Nicht hereingelassen

Nicht hereingelassen

Katharina hörte um halb elf am Morgen die Klingel am Gartentor. Sie kniete gerade im Beet und dachte daran, dass sie endlich eine neue Gießkanne kaufen müsste, weil die alte vorne an der Tülle einen Riss hatte.

Die Klingel ertönte erneut.

Und dann noch einmal, dieses Mal lang und beharrlich.

Katharina erhob sich, klopfte sich die Erde von der Cordhose und ging langsam zum Tor. Der September war noch weit weg, draußen war Ende Mai, der Morgen mild, der Garten roch nach feuchter Erde und irgendeinem Blühenden. Sie erwartete niemanden.

Hinter dem Zaun stand Gisela Heinrich.

Neben ihr auf dem Gehweg lagen zwei große, karierte Taschen, ein Bündel Latten, zusammengebunden mit Paketschnur, und einige Zeitungen mit Setzlingen.

Mach auf, sagte Gisela Heinrich. Ich stehe hier, als ob ich fremd wäre.

Katharina schaute auf die Taschen. Dann auf die Latten. Dann auf ihre Schwiegermutter.

Guten Tag, Frau Heinrich.

Ja, ja, guten Tag. Mach nun auf, meine Hände sind voll.

Sie haben sich nicht angekündigt.

Gisela Heinrich stemmte, so gut es mit den Taschen eben ging, die Hände in die Hüften.

Wozu ankündigen? Ich bin nicht zu Besuch. Ich komme her, um hier zu wohnen. Bis September. Das hier gehört mir immerhin noch aus DDR-Zeiten.

Katharina öffnete das Gartentor nicht.

Sie stand einfach nur da, auf der anderen Seite des Schlosses, sah ihre Schwiegermutter an und schwieg. In ihr war so etwas wie Ruhe. Keine Leere, sondern eine dichte, feste Ruhe, wie die Erde nach dem Regen. Katharina war erstaunt über diese Ruhe, denn früher hätte sie in solchen Momenten am Kehlkopf gezittert.

Hörst du mich etwa nicht? Gisela Heinrich ging näher an das Gitter.

Ich höre Sie, sagte Katharina. Sie kommen nicht herein.

Die Pause zog sich.

Was hast du gesagt?

Ich habe gesagt, Sie kommen nicht herein. Hier ist ein neues Schloss dran. Sie haben keinen Schlüssel. Sie werden nicht erwartet.

Gisela Heinrich sah sie an, als hätte plötzlich der Zaun zu ihr gesprochen.

Dann sagte sie:

Katharina. Weißt du überhaupt, mit wem du redest?

Katharina wusste es.

Sie wusste es seit 22 Jahren. Seit so lange war sie mit Martin verheiratet. Ebenso lange war Gisela Heinrich Teil ihres Lebens. Sie kam, wann sie wollte, und verschwand, wann sie mochte. Sie räumte die Küche um, weil es so besser sei. Sie legte die Bettwäsche in einen anderen Schrank, weil sie dort ordentlicher liegt. Sie erschien sonntags um acht, weil ihr doch eh wach seid. Sie verklickerte Katharina, dass sie die Kartoffelsuppe falsch kochte, das Kind falsch auf den Arm nahm, mit dem Ehemann falsch sprach.

Und das geschah alles so, dass man kaum widersprechen konnte. Gisela Heinrich erhob anfangs nie die Stimme. Ihre Sätze kamen in einem weichen, fast gekränkten Tonfall, der gleich Schuldgefühle erzeugte.

Danach kam Martin.

Kathrin, nun zanke dich nicht mit Mama.

Sie meint es doch nur gut.

Was macht es dir denn aus?

Das Wochenendhaus hatte Katharina von ihren Eltern geerbt. Der Vater war vor acht Jahren gestorben, die Mutter vor sechs. Sechshundert Quadratmeter am Stadtrand von Bremen, ein alter, zweiräumiger Holzbungalow, die Veranda mit schiefen Geländern, die Katharina jeden Sommer reparieren wollte und nie reparierte. Ein Apfelbaum, vom Vater gepflanzt. Beete, die noch die Hände der Mutter gespürt hatten.

Es war ihr Ort.

Kein gemeinsamer Familienort, nichts Geteiltes. Ihr eigenes.

Hierher fuhr sie im Mai, wenn es in der Stadt stickig wurde. Hierher kam sie im September, um Kartoffeln auszugraben und das Wasser abzustellen. Und manchmal kam sie einfach so für ein paar ruhige Tage im Juni oder Juli, ohne Fernseher, ohne fremdes Gerede.

Gisela Heinrich kam auch.

Niemand bat sie. Sie stand bloß irgendwann da. Einmal reiste Katharina am Freitag an und fand die Schwiegermutter schon vor. Die Blumentöpfe auf der Veranda waren umgestellt, der halbe Garten umgegraben nicht so wie Katharina es sonst machte und ihre Sachen im Schrank verstaut.

Ich wollte schon lange mal aufräumen. Gisela. Es war ein rechtes Durcheinander hier.

Durcheinander war da nicht. Da war Katharinas Ordnung. Eine Ordnung, die sie verstand und mochte.

Damals, vor drei Jahren, begann Katharina sich zu verändern. Langsam, ohne Bruch. Wie manchmal das Maiwetter: morgens scheint die Sonne, ab Mittag pfeift der Wind und du merkst, du hättest die Jacke mitnehmen sollen.

Sie rief Martin an.

Deine Mutter ist in der Laube.

Ich weiß.

Und dass du es weißt, hast du mir nicht gesagt?

Sie wollte nur helfen.

Sie hat meine Sachen umgeräumt.

Dann räum sie wieder zurück.

Katharina räumte zurück. Beim nächsten Mal stand alles wieder anders. Es war eine stille Art Spiel, bei dem Gisela Heinrich die eigenen Regeln hatte.

Dann kam das Thema Hängematte.

Im Juni vorletztes Jahr kaufte Katharina eine Hängematte. Sie suchte lange, vergleichte, wählte eine gestreifte aus Baumwolle. Sie spannte sie zwischen Apfelbaum und altem Schaukelgestell.

Als sie eine Woche später wiederkam, war die Hängematte verschwunden.

Gisela hat sie abgehängt, sagte Martin, als wäre das das Selbstverständlichste. Sie meint, das sieht nicht aus. Und dass der Apfelbaum von der Schnur Schaden nimmt.

Der Apfelbaum nimmt keinen Schaden, sagte Katharina.

Sprich doch mal mit ihr.

Katharina sprach mit ihr.

Frau Heinrich, ich hänge die Hängematte wieder auf.

Ist Ihr gutes Recht, sagte Gisela in diesem Tonfall, der eindeutig meinte, dass es das eben gerade nicht war. Aber beschweren Sie sich nicht, wenn der Baum eingeht. Ich beobachte ihn seit zwanzig Jahren.

Den Apfelbaum hat mein Vater gepflanzt.

Das weiß ich, ich war dabei!

Katharina hängte sie wieder auf. Nach drei Tagen war sie erneut abgehängt.

So war vorletzter Sommer. Die Hängematte blieb eingerollt auf der Terrasse. Irgendwann war sie verschwunden. Katharina suchte nicht mehr.

Im selben Jahr kündigte sie das gemeinsame Konto, von dem Martin seiner Mutter ohne Absprache Geld überwies. Es war ihr gemeinsames Geld, beide zahlten ein, doch Gisela hielt es für ihr Eigentum, wenn sie es wollte. Das neue Konto lief auf Katharinas Namen.

Martin war beleidigt.

Warum hast du das gemacht?

Weil ich arbeite und wissen möchte, wohin mein Geld geht.

Mama brauchts grade.

Ich weiß. Ich helfe ja. Aber ich will das entscheiden.

Kein Streit, ein Gespräch. Martin war ein sanfter Mensch, nicht zum Streiten. Er konnte sich zurückziehen, vorwurfsvoll schauen. Auch unangenehm, doch Katharina hatte mittlerweile ihren Umgang damit gefunden.

Im März dieses Jahres wechselte sie das Türschloss.

Sie ging in den Baumarkt, kaufte ein neues Schloss, baute es selbst ein. Der alte Schlüssel war im Umlauf: einer bei ihr, einer bei Martin, einer bei Gisela Heinrich.

Jetzt gab es nur noch zwei Schlüssel.

Martin hatte sie nicht informiert. Nicht aus Heimlichtuerei, sondern weil man nicht alles erklären muss.

Und so stand Gisela heute vor dem Zaun, mit Latten und Setzlingen.

Weißt du überhaupt, mit wem du redest? wiederholte sie.

Ja, sagte Katharina. Sie sind die Mutter meines Mannes. Ich respektiere Sie. Und Sie kommen heute nicht rein.

Ach komm schon Sie hielt inne, suchte nach Worten, fand sie nicht gleich. Ich habe das alles in zwei Bussen hergebracht! Die Setzlinge, die Latten! Allein, weil Martin so viel zu tun hatte.

Ich habe Sie nicht darum gebeten.

Das fragt doch niemand! Ich habe es selbst entschieden. Im Garten gibts zu tun und du hockst auf den Knien in der Erde und machst was auch immer.

Katharina sah auf ihre Hände. Erde an den Fingern, gerade hatte sie Petersilie gepflanzt.

Frau Heinrich, sagte sie ruhig. Sie können das Saatgut am Tor lassen, wenn Sie möchten. Ich kümmer mich. Auch die Latten. Aber Sie kommen nicht herein.

Was heißt das: komm nicht herein! Jetzt wurde Giselas Stimme lauter. Jene Stimme, die Katharina gut kannte. Noch nicht böse, schon so gekränkt, dass es alle hören sollten. Ich war hier schon mit deinen Eltern! Ich kenne alles besser als du! Wo der Brunnen ist und die Schlauchablage!

Das ändert nichts.

Und dass du das Schloss getauscht hast, findest du das normal? Ist das menschlich? Ich bin doch die Mutter deines Mannes!

Ich weiß, wer Sie sind.

Und was heißt das für dich?

Katharina hätte vieles antworten können. Sie wusste es genau. Gisela hatte geholfen, als der Sohn krank war. Sie brachte Marmelade, half einmal finanziell, als Martin ohne Job dastand. Das war alles wahr.

Aber auch das hier war wahr die Taschen, die Latten, das Saatgut. Bis September.

Frau Heinrich, sagte sie, Sie kamen unangekündigt. Sie sagen, Sie wollen bis September hier leben. Niemand hat mich gefragt.

Wozu fragen! Ich bin nicht fremd!

Aber Sie sind nicht die Eigentümerin. Es ist mein Wochenendhaus. Von meinen Eltern vererbt.

Ach, von deinen Eltern! Sie schlug die Hände zusammen. So sprichst du jetzt also Meine Eltern, mein Haus. Und Martin? Er gehört nicht dazu?

Für Martin ist hier immer ein Platz. Sie sag ich, wann Sie willkommen sind.

Sekundenlang war alles still.

Auf dem Gehweg schrieb eine Nachbarin eine Nachricht am Handy, ihr Hund trottete weiter. Gisela Heinrich sah sie kurz an.

Gut, sagte sie leise. Ganz anderer Ton. Den kannte Katharina genauso. Ich rufe Martin an.

Tun Sie das.

Gisela zog das Handy, wählte, schaltete den Lautsprecher ein.

Martin. Komm mal her. Deine Frau lässt mich nicht ins Haus.

Martin klang, als wäre er bei der Arbeit, sprach leise, angestrengt.

Wie, Mama, sie lässt dich nicht rein?

Genau so. Steh hier mit Setzlingen, Latten, alles allein geschleppt, und sie lässt mich nicht rein. Sagte, sie hat mich nicht erwartet.

Kathrin, jetzt aus dem Telefon, leicht verzweifelt. Kannst du Mama nicht bitte kurz aufmachen?

Katharina trat vom Tor zurück, dass Gisela sie sehen konnte.

Martin, sagte sie laut, deine Mutter kam unangekündigt und sagte, sie bleibt bis September. Ich habe sie nicht eingeladen. Hast du?

Pause.

Also wir sprachen darüber.

Ihr habt gesprochen.

Mama, hast du Kathrin gefragt?

Was gibts denn zu fragen, fuhr Gisela dazwischen. Ich mache das jedes Jahr. Muss man das erklären?

Martin, Katharina, wenn deine Mutter heute hier reinkommt, dann packst du deine Sachen und gehst zu ihr. Bis September. Dann lebt ihr zusammen, ich bleibe hier.

Jetzt war das Telefon still.

Gisela Heinrich sah sie an.

Was du da redest, sagte sie, nicht mehr so forsch.

Was ich sage, meine ich, sagte Katharina. Martin, du hast gehört?

Kathrin, das

Hast du gehört?

Gehört.

Gut.

Sie blieb stehen am Tor. Im Garten sangen die Vögel. Der Apfelbaum war dicht beblättert, sein Schatten lag auf dem Gras. Es war warm und fast friedlich, nur hinter dem Tor stand Gisela mit ihren Tomatenlatten.

Ist dir klar, was du tust? fragte Gisela schließlich, der Klang jetzt alt und fast bitter. Das war ihre nächste Methode. Du zerstörst die Familie.

Familien zerstören sich durch Grenzenlosigkeit, sagte Katharina. Nicht durch neue Schlösser.

Welche Grenzen! Ach Gott! Hörst du, Martin? Sie redet von Grenzen!

Mama, sagte Martin, warte. Kathrin, vielleicht kann Mama die Sachen hierlassen und heute wieder fahren und ihr redet dann nochmal?

Wenn wir reden, sage ich Bescheid. Wenn nicht, dann eben heute nicht.

Kathrin! Jetzt klang es fordernd. Das ist Respektlosigkeit!

Respektlos ist es, unangemeldet zu kommen und zu erklären, dass man vier Monate bleibt.

Fremd, sie schlug die Hände zusammen, es ist ein fremder Ort! Günter und ich waren hier, als du noch nicht wusstest, dass es Martin überhaupt gibt!

Ich weiß. Trotzdem dieser Platz gehört jetzt mir. Meinen Eltern. Mir.

Gisela nahm das Handy vom Ohr. Martin sagte noch irgendwas, aber sie legte auf. Sie sah Katharina lange an. Dann auf die Taschen. Die Latten.

Du meinst das ernst, stellte sie fest.

Ich meine es ernst.

Und so Wieder suchte sie Worte. Zweiundzwanzig Jahre. Ich war fast wie eine Mutter zu dir

Frau Heinrich, unterbrach Katharina, ich weiß. Sie haben viel für uns getan. Aber das bedeutet nicht, dass Sie ohne Einladung einziehen und bis September bleiben können.

Also bin ich jetzt außen vor.

Sie sind nicht außen vor. Sie sind die Mutter meines Mannes. Ich lade Sie ein, wenn ich bereit bin.

Wenn du bereit bist, wiederholte Gisela leise. Was ist das, ein Arzttermin?

Katharina schwieg.

Gisela blieb noch einen Moment stehen, dann begann sie, die Taschen zu packen. Langsam, schwerfällig, jedes Handeln sprach von Unrecht.

Nehmen Sie die Latten? fragte Katharina.

Ja, knurrte Gisela.

Es war umständlich, die Latten ragten wild heraus. Das Saatgut ließ sie liegen.

Die Setzlinge nehmen Sie nicht?

Nein. Mach, was du willst.

Sie ging den Weg entlang. Schwer, langsam. Katharina blickte ihr nach. Etwas regte sich in ihr. Kein Schuldgefühl, keine Mitleid. Eher Müdigkeit über all das.

Sie trat zurück zu den Beeten.

Der Tag ging weiter. Vögel zwitscherten, bei der Nachbarin lärmte der Rasenmäher.

Katharina nahm die Setzlinge, brachte sie zum Beet. Es war Tomatenpflanzen, Sorte Ochsenherz. Gut gewachsen, kräftige Erde.

Sie pflanzte sie ein.

Abends fuhr sie zurück in die Stadt. Martin war zuhause, saß in der Küche, trank Tee, sah auf den Tisch. Beim Eintreten sah er auf.

Mama ist sehr traurig.

Ich weiß.

Sie hat dreimal angerufen.

Gehört. Nicht rangegangen.

Martin schwieg.

Kathrin, musste das so hart sein?

Wie hart?

Sie überhaupt nicht reinlassen.

Sie kam ungeladen mit Sachen für vier Monate.

Aber sie ist doch nicht fremd.

Katharina stellte die Tasche ab, zog die Jacke aus, hängte sie an die Garderobe. Washände, Zeit genug, kein Grund zu hetzen.

Später setzte sie sich, goss sich Wasser ein, setzte sich Martin gegenüber.

Martin. Hast du ihr erlaubt zu kommen?

Er antwortete nicht direkt.

Martin.

Wir hatten gesprochen, dass sie vielleicht im Sommer

Du hast ihr erlaubt.

Habe es nicht verboten.

Ist das gleiche, sagte Katharina. Du wusstest, dass sie kommt, und hast mir nichts gesagt.

Ich dachte, es macht dir nichts aus.

Warum dachtest du das?

Er zuckte mit den Schultern. Das tat er oft, wenns unangenehm wurde.

Martin, schau mich an.

Er sah sie an.

Ich sag das nur einmal. Wenn das nochmal vorkommt deine Mutter unaufgefordert zu mir kommt dann gehst du zu ihr. Nicht sie zu mir. Du. Ich drohe nicht. Das ist dann so.

Er betrachtete sie.

Du meinst das ernst.

Ich meine es ernst.

Martin nahm die Tasse, stellte sie ab, nahm sie wieder.

Mama glaubt, du wolltest sie mit Absicht verletzen.

Was sie glaubt, ist ihre Sache, sagte Katharina. Ich habe sie nicht verletzt. Ich habe sie nicht da reingelassen, wo sie nicht eingeladen war. Das ist nicht das Gleiche.

Sie hat geweint.

Katharina antwortete nicht. Sie wusste, Gisela konnte zum rechten Moment weinen. Es war ihr Repertoire: Aufgebrachte Stimme, müder Ton, Tränen. Drei Teile, immer gleich.

Ich geh ins Bett, sagte Katharina. Bin müde.

Sie ging. Martin blieb in der Küche.

Es war Dienstag.

Am Mittwoch blieb er still. Am Donnerstag taute er auf. Am Freitag fragte er, ob sie am Wochenende zusammen aufs Land fahren sie sagte ja.

Samstagmorgen fuhren sie. Während Martin die Koffer auspackte, stand sie im Garten und sah den Apfelbaum an. Die Stelle, an der die Hängematte hätte hängen können.

Im April hatte sie eine neue gekauft. Liegt noch verpackt auf der Veranda.

Hilfst du mir, sie aufzuhängen? fragte sie ihn.

Die Hängematte?

Ja.

Er griff ohne Worte die Seile, band sie am Baum, am Pfahl fest. Die Hängematte spannte sich zwischen den Bäumen Baumwolle, blau gestreift. Eine andere als jene von damals.

Siehts richtig aus? fragte Martin.

Perfekt, sagte Katharina.

Sie legte sich hinein. Über ihr Himmel, Apfelbaum, etwas Wind. Martin blieb daneben, ging dann zum Kaffee kochen ins Haus.

Es war gut.

Nicht gut, wie wenn nie etwas passiert war. Gut auf eine neue Weise, weil man weiß, dass man das Richtige getan hat, auch wenn es schwer war.

Die nächsten Tage liefen ruhig.

Gisela Heinrich rief Katharina nicht an. Martin telefonierte wohl mit ihr, man merkte es an seinen knappen Antworten, daran, wie er mit dem Telefon rausging. Katharina fragte nicht nach. Es war seine Sache.

Nach zwei Wochen rief die Nachbarin, Frau Rose Ewers, vom Gegenstück herüber.

Katharina, stimmt es, dass deine Schwiegermutter nicht mehr kommt?

Stimmt, sagte Katharina.

Na, Gott sei Dank, sagte Rose. Im letzten Jahr hat sie mich belehrt, ich würde Radieschen falsch säen. Radieschen! Vierzig Jahre mach ich das so.

Katharina lachte. Das erste Mal seit Wochen herzlich.

Was tut sich bei dir mit dem Gewächshaus? fragte Rose.

Ich überlege, eines zu bauen.

Brauchst du Latten?

Ja.

Ich habe welche übrig. Nimm sie nur.

Einfacher Austausch. Ohne Drama.

Eines Abends sagte Martin:

Mama ist jetzt bei Suse. Bei der Nichte. Da sind Enkel, sie schaut nach ihnen.

Verstehe, sagte Katharina.

Freust du dich?

Sie dachte nach.

Weder noch. Es ist gut, wie es ist.

Martin nickte. Dann:

Ich sehe, dass ich dich hätte informieren müssen.

Ja, sagte Katharina.

Sagst du, dass jetzt alles gut ist?

Nein. Damals war es nicht in Ordnung. Aber jetzt passt es besser.

Er nickte wieder. Ein kurzes, nüchternes Gespräch. Keine Umarmung, keine Tränen. Mehr brauchts nicht immer.

Der Juni kam warm daher.

Katharina fuhr am ersten Sonnabend alleine aufs Land, im Nebel, ganz früh. Sie öffnete das Tor mit ihrem Schlüssel, ging über den Weg, setzte Wasser auf.

Dann in den Garten.

Die Tomaten, die Gisela gebracht hatte, standen prächtig. Ochsenherz. Unerwartet kräftige Pflanzen.

Die Petersilie wuchs.

Entlang des Zauns, wo immer ein kahler Streifen war, setzte Katharina Pfingstrosen. Drei Stück, rosa. Sie wollte sie schon Jahre lang setzen, schob es immer wieder auf. In diesem Jahr tat sie es.

Blühten noch nicht Pfingstrosen im ersten, oft auch im zweiten Jahr nicht. Aber sie waren da, im Boden. Wurzeln. Ein Anfang.

Auf der Terrasse nahm sie die Teetasse und ging zur Hängematte.

Sie legte sich rein.

Der Apfelbaum stand über ihr. Blätter raschelten im Wind.

Ein Star flog in den Garten, landete auf einem Stecken, flog weiter.

Katharina lag da und dachte an nichts. Oder an alles leise durcheinander. Daran, dass sie die Verandagleider wirklich mal reparieren sollte. Dass Martin am Sonntag zum Grillen kommt. Dass sie im letzten Jahr Himbeeren kaufen wollte und vergaß. An ihren Sohn Lorenz, der jetzt in München lebt und sonntags anruft. An ihre Mutter. Dass die Mutter genau hier in der Ecke des Gartens mit einem Buch saß.

Nichts davon drängte.

Es war einfach da.

Nächste Woche kam sie nochmals. Brachte Himbeersträucher, zwei Stück. Pflanzte sie an den Zaun.

Rose Ewers schaute durch den Zaun.

Guter Himbeerstock?

Steht drauf: remontierend.

Die sind lecker, sagte Rose. Aber fein gießen.

Mach ich.

Bei euch ist jetzt richtig ruhig geworden, sagte Rose nach einer Pause.

Ja, sagte Katharina.

Ruhig ist gut. Ich war immer gern ruhig mit meinem Mann. Einige fanden das langweilig. Mir gefiel es.

Mir auch, sagte Katharina.

Rose nickte und ging heim.

Katharina richtete sich auf, betrachtete die Himbeeren, die Beete, die Hängematte. Und das Stück am Zaun, wo die Pfingstrosen wuchsen.

Sie ging ins Haus, machte sich ein Butterbrot.

Dann besserte sie den Sandweg bei der Tür aus.

Vielleicht legte sie sich danach mit ihrem Buch in die Hängematte. Ein halbes gelesens liegt schon seit Wochen auf der Terrasse.

Es war ein gewöhnlicher Tag.

Genau das war das, was sie wollte.

Nach etwa drei Wochen rief Gisela Heinrich tatsächlich bei Katharina an. Nicht bei Martin, bei ihr. Unerwartet.

Katharina sah den Namen am Display, zögerte, ging ran.

Ja, Frau Heinrich?

Guten Tag, sachliche Stimme. Nicht kalt, nicht warm. Ich wollte fragen. Sind die Tomaten angegangen?

Kurze Pause.

Ja. Schöne Pflanzen.

Sehr gut.

Mehr sagte sie nicht. Legte auf.

Katharina schaute auf das Handy.

Wahrscheinlich der eigentümlichste Dialog in 22 Jahren. Kürzer denn je. Vielleicht aber der ehrlichste.

Sie steckte das Handy weg und ging zum Tomatenbeet.

Ende Juli kam Lorenz zu Besuch. Er lebt in München, arbeitet dort irgendwo, was Katharina nie ganz versteht, aber sie nickt. Drei Tage blieb er, mit einem Freund, Jonas, beide gebräunt, laut und gut gelaunt.

Am ersten Abend grillten sie. Martin war auch da, kam früher. Sie saßen alle auf der Terrasse, es war warm, schon dunkel, Lampions, die Katharina letztes Jahr kaufte, hingen an den Geländern.

Mama, sagte Lorenz, es ist irgendwie besser hier.

Besser, wie?

Tja, ruhiger. Früher war immer, als ob etwas fehlt. Jetzt fühlt es sich richtig an.

Alles ist gleich, sagte Katharina. Die gleichen Geländer, die gleichen Beete.

Nein, irgendwas ist anders. Ich weiß nicht, was.

Martin sagte nichts dazu. Saß abseits und sah ins Feuer.

Jonas, Lorenz Freund, kannte die Hintergründe nicht. Er aß Grillspieße und wiederholte, dass so ein Gartenhaus einfach toll sei, in München gäbe es nichts Vergleichbares.

Gibts da auch Schrebergärten, sagte Lorenz.

Nicht solche.

Was heißt solche?

Na diese. So ruhig eben.

Sie lachten, das Gespräch wurde locker.

Katharina dachte, Lorenz hat recht hier hat sich was verändert. Im Ort oder in ihr selbst. Vielleicht beides.

Am zweiten Tag gingen sie zusammen auf den Markt, wie früher, als Lorenz klein und sie seine Hand hielt. Nun lief er neben ihr, einen Kopf größer.

Mama, hast du mal mit Oma Gisela geredet?

Manchmal.

Ist sie gekränkt?

Vermutlich. Ich frage nicht nach.

Lorenz schwieg.

Du hast das richtig gemacht damals.

Sie wurde überrascht.

Du weißt Bescheid?

Papa hats ein wenig erzählt. Dass sie einfach kam und du sie nicht gelassen hast.

Und du?

Ich finde es richtig, wiederholte er. Sie hat das immer gemacht. Kam und bestimmte. Du hast dich lange nicht gewehrt.

Ich bin klargekommen.

Nein, Mama. Du hast ausgehalten. Das ist nicht dasselbe.

Sie sah ihn an.

Woher bist du so schlau?

Das war ich schon lange, grinste Lorenz.

Sie kauften Beeren, Brot und Käse Lorenz entschied und der war wirklich gut.

Am dritten Tag fuhren Lorenz und Jonas zurück nach München, Martin fuhr zur Arbeit in die Stadt. Katharina blieb.

Sie trat in den Garten.

Der Apfelbaum stand ruhig. Die Hängematte wogte sacht. Die Pfingstrosen am Zaun waren nur Blätter, dicht und kräftig.

Sie hockte sich zu ihnen, betastete das Laub.

Nächstes Jahr blüht ihr, sagte sie.

Klang komisch, mit Blumen zu sprechen. Doch auch die Mutter tat es. Sie sprach mit Apfelbaum und Rosen. Sagte, Pflanzen hören das.

Vielleicht stimmts.

Letzte Augustwoche kam Martin allein, während sie in der Stadt war. Er rief abends an.

Ich hab die Verandagleider repariert, sagte er.

Wirklich?

Ja, bisschen schief, aber sie halten.

Danke.

Kurze Stille.

Mama ist bei Suse. Sie fühlt sich da wohl, die Enkel halten sie auf Trab.

Das ist gut.

Bist du froh?

Ja.

Pause.

Kathrin, ich will, dass du weißt das mit meiner Mutter, ich hätte früher anders reagieren müssen. Statt zank dich nicht, etwas anderes

Ich weiß, dass du das jetzt verstehst.

Es soll keine Ausrede sein. Ich will, dass du es siehst.

Ich sehs, Martin.

Es war ein ganz normales Gespräch, ruhig, kein Pathos. Katharina saß in ihrer Küche, draußen regnete es. Auf dem Herd köchelte Suppe, noch zwanzig Minuten.

Gut, sagte Martin. Ich komme morgen. Bring dir Brot mit.

Bitte.

Sie legte das Handy weg. Rührte die Suppe um. Sah in den Regen.

September war nah. Bald würde es ans Kartoffeln ausgraben gehen, Wasser abstellen, die letzten Tomaten pflücken.

Katharina dachte an die Pfingstrosen. Dass sie jetzt da unten in der Erde waren. Wurzeln. Ein Anfang.

Nächstes Jahr werden sie blühen.

Morgens rief Gisela Heinrich unverhofft an.

Katharina, hast du Zeit?

Ein wenig. Sagen Sie.

Ich wollte Lange Pause. Ich wollte vielleicht sagen, ich war nicht im Recht damals. Mit dem Wochenendhaus.

Katharina ließ sie reden.

Ich bin es nicht gewohnt, dass man zu mir nein sagt, fuhr sie fort. Günter nie. Martin auch nicht. Und du früher auch nicht.

Jetzt schon.

Habs mitbekommen.

Wieder Pause.

Ich sage nicht, dass dus richtig gemacht hast, ergänzte Gisela. Ein unverzichtbarer Zusatz. Aber ich verstehe jetzt, dass es dein Ort ist.

Ja, sagte Katharina.

Darf ich mal kommen? Im Herbst. Die Äpfel angucken. Dein Vater hatte gute Äpfel.

Gern, sagte Katharina. Melden Sie sich vorher.

Mach ich.

Gisela sprach noch drei Minuten belanglos: Suse, die Enkel, eine neue Himbeersorte. Smalltalk, wie man ihn sucht, um ein schweres Gespräch aufzulockern. Katharina hörte zu.

Dann verabschiedeten sie sich.

Katharina füllte sich Tee nach, schaute zum Fenster.

Der Regen hörte auf. Die Sonne blass und herbstlich, auch wenn der Kalender Sommer sagte.

Abends brachte Martin das Brot.

Hat Mama angerufen? fragte er.

Ja.

Und, wie wars?

Wir haben gesprochen.

Sein Blick wartete auf ein Mehr.

Ganz normal gesprochen, sagte Katharina. Über Äpfel. Sie will im Herbst kommen.

Und du hast erlaubt?

Wenn sie vorher anruft, gerne.

Martin nickte. Er schien erleichtert.

Gut, sagte er.

Ja, sagte Katharina. Leg das Brot hin, ich wasche Hände, dann essen wir.

Sie ging ins Bad, ließ Wasser laufen.

Sie hörte Martin in der Küche den Tee aufgießen, Brot auspacken, Teller holen. Vertraute Geräusche aus 22 Jahren.

Nichts hatte sich geändert und alles hatte sich geändert. Beides stimmte.

In der ersten Septemberwoche fuhr sie allein. Kartoffeln ernten, die letzten Tomaten holen, den Garten auf den Winter vorbereiten. Herbstarbeit, geliebt, weil sie endlich ist klar, was zu tun und klar, wann es geschafft ist.

Der Tag war grau und ruhig. Es roch nach Erde, ein bisschen nach Laub.

Nach ein paar Stunden machte sie Pause. Tee aus dem Thermos. Legte sich in die Hängematte.

Über ihr Wolken. Der Apfelbaum stand still.

Die Pfingstrosen am Zaun mit dunklem, dickem Laub, schon etwas herbstlich.

Nächstes Jahr werden sie blühen.

Katharina schloss die Augen, trank Tee aus dem Verschluss des Thermos. Ziehte ihre Jacke an.

Guten Tag! klang es über den Zaun.

Rose Ewers.

Guten Tag!

Die Pfingstrosen sehen gut aus. Welche Sorte?

Ganz normale, rosa.

Rosa sind schön, nickte Rose. Blühen nächstes Jahr.

Ja, sagte Katharina.

Rose erzählte noch von ihren anderen Nachbarn, die den Sommer über gebaut und endlich aufgehört hatten. Katharina hörte zu und glänzte in den Himmel.

Sagen Sie mal, Rose, ist es wahr, dass Ihre Schwiegermutter bei der Nichte ist?

Ja.

Da geht’s ihr bestimmt gut. Enkel und so.

Wahrscheinlich.

Ist es jetzt ruhiger für Sie?

Katharina überlegte.

Ja, sagte sie. Viel ruhiger.

Prima, sagte Rose. Wissen Sie, mit meiner Schwiegermutter na, das ist lange her. Es geht vielen so.

Ich weiß.

Wichtig ist, dass man sich selbst treu bleibt. Alles andere kommt von allein.

Rose ging weg, ihre Schritte verklangen.

Katharina lag in der Hängematte. Tee war kalt geworden. Über ihr graues Licht, der Apfelbaum fing schon leicht an zu verfärben.

Sie schloss die Augen.

Nichts war zu klären, nichts zu erklären, niemandem ein Gesicht zu zeigen oder Worte zu suchen. Sie konnte einfach da liegen, den Garten hören, den Herbst riechen und wissen, dass alles hier, von Apfelbaum bis zu den Pfingstrosen am Zaun, vom Tor mit dem neuen Schloss bis zu den schief reparierten Geländern von Martin dass das alles ihrs war.

Nicht gemeinsam. Nicht durch Geburt oder Ehestand. Einfach ihr eigenes.

Von einer der Nachbarparzellen klang Kinderlachen, ein Ball rollte klappernd über die Holzterrasse. Normale Gartengeräusche.

Das Handy vibrierte.

Sie schlug die Augen auf. Martin.

Bist du noch da?

Ja, noch hier.

Komme morgen früh, bring die Geländer endlich ordentlich in Ordnung. Du hattest recht, sie sind schief.

Du hasts gesagt, ich hab nur genickt.

Egal. Ich machs. Und die Äpfel müssen runter.

Ja, sagte Katharina. Komm ruhig.

Und iss was, du vergisst das immer.

Nein.

Doch. Ich kenn dich.

Sie lächelte.

Schon gut, werde daran denken.

Bis morgen dann.

Bis morgen.

Sie legte das Handy weg.

Über ihr zieht wieder Himmel, Apfelbaum, ruhiger, grauer Tag.

Morgen kommt Martin und sie holen die Äpfel. Dann, nach dem Wasserabstellen und wenn sie das Haus abschließen, kommen sie wieder im Oktober. Dann wird Winter sein, der Garten unter Schnee liegen, die Pfingstrosen ruhen, die Wurzeln auf den Frühling warten.

Sie stieg aus der Hängematte.

Sie musste noch die letzten Kartoffeln ausgraben. Dann das Gewächshaus schließen. Dann war Zeit für ein gescheites Abendbrot und früh ins Bett.

Sie nahm die Grabegabel und ging zum Beet.

Hinterm Zaun heulte bei Rose wieder der Rasenmäher. Ein ganz normaler Ton am Wochenende.

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Homy
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Nicht hereingelassen
Zurückgekehrt – und doch nicht mehr ich selbst