Ich bin für eine leitende Position bestimmt und werde mich nie mit etwas Gewöhnlichem zufriedengeben!, erwiderte der Sohn seiner Mutter Worte, die mir noch heute im Gedächtnis geblieben sind.
Johann, könntest du einkaufen gehen und danach noch die Wohnung aufräumen?, fragte seine Mutter, Friederike, damals wieder einmal.
Ich habe zu tun, kam nur gereizt zurück.
Schon seit Jahren bestand die Kommunikation zwischen Friederike und ihrem Sohn Johann vor allem aus einem ständigen Mache ich nicht, Keine Zeit und Später vielleicht. An diesem Tag aber versuchte Friederike es erneut.
Johann, ich habe wenig Zeit, die Arbeit stapelt sich. Entweder gehst du selbst zum Supermarkt oder du isst den Rest vom gestrigen Abendbrot.
Ich verstehe ehrlich nicht, warum du so einen Aufstand machst, murmelte Johann.
Mit einem lauten Knallen ließ er die Tür ins Schloss fallen so sehr, dass beinahe der Putz von der Wand bröckelte. Der Versuch, ihn zu irgendeiner Mithilfe zu bewegen, war wieder einmal gescheitert.
Mit Jugendlichen hatte Friederike nie leichtes Spiel. Das ist ein schwieriges Alter, sagen die Leute oft. Aber Johanns Jugend lag schon lange hinter ihm, inzwischen war er 34 Jahre alt. Friederike atmete tief durch, um nicht die Fassung zu verlieren, und machte sich schließlich allein auf den Weg zum Supermarkt, obwohl sie am liebsten einfach zu Hause geblieben wäre. Doch etwas zu essen brauchte sie.
Auf dem Heimweg dachte sie nach vielleicht war es ihre Schuld, dass Johann so respektlos und träge geworden war? Dass er im Alter von vierunddreißig Jahren noch nie wirklich gearbeitet hatte? Als Kind hatte sie ihm nie etwas abgeschlagen. Sie wollte immer das Beste für ihn, tat alles Mögliche, aber ließ nie zu, dass Johann eigene Entscheidungen treffen musste. Das Ergebnis war eine völlige Abneigung gegen jegliche Arbeit selbst Kleinigkeiten wie das Einkaufen schien ihm schon zu viel.
Völlig erschöpft begann Friederike, das Abendessen zuzubereiten. Der Tag war lang und voller Arbeit gewesen. Später musste sie sich noch an die Berichte setzen.
Gulasch? Du weißt doch, dass ich den nicht ausstehen kann, sagte Johann mit verzogenem Gesicht und verließ den Esstisch. Wenigstens hättest du Kartoffelbrei und Frikadellen machen können. Oder wenigstens einen Blechkuchen backen.
Dafür fehlt mir heute einfach die Kraft, antwortete Friederike.
Mama, alle Menschen sind müde. Mir dreht sich schon der Kopf vom Computer. Ich verbringe den ganzen Tag damit, Stellenangebote zu prüfen und Bewerbungen zu verschicken. Aber ich jammere ja nicht, entgegnete Johann.
Friederike kämpfte mit sich, nicht laut zu werden. Sie wusste genau, wie Johann einen Job suchte: jeden Morgen öffnete er den Reiter mit Stellenangeboten im Internet und tat, als wäre er beschäftigt. Am Abend das gleiche Spiel. Doch in Wirklichkeit hatte er in all der Zeit nur zwei Bewerbungen verschickt und zwar jeweils an die größten Unternehmen hier in München. Einmal im halben Jahr schrieb er denen, wartete zufrieden auf eine Antwort und tat ansonsten nichts.
Vielleicht solltest du dich auch nach anderen Möglichkeiten umschauen? Friederike sprach ihre Enttäuschung offen aus.
Was meinst du mit anderen Möglichkeiten? Soll ich etwa anfangen, Kisten im Lager zu schleppen? Ich bin dir ja sehr dankbar für deine Unterstützung, Mama! Johann stand abrupt auf, rührte das Gulasch nicht an und spielte wieder einmal den Beleidigten, nur damit seine Mutter ihn eine Zeit lang in Ruhe ließ.
Am liebsten saß Johann einfach im Elternhaus und arbeitete nicht. Dieses Leben war er gewöhnt und wollte daran nichts ändern. Er wusste genau, dass eine leitende Position für ihn nicht in Frage kam, aber er schrieb trotzdem stur weiter an die zwei Firmen, weil ihn das vor echter Arbeit bewahrte. Doch Friederike wollte sich diesmal nicht geschlagen geben.
Ich werde niemals im Lager arbeiten oder an der Supermarktkasse sitzen. Ich akzeptiere nur eine leitende Stelle ansonsten arbeite ich gar nicht!, stellte Johann unumstößlich klar.
Warum tat er das eigentlich? Natürlich absichtlich, er wusste ja, dass er diese Stelle nie bekommen würde.
Mir reichts. Du arbeitest nicht und willst im Haushalt auch nicht helfen!, schleuderte Friederike ihrem Sohn entgegen. Ehrlich gesagt ist mir egal, wo du arbeitest jede Arbeit verdient Respekt! Ich will nur, dass du endlich anfängst, irgendetwas zu tun.
Nach dem Streit ging Friederike langsam in ihr Zimmer, ließ sich auf den Stuhl sinken und starrte an die Wand. In diesem Moment fühlte sie sich wie eine Versagerin. Sie fragte sich, ob sie eine schlechte Mutter war, vielleicht war ihr Druck zu groß aber insgeheim wusste sie, dass sie recht hatte und alles getan hatte, was sie konnte. Ihr Sohn musste endlich lernen, für sich selbst zu sorgen und finanziell unabhängig zu werden. Warum begriff Johann das nur nicht?





