Was du verkürzt, das bekommst du nicht zurück

**Was du verkürzt, bekommst du nicht zurück**

Als Tanja ihren Hochzeitsgästen die Fotos zeigte, pflegte sie zu sagen:
“Gott, war das Kleid eine Qual! Zwar wunderschön, aber schwer und unhandlich! Beim nächsten Mal heirate ich in etwas Leichtes, Luftiges.”
Alle lachten, denn sie dachten, es sei nur ein Scherz. Und das war es auch zumindest damals. Tanja hatte aus Liebe geheiratet, nach einem Urlaubsflirt an der Ostsee. Sie war 21, er, Oliver, 28.

August, sanfte Wellen, prickelnder Sekt, sternenklarer Himmel Romantik pur. Alles führte zur standesamtlichen Trauung. Zuvor musste Oliver sich allerdings von seiner zweiten Frau scheiden lassen, und Tanja zog in seine Heimatstadt.

Berlin Hamburg Berlin. Diese Strecke würde Tanja die nächsten zehn Jahre fast wöchentlich zurücklegen. Doch zunächst mieteten die beiden eine Wohnung. Oliver hatte sein Haus seiner Ex überlassen, die mit Tabletten, Säure und Selbstmord drohte, falls er nicht zu ihr zurückkäme! Doch mit der Zeit beruhigte sie sich. Vielleicht hatte er ihr leere Versprechungen gemacht? Über seine erste Frau sprach Oliver nie. Die Ehe hatte nur anderthalb Jahre gehalten. Später verheiratete er sie sogar mit seinem besten Freund eine bizarre Genugtuung.

Die zweite Frau hielt länger durch. Drei Jahre brauchte Oliver, um ihren wahren Charakter zu erkennen. Eine Ignorantin, die Kinder “lästige Brut” nannte!

Tanja störte das nicht. Sie war selbstbewusst, ehrgeizig und von ihrer Schönheit überzeugt. Oliver betete sie an. Blumensträuße, Pelzmäntel, Schuhe in allen Varianten nichts war ihr zu teuer. Er nahm sie mit nach London, Paris, Kroatien. “Zur Horizonterweiterung”, wie er sagte. Und zur Vorbereitung auf ihr erstes Kind.

Bald kam Töchterchen Lotte zur Welt. Während Tanja sich um sie kümmerte, kaufte Oliver ein Haus und richtete es liebevoll ein. Alles für seine Mädels!

Sie feierten ihr neues Zuhause. Lotte kam in den Kindergarten. Tanja begann zu studieren am liebsten in Berlin, wo Freunde, Familie und selbst Fremde ihr vertraut erschienen. Unter heimischen Linden fühlte sie sich geborgen.

Lotte blieb oft bei der Schwiegermutter, die das Kind vergötterte. Während der Klausurphasen blieb Tanja in Berlin. Oliver war eifersüchtig, fuhr ständig hinterher, stellte ihr Fallen als ob sie in einer fremden Stadt fremdgehen würde! Doch Tanja gab keinen Anlass. Oder doch?

Eigentlich wollte sie nur den häuslichen Pflichten entfliehen. Lernen war ihr lieber als putzen, kochen oder sich um Mann und Kind zu kümmern. Das Leben, so kurz, schien an ihr vorbeizuziehen. Warum sollte sie, klug und hübsch, sich mit solchem Kleinkram abgeben?

Irgendwann hatte Tanja drei Diplome in der Handtasche alle mit Auszeichnung. Hauptfach: Psychologie. Sie suchte eifrig nach Jobs, doch Oliver war dagegen:
“Brauchen wir etwa Geld? Ich würde verrückt werden, wenn ich dich abends nicht daheim hätte! Tanja, lass uns noch ein Kind bekommen! Egal ob Junge oder Mädel Hauptsache, du bleibst bei mir.”

Tanja sah sich nicht als zweifache Mutter. Ihre “Mission” war erfüllt: Sie hatte Oliver eine Tochter geschenkt. Was wollte er mehr? Die Schwiegermutter bot an, Lotte bei sich aufzunehmen “bis Tanja erwachsen wird”. Das Kind brauche Liebe, keine abwesende Mutter.

Tanja willigte ein und verschwand nach Berlin, ohne Oliver zu informieren. “Ich rufe aus Berlin an”, dachte sie.

Doch dort erwartete sie Oliver. Er kannte ihre Tricks.
“Tanja, wo ist Lotte? Warum bist du hier? Hast du einen Verehrer?”
“Oliver, beruhig dich! Keine Verehrer, keine Flirts. Ich bin einfach gelangweilt. Ich will Freiheit!”
“Freiheit? Von mir und unserem Kind? Wo ist die Liebe hin? Hast du eine Midlife-Crisis? Das schaffen wir gemeinsam!”
“Nein, das schaffen wir nicht”, beendete Tanja das Gespräch.

Oliver suchte Hilfe bei der Schwiegermutter. Die zuckte nur mit den Schultern:
“Was soll ich tun? Aber Tanja wirst du nicht umstimmen. Die ist hart wie Granit.”

Oliver fuhr allein nach Hamburg zurück. Was sollte er tun? Wie die Familie retten? “Undank ist der Welt Lohn”, dachte er.

Tage vergingen, Wochen Tanja kam nicht. Auf Anrufe antwortete sie knapp: “Mir gehts gut.”

Schließlich beschloss Oliver, das Haus zu verkaufen, Lotte zu holen und nach Berlin zu ziehen alles für die Familie.

Tanja reagierte kühl. “Warum Lotte stressen? Neue Schule, Freunde verlassen Und Oma wird nicht begeistert sein.”

In Wahrheit wollte sie ihre Freiheit nicht aufgeben. “Leben wie ein Vogel” war ihr Motto. Sie eröffnete eine Schneiderei, hatte Verehrer, genoss das Leben. Plötzlich sollten Mann und Kind zurückkommen? Nein! Die Vergangenheit war für sie abgehakt, fest verschlossen wie eine Nussschale.

Oliver zog trotzdem mit Lotte nach Berlin. Die Hoffnung auf Versöhnung lebte noch. Doch Tanja blieb kalt. Sie empfing Lotte (die ihr wie aus dem Gesicht geschnitten war) ohne Regung. Schließlich setzte sie den Schlusspunkt:
“Oliver, lass mich in Ruhe! Lass uns scheiden. Lotte kann bei mir wohnen.”

Doch Lotte war schon 11. Sie brauchte kein “Dach”. Sie hatte einen liebenden Vater, eine Oma, die für sie betete. Sie verstand nicht, warum ihre Mutter sie einfach so wegschob.

Die Zeit heilt nichts, sie läuft einfach weiter.

Oliver gab auf. Er fand eine bodenständige Frau, die mit beiden Beinen im Leben stand. Keine Träumerin. Sie lebten jetzt in einem Dorf. Sie hatte zwei Söhne, wollte keine Weltreisen, keine Pelze, nur Gummistiefel und eine warme Jacke für den Stall. Oliver fühlte sich endlich geborgen. (“Wo’s einfach ist, da wohnen die Engel.”) Bald kam ein Mädchen zur Welt sein wahres Glück.

Tanja lebt noch bei ihrer Mutter. Ein Geschäftspartner betrog sie, die Schneiderei ging pleite, die Verehrer verschwanden. Jetzt arbeitet sie als Schulpsychologin. Ob sie je bereut? Wer weiß

Lotte heiratete in Hamburg in einem luftigen Brautkleid. Geschenkt von Tanja.

**Manchmal verliert man, was man nicht zu schätzen wusste.**

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Was du verkürzt, das bekommst du nicht zurück
DIE BRAUT