»GLAS SAMMELN AUF DEM EIGENEN GARTEN«
»Du bist ein dummes Ding, Marlene, wirklich unbegreiflich! Dein Sven-Schwein wird dich verlassen und ohne Dach über dem Kopf lassen! Hat er dir nicht genug Nerven geraubt im Leben?« Mutti wählte nie ihre Worte, wenn es um ihren Schwiegersohn ging.
»Mutti, Sven und ich sind seit 37 Jahren zusammen, und du hast mich all die Jahre mit ihm verrückt gemacht! Ich bitte dich, halt dich da raus!« schon wieder schrie ich ins Telefon.
Ich versuchte, Mutti seltener zu sehen, denn ich wusste: ihr einziges Thema war, was für ein Schurke und Taugenichts mein Mann sei. Ich hatte es satt, das Gegenteil zu beweisen, obwohl ein Körnchen Wahrheit in ihren Worten steckte.
In jungen Jahren war ich einmal, aus eigener Dummheit, von Sven zu Mutti gezogen. Wir hatten schon unseren fünfjährigen Sohn Jakob. Mein Mann und ich hatten uns heftig gestritten. Ich landete mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus. Ich dachte, das war das Ende. Dann würde die Scheidung kommen, und ich wäre eine alleinerziehende Mutter. Nach der Entlassung fuhr ich zu Mutti, denn Jakob war bei ihr, während ich im Krankenhaus lag.
Mutti seufzte schwer und kam zum Schluss:
»Sag selbst, hatte ich nicht Recht? Das ist kein Mann, das ist ein Ungeheuer! Bleib bei uns. Vater und ich helfen dir, Jakob großzuziehen.«
»Mutti, ich überlege es mir«, sagte ich erschöpft, ohne zu wissen, was ich tun sollte.
»Da gibt es nichts zu überlegen! Dieser Unmensch bringt noch Jakob um! Ich lasse euch nicht zu ihm zurück!« es klang, als würde Mutti uns mit Jakob hinter eisernen Riegeln einsperren.
Mutti war von Anfang an gegen meine Heirat mit Sven. Er hatte ihr nie gepasst. Sie hatte sogar meine Aussteuer versteckt und mir nicht gegeben. »Soll dein strahlender Bräutigam dich kleiden und ernähren.«
Eine Woche verging, dann kam Sven reumütig angereist. Mutti ließ ihn nicht über die Schwelle. Sie sagte ihm jede Menge Gemeinheiten und knallte die Tür vor seiner Nase zu. Ich war gerade mit Jakob spazieren. Mutti erzählte mir nichts von Svens Besuch. Das erfuhr ich erst später von ihm selbst.
Nach einem Monat des Nachdenkens beschloss ich, zu meinem Mann zurückzukehren. Schließlich gehört Streit zum Familienleben. Wie es so schön heißt: Eheleute zanken sich, aber nachts liegen sie unter einer Decke. Außerdem liebte ich Sven damals wie heute. Es gab für mich keinen anderen Mann.
Ich überlegte, wie ich ihn nach der kurzen Trennung treffen könnte. Mir fiel etwas ein: Ich würde meine und Jakobs Winterkleidung holen. Der Winter stand vor der Tür. Ein guter Vorwand, oder?
Heimlich, ohne Mutti zu informieren, nahm ich Jakob und fuhr zu meinem Mann.
Sven wusste nicht, wie ihm geschah. Er freute sich über uns. Die Familie war wieder vereint. Mutti tobte.
Eigentlich gab es nie Streit zwischen Mutti und mir. Sie war eine fürsorgliche, liebevolle, wunderbare Frau. Doch es gab ein Skelett im Schrank sozusagen eine staubige Ecke.
Eines Tages fand ich Mutti altes Tagebuch. Ich war damals vierzehn. Es lag zwischen altem Kram auf dem Dachboden.
Es hätte dort noch hundert Jahre bleiben können, hätte ich nicht den Globus für den Geographieunterricht gebraucht. Ich nahm ihn herunter, und ein Stapel alter Zeitschriften fiel auf mich. Ich sammelte sie auf und sah ein schönes Notizbuch. Ich setzte mich und begann zu lesen. Oh Gott! Ich wünschte, ich hätte nie gelesen, was darin stand.
Es stellte sich heraus, dass ich nach der Geburt sofort ins Kinderheim kam trotz aller Verwandten! Mein Vater hatte mich verleugnet und zu Mutti gesagt:
»Woher soll ich wissen, wer dich beglückt hat?«
Und der Vater, der mich großzog, war nicht mein leiblicher. Mutti schrieb in ihr Tagebuch, dass die Zeiten hart gewesen seien und dass sie mich bald aus dem Heim holen würde.
Früher lebte Mutti in einem Dorf, wo bekanntlich alle Wände aus Glas sind. Die Leute hätten ihr die Augen ausgekratzt für ein uneheliches Kind. Kurzum: Erst nach einem Jahr holte mich eine Tante zurück in die Familie, nachdem sie die Verwandtschaft beschämt hatte.
Abends konfrontierte ich Mutti mit dem Tagebuch. Ich erwartete eine Erklärung. Ohne eine Zeile zu lesen ich glaube, sie kannte jedes Wort dieser Geschichte , riss sie das Beweisstück sofort in Stücke. Doch ich hatte schon alles gelesen
Seitdem wuchs zwischen uns eine hohe, breite, lange Mauer. Ich hielt Mutti für eine Verräterin. Wut wie schwarzes Pech breitete sich in mir aus. Unsichtbare, aber spürbare Fäden zwischen Mutter und Tochter waren für immer zerrissen.
Ich beschloss, dass mein Sohn von seinen leiblichen Eltern erzogen werden würde ohne Stiefeltern!
Sven, der den glühenden Hass seiner Schwiegermutter spürte, schlug vor, ein zweites Kind zu bekommen. Dann, so seine Logik, könnte Mutti mich nicht mit zwei Kindern aus der Familie locken. Ich war natürlich einverstanden.
Unser Paul wurde geboren. Mutti wetterte weiter:
»Ach, Marlene, dieser Tyrann hat dich jetzt auch noch mit Paulchen an sich gebunden. Und du, Dummchen, glaubst ihm! Der Lüstling betrügt dich, wo er nur kann. Du hörst nicht auf mich, aber das wirst du bereuen. Der Halunke wird dir noch Dornen unter die Haut setzen! Du wirst noch viel Leid erfahren. Merk dir meine Worte«
Natürlich hatte Mutti Recht. Die Dornen unter der Haut waren zahlreich Sven war ein richtiger Schürzenjäger. Ich weinte viele Tränen. Wie hätte mein Mann den Versuchungen widerstehen sollen? Er war ein bildhübscher Mann mit einer glatten Zunge Die Frauen klebten an ihm wie nasse Blätter in der Sauna.
Und an jenem verhängnisvollen Tag, als ich ins Krankenhaus kam, hatten Sven und ich uns heftig wegen einer frechen Dame gestritten. Sie war zu uns nach Hause gekommen, in der Annahme, ich sei auf Arbeit. Doch ich hatte mich früher freigenommen Kopfschmerzen.
Ich kam nach Hause und sah, was betrogene Frauen nie sehen wollen.
Diese glasigen Tauben, mein Mann und die Dame, saßen halbnackt im Schlafzimmer und tranken Sekt! Na wartet, ihr Schamlosen, jetzt gibts was! Ich stand breitbeinig in der Tür.
Doch als sie mich sah, riss das Mädchen ihre Sachen an sich, stieß mich zur Seite und floh. Ich fiel rücklings, schlug mit dem Kopf auf und zog mir eine Gehirnerschütterung zu. Nach diesem Vorfall war Sven eine Weile ruhig aber nicht lange. Ja, mein Mann war ein Frauenheld. In seiner Don-Juan-Liste standen Kolleginnen, zufällige Bekanntschaften, sogar Schulfreundinnen. Den Wind fängt man nicht mit den Händen Doch ich dankte dem Schicksal, dass Sven keine unehelichen Kinder hatte. Das wäre ein Drama für alle seine Kinder geworden. Davon bin ich überzeugt.
Ich greife vor: Mein Sohn Jakob »verhedderte« sich später mit einer Nebenfrau. Sie gebar ihm eine Tochter. Dabei hatte Jakob eine Ehefrau und ein legitimes Kind. Den Kindern wird es nie leicht gemacht durch die Abenteuer ihrer Eltern. Und mein Sohn, der in seiner Kindheit genug von Papas Geliebten gesehen hatte, beschloss, das Erbe anzutreten Wie ich sehe mit Erfolg.
Ich verstehe nicht, was Mutti will. Meine Meinung: Wenn du deine Tochter verheiratet hast, ist die Mission der Mutter erfüllt. Nein, man soll die Tochter nicht verstoßen. Hilf ihr, besuche sie, spiel mit den Enkeln. Aber gib Ratschläge nur, wenn man dich darum bittet und stell den Wagen nicht vor das Pferd.
Lass die erwachsenen Kinder in ihrem eigenen Saft schmoren, sich die Beule holen, die Charaktere aneinander reiben. Es ist ihr Leben!
Wie meine Oma zu sagen pflegte:
»Sammel Glas nur im eigenen Garten.«
Meiner Meinung nach wird der ewige Generationenkonflikt niemals enden. Die Menschen treten immer wieder auf die gleichen Rechen. Und sie wollen nicht auf andere hören.
Mutti und ich schweigen uns seit drei Jahren an. Wir schmollen wie die Maus im Mehl. Mutti erzählt allen Verwandten und Nachbaten mit Hingabe, ihr Schwiegersohn sei nicht den kleinen Finger ihrer Tochter wert.
Mutti! Vielleicht verdiene ich genau diesen Mann?
Einen anderen will ich nicht





