“Die Verwandtschaft meines Mannes nannte mich eine Mitgiftlose, doch Jahre später standen sie vor unserer Tür und baten mich um ein Darlehen für den Bau ihrer neuen Datscha”

Siehst du, mein Sohn, nun hast du sie also wirklich zu uns ins Haus gebracht, diese Habenichts, Gott verzeih mir. Kein Heim, keine Habe, nur große Sprüche und einen Koffer voller spröder Bettwäsche. Ich hab dir doch gesagt, dass du dich nach einer passenderen Partie umsehen sollst, nicht jeden dahergelaufenen armen Tropf anschleppen. Mit ihr wird es dir peinlich sein, den Leuten unter die Augen zu treten.

Das sagte Hannelore Ignatz mit lauter Stimme, stehend mitten im Wohnzimmer, als sie demonstrativ durch den bescheidenen Besitz stöberte, den Katharina aus dem Studentenwohnheim mitgebracht hatte. Katharina stand in der Tür, umklammerte die abgewetzte Tasche so fest, dass ihre Fingerknöchel ganz weiß wurden. Am liebsten wäre sie im Boden versunken, hätte sich einfach in Luft aufgelöst, nur um dem verächtlichen Blick der Schwiegermutter und dem spöttischen Gekicher von Schwägerin Birgit zu entgehen, die sich schon Katharinas einzigen halbwegs ansehnlichen Schal um den Hals gelegt und Grimassen vor dem Spiegel schnitt.

Martin, damals noch jung und ungeübt darin, seiner Mutter Paroli zu bieten, errötete bis über beide Ohren.

Lass es gut sein, Mama, brachte er hervor und versuchte, ihr die Handtuchstapel aus den Händen zu nehmen. Katharina ist meine Frau. Und wir werden ohnehin bald ausziehen; das weißt du doch. Wir haben die Sachen nur zwischengeparkt, bis wir eine Wohnung gefunden haben.

Ach ja? Und wovon, bitte? Von deinem Gehalt als Ingenieur? Oder hat die Habenichts hier etwa Goldbarren in ihrer Tasche? Ach, Martin, du wirst dein blaues Wunder erleben mit ihr. Bauernkind bleibt Bauernkind weder Stil, noch Benehmen, noch etwas auf dem Konto.

Dieses Wort Habenichts blieb an Katharina haften wie ein Brandmal. Es fiel bei jedem Familienfest, zu dem Martin und sie mehr aus Pflichtgefühl geladen waren als willkommene Zielscheibe für Spott. Schwiegermutter und Schwägerin ließen keine Gelegenheit aus, sie zu kritisieren: mal schnitt Katharina den Salat wie auf dem Land, mal saß das Kleid zu ländlich, mal kam das Geschenk zu billig daher.

Katharina hielt es aus. Sie war so erzogen worden, dass man Ältere respektiert und ein fauler Frieden besser als ein offener Streit ist. Außerdem liebte sie Martin von ganzem Herzen. Er war ihr Halt, auch wenn ihn der Spagat zwischen seiner dominanten Mutter und ihr selbst schier zerriss.

Die ersten Ehejahre waren hart. Sie lebten wirklich zur Miete, sparten an allem. Katharina, gelernte Bekleidungstechnikerin, arbeitete in der Fabrik im Schichtdienst, und nachts nahm sie Nähaufträge für die Nachbarschaft an. Martin werkelte überall, wo es was zu verdienen gab: fuhr Taxi, reparierte Computer.

Martins Familie hielt sich zurück helfen wollten sie nie, obwohl sie als wohlhabend galt: Der Schwiegervater selig hinterließ eine große Altbauwohnung in München und ein Haus am Starnberger See, Birgit hatte sich in einen mittelständischen Unternehmer eingeheiratet. Doch Tipps und Tadel verteilten sie wie aus der Kanone.

Als Katharina und Martin einmal ohne Kühlschrank dagestanden hatten und die Milch in der Einkaufstasche am Fensterbrett hängte, bat Martin seine Mutter um etwas Geld bis zum nächsten Gehalt.

Kein Cent, schnarrte Hannelore am Telefon, bevor er ausreden konnte. Und wenn ich was hätte, würde ich es mir zweimal überlegen. Ihr schmeißt doch alles hinaus. Deine Frau gibt sicher wieder alles für Kleider aus. Soll sie mal lernen zu haushalten. Ich hab in meinem Leben Suppe aus nichts gekocht.

An jenem Abend schwor sich Katharina, nie wieder in ihrem Leben einen Euro von dieser Familie zu nehmen.

Jahre vergingen, die Erinnerungen wurden stumpfer, aber die Kränkung blieb. Katharina arbeitete wie besessen. Ihr Talent und Fleiß zahlten sich aus. Zuerst mietete sie eine winzige Ecke im Einkaufszentrum für eine Schneiderwerkstatt. Die Kundschaft schätzte die Qualität perfekte Nähte, tadelloser Sitz. Das sprach sich herum. Immer mehr Leute kamen.

Nach drei Jahren hatte sie ihr eigenes Atelier. Martin, beflügelt von Katharinas Erfolg, kündigte und übernahm Einkauf, Organisation, Buchhaltung. Sie wurden ein richtiges Team stark, vereint durch ein gemeinsames Ziel.

Fünf Jahre später besaß “die Habenichts” Katharina eine kleine Kette eleganter Textil-Ateliers für Heimdekoration. Sie und Martin wohnten in einer großzügigen Neubauwohnung am Stadtrand von München, fuhren einen soliden Mercedes und hatten schließlich das Landhaus, von dem sie immer geträumt hatten nach eigenen Plänen gebaut.

Der Kontakt zu Martins Familie beschränkte sich seitdem auf das Minimum: Telefonanrufe zu Feiertagen, gelegentliche Höflichkeitsbesuche. Hannelore wurde alt, ihr Wesen noch giftiger. Birgit war inzwischen geschieden, hatte ihren Glanz verloren, den Hochmut aber behalten, und wohnte mit der Mutter in deren Wohnung, kümmerlich von den Ersparnissen lebend und über das Leben jammernd.

Martins und Katharinas Erfolg wurde geflissentlich ignoriert. Als Martin mit dem neuen Wagen vorfuhr, verzog Birgit nur den Mund:

Bestimmt auf zehn Jahre finanziert, was? Heute steckt eh jeder bis zum Hals in Schulden.

Katharina lächelte nur. Ihr musste sie nichts mehr beweisen. Sie kannte den Wert jedes Euros und jeder durchgearbeiteten Nacht.

Eines schönen Herbsttages, das Laub leuchtete golden unter der bayerischen Sonne, klingelte das Telefon. Hannelore stand am Display. Katharina wunderte sich Schwiegermutter rief sonst immer nur Martin an.

Hallo, Katharina? Die Stimme der Schwiegermutter klang ungewohnt lieblich, fast sirupartig und ließ Katharina die Zähne zusammenbeißen. Wie gehts euch denn, Liebes?

Guten Tag, Hannelore. Danke, gut. Martin ist bei der Arbeit, er ruft Sie nachher sicher zurück.

Ach nein, nicht Martin, ich wollte dich sprechen, mein Töchterchen, schmeichelte die Schwiegermutter weiter, und das Kosewort schmerzte fast in den Ohren. Früher hieß es schlicht die da. Wir haben uns jedenfalls gedacht, es wäre mal wieder Zeit wie wär’s mit einem Besuch bei euch? Hab schon gehört, ihr seid mit dem Umbau fertig.

Katharina wunderte sich immer mehr. Doch ihre Erziehung verbot, eine Einladung abzulehnen.

Selbstverständlich, kommt doch am Samstag zum Mittagessen.

Wunderbar, wir freuen uns! Bis bald, meine Lieben!

Katharina tafelte nicht auf, um zu prahlen, sondern weil gutes, hübsches Essen einfach zu ihr gehörte das beruhigte sie. Es gab Braten, bayerische Salate, Preiselbeerkuchen.

Punkt zwei waren sie da: Hannelore, sich auf den Stock stützend, und Birgit, in ein viel zu enges, grellbuntes Kleid gequetscht. Ihre Blicke tasteten das Heim ab: italienische Möbel, Eichenparkett, Gemälde, teure Tapeten. Es war der suchende Blick von Händlern auf der Auktion, nicht von Gästen.

Donnerwetter, entfuhr es Birgit, ihr habts ja wirklich zu was gebracht

Kommt herein, wascht die Hände, sagte Martin und half seiner Mutter aus dem Mantel.

Die ersten Minuten am Tisch stockte das Gespräch. Schwiegermutter und Schwägerin aßen genüsslich, ließen aber immer wieder Bemerkungen fallen, die nur mit Mühe als Komplimente durchgingen.

Köstlich, Katharina, wirklich zart das Fleisch. Hat sicher was gekostet, hm? Wir können uns so was jetzt selten leisten, von der Rente kann man ja kaum leben. Ihr seid halt richtige Bourgeois

Mama, bitte, fuhr Martin dazwischen.

Was denn? Ich freu mich doch nur, dass mein Sohn gut versorgt ist. Und dazu noch so eine tüchtige Frau hat!

Nach dem Kuchen lehnte sich Hannelore schwerfällig zurück, tauschte einen Blick mit Birgit und setzte an:

Also, Kinder, danke für eure Gastfreundschaft. Schön habt ihrs hier. Wir sind das kann ich ja sagen heute nicht nur zum Käffchen gekommen. Es gibt da ein Anliegen. Ein familiäres.

Katharina spürte, wie sie sich innerlich anspannte. Sie hatte damit gerechnet.

Wir wollen die alte Datscha am Starnberger See renovieren, begann Hannelore, die ist völlig hinüber, Dach und Böden marode. Dabei wollt ich doch draußen mal wieder Luft schnappen, und Birgit braucht Erholung.

Und was habt ihr vor? fragte Martin, ahnend, wohin es geht.

Neu bauen! Birgit strahlte. Mit allem Komfort, zwei Stockwerke, große Glasfront, eine richtige Wohlfühloase.

Gute Idee, nickte Katharina.

Ja, aber das ist so teuer heutzutage Hannelore klang nun geradezu kläglich. Die Baufirma veranschlagt 150.000 Euro. Woher zwei alleinstehende Frauen das nehmen?

Stille senkte sich. Man hörte nur die Uhr ticken.

Ihr wollt also setzte Martin an.

Euch bitten, fiel Hannelore ihm ins Wort und richtete den Blick auf Katharina. Ihr habt’s doch. Für euch ist es nicht viel. Für uns bedeutet es alles. Ihr könntet bauen helfen dann hättet ihr auch was davon, für euch und spätere Enkel!

Katharina lächelte still. Dieses Familiennest, das sie früher nicht betreten durfte.

Ihr wollt also einen Kredit? fragte sie ruhig. Auf wie lange?

Beide zuckten die Schultern.

Ach, Katharina, was für ein Kredit? Wir sind doch eine Familie. Was soll ich dir abbezahlen von der Rente? Und Birgit sucht grad Arbeit. Wir dachten eher an eine familiäre Zuwendung. Ihr merkt das doch gar nicht, bei euren Einkünften und für uns wär’s die Rettung.

Ihr wollt also schlicht, dass wir euch 150.000 Euro schenken für euer neues Ferienhaus? Martins Stimme wurde härter.

Nicht schenken, empörte sich Birgit. Investieren! Ihr erbt das Haus ja eh eines Tages.

Bleibt mir lange erhalten, Hannelore, sagte Katharina ruhig. Aber damit ist alles klar: Ihr wollt 150.000 Euro. Ohne Gegenleistung. Für euch.

Und auch für euch! rief Hannelore prompt.

Katharina erhob sich, trat ans Fenster. Unten tobte München, und das Herbstlaub war so vergilbt wie die Bettwäsche in jenem Jahr, als alles begann. Sie drehte sich um.

Ich erinnere mich noch gut an unsere Hochzeit, sagte sie leise. Daran, wie Sie meine Sachen musterten. Wie Sie mich Habenichts nannten. Wie Sie sagten, ich würde Martins Leben ruinieren.

Ach, wer gräbt denn schon alte Sachen aus Hannelore fuchtelte in der Luft herum. Ich hab das doch nur gut gemeint! Du warst jung, naiv, aber schau, was aus dir geworden ist!

Das wurde ich nicht dank Ihnen, sondern trotz Ihnen, sagte Katharina ruhig. Wir beide haben uns alles selbst erarbeitet. Wir haben auf alles verzichtet, um hierherzukommen. Und als wir Sie damals um 500 Euro baten, sagten Sie, Sie hätten nichts.

Hatte ich auch nicht! rief Birgit.

Doch, Birgit. Du hast dir damals eine neue Pelzjacke gekauft. Ich weiß es noch. Und jetzt sitzt ihr hier, esst von meinem Tisch und verlangt, dass die Habenichts euch das Leben finanziert.

Fordern?! Wir bitten nur! fauchte Hannelore. So nachtragend bist du? Als Christin? Willst du die eigene Schwiegermutter im Alter im Stich lassen?

Ihr habt eine traumhafte Drei-Zimmer-Wohnung in bester Lage, warf Martin ein. Und das Ferienhaus ist ein Luxus.

Du bist ihr Schoßhund! schrie Hannelore und sprang auf. Sie hat dich ordentlich zurechtgestutzt! So eine Schlange! Sitzt hier in Gold und lässt die Mutter darben! Eure Habgier wird euch noch bestrafen!

Mama, genug jetzt, sagte Martin ruhig. Wir geben euch das Geld nicht. Weder geliehen, noch geschenkt. Wenn ihr bauen wollt, verkauft die Wohnung, zieht kleiner, nehmt einen Kredit. Lebt nach euren Möglichkeiten.

So so! Birgit sprang auf, riss eine Tasse mit um, der Tee floss über die edle Tischdecke. Na, dann bleibt doch auf euren Millionen sitzen! Wir finden schon einen anderen Weg ihr werdet noch sehen!

Geht bitte jetzt, sagte Katharina leise.

Was?! Hannelore schnappte nach Luft, völlig fassungslos.

Verlasst bitte mein Haus. Und kehrt nie wieder zurück.

Hannelore stand da, wie vom Blitz getroffen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Katharina einmal widerspricht. Sie hatte auf Schuldgefühle oder wenigstens auf einen Kauf ihrer Anerkennung gebaut. Sie hatte sich geirrt.

Komm, Mama! Birgit packte ihre Mutter am Arm. Zeit, zu gehen. Hier stinkt es eh nach Geld.

Sie marschierten mit lauten Schritten Richtung Flur, während sie weiter schimpften. Martin reichte stumm die Mäntel. Er hielt sie nicht zurück, entschuldigte sich nicht. Für ihn waren diese Frauen, ob Verwandte oder nicht, zu Fremden geworden.

Als die Tür ins Schloss gefallen war, herrschte tiefes Schweigen.

Katharina nahm die verschmutzte Tischdecke, warf sie in den Wäschekorb, setzte sich auf das Sofa und vergrub das Gesicht in den Händen. Sie zitterte nicht, sie weinte nicht. Da war nur eine tiefe, restlose Erschöpfung und eine seltsame Erleichterung, als hätte sich ein über Jahre gereifter Abszess endlich von allein geöffnet.

Martin setzte sich neben sie und nahm sie in den Arm.

Verzeih mir, sagte er leise.

Wofür? hob Katharina den Kopf.

Dass ich das zugelassen habe. Dass meine Familie so ist. Es tut mir leid.

Du musst dich nicht entschuldigen. Du hast dir die Familie nicht ausgesucht. Aber heute hast du zu mir gehalten. Das zählt.

Weißt du, lächelte Martin schief. Ich dachte wirklich, sie vermissen uns. Wie naiv

Nicht naiv, Martin. Nur ein guter Mensch. Das ist was Wertvolles.

Hundertfünfzigtausend Euro schüttelte er den Kopf. Ob sie uns dann lieben würden?

Nein, sagte Katharina bestimmt. Sie hätten weiter genommen und uns noch mehr verachtet weil wir so leichtsinnig mit Geld umgehen. Für solche Leute sind wir immer die Falschen heute nicht mehr zu arm, sondern zu reich.

Da hast du Recht. Wie immer.

Martin holte eine gute Flasche Wein aus dem Regal.

Stoßen wir an. Auf uns. Darauf, dass wir durchgehalten haben und niemandem mehr Rechenschaft schulden.

Sie saßen in ihrem schönen Wohnzimmer, tranken Wein und blickten in die frühe Dunkelheit hinaus. Die Telefone blieben ausgeschaltet. Sie wussten, dass Hannelore nun sämtliche Verwandtschaft abtelefonierte und ihre rührselige Version verbreitete vom bösen Schwiegersohn, der die arme Mutter “auf die Straße gesetzt” hatte.

Aber das berührte sie nicht mehr.

Ein paar Wochen später hörte Katharina, dass Birgit ihre Mutter zu einem riesigen Kredit überredet hatte. Sie engagierten eine Billigfirma zum Bau, die dann nach Anzahlung spurlos verschwand, nur ein Loch im Boden hinterlassend. Nun zogen sich die beiden von Gericht zu Gericht und rutschten immer tiefer in die Schuldenfalle.

Martin nahm ihre Anrufe nicht mehr entgegen und wechselte irgendwann sogar die Nummer.

Katharina stand eines spätgoldenen Morgens in ihrem Atelier, strich über elegante Seide und dachte: Das Leben ist seltsam gerecht. Jeder bekommt am Ende das, was er verdient. Die Habenichts hatte sich ihre eigene Welt geschaffen, voller Liebe und Respekt. Die, die sich auf ihren Stammbaum etwas einbildeten, saßen nun mit leeren Händen da voller Neid und Bitterkeit.

Und sie wusste jetzt: Das wahre Mitgift sind nicht Laken oder das Geld der Eltern sondern Charakter, Fleiß und Liebe. Und davon hatte sie mehr als genug.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

“Die Verwandtschaft meines Mannes nannte mich eine Mitgiftlose, doch Jahre später standen sie vor unserer Tür und baten mich um ein Darlehen für den Bau ihrer neuen Datscha”
Als er die Augen öffnete, traute er kaum dem Anblick: Auf seinen Knien saß ein schmutziges, dünnes graues Kätzchen, so mager wie ein Streichholz und mit lustig abstehenden Ohren. Das Kätzchen stellte sich auf die Hinterbeine und rieb sein warmes Gesicht zärtlich an das seine…