und ich?

Du bist meine Frau, erklärte er, als sei das selbstverständlich. Wir sind Familie.

Heike sah zum Fenster. Draußen wurde es dunkel, auf dem Sims reckten sich die Tomatenpflanzen. Am Samstag wollte sie sich um sie kümmern.

Diskutieren war zwecklos.

Am Freitagabend kam Bernd von der Arbeit nach Hause: Annegret hat angerufen. Sie will morgen die Kinder bringen. Zwei Bewerbungen, und das Auto muss auch in die Werkstatt.

Heike legte das Notebook zur Seite, schaute ihn an.

Bernd, wir haben schon drüber gesprochen. Ich kann nicht jedes Wochenende…

Ach, jetzt tu nicht so. Ist doch meine Schwester. Stell dich nicht an, du bist ja eh zuhause.

Ich arbeite von zuhause. Das ist was anderes.

Mach halt, während die Kinder Zeichentrickfilme schauen. Ist doch kein Drama.

Heike wollte widersprechen, doch sie sah sein müdes, genervtes Gesicht und schwieg. Morgen war Samstag. Sie wollte endlich die Setzlinge einpflanzen.

Na gut, sagte sie. Soll sie kommen.

Am nächsten Morgen tauchte Annegret gegen elf auf. Heike öffnete die Tür und stutzte: Die Schwägerin war frisch frisiert, neu gekleidet, geschminkt, als ginge sie auf ein Date.

Danke, danke, danke! Ihr seid meine Retter!, drückte sie den Kindern ihre Rucksäcke in die Hand. Hol sie um fünf ab, spätestens um sechs!

Und der Rucksack?

Ach so, liegt im Auto! Einen Moment.

Sie kam sofort zurück, drückte Heike die Tasche in die Hand. Da sind Windeln drin, Wechselsachen. Ich muss los!

Die Tür fiel zu, Heike stand mit zwei Kleinkindern im leeren Flur. Bernd war draußen in der Garage, werkelte am Auto, wollte noch dem Nachbarn helfen.

Um eins hatte Philipp genug vom Zeichentrick, tobte durchs Haus. Lina quengelte erst Hunger, dann Durst, dann wollte sie herumgetragen werden. Heike rannte zwischen Kindern und Küche hin und her.

Um zwei sah Bernd ins Haus: Und, alles in Ordnung?

Lässt du mich bitte kurz machen? Die Tomaten müssen jetzt raus ins Beet.

Klar, ich wasch kurz die Hände.

Heike ging in den Garten, holte die Pflänzchen und die Werkzeuge. Kaum hatte sie angefangen zu graben, gab es im Haus einen lauten Knall und Kindergeschrei.

Sie ließ die Schaufel fallen und eilte ins Wohnzimmer.

Bernd saß mit dem Handy auf dem Sofa. Philipp stand daneben, zwischen zerbrochenen Tonscherben, überall Erde, zerdrückte Tomatenkeime ihre Tomaten, die sie wochenlang gepflegt hatte.

Was ist passiert?

Er ist ans Fenster, auf die Fensterbank geklettert, murmelte Bernd, ohne vom Bildschirm aufzuschauen. Habs nicht gesehen.

Heike starrte auf die Erde, auf die zarten Pflänzchen. Zwei Monate hatte sie sie gehegt.

Tante Heike, bist du böse?, fragte Philipp unsicher.

Nein, antwortete sie ruhig und fing an, Scherben und Erde aufzusammeln. Geh zu Onkel Bernd.

Bernd legte das Handy weg. War doch nur Setzlinge. Kannst neue machen.

Heike schwieg. Ihr schnürte es die Kehle zu. Das waren nicht nur Setzlinge. Das war ihr Stück vom Glück, immer wieder beiseite geschoben für fremde Kinder.

Um fünf kam Annegret nicht, um sechs eine Nachricht: Bin noch etwas aufgehalten. Um sieben Funkstille. Heike rief an, aber das Handy blieb aus.

Gegen acht hörte sie draußen einen Motor. Ein glänzender schwarzer SUV fuhr vor sicher nicht aus der Werkstatt. Ausstieg Annegret, vergnügt, etwas wackelig auf den Absätzen. Am Steuer ein Mann mittleren Alters in Lederjacke.

Danke Alex! Meld mich! winkte sie und kam zum Haus.

Hallo! Sorry, hat sich alles gezogen. Ein alter Bekannter hat mich nach dem Gespräch auf einen Drink eingeladen.

Heike roch Wein und Likör. Es hatte kein Gespräch und keine Werkstatt gegeben. Sie hatte die Kinder nur abgeladen und war feiern gegangen.

Wie war das Gespräch?

Was? Ach so, die stellen sich nächste Woche, gibt wohl Wartelisten.

Sie log ohne mit der Wimper zu zucken.

Kannst du Mittwoch wieder einspringen? Noch ein Bewerbungstermin.

Nein.

Das Nein war fest und eindeutig. Annegret sah sie überrascht an.

Was heißt das?

Heißt, ich kann Mittwoch nicht.

Du bist doch eh zuhause!

Ich arbeite von zuhause. Und habe meine eigenen Pläne.

Annegret zog den Schmollmund, ihre Augen glänzten plötzlich. Heike, du weißt doch, wie schwer es für mich ist. Zwei kleine Kinder ich dachte, ihr helft mir. Aber nicht einmal einen Tag kannst du nehmen…

Ich helfe dir seit drei Wochen. Aber ich bin kein Babysitter.

Was ist bloß mit dir los? Die Kinder sind doch Familie!

Es sind nicht meine Kinder, sagte Heike ruhig. Die Verantwortung liegt bei dir, Annegret.

Im Flur war Bernd aufgetaucht, hatte das Gespräch mitangehört.

Was ist hier los?

Annegret wandte sich gleich an ihren Bruder: Bernd, deine Frau will nicht helfen. Nur einmal bitte ich sie

Annegret schluchzte, legte die Hand aufs Herz. Ihr wisst doch, wie schlecht es mir geht. Ich dachte, meine Familie hält zu mir

Sie drehte sich um und verließ das Haus. Ein bisschen mehr Herz, Heike. Ein bisschen mehr Herz

Sie schaltete das Handy ein, setzte sich schweigend auf die Treppe, holte später die müden Kinder und fuhr ohne Abschied davon.

Heike blieb auf der Treppe stehen. Da kam ein unangenehmes Gefühl Schuld oder Scham? War sie vielleicht zu hart gewesen?

Bernd beobachtete das wegfahrende Auto, dann drehte er sich zu ihr um.

Warum nur so stur?

Wie meinst du?

Sie hat dich ganz normal gebeten. Und du…, er brach ab und ging ins Haus.

Eine Woche war Ruhe.

Dann kam Bernd nach Hause und meinte: Annegret braucht wieder für ein Bewerbungsgespräch Hilfe. Komm, nur ein Mal.

Heike schaute ihn an. Müde, verunsichert. Zwischen Schwester und Ehefrau gefangen.

Na gut. Ein letztes Mal.

Am nächsten Morgen rauschte Annegret herein, küsste die Kinder, rief Danke danke! Muss los!

Heike blieb mit Philipp und Lina zurück.

Mittags schaute sie aufs Handy, wollte Mails prüfen. Da fiel ihr ein neues Foto im sozialen Netzwerk auf Annegret im Café, fröhlich mit einer Männerhand um ihre Schultern, Sektglas hochhaltend. Darunter stand: Endlich wieder normale Leute treffen!

Gepostet vor zwanzig Minuten.

Heike schaute auf den Bildschirm und alles wurde ihr klar. Keine Bewerbungen, keine Ärzte. Nur Spaß, Kinder bei anderen abladen. Und vielleicht war der Ex-Mann deshalb gegangen irgendwann reicht’s jedem.

Heike griff zum Telefon.

Bernd, komm und kümmer dich selbst um deine Neffen.

Was ist denn los? Ich bin auf der Arbeit.

Dann soll deine Mutter die Kinder abholen. Ich mache das nicht mehr.

Heike, was ist passiert?

Schau ins Netzwerk deiner Schwester. Dann reden wir.

Stille am Telefon. Dann seufzte er.

Okay. Ich versuche früher zu gehen.

Bernd kam nach zwei Stunden und schaute Heike an:

Ich hab die Fotos gesehen.

Und?

Vielleicht war es nur ein Zufall

Bernd, sie war jedes Mal schon halb beschwipst. Letztes Mal hat sie sich von einem Typen im SUV bringen lassen. Merkst du gar nichts?

Es sind meine Neffen, sagte er lauter. Die können doch nichts dafür.

Und ich? Das sind nicht meine Kinder. Ich muss sie nicht betreuen. Willst du helfen, mach es selbst. Aber nicht über meinen Rücken.

Sie ist meine Schwester!

Sie hat ihre Familie selbst ruiniert. Jetzt sollen wir ihre Kinder nehmen, während sie Spaß hat.

Was redest du da!

Die Wahrheit. Jedes Mal war sie verabredet. Sie hat uns belogen. Ich bin fertig damit. Bist du es auch?

Bernd schwieg lange, rieb sich das Gesicht.

Okay. Ich sehe es ein.

Annegret kam spätabends. Die Kinder schliefen längst auf der Couch. Sie murmelte etwas von Stau und leerem Akku, aber Bernd hielt sie auf.

Annegret, so machen wir das nicht mehr. Die Kinder einfach bei uns abladen geht nicht.

Sie starrte ihn an. Hat sie dich aufgestachelt?

Nein. Ich will das so.

Sie schnaubte, hob den schlafenden Philipp hoch.

Schon klar. Ihr seid ja tolle Verwandte.

Sie ging ohne sich zu bedanken. Die Tür knallte.

Am nächsten Morgen am Küchentisch klingelte das Telefon. Mama stand auf dem Display.

Bernd nahm ab.

Ja, Mama?

Heike hörte nur ihre scharfe Stimme.

Was ist das? Kannst deiner Schwester nicht helfen? Ich kann doch selber nicht …

Mama, wir können auch nicht mehr. Wir haben unser eigenes Leben.

Ach, so redest du jetzt! Haus gekauft und Herz verloren! Ich habs verstanden!

Sie legte auf, kurze Töne im Hörer. Bernd sah Heike an.

Sie ist sauer.

Hab ich gemerkt.

Sie schwiegen. Draußen schien die Sonne, das leere Pflanzgefäß stand auf der Fensterbank. Heike dachte daran, warum sie hergezogen waren für Ruhe, Garten, ihr eigenes Leben. Was sie bekam, war Kinderlärm, fremde Probleme und Familie, die Ansprüche stellte.

Bernd legte seine Hand auf ihre.

Es tut mir leid, sagte er leise. Ich hätte es früher stoppen müssen.

Heike erwiderte nur den Druck seiner Finger. Es war kein Sieg. Die Schwiegermutter war beleidigt, Annegret außer sich, der Frieden würde lange fehlen. Aber zum ersten Mal seit Wochen fühlte sie Erleichterung. Sie hatte Nein gesagt. Und ihr Mann hatte es gehört.

Alles andere später.

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Homy
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Das sind nicht meine Kinder – wenn du der Schwester helfen willst, dann bitte nicht auf meine Kosten. Sie hat ihre Familie ruiniert und jetzt versucht sie, uns ihre Kinder aufzudrängen, während sie ihr eigenes Leben neu ordnet
Am Abend nach der Scheidung Als Katja das Gerichtsgebäude verließ, stellte sie überrascht fest, dass sie weder Aufregung noch Verzweiflung verspürte wie am Morgen – stattdessen kamen ihr ganz andere Gedanken: über die seltsame Frisur der Richterin, das ungewöhnlich warme Oktoberwetter und was wohl Sascha gerade macht – ob er der Oma den Kopf verdreht? Sergej holte sie an der Bushaltestelle ein: „Na, endlich ist alles vorbei… Wie geht’s dem Kleinen?“ „Gut“, antwortete Katja knapp. „Dann muss ich los. Man wartet auf mich.“ „Sie wartet“, dachte Katja, aber wie zuvor ohne jede Emotion. Es fühlte sich an wie ein Schock, wenn man nach einer schweren Verletzung zunächst keinen Schmerz spürt. Der kommt später… Sie wartete nicht auf den Bus, sondern ging zu Fuß zum Bahnhof. Das Gehen durch die vertrauten Straßen beruhigte sie, ließ alles wie früher erscheinen, als würde sie einfach nach Hause fahren… Aber besser wäre es gewesen, sie hätte den Kleinbus genommen. Als sie die Busstation erreichte, sah sie, wie der bekannte rot-weiße Bus langsam von der Plattform abfuhr. Sie lief los, winkte, doch der Fahrer bemerkte sie entweder nicht oder wollte einfach nicht anhalten. „So ein Tag“, sagte sie sich. „Und was jetzt?“ Sie rief zu Hause an, erfuhr, dass Sascha brav war, und sagte, sie habe den Bus verpasst. Sie komme morgen früh. „Alles andere erzähle ich daheim“, sagte sie auf die Frage der Mutter und legte auf. *** „Katja, wie lange ist das her!“, freute sich Nadja, als sie die Tür öffnete. Sie hatte sich verändert: war jetzt blond und schlanker. Die ehemalige Klassenkameradin sah aus wie ein Model, besonders neben der schlicht gekleideten Katja. „Nadja, lass mich übernachten“, bat die Besucherin. „Ich habe mich gerade scheiden lassen und den Bus verpasst.“ Sie teilte die Neuigkeit gleich mit, um den unvermeidlichen Fragen nach Sergej und Sascha zuvorzukommen. Nach dem Kleinen durfte sie ruhig fragen – auf ihren Sohn war Katja stolz, er war der Beste, Klügste (wie für jede Mutter ihr Kind). „Komm rein, steh nicht im Flur“, plapperte Nadja, nahm Katja an die Hand und führte sie vorsichtig ins Zimmer. „Gleich gibt’s Abendessen.“ „Und wo ist Maxim?“, fragte Katja. „Auf Dienstreise. Gut so, dann stört er uns nicht. Wir können quatschen wie früher. Wie lange haben wir uns nicht gesehen?“ „Über ein Jahr, seit ich in Elternzeit bin…“ „Und, wächst der kleine Held?“, Nadja deckte schnell den Tisch und stellte eine Flasche Weißwein dazu – das Wiedersehen musste gefeiert werden. Das Gespräch stockte zunächst. Sie erinnerten sich an die Schulzeit, an die Klassenkameraden – wer was jetzt macht. Persönliche Themen wurden gemieden. Ob vom Wein auf nüchternen Magen oder weil endlich Gelegenheit war, mit jemand anderem als Eltern und Schwester zu reden, Katja spürte plötzlich das Bedürfnis, sich auszusprechen. Nervös knetete sie eine Papierserviette und erzählte Nadja ihre traurige Geschichte, die sie bisher niemandem anvertraut hatte. *** Nach dem Abschluss am Kolleg fand Katja keine Arbeit in ihrem Beruf. Im Heimatdorf war das unmöglich, im Kreisstädtchen schwierig. Die Nachbarin Tanja schlug vor, in die Hauptstadt zu gehen – dort würden immer Arbeitskräfte gebraucht und die Löhne seien besser. Die Mädchen arbeiteten als Kellnerinnen in einem kleinen Café. Die Arbeit war hart, aber die Chefs zahlten gut. Nach einiger Zeit wurde Katja zur Managerin befördert (genau das stand in ihrem Diplom). Nur mit der Wohnung hatte sie kein Glück. In keiner der gemieteten Zimmer blieb sie lange – die Vermieter waren alle seltsam: mal eine halbverrückte Oma, mal ein Onkel, der den jungen Mieterinnen nachstellte… Das ging so, bis ein Kollege vorschlug, gemeinsam eine Zweizimmerwohnung zu mieten und die Kosten zu teilen. Nach kurzem Zögern stimmte Katja zu. Sie und Sergej waren gute Freunde, damals traf Katja sich noch mit anderen. Doch bald wurde aus Freundschaft und Nachbarschaft Liebe. Der große, gutaussehende Sergej eroberte Katjas Herz. Fast täglich brachte er ihr Blumen, machte kleine Geschenke, sie fuhren zusammen ans Meer. Katja war so glücklich wie nie zuvor. Doch das Glück hielt nicht lange. Nach einigen Monaten in der „wilden Ehe“ veränderte sich Sergej. Er kam schweigsam und bedrückt von der Arbeit, auf ihre Fragen nach dem Grund sagte er nur: „Alles gut, Sonnenschein, mach dir keine Sorgen!“ Aber Katja spürte: etwas stimmt nicht. Sie bohrte weiter, bis Sergej gestand, dass er sich in eine andere verliebt hatte. „Ich liebe sie so sehr… kann ohne sie nicht leben“, klagte er. „Und was ist mit mir?“, Katja konnte nicht glauben, dass ihr Geliebter das ernst meinte. „Du bist wundervoll! Aber ich liebe dich anders, wie eine Schwester. Katja, sag du als Frau, was soll ich tun?“ „Geh zum Teufel!“, schrie Katja und schloss sich im Bad ein, damit er ihre Tränen nicht sah. Einige Tage sprachen sie nicht miteinander. Dann machte Sergej einen Schritt zur Versöhnung. Es stellte sich heraus, dass die andere seine Gefühle nicht erwiderte. Und Katja war immer noch da – gut, liebevoll, fürsorglich. Sie verzieh alles, doch tief in ihrer Seele blieb die Unruhe. Katja war unsicher – mit Sergej zusammenbleiben und ständig auf Nadeln leben oder lieber allein sein? Die Entscheidung brachte die ärztliche Untersuchung, die sie für die Arbeit brauchte. Sie kam aufgeregt und verwirrt zurück. „Sergej, ich muss dir was sagen“, sagte sie direkt an der Tür. „Wir bekommen ein Kind…“ „Dann lass uns heiraten“, sagte er einfach. *** Die Hochzeit feierten sie in ihrem Dorf. Katja arbeitete bis zum Mutterschutz weiter in Kiew. Zur Geburt fuhr sie zu den Eltern. Die Entbindung war schwer, doch der kleine Sohn war die Belohnung für alle Mühen. Sergej nahm Urlaub und blieb einen Monat bei ihnen, half seiner Frau in allem. Doch die Zeit verging, und er kehrte in die Hauptstadt zurück. Anfangs rief er täglich an, sie telefonierten lange, jedes Wochenende besuchte er Katja und den Sohn. Dann kam er seltener, erklärte es mit teuren Fahrkarten. Auch die Telefonate wurden weniger. Ein halbes Jahr später, bei einem Besuch im Dorf, sagte Sergej zu Katja: „Wir müssen unter vier Augen reden.“ Katja hielt gerade den Sohn im Arm. Ihr Herz schlug schneller, als ahnte es etwas Schlimmes. Und es täuschte sich nicht. Der Albtraum von vor über einem Jahr wiederholte sich Wort für Wort. „Ich liebe sie so sehr, kann ohne sie nicht leben…“, sagte Sergej. Katja fragte nicht mehr: „Und was ist mit mir?“ Sie schwieg. Nur ein Satz kam über ihre Lippen: „Hast du an den Sohn gedacht? Er braucht einen Vater.“ „Ich lasse Sascha nicht im Stich. Er ist für mich an zweiter Stelle im Leben. Nach ihr. Und du – an dritter…“ „Schau an, ich bin sogar auf dem Bronzeplatz gelandet“, lächelte Katja bitter. Dann bekam sie einen Nervenzusammenbruch. Die erschrockene Mutter kam auf ihren Schrei gelaufen. Katja schob den Mann zur Tür hinaus: „Geh zu deiner Geliebten! Und lass dich hier nie wieder blicken!“ Im Nebenzimmer wachte der Sohn auf und begann zu weinen. An der Tür drehte sich Sergej um: „Soll ich die Scheidung einreichen?“, fragte er, als ob ihre Zustimmung noch etwas ändern könnte. *** Nach dem zweiten Betrug ihres Mannes fiel Katja in eine Depression. Sie weiß nicht mehr, ob sie gegessen oder geschlafen hat, sie lief wie im Nebel… Ohne Eltern und Schwester, vor allem ohne den kleinen Sascha, hätte sie sich vielleicht das Leben genommen. Besonders schwer war es, als die Vorladung zum Gericht kam. Am selben Tag ging sie ins Nachbardorf zu einer Wahrsagerin, um Rat zu holen. Sollte sie die Scheidung geben? Nach dem Gesetz hätte sie ablehnen können, denn der Kleine war noch kein Jahr alt. Die alte Frau legte die Karten und sagte: „Deinen Mann hat eine andere verzaubert. Ich kann ihn zurückholen. Aber du wirst mit ihm nicht glücklich. Er ist nicht der Richtige. Wer einmal betrügt, tut es wieder.“ „Und heute wurden wir geschieden“, beendete Katja ihre Geschichte. „Jetzt weiß ich nicht, wie es weitergeht. Wie wird Sascha das aufnehmen? Was sage ich ihm, wenn er fragt: ‚Wo ist mein Papa?‘“ „Du bist dumm, Katja!“, wurde Nadja plötzlich ernst. „Freu dich, dass du noch jung bist und ihm nicht deine besten Jahre geopfert hast. Arme und Beine sind gesund, Verstand und Gesundheit hast du, die Eltern helfen dir… Und Männer gibt’s genug für unser Leben.“ „Du hast gut reden, bei dir ist Maxim nicht zu einer anderen gegangen…“ „Du glaubst es nicht, aber wenn er das täte, würde ich ihm noch zum Abschied winken. In letzter Zeit kommt er fast jeden Tag angetrunken heim und fängt gleich an zu klären, wer hier das Sagen hat… Seine Nörgeleien gehen mir so auf die Nerven, aber ich kann nirgendwohin. Die Eltern sind weit weg, die Tochter klein, keine Arbeit…“ „Gibt es überhaupt anständige, normale Männer?“, entfuhr es Katja. „Wer weiß das schon?“, Nadja zuckte die Schultern und ging ins Nebenzimmer, um nach dem Kind zu sehen. Katja blieb am Tisch sitzen, den Kopf auf die Arme gelegt. Graue, schwere Hoffnungslosigkeit, wie Herbstnebel, zog in ihr Herz. *** Als sie am nächsten Morgen aus dem Bus stieg, sah sie sofort zwei vertraute Gestalten an der Haltestelle: die Mutter hielt Sascha im Arm. Als Katja ihn sah, streckte der Kleine die Ärmchen aus und plapperte fröhlich. „Hallo, mein Schatz!“, umarmte sie ihn, und er klammerte sich fest an ihren Hals und zupfte an ihren Haaren. „Schau, was ich dir mitgebracht habe“, reichte sie ihm ein Spielzeugauto, das sie am Bahnhofskiosk gekauft hatte. „Das ist vom Papa.“ („Sergej hat dem Kleinen nicht mal Süßigkeiten mitgegeben“, dachte sie.) „Pa-pa-pa“, plapperte Sascha, und Katja kamen wieder die Tränen. „Wie geht’s dir, mein Kind?“, fragte die Mutter mitfühlend. „Alles bestens“, lächelte Katja. „Ich muss stark sein. Ich halte alles für sie aus“, wiederholte sie im Kopf wie ein Mantra. Laut sagte sie: „Komm, Mama, lass uns nach Hause gehen. Ich habe euch so vermisst…“