Nach vier Monaten Schreiben habe ich schließlich einem Treffen mit dem 52-jährigen Herrn zugesagt und das begann er gleich mit fünf Vorwürfen.
Man sagt oft, dass die Vorfreude auf ein Ereignis süßer sein kann als das Ereignis selbst. In meinem Fall zog sich dieses Warten mit Susanne über fast vier Monate hinweg und wurde zu einer Art täglicher Online-Serie.
Ich lernte in dieser Zeit Gustavs Vorlieben in- und auswendig, kannte die Namen seiner Kindheitsfreunde und wunderte mich irgendwann nicht mehr über seine Angewohnheit, jede Guten Morgen-Nachricht mit exakt drei Auslassungspunkten zu beenden.
Mit meinen fünfundvierzig Jahren ging ich längst nicht mehr auf Dates mit klopfendem Herzen, sondern mit der ironischen Neugier eines Forschers. Mal sehen, was für ein Exemplar diesmal auf mich wartet, dachte ich beim Fertigmachen.
Ich zähle zu den Frauen, die einen schlichten Kaschmirpullover tragen können, als wäre es ein Abendkleid, und die mit genug Selbstironie gesegnet sind, um jede peinliche Situation zu entschärfen.
Gustav, gerade 52 geworden, schien im Chat ernst, überlegt, ein wenig verschmitzt und das gefiel mir besonders sehr verlässlich.
Mit unserem Alter, Susanne, schrieb er abends spät, sucht man nicht mehr nach Feuerwerken, sondern nach Wärme. Man wünscht sich jemanden, der ohne Worte versteht.
Gedankenverloren tuschte ich die Wimpern: Ohne Worte na, das kriegen wir hin, murmelte ich mir zu. Hauptsache, die wenigen Worte, die dann doch fallen, lassen mich nicht gleich fluchtartig gehen wollen.
Wir verabredeten uns in einem kleinen Café am Viktualienmarkt in München, gemütlich, mit sanftem Licht und dem Geruch nach Zimt. Pünktlich erschien ich entspannt, selbstbewusst, in Vorfreude auf einen angenehmen Abend. Ich sah tadellos aus.
Gustav kam gut fünf Minuten später. In Wirklichkeit war er kleiner als auf seinen Fotos, sein Blick aber streng, als hätte er gerade einen groben Fehler in einer Excel-Tabelle gefunden.
Er setzte sich mir gegenüber, lächelte kurz und begrüßte mich.
Komplimente? Ein herzliches Schön dich zu sehen? Fehlanzeige.
Gustav musterte mich aufmerksam eher wie ein Prüfer. Schließlich schlug er vor, Kaffee und Kuchen zu bestellen darauf verständigten wir uns.
Susanne, begann er dann im Tonfall eines Oberstudiendirektors, ich habe länger über unser Schreiben nachgedacht. Fast vier Monate. Und jetzt, wo wir uns persönlich sehen, will ich direkt die wichtigsten Punkte ansprechen. Ich habe fünf Kritikpunkte an dich.
In mir klirrte leise etwas so klingt es, wenn gute Laune bröckelt. Ich stützte mein Kinn auf die Hand, nickte und sagte: Fünf Kritikpunkte? Klingt spannend. Ich höre zu.
Seine Ironiedetektor war defekt er begann, an den Fingern aufzuzählen:
Erster Vorwurf: Fotos
Auf einem deiner Bilder im blauen Kleid wirkst du ganz anders. Jetzt sehe ich, dass du kurviger bist. Das kann einen Mann in die Irre führen. In unserem Alter sollte eine Frau ehrlicher sein.
Kurvig schon besser als monumental, dachte ich innerlich und musste fast schmunzeln.
Zweiter Vorwurf: Antwortgeschwindigkeit
Du antwortest manchmal zu langsam. Zum Beispiel, vor drei Wochen schrieb ich dir um 14:15, du antwortetest erst um 16:40. Männer mögen das Warten nicht. Das ist respektlos.
Da war ich wohl gerade in einer Besprechung setzte ich an, aber Gustav zählte schon den nächsten Finger ab.
Dritter Vorwurf: Ort der Verabredung
Warum treffen wir uns eigentlich hier? Der Laden ist viel zu schick. Ich hatte ein bodenständigeres Café vorgeschlagen. Das zeigt, dass du Wert auf Äußerlichkeiten und Show legst.
Ich sah auf mein Latte Macchiato und verspürte einen kurzen Impuls, ihm diesen übers Hemd zu gießen. Doch die Neugier gewann.
Vierter Vorwurf: Outfit
Warum dieses Kleid? Wir treffen uns nur zum Kaffee; das ist für diese Uhrzeit einfach zu auffällig. Auch der Schmuck ist übertrieben. Eine Frau sollte durch ihre Tiefe glänzen, nicht durch äußerlichen Glitzer. Ich suche Substanz, keinen Schaufensterpuppe.
Fünfter Vorwurf: Eigenständigkeit
Du hast das Café ausgesucht, sagst oft, dass du Dinge selbst tust. Du lässt einem Mann keinen Raum, sich als Mann zu fühlen. Ich brauche eine Frau, die fragt, die sich Rat holt, nicht einfach ihr eigenes Ding macht. Wenn wir zusammenbleiben, musst du dein Verhalten ändern.
Er verschränkte nach diesem Monolog die Arme, als erwarte er Buße oder ein Dankeschön für seine Ehrlichkeit.
Ich sah Gustav an und auf einmal war mir alles glasklar: Vier Monate Schreiben waren nur die komfortable Tarnung für einen pedantischen Selbstdarsteller. Er suchte keine Wärme sondern einen dienstbaren Bewunderer zur Stützung seines Egos.
Weißt du, Gustav, sagte ich sanft, fast zärtlich, ich habe auch analysiert. Mir reichen fünf Minuten, um mein Urteil zu fällen.
Und das wäre? fragte er, die Augen zusammengekniffen.
Du bist ein interessantes Exemplar. Kommst quer durch München, um einer Frau, die du zum ersten Mal siehst, ihre Vorlieben und ihren Charakter in Rechnung zu stellen. Chapeau für so viel Selbstüberzeugung.
Gustav runzelte die Stirn.
Ich bin nur ehrlich, sagte er.
Nein, entgegnete ich ruhig, du bist nicht ehrlich. Du bist einfach unglücklich und versuchst, der Welt deine schiefe Maßeinheit aufzudrücken. Meine Fotos gefallen dir nicht? Geh ins Museum da bleiben Exponate wie sie sind. Ich antworte zu langsam? Kauf dir einen Tamagotchi. Das Kleid gefällt dir nicht? Ich habe es für mich angezogen, nicht für dich.
Ich stand auf, richtete meine Tasche und schaute ihn gelassen an:
Und zum Schluss: Wenn bei dir schon das Wort selbst das Ego einstürzen lässt, brauchst du keinen Flirt, sondern Therapie. Mit fünfundvierzig schätze ich meine Zeit zu sehr, um sie an jemanden zu verschwenden, der das Kennenlernen wie eine Mängelkontrolle beginnt.
Wohin willst du denn? Was ist mit dem Kaffee? murmelte Gustav.
Den kannst du alleine austrinken. Spart dir Kosten und Energie. Und noch ein Tipp: Wenn du möchtest, dass dir jemand dauernd zuhört probiers beim Zahnarzt.
Zuhause blockierte ich Gustav sofort überall. In meinem Alter bedeutet Geborgenheit nicht nur ein warmer Tee und Ruhe, sondern auch ein Telefon frei von Menschen, die einen in ihre krummen Schablonen pressen wollen.
Was bleibt mir aus diesem Abend? Ich habe gelernt: Wer schon beim ersten Treffen die Rechnung für mein So-Sein präsentiert, ist nicht an mir interessiert, sondern an seinem Spiegelbild. Ich höre weiterhin auf mein Bauchgefühl und liebe meinen Kaschmirpulli trotzdem.





