Ferien ohne Pflichtprogramm: Wie Familie Schneider ihr stressfreies Silvester erlebt – zwischen nervenden Salat-Updates, Familienchats und dem Mut, einfach mal zu dritt zu feiern

Ferien ohne Fahrplan

Damals, in längst vergangenen Wintern, summte in unserer Küche die Dunstabzugshaube, während Andreas zum dritten Mal die Nachricht im Familien-Chat seiner Frau las.

Und, wie siehts aus bei euch? Wir sind schon wieder im Salat untergegangen, wie immer, schrieb seine Schwägerin und setzte ein schwitzendes Emoji dahinter.

Er legte das Handy auf die Arbeitsplatte, direkt neben das Schneidebrett, auf dem eine einsame Möhre lag. Mehr wollte er wirklich nicht mehr schälen.

Schon wieder Schnippel-Berichte? fragte Johanna und schaute, eine Wäscheklammer zwischen den Lippen, in die Küche. Sie war dabei, frische Handtücher auf die Heizung zu hängen, damit sie zum Fest nicht klamm waren.

Andreas nickte und zeigte auf den Bildschirm: Die haben schon drei Schüsseln Salat und eine gefüllte Forelle. Beweisfotos inklusive.

Johanna zog die Klammer ab, grinste kurz und meinte: Jeder hat so seine Freuden.

Sie redete entspannt, aber Andreas hörte die angespannte Note heraus. Kein Wunder: Es war wieder der achtundzwanzigste Dezember, sieben Uhr abends, und auf ihrem Küchentisch lag weder der übliche Stapel Menüliste, noch das Einkaufsprotokoll, noch ein Zeitplan, wer wann kommt und wo abgeholt werden muss.

Letztes Jahr sind sie um diese Zeit schon mit dem Einkaufswagen durch den Edeka gejagt, haben gestritten, ob noch ein Kranz gebraucht wird, und sich wegen dem Taxi für Tante Irmgard gezankt. Das Jahr davor war eine endlose Schleife aus Warteschlangen, Trinksprüchen und Abspülen bis nachts um zwei. Jedes Mal hatte Johanna gesagt, nächstes Jahr würde alles anders und dann war doch wieder alles wie immer.

Dieses Jahr aber, da passierte das Gespräch im Auto, auf dem Parkplatz vor ihrem Mietshaus. Andreas erinnerte sich, wie sie im eiskalten Wagen saßen, und von der Rückbank drang das leise Schnarchen ihrer alten Dackeldame, erschöpft von den Ausflügen aufs Land.

Ich will das nicht mehr, hatte Johanna damals gesagt und legte ihre Stirn gegen das Lenkrad. Ich bin müde, jedes Jahr das Fest am Herd zu verbringen.

Andreas hatte lange auf die trüben Lichter im Treppenhausfenster gestarrt. Auch er war erschöpft von all den Pflichtanrufen, von den Gästen, die nur kurz kommen und bis zum Morgen bleiben, davon, dass immer sie für den Spaß anderer verantwortlich waren.

Lass es uns sein lassen dieses Jahr, sagte er irgendwann. Ohne Festmarathon.

Zuerst diskutierten sie vorsichtig. Vielleicht weniger Gäste. Vielleicht manches Essen bestellen. Dann brach aus Johanna plötzlich heraus: Oder wir laden einfach niemanden ein? Außer Klara, natürlich. Und meine Eltern aber wirklich nur für einen Tag.

Andreas war nicht über die Idee überrascht, sondern darüber, wie sie es sagte: als würde sie etwas geradezu Ungehöriges vorschlagen.

Oder eben gar niemanden, entgegnete er. Den Eltern bringen wir am Silvestertag das Geschenk vorbei, bleiben ein paar Stunden. Und die Silvesternacht verbringen wir zu dritt.

Johanna schwieg lange, dann nickte sie. Damals klang das noch wie ein Spiel.

Jetzt, drei Tage vor dem Fest, wurde aus dem Spiel Ernst.

Mama, Papa! rief Klara, ihre zwanzigjährige Tochter, aus dem Flur. Ich finde meine Stiefel nicht.

Schau mal unter der Kommode, rief Andreas zurück. Die hast du gestern da hingeworfen.

Klara erschien im Türrahmen, einen Wollsocken am Fuß und mit dem Handy in der Hand.

Ah, da sind sie!, sie grinste. Und kommt wirklich niemand zu uns an Silvester? Ich hab meiner Freundin abgesagt, weil wir ein Familienfest machen.

Familie gibts trotzdem, meinte Johanna. Nur ohne Besucheransturm.

Heißt, ich bin allein mit euch beiden? Klara blinzelte verschmitzt. Ihr zwingt mich doch nicht zum Silvesterstadl?

Den schauen wir selbst nicht, lachte Andreas. Unsere Festtagsplanung ist, nichts zu tun. Sehr ambitioniert.

Klara schnaubte, schnappte sich ihre Daunenjacke und fragte beim Anziehen des Schals: Weiß Oma, dass ihr niemanden einladet?

Weiß sie, seufzte Johanna. Und Opa auch. Sie finden es komisch, aber sie verkraften es.

Und Tante Birgit? Klara ließ nicht locker.

Tante Birgit schreibt gerade über ihre Forelle, grollte Andreas.

Klara lachte, wedelte zum Abschied und rauschte hinaus, die Tür knallte. Die Dackeldame hob müde den Kopf, schnaufte und drehte sich wieder aufs Kissen.

Also wirklich, murmelte Andreas und schnippelte weiter an der Möhre. Jetzt machen wirs tatsächlich.

Johanna antwortete nicht gleich. Sie trat ans Fenster, zog die Gardine zur Seite. Im Hof blinkten Lichterketten, Kinder rodelten vom Schneehügel, Eltern standen in Daunenjacken, traten von Fuß zu Fuß.

Wir machen das wirklich, wiederholte sie leise. Ein bisschen mulmig ist mir schon.

Der Silvestermorgen kam ohne Wecker. Andreas wachte erst auf, als draußen schon graues Licht war und wunderte sich über die Stille. Sonst schepperte da längst das Geschirr, die Brühe brodelte, das Telefon klingelte, wann man kommen solle.

Jetzt tickte nur die alte Küchenuhr. Bei Klara im Zimmer war es dunkel, die Tür zu. Johanna schlief noch, mit der Nase ins Bett gekuschelt.

Andreas streckte sich und warf einen Blick aufs Handy. Ein paar Arbeitsmails, längst nicht mehr dringend. Gestern hatten alle Kollegen geschrieben, sie wollen mal wenigstens ausspannen, übten aber fleißig weiter an den Jahresberichten bis zum letzten Tag.

Er stand auf, zog den Bademantel an und ging in die Küche. Kaffee, Toast, Käse. Gestern hatte Johanna einen Zettel geschrieben: Menü: Kartoffelsalat, Hering, Hauptgang irgendwas Einfaches. Das reicht. Der Zettel klemmte unter dem Kühlschrankmagnet mit Nordsee-Motiv.

Andreas kochte die Eier, schnitt Wurst und Gurken, und war viel schneller fertig als sonst beim endlosen Einkaufszettel.

Als er die Zutaten in die große Schüssel warf, stach ihn ein Gedanke. Die Schüssel war fast leer. Früher nahmen sie immer einen Waschzuber, damit für alle reicht und was übrig bleibt. Jetzt bedeutete alle nur sie drei.

Er griff automatisch zur zweiten Packung Wurst, hielt inne.

Nein, sagte er laut. Uns reichts.

Wem reicht was? murmelte Johanna, verschlafen im Bademantel mit wirren Haaren.

Uns. Kartoffelsalat. Ich mache keinen Vorrat für die Reservearmee.

Sie schaute in die Schüssel, runzelte die Stirn: Das sieht irgendwie wenig aus.

Wir sind zu dritt, erinnerte er.

Schon. Aber, sie schabte mit dem Löffel am Rand als wollte sie die Tiefe prüfen. Was, wenn doch jemand kommt?

Wir haben uns festgelegt: Kommt niemand.

Sie zuckte die Schultern, griff zur Kaffeetasse.

Weißt du, sagte sie, an die Tischkante gelehnt. Ich habe die halbe Nacht darauf gewartet, dass Mama anruft und sagt, sie kommen doch spontan vorbei. Ich kann dann nicht Nein sagen.

Sie ruft an, nickte Andreas. Und du sagst, dass wir morgen kommen wie besprochen.

Johanna seufzte und nahm einen Schluck.

Na gut. Wir versuchen es.

Gegen Mittag stiegen sie ins Auto. Auf dem Rücksitz Geschenke und eine Tupperbox mit Apfelkuchen, den Johanna zur Sicherheit gebacken hatte. Die Fahrt zu den Eltern dauerte vierzig Minuten; Andreas frotzelte über den Stau, Klara scrollte durch Instagram und zeigte ab und zu Memes über den Silvesterstress.

Bei den Eltern war Johanna nach fünf Minuten trotzdem in der Küche, obwohl sie es sich abgewöhnt hatte. Andreas stieß mit seinem Schwiegervater Schnaps an, sie redeten über Politik und Heizölpreise. Johannas Mutter schimpfte, heute ist alles anders, und schielte auf die Uhr, wenn Johanna sagte, dass sie bald wieder fahren müssten.

Wie, ihr feiert wirklich allein zu Hause zu dritt? fragte die Mutter skeptisch beim Jacketanlegen. Und Birgit mit ihren Kindern?

Diesmal feiern sie daheim, meinte Johanna, den Schal zuknöpfend. Wir probieren was Neues.

Was Neues, was Neues, brummte die Mutter. Früher waren alle zusammen, das war schön.

Die Welle von Schuld stieg wieder in Johanna auf. Fast hätte sie gesagt: Na dann kommt halt heute Abend rüber, doch Andreas spürte das wohl und legte vorsichtig seine Hand auf ihre Schulter.

Wir kommen morgen wieder, sagte er. Ganz in Ruhe. Heute wollen wir mal daheim sein.

Die Mutter schaute erst ihn, dann ihre Tochter an und seufzte.

Na, ihr werdet sehen. Nur nicht beleidigt sein, falls wir mal ohne euch feiern.

Auf dem Heimweg schweigend, tippte Klara lachend mit Freundinnen in den Chat.

Mama, sagte sie und steckte das Handy weg. Die diskutieren, ob Silvester im Club oder daheim besser ist. Eine sagt, Familie ist heilig, die andere will tanzen gehen, solange sie jung ist. Und ihr?

Heilig ist eher, sich nicht ins Kartoffelsalatkoma zu schuften, brummte Johanna.

Und ich meine, ergänzte Andreas, nächstes Jahr kannst du feiern, wo du willst. Wir überleben.

Klara schnaubte: Na, das sehen wir noch. Dieses Jahr gibts halt Familie, nächstes Mal schauen wir.

Um acht Uhr abends war die Wohnung leise und ungewohnt weitläufig. Drei Teller standen am Tisch, Salat in kleiner Schüssel, Hering, gebackenes Hähnchen, eine Flasche Sekt. Die Lichterkette blinkte, aber nicht so grell wie früher bei den Schwiegereltern, wenn alle Verwandten zusammenkamen.

Ziemlich leer, meinte Johanna und rückte die Servietten zurecht.

Normal, sagte Andreas. Wir sind an Lärm gewöhnt.

Klara kam in Jeans und Pullover, kein extra Kleid, wie Johanna ihr an früheren Festen besorgt hatte.

Gibts heut nen Dresscode? neckte sie. Oder darf ich so bleiben?

Dresscode heißt: wie du magst, antwortete Andreas.

Seltsam entspannt, wundert sich Klara.

Sie setzten sich an den Tisch. Der Fernseher lief nur gedämpft, kein Silvesterspektakel. Andreas steuerte eine alte Filmaufnahme bei, die er und Johanna im Studium gern gesehen hatten.

Lasst die Shows mal aus, schlug er vor. Ein bisschen Stille tut gut.

Und das Glockenläuten? fragte Klara.

Das bleibt, sagte Johanna. So radikal bin ich nicht.

Sie speisten und redeten. Klara erzählte von einer Dozentin, die als Hausaufgabe gegeben hatte, über die Zukunft nachzudenken. Dabei rätselten die Studierenden, was das heißen sollte. Johanna merkte, dass sie nicht ständig aufspringen musste, um etwas aufzuwärmen oder nachzureichen. Andreas genoss es, dass nie jemand nachrutschen musste für neue Gäste.

Um neun rief Birgit an.

Na, wie läufts bei euch? fragte sie. Wir platzen aus allen Nähten. Kinder rennen, Salate füllen den Kühlschrank. Schade, dass ihr nicht hier seid. Ist so lustig!

Johanna blickte beim Telefonieren auf ihren kleinen Tisch, auf Klara, die Andreas ein lustiges Video zeigte, und etwas in ihr zuckte schmerzhaft.

Uns gehts auch gut, sagte sie. Dieses Jahr machen wirs anders.

Hab ich gehört, Birgit klang beleidigt. Na gut, ich halte euch nicht auf. Schönes Fest.

Nach dem Anruf war Johanna stiller. Die Sätze Schade, dass ihr nicht dabei seid klangen in ihrem Kopf nach.

Alles okay? fragte Andreas, als Klara zur Saftjagd in die Küche verschwand.

Schon. Es ist nur eigenartig, erwiderte Johanna viel zu hastig.

Kurz vor elf vibrierte Johannas Handy wieder. Fotos von Tischen, Kinder mit Lametta, Kommentare wie Fehlt ohne euch, Ohne euch ists nur halb so schön. Jemand schickte ein Uraltbild, auf dem sie und Andreas hinter den Verwandten stehen, müde, aber lächelnd.

Johanna starrte darauf und fühlte, wie sie weich wurde. In der Brust zog es, die Augen brannten.

Ich habe alles vermasselt, stieß sie hervor. Die sind alle zusammen, und wir

Wir sind auch zusammen, meinte Andreas leise.

Aber das ist nicht dasselbe, sie sprang auf. Schau, wie viel Spaß die haben. Und wir drei sitzen da, als wären wir von niemand eingeladen worden!

Doch, wir waren eingeladen, erinnerte er. Aber das hier war unser Entschluss.

Vielleicht war er falsch, Johanna fuhr sich nervös über den Tisch. Vielleicht hätten wir doch alles wie immer machen müssen. Ich schreibe jetzt, dass wir kommen. Es ist nicht zu spät!

Mama? Klara tauchte mit Saft im Türrahmen auf. Was ist los?

Nichts, sagte Johanna, nur dass die Stimme verräterisch bebte. Dummes Zeug.

Sie packte das Handy, öffnete den Chat, tippte: Wir kommen doch vorbei, falls es noch passt Ihre Finger zitterten.

Andreas sah sie an, und er wusste, jetzt könnte alles kippen. Morgen würden sie sich wieder ausgelaugt fühlen, und das Fest wäre erneut für andere gewesen.

Johanna, sagte er, stand auf, fasste sie beim Handgelenk. Halte kurz inne.

Lass mich machen, bat sie, den Blick gesenkt. Ich frage nur, obs noch geht. Sie freuen sich bestimmt!

Sie freuen sich jedes Jahr, sagte er. Die Frage ist, was wir eigentlich erwarten.

Klara stand abwartend im Flur und presste den Saftkarton an sich. Erst Irritation in den Augen, dann Entschlossenheit.

Mama, sagte sie, trat vor. Ehrlich? Ich bin froh, dass wir zu Hause sind. Ich wollte es nicht sagen, damit Oma nicht traurig ist, aber mir sind diese Abende auch zu anstrengend. Ich sitz jedes Jahr am großen Tisch und frage mich, wann ich endlich gehen kann.

Johanna schaute Klara an.

Wirklich? fragte sie.

Wirklich, Klara zuckte die Schultern. Ich mag euch. Und Oma und alle. Aber wenns nur Pflichtroutine wird, will ich flüchten. Heute ists angenehm ruhig.

Johanna legte das Handy zurück. Die Nachricht blieb unerledigt auf dem Display.

Ich habe Angst, dass wir irgendwann aus allem rausfallen, gestand sie. Dass wir dann allein sind.

Wir werden nicht zu Fremden, antwortete Andreas. Man muss nicht immer überall dabei sein. Man darf auch mal zu Hause bleiben.

Er sprach leise; trotzdem spürte er in sich denselben Kloß die Angst, das Familienkarussell zu verpassen. Aber er hatte das bereits gelernt zu akzeptieren.

Also, schlug er vor. Heute bleiben wir, wie geplant. Morgen besuchen wir jemanden, wenn wir wollen aber nur aus Lust, nicht aus Gewohnheit.

Klara nickte.

Und wir entscheiden nächstes Mal vorher, was uns wichtig ist, ergänzte sie. Nicht einfach automatisch alles mitmachen.

Johanna strich sich übers Gesicht, atmete tief.

Gut, sagte sie. Heute bleiben wir.

Sie löschte die Nachricht, sperrte das Handy und legte es verkehrt herum aufs Bord.

Aber ich fühl mich trotzdem schuldig, gab sie zu. Als hätten wir jemanden zurückgelassen.

Das vergeht nicht an einem Tag, meinte Andreas. Wir waren jahrelang anders unterwegs.

Darf ich mal ketzerisch sein? meldete sich Klara. Vielleicht wart nicht nur ihr die Kümmerer, sondern euch hat man auch gezwungen. Ihr hättet früher sagen dürfen, dass Schluss ist.

Johanna lachte mit Tränen in den Augen: Danke, Frau Schlauberger.

Bitte, sagte Klara ernst.

Sie gingen zurück an den Tisch. Es war noch eine Stunde bis Mitternacht. Auf dem Bildschirm huschte ein Konzert, aber keiner achtete drauf.

Lass uns was spielen, schlug Andreas vor. Sonst sitzen wir und starren die Uhr an.

Kartenspielen? Klara wurde lebendig.

Kartenspiele gehen immer.

Sie holten die Karten raus, stritten herzlich um die Regeln, lachten, wenn Klara mogelte. Johanna merkte, wie sie ehrlich lachte nicht das höfliche Lachen wie sonst, wenn sie darauf achten musste, dass keiner sich langweilt.

Die Glockenschläge schauten sie sich an. Beim Anstoßen wünschten sie sich Gesundheit und Ruhe. Seltsam, aber sehr passend.

Ich wünsche, ihr lernt dieses Jahr Ruhe, sagte Klara und hob ihr Saftglas. Und ich auch.

Einverstanden, sagte Andreas.

Wir probierens, meinte Johanna.

Die ersten Tage der Ferien plätscherten ruhig dahin. Sie erlaubten sich, bis zehn oder elf zu schlafen. Andreas las endlich das Buch, das er seit Monaten vor sich herschob. Johanna sortierte alte Fotos, nicht fürs Social Media, sondern einfach aus Spaß.

Klara traf mal Freunde, mal blieb sie daheim, schaute Serien und malte auf dem Tablet. Manchmal spazierten sie alle zusammen zum Park, wo Kinder auf Eisbuckeln rodelten und Erwachsene Kaffee aus Pappbechern tranken.

Einmal ertappte sich Andreas dabei, dass ihm langweilig war. Nicht wie auf Meetings, sondern anders. Es war zu ruhig, zu wenig Aufgaben.

Er trat ans Fenster, sah, wie Jugendliche Feuerwerkskörper in den Schnee steckten, und spürte Unsicherheit: Als würde er was falsch machen, Zeit verschwenden.

Johanna, rief er. Wollen wir irgendwohin fahren? Einkaufszentrum, Kino? Irgendwie hängen wir nur rum.

Johanna schaute vom Laptop herüber. Shopping mag ich grad nicht viel zu voll. Kino geht, aber nicht heute. Ich genieße das einfach-so-Sein.

Einfach so Andreas wiederholte es. Und wenn wir gar nichts Nützliches tun?

Was meinst du mit nützlich?

Na, Balkon entrümpeln, meine Eltern besuchen, Tante anrufen, das Bad renovieren

Renovieren im Urlaub da wollen wir doch gerade nicht hin, grinste sie. Zu deinen Eltern fahren wir bestimmt. Ich bin nicht anti-Sozial, ich will nur Stress vermeiden.

Andreas kam ein Anflug von Unmut.

Ich kann einfach nicht faulenzen, sagte er. Ich fühl mich schnell träge.

Du arbeitest doch das ganze Jahr wie verrückt, entgegnete sie sanft. Eine Woche muss Produktivität mal Pause haben.

Leicht gesagt, brummte Andreas und ging in die Küche.

Er fing schon an, den Müllsack-Ständer zu sortieren alle Tüten nach Größe. Nach fünf Minuten lachte er über sich selbst, doch das mulmige Gefühl blieb.

Abends scrollte er durch die sozialen Medien. Die Leute posteten ihr Silvester in den Alpen, im Ausland, in der Therme. Zu jedem Bild Kommentar: Aktiv ins neue Jahr, Kein Couch-Gammeln für uns.

Andreas fühlte sich verärgert. Über sich, über sie, über seinen Anpassungsdrang.

Was ist los? fragte Klara, die ihm über die Schulter lugte.

Hier, schau, zeigte er ihr die Posts. Da passiert wenigstens was.

Und?, konterte sie. Wir leben doch auch. Nur anders.

Nach kurzem Überlegen sagte sie noch: Soll ich dir beibringen, nicht dahin zu gucken, wo es nur Vergleichsstress gibt?

Andreas grinste: Jetzt wirst du zur Lehrerin, wie für alte Männer.

Ihr lehrt uns doch auch ständig was, zuckte Klara die Schultern. Ich weiß jetzt, dass Kaffee nach sechs den Schlaf raubt.

Sie nahm ihm das Handy, wischte rauf und runter.

Sieh, sagte sie. Der ist irgendwo in den Bergen. Bestimmt war die Anfahrt anstrengend. Die im Spa da ists heiß. Und du sitzt hier im Warmen, in Jogginghose, und musst nichts tun. Das ist auch ein Plus.

Klingt, als sei das eine Heldentat, scherzte Andreas.

Für Menschen wie euch ists das wirklich, sagte sie ernst. Ihr könnt das einfach nicht.

Andreas wollte widersprechen doch wusste nicht was.

Am Folgetag stritten sie sich. Leicht, aber leidig. Andreas lief Serien bis zum Mittag, Johanna räumte Kleinkram weg, den sie seit Ewigkeiten sortieren wollte. Schließlich platzte ihr der Kragen.

Du hockst nur vorm Bildschirm, murmelte sie im Vorbeigehen. Davon kriegst du eckige Augen.

Und du räumst den ganzen Tag Zeug herum ist das produktiver?

Immerhin tue ich was.

Ich auch. Ich ruhe.

Das ist keine Erholung, sondern Flucht.

Er stoppte die Serie und wandte sich zu ihr.

Und deine Ordnerei ist keine Flucht? Du kannst auch nie einfach sitzen und nichts machen. Immer suchst du noch etwas, das erledigt werden muss.

Schweigen. Jeder sah im anderen seine eigene Angst spiegeln.

Okay, seufzte Johanna. Halbtags Serieschauen für dich, halbtags tue ich nichts. Keiner meckert in dieser Zeit.

Bin dabei, sagte Andreas. Und täglich machen wir einmal gemeinsam etwas, egal was.

Spaziergang, schlug sie vor. Oder einen Film.

Oder ein Brettspiel, meldete sich Klara aus dem Flur sie war bei fast allem dabei. Ich bin für Brettspiele!

So entstand die erste Ferienregel. Sie änderte die alten Muster nicht, gab aber Halt. Andreas genoss Serien ohne Schuldgefühl, Johanna lag manchmal einfach daneben und schaltete ab.

Nach zwei Tagen besuchten sie Andreas Eltern. Auch dort wars laut, aber weniger als früher. Die Eltern waren älter geworden, der Besuch seltener. Sie saßen ein paar Stunden, aßen Kuchen, redeten übers Wetter und die Gesundheit.

Wieso seid ihr diesmal so flexibel?, fragte sein Vater beim Tee. Früher warst du immer durchgetaktet.

Wir haben uns Luft gegönnt, antwortete Andreas.

Richtig so!, pflichtete Mutter bei. Sonst schleppt ihr immer alles. Jetzt erholt euch mal ordentlich.

Andreas hatte mit Vorwürfen gerechnet und bekam Zuspruch. Im Auto erzählte er Johanna davon.

Siehste, sagte er. Nicht alle denken, wir hätten die Tradition verraten.

Vielleicht glaub ich das nur selbst, gestand sie. War so lange Routine, da fällt der Ausstieg schwer.

Niemand muss sofort alles anders machen. Schritt für Schritt reicht.

Sie nickte.

Die restlichen Ferientage lebten sie tatsächlich in kleinen Etappen. Mal blieben sie den ganzen Tag zu Hause, lasen und kochten Einfaches. Einen anderen Tag gings quer durch die Stadt, bummelten über beleuchtete Straßen ins Café, wo sie niemand treffen oder verabschieden mussten.

Weißt du, sagte Johanna, als sie beim Kakao am Fenster saßen. Mir gefällt, dass wir keinen vollen Plan haben. Ich wache morgens auf und frage nicht: Was muss ich? sondern: Was möchte ich?

Und was möchtest du?, fragte Andreas.

Heute?, sie überlegte. Nichts Besonderes. Einfach weitergehen.

Andreas lächelte: Ich möchte mich nicht selbst dafür rügen, dass nichts Großartiges passiert.

Das ist schwieriger, meinte sie.

Aber es lässt sich üben.

Sie sahen schweigend hinaus. Menschen eilten mit Einkaufstüten, posierten vor Tannenbaum, zogen müde Kinder an der Hand. Jeder hatte seinen eigenen Feiertag.

Am letzten Ferientag war das Wetter klar und frostig. Klara besuchte ihre Freundin, wollte abends zurückkommen. Die Wohnung wirkte noch stiller.

Gehen wir in den Park?, fragte Andreas. Ohne Hund, ganz für uns.

Gerne, sagte Johanna.

Sie zogen sich an, stapften durch den knirschenden Schnee, atmeten die kalte Luft. Der Park war karger als zu Jahresbeginn. Ein paar liefen Schlittschuh, andere schoben Kinderwagen.

Sie gingen schweigend. Das Schweigen war angenehm. Johanna dachte an morgen an Mails, an Anrufe, an Bitten, wieder zu helfen, zu organisieren. Aber da war auch Ruhe.

Weißt du, sagte sie an einer Bank. Ich dachte, ohne das große Fest würde etwas brechen. Dass ich keine gute Tochter oder Gastgeberin mehr wäre.

Und?, hob Andreas die Augenbraue.

Nichts brach, lachte sie. Ich bin okay auch ohne Festmarathon.

Ich dachte, wenn ich nicht ständig nützlich bin, bin ich überflüssig, gab Andreas zu. Aber ich kann einfach auf dem Sofa liegen und werde gebraucht. Von dir und Klara.

Besonders von Klara, nickte Johanna. Sie kriegt alles mit.

Sie liefen noch ein Stück, setzten sich dann auf die Bank, und Andreas nahm ihre Hand in seiner und zog die Handschuhe aus.

Lass uns abmachen, sagte er. Nächstes Jahr laden wir nicht reflexhaft alle ein. Erst sehen wir, was wir wollen, dann, wie wirs mit den anderen verbinden.

Abgemacht, sagte sie. Und falls ich wieder in Panik allen schreibe, dass wir kommen, stoppst du mich.

Und wenn ich für jedes Event Tickets kaufe, stoppst du mich.

Einverstanden.

Nach einer Weile gingen sie heim. Im Treppenhaus roch es nach Tannenzweigen und Apfelsinen, irgendwo lief leise Musik.

Zu Hause setzte Andreas Wasser auf, holte Kekse aus dem Schrank. Johanna zündete ein Teelicht auf dem Fensterbrett, nur so, aus winterlicher Gewohnheit.

Meinst du, bleiben wir künftig so entspannt?, fragte sie beim Teeschenken. Ohne Silvester-Marathon?

Keine Ahnung, antwortete Andreas ehrlich. Vielleicht haben wir mal wieder Lust auf volleres Haus. Aber dann entscheiden wir das selbst und nicht aus Gewohnheit.

Sie nickte. Die Unruhe blieb, war aber schon kleiner.

Am Abend kam Klara zurück, mit roter Nase und fröhlicher Miene.

Bei meiner Freundin sind die Eltern ins Kurhotel gefahren, erzählte sie beim Ausziehen. Sie haben ihr ne Nachricht hinterlassen: Wir gönnen uns mal Pause. Du schaffst es schon alleine! Erst war sie sauer, jetzt findet sies super.

Siehst du, meinte Andreas. Alle lernen dazu.

Ich auch, sagte Klara. Ich mags, wenn ihr nicht rumhetzt, sondern einfach da seid. Sogar, wenn ihr euch mal über Serien und Mülltüten zankt.

Johanna lachte.

Wir versuchen öfter einfach da zu sein, versprach sie.

Sie drehten zu dritt einen Film auf, den Klara aussuchte. Tee wurde kalt, die Kekse zerbröselten auf der Platte. Draußen knallten vereinzelt Feuerwerkskörper, der stille Humor in der Wohnung hätte lauter sein können, war aber gerade richtig.

Das Fest, das sie so sehr verpassen fürchteten, fand nicht dort statt, wo der größte Lärm war. Es lag hier: drei Menschen, die sich erlaubten, Pause zu machen, ohne etwas demonstrieren zu müssen.

Und das war nun wirklich genug.

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Homy
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