Wie wunderbar das ist… flüsterte Hildegard.
Sie liebte es, ihren Morgenkaffee in stiller Ruhe zu trinken, wenn Matthias noch schlief und draußen das erste Dämmerlicht durch die Fenster drängte. In solchen Momenten schien alles an seinem Platz. Die Arbeit sicher. Die Wohnung behaglich. Der Mann verlässlich. Was braucht man mehr zum Glück?
Sie beneidete ihre Freundinnen nicht, die über eifersüchtige Ehemänner und sinnlose Streitereien klagten. Matthias war nie eifersüchtig gewesen und veranstaltete nie Szenen. Er schaute nie ihr Handy an. Er wollte keinen Bericht über jeden Schritt. Er war einfach da, und das reichte ihr völlig.
Hilda, hast du meine Garagenschlüssel gesehen? Matthias stand mit zerzausten Haaren in der Küche.
Auf dem Regal neben der Tür. Hilfst du wieder dem Nachbarn?
Ja, Gerd hat gefragt, ob ich mir seinen Wagen anschaue. Irgendwas mit dem Vergaser.
Sie nickte und schenkte ihm Kaffee ein. All das war gewohnt. Matthias half immer irgendjemandem. Kollegen beim Umzug, Bekannten beim Tapezieren, Nachbarn beim Tragen oder Reparieren. Mein Ritter, dachte Hildegard manchmal zärtlich. Ein Mensch, der nie an einem fremden Problem vorbeigehen konnte.
Diese Eigenart hatte sie damals schon verzaubert, am allerersten Abend, als er stehen blieb, um einer alten Frau beim Tragen der Einkäufe zu helfen. Ein anderer hätte weggeschaut. Aber Matthias nicht.
Vor etwa drei Monaten war eine neue Nachbarin in die Wohnung unter ihnen gezogen. Anfangs hatte Hildegard ihr keine Beachtung geschenkt. Leute kommen und gehen in Mehrfamilienhäusern. Aber Ingrid, so hieß sie, war eine, die man nicht übersehen konnte.
Im Treppenhaus lachte sie laut. Ihre Absätze klackerten zu jeder Stunde. Und sie führte ihre Telefongespräche immer so, dass das halbe Haus mithören musste.
Stell dir vor, heute hat er mir Lebensmittel gebracht! Eine ganze Tüte voll! Ganz alleine, ohne dass ich ihn bitten musste! hörte man Ingrid mit ihrer quirligen Stimme durchs Telefon.
Hildegard traf auf sie an den Briefkästen und lächelte nur höflich. Ingrid strahlte. Sie war erfüllt von diesem außergewöhnlichen, frischen Glück, das Frauen im ersten Rausch der Verliebtheit an sich haben.
Neuer Verehrer? fragte Hildegard aus reiner Höflichkeit.
Nicht ganz neu. Ingrid zwinkerte verschmitzt. Aber sehr fürsorglich. So einen findest du selten. Jedes Problem löst er, stell dir vor! Der Wasserhahn tropfte er hats repariert. Die Steckdose funkte gleich gemacht. Er hilft mir sogar, meine Rechnungen zu bezahlen!
Da haben Sie aber Glück.
Von Glück kann gar nicht die Rede sein! Klar, er ist verheiratet. Aber das ist ja nur ein Stempel im Ausweis, oder? Hauptsache, mit mir gehts ihm gut.
Unangenehm wanderte Hildegard wieder nach oben zu ihrer Wohnung. Es war nicht die Moral der anderen, die ihr Bauchschmerzen bereitete. Es war etwas anderes, Unbestimmtes, das sie nicht benennen konnte.
Auch in den nächsten Wochen fing Ingrid sie immer wieder im Flur ab, als ob sie nur darauf wartete, ihre Begeisterung zu teilen.
Er ist so aufmerksam! Fragt immer, wie es mir geht. Ob ich etwas brauche…
Gestern hat er mir sogar Medikamente gebracht, als ich krank war. Nachts hat er eine Apotheke gefunden!
Und dann sagt er immer, das Wichtigste für ihn ist, gebraucht zu werden. Hilfe zu geben, das sei sein Lebenssinn…
Da zuckte Hildegard zusammen.
Gebraucht werden das ist sein Lebenssinn.
Genau diese Worte hatte Matthias früher benutzt. Sie erinnerte sich an ihr Jubiläum, als er erklärte, warum er wieder zu spät kam er hatte der Mutter einer Freundin im Garten geholfen.
Zufall, absoluter Zufall. Es gibt viele Männer mit einem Retterkomplex.
Aber die Details häuften sich. Diese Angewohnheit, Lebensmittel zu bringen, ohne gefragt zu werden das hatte Matthias auch. Alles selbst zu reparieren, ebenso.
Hildegard verscheuchte diese Gedanken. Unfug, Paranoia. Man kann ja nicht dem eigenen Ehemann misstrauen wegen des Geredes einer fremden Frau.
Doch dann veränderte sich Matthias. Erst langsam, aber stetig. Er verschwand mal kurz und kam nach einer Stunde zurück. Sein Handy trug er selbst im Bad mit sich herum. Auf Nachfragen reagierte er abweisend, fast gereizt.
Wohin gehst du?
Habe etwas zu erledigen.
Was denn?
Hilda, was soll das Verhör?
Gleichzeitig wirkte er… glücklich. Irgendwie erfüllt. Als ob er sich woanders seine Portion Bedeutung abholte, die ihm zu Hause fehlte…
Eines Abends zog er wieder los.
Kollege braucht Hilfe. Die Papiere sind kompliziert.
Um neun Uhr abends?
Wann sonst? Er arbeitet tagsüber.
Hildegard widersprach nicht. Sie schaute aus dem Fenster, doch ihr Mann kam nicht aus dem Haus.
Sie zog einfach ihre Jacke an. Ohne Eile, stieg sie nach unten, zum vertrauten Türschild im Erdgeschoss.
Ihr Finger berührte die Klingel. Hildegard hatte keine Worte vorbereitet. Keine Anklage geübt. Sie drückte einfach, wartete.
Die Tür ging fast sofort auf, als hätte man schon erwartet, dass sie klingeln würde. Ingrid stand im kurzen, glänzenden Morgenmantel mit einem Weinglas in der Hand. Ihr Lächeln erstarb, als sie ihre Besucherin erkannte.
Und hinter ihr, im hellen Flur, sah Hildegard Matthias. Oberkörperfrei. Mit nassen Haaren vom Duschen. Ganz selbstverständlich in der fremden Wohnung.
Ihre Blicke trafen sich. Matthias zuckte, öffnete den Mund und erstarrte. Ingrid schaute abwechselnd von einem zum anderen, wich aber nicht zurück, sie wirkte nur gleichgültig und hob die Schultern.
Hildegard drehte sich um und stieg die Treppe hinauf. Hinter ihr ein hastiges Rascheln, Matthias Stimme: Hilda, warte, ich kann das erklären…. Aber in die Wohnung ließ sie ihn nicht zurück.
…Morgens erschien Frau Gertrud. Hildegard wunderte sich kaum. Natürlich, der Sohn hatte sicher schon bei der Mutter angerufen und seine eigene Geschichte erzählt.
Ach Hildchen, warum stellst du dich denn so an? setzte sich die Schwiegermutter gemütlich an den Küchentisch. Männer bleiben eben doch Kinder. Sie müssen Helden sein. Diese Nachbarin da, sie hat halt Hilfe gebraucht. Matthias konnte doch einfach nicht wegschauen.
Sie meinen, er konnte nicht an ihrem Schlafzimmer vorbeischauen, Frau Gertrud?
Gertrud verzog das Gesicht, als ob Hildegard etwas Anstößiges gesagt hätte.
Du musst das nicht verdrehen. Matthias ist ein guter Junge. Er meint es gut. Das ist doch kein Verbrechen? Er hat sich eben verstrickt. Mein seliger Mann, der hat auch mal… Sie winkte ab. Hauptsache, die Familie bleibt bestehen. Das wächst sich aus. Du bist doch klug, Hilda. Zerstör so ein Leben nicht wegen einer Kleinigkeit.
Hildegard sah in dieser Frau alles, was sie selbst nie werden wollte. Angepasst. Geduldig. Bereit, alles auszuhalten, nur um den Schein von Familie zu wahren.
Danke für Ihren Besuch, Frau Gertrud. Ich muss jetzt allein sein.
Die Schwiegermutter ging beleidigt und murmelte noch etwas von der neuen Generation, die nichts mehr verzeihen will.
Am Abend kam Matthias wieder. Schlich durch die Wohnung wie eine schuldbewusste Katze, blickte ihr in die Augen, versuchte ihre Hand zu nehmen.
Hilda, es ist nicht, wie du denkst. Sie wollte nur Hilfe mit dem Wasserhahn, dann haben wir geredet, sie ist so einsam, so unglücklich…
Du warst nackt.
Ich… habe Wasser über mich geschüttet! Während der Reparatur! Sie gab mir ein T-Shirt zum Wechseln, und dann kamst du…
Hildegard staunte, dass sie es nie bemerkt hatte: Matthias konnte gar nicht lügen. Jedes Wort klang falsch, jede Geste verriet seine Angst.
Also, selbst wenn… nehmen wir an… es war was. Das zählt doch nicht! Ich liebe dich. Sie ist nur… ein Abenteuer. Ein Ausrutscher. Schwäche eben.
Er setzte sich neben sie aufs Sofa, versuchte, sie zu umarmen.
Können wir es vergessen, bitte? Ich machs nie wieder. Ehrlich! Sie hängt mir sowieso schon zum Hals raus. Immer was zu tun, immer jammern…
Da begriff Hildegard endlich. Es war kein echtes Bedauern. Es war Angst vor dem Verlust seiner bequemen Komfortzone. Angst, bei einer Frau zu bleiben, die wirklich etwas von ihm will, statt ihm einfach die Bühne für seine Ritterspiele zu lassen.
Ich reiche die Scheidung ein, sagte sie ruhig, als würde sie sagen: Ich habe das Bügeleisen ausgestellt.
Was? Hilda, du bist verrückt! Wegen eines Fehltritts?!
Sie erhob sich, ging ins Schlafzimmer. Holte eine Reisetasche heraus. Stapelte Dokumente hinein.
…Die Scheidung war in zwei Monaten durch. Matthias zog zu Ingrid, die ihn mit offenen Armen empfing. Freilich verwandelten sich diese Arme bald in To-do-Listen: Repariere. Kaufe. Zahle. Mache. Helfe.
Hildegard hörte dies zufällig von gemeinsamen Bekannten. Sie zuckte nur die Schultern, ohne Schadenfreude. Jeder findet das, was er sucht.
Sie selbst mietete eine kleine Wohnung am Rand von Nürnberg. Morgens trank sie Kaffee in der Stille. Niemand fragte nach den Garagenschlüsseln. Niemand verließ die Wohnung für eine Minute und kam mit fremden Parfüm zurück. Niemand forderte von ihr Geduld und Nachsicht.
Merkwürdig: Sie hatte erwartet, dass es wehtun würde. Dass Einsamkeit kommt, Reue, Sehnsucht. Doch stattdessen war da etwas anderes Leichtigkeit. Als hätte sie einen alten Mantel ausgezogen, den sie jahrelang getragen hatte, ohne zu merken, wie schwer er war.
Zum ersten Mal gehörte Hildegard nur sich selbst. Und das war mehr wert als jede Sicherheit.





