Ich hasse dich nicht!Ich hasse dich nicht!

Nichts hatte sich wirklich verändert

Lena zupfte nervös an ihrem Ärmel, während sie aus dem Fenster des Taxis starrte. Draußen glitten die Straßen ihrer Kindheit vorbei genau jene, auf denen sie einst mit Lukas gelaufen war, lachend und Zukunftsträume spinnend. Sieben Jahre Ganze sieben Jahre hatte sie ihre Heimatstadt nicht mehr betreten.

Wir sind da, meldete sich die Stimme des Fahrers und riss sie aus ihren Gedanken.

Das Taxi rollte sanft vor einem alten fünfstöckigen Haus aus. Lena tastete mechanisch nach ihrem Telefon, holte Geld hervor, bezahlte in Euro und stieg aus. Die Tür fiel zu, und für einen Augenblick blieb sie stehen, sog die Luft ihrer alten Stadt ein. Sie war wirklich anders als die große Metropole, in der sie jetzt lebte. Jeder Duft, jeder Klang weckte etwas tief in ihr. Es roch nach frisch gemähtem Gras aus dem nahen Park, ein Hauch von frisch gebackenem Brot aus der kleinen Bäckerei an der Ecke und nach etwas, das man nur mit einem Wort fassen konnte: Zuhause. Dieses Gemisch ließ ihr Herz schmerzhaft und zugleich süß zusammenziehen, als freute und fürchtete sie sich zugleich vor dem, was kam.

Sie war nur für ein paar Tage hergekommen. Offiziell, um ihre Mutter zu besuchen und bei längst überfälligen Papieren zu helfen. Sie wollte auch durch bekannte Ecken schlendern und prüfen, ob sie noch so waren wie in ihren Erinnerungen. Doch tief drinnen steckte ein anderer Grund vielleicht der wichtigste. Sie sehnte sich verzweifelt danach, Lukas wiederzusehen! Und wer wusste, vielleicht änderte sich dadurch alles?

Lena wusste, dass er nicht weit entfernt wohnte. Sie hatte sein Leben nicht verfolgt nein, sie hatte nie direkt nach ihm gefragt. Aber Freunde erwähnten bei Treffen oder in Nachrichten manchmal seinen Namen. So erfuhr sie Bruchstücke: Er hatte den Job gewechselt und eine gute Stelle, eine Wohnung gekauft und seine Mutter zu sich geholt Jedes Mal, wenn sie etwas hörte, malte sie sich aus, wie er jetzt aussah, was ihn beschäftigte, woran er dachte. Doch sofort verdrängte sie diese Bilder, aus Angst, ihnen zu viel Platz in ihrem Herzen zu geben

Am nächsten Tag beschloss Lena, durch das Stadtzentrum zu gehen. Sie hatte keine festen Pläne sie wollte einfach die Luft einatmen, die vertrauten Orte bei Tageslicht sehen und den Rhythmus der Straßen spüren, der einst zu ihrem Leben gehört hatte. Langsam schritt sie, warf Blicke in Schaufenster, lächelte flüchtig bei längst vergessenen Dingen: dem Zeitungsstand, wo sie einst Comic-Hefte gekauft hatte, der Bank, auf der sie mit Freundinnen nach der Schule gesessen hatte, dem Café, in dem sie zum ersten Mal einen Cappuccino probiert und ihn fast über ihre neue Bluse verschüttet hatte.

Plötzlich sah sie ihn.

Lukas ging auf der anderen Straßenseite. Er bemerkte sie nicht, blickte geradeaus, den Kopf leicht geneigt, als grübele er über etwas nach. Lena erstarrte. Alles in ihr kippte so heftig, dass sie einen Moment vergaß zu atmen. Er hatte sich nicht verändert immer noch groß, mit demselben leichten, entspannten Gang aus ihrer Jugend. Dieselbe Silhouette, dieselben Bewegungen, sogar dieselbe Frisur.

Ohne nachzudenken, rannte sie über die Straße. Die Ampel sprang auf Gelb, irgendwo hupte es scharf, doch sie hörte kaum etwas. Ihre Beine trugen sie einfach voran, ihr Herz hämmerte so laut, dass es schien, als dröhnte es durch die ganze Straße.

Lukas!, rief sie, als sie ihn vor dem Laden eingeholt hatte.

Ihre Stimme zitterte sie hatte nicht geahnt, wie aufgewühlt sie war. Er drehte sich um und nichts. Keine Freude im Blick, keine Wut. Nichts.

Lena?, sagte er ruhig, fast gleichgültig.

Dieser Ton so flach und ohne jede Regung traf sie härter als erwartet. Alles, was sich sieben Jahre aufgestaut hatte, brach plötzlich hervor. Tränen schossen in ihre Augen, die Stimme bebte, und sie konnte nicht mehr anhalten.

Lukas, ich ich bin so schuldig, brachte sie mühsam heraus. Ich weiß, ich habe kein Recht, dich anzusprechen, aber ich Sie schluchzte, kämpfte um Fassung, doch die Tränen liefen über ihre Wangen, und sie wischte sie nicht weg. Ich liebe dich. Ich liebe dich immer noch. Vergib mir. Bitte, vergib mir!

Sie redete schnell und stockend, als fürchtete sie, den Faden zu verlieren, wenn sie pausierte. In ihrem Kopf wirbelten Entschuldigungen, Erklärungen und Bitten, doch nur die wichtigsten Worte drangen heraus jene, die sie so lange in sich verschlossen hatte.

Sie schlang die Arme um ihn, presste sich an seine Brust, als könnte diese Geste alles zurückholen, was vor sieben Jahren verloren gegangen war. In diesem Augenblick gab es für sie weder die laute Straße noch die Passanten noch die Zeit nur die Wärme seines Körpers und die verzweifelte Hoffnung, dass er die Umarmung erwiderte.

Lukas wich nicht sofort zurück. Für einen winzigen Moment glaubte sie, er zögere die Schultern sanken leicht, die Hände hoben sich kaum spürbar, als wollte er sie ebenfalls halten. Dieser flüchtige Impuls entfachte einen Funken Hoffnung in ihr: Vielleicht ließ sich doch noch alles retten, vielleicht hatte er die Erinnerungen ebenfalls im Herzen bewahrt Vielleicht hatten sie noch eine gemeinsame Zukunft!

Doch der Augenblick verging. Lukas griff fest nach ihren Schultern und schob sie sanft, aber entschlossen von sich. Sein Gesicht blieb ruhig, fast ausdruckslos, der Blick fest und beinahe kalt. In diesen Augen war nichts mehr von dem Jungen, mit dem sie einst bis zu Tränen gelacht und von der Zukunft geträumt hatte. Vor ihr stand ein erwachsener Mann, dessen Gefühle längst hinter einer dicken Mauer verborgen lagen.

Verschwinde von hier, flüsterte er ihr ins Ohr.

Die Worte kamen leise und ohne jede Emotion, als bedeute sie ihm gar nichts. Als sei sie eine Fremde, die keiner Aufmerksamkeit wert war.

Ich hasse dich, fügte er eine Sekunde später hinzu, und erst jetzt blitzte unverhohlene Verachtung in seinem Blick auf.

Er drehte sich um und ging weg, ohne sich umzusehen. Lena stand wie betäubt. Die Welt um sie herum lief weiter: Menschen eilten ihren Terminen nach, Autos hupten an der Kreuzung, irgendwo lachten Kinder Ein Passant warf ihr einen schrägen Blick zu, vielleicht verwundert, warum das Mädchen mitten auf der Straße mit leerem Blick und blassem Gesicht verharrte. Doch sie nahm nichts wahr.

Nur das Echo seiner Schritte, das in der Ferne verebbte, und ihr eigenes Atmen abgehackt, stoßweise, hilflos. Jede Sekunde dehnte sich endlos, und in ihrem Kopf kreiste nur ein Gedanke: Das ist das Ende. Für immer.

Langsam schlurfte das Mädchen nach Hause. Die Beine gehorchten kaum, jeder Schritt fiel schwer, doch sie ging, den Blick ins Leere gerichtet. In ihrem Kopf war Leere keine Gedanken, keine Gefühle, nur das hohle Nachhallen seiner Worte, das in ihr pochte.

Als Lena die Wohnung ihrer Mutter betrat, versuchte sie nicht einmal, etwas zu erklären. Schweigend ging sie in ihr Zimmer, sank auf einen Stuhl und starrte aus dem Fenster. Die Mutter sah das verweinte Gesicht und den erloschenen Blick, stellte keine Fragen. Sie seufzte nur leise, als hätte sie diesen Moment schon lange erwartet, und ging, Wasser aufzusetzen. Das vertraute Zischen des kochenden Wassers, der Duft von aufgegossenem Tee all das wirkte so alltäglich, so im Gegensatz zu dem Sturm in Lenas Innerem. Doch genau diese Schlichtheit und Gewohnheit holte sie ein wenig zurück in die Wirklichkeit.

Er hat nicht vergeben, flüsterte Lena, die Tasse mit heißem Tee in den Händen. Der warme Dampf kitzelte ihr Gesicht, doch sie spürte es kaum. Die Finger schlossen sich fester um das Porzellan, als hielte sie etwas Unfassbares fest, und ihr Blick blieb auf die bernsteinfarbene Oberfläche des Getränks gerichtet, in der die trüben Reflexe der Tischlampe tanzten.

Die Mutter setzte sich neben sie, streichelte ihr still und ohne viele Worte die Schulter. Die Berührung war sanft und vertraut wie in der Kindheit, wenn Lena mit aufgeschlagenem Knie oder nach einem Streit mit einer Freundin nach Hause kam. Diese einfache Geste ließ sie plötzlich klein und verletzlich fühlen, als wären alle erwachsenen Entscheidungen und Taten der letzten Jahre spurlos verschwunden.

Du hast doch gewusst, dass es so kommen würde, sagte die Mutter leise, ohne Vorwurf, eher mit stiller Trauer.

Gewusst, nickte Lena und hob endlich den Blick von der Tasse. Ihre Stimme klang ruhig, doch darin lag Müdigkeit, als hätte sie diesen Satz schon lange in Gedanken geübt. Aber ich habe gehofft. Dumm, oder?

Nicht dumm, widersprach die Mutter sanft. Du hast einfach diesen Weg gewählt. Du hast Lukas sehr wehgetan, er konnte sich lange nicht von eurem Bruch erholen Er hat sich in den Kai aus dem alten Kindermärchen verwandelt. Niemand konnte mehr sein Herz erreichen.

Lena seufzte tief, stellte die Tasse ab und lehnte sich zurück. Vor ihren Augen tauchten ungewollt Bilder von vor sieben Jahren auf.

Damals schien alles so einfach, so klar. Sie war zweiundzwanzig ein Alter, in dem die Zukunft in leuchtenden Farben gemalt wird und jede Hürde überwindbar erscheint. An ihrer Seite stand Lukas freundlich, zuverlässig, der Mensch, auf den man sich in jeder Lage verlassen konnte. Er glänzte nicht durch schöne Worte, konnte nicht gefühlvoll über Gefühle reden, doch seine Taten sprachen lauter: Er kam immer zur Hilfe, hörte zu, unterstützte sie sogar in kleinen Dingen.

Doch es gab ein Problem oder eher das, was Lena damals dafür hielt. Lukas arbeitete auf Baustellen, studierte nebenbei, träumte davon, sein eigenes Geschäft zu starten. Seine Pläne waren ernst und durchdacht, brauchten aber Zeit und das Mädchen wollte nicht warten.

Sie träumte nicht von Reichtum, nein. Sie sehnte sich nicht nach Luxus, sondern nach Stabilität, nach Sicherheit für den nächsten Tag. Sie wollte wissen, dass sie in einem Jahr, in zwei oder fünf Jahren Arbeit, eine Wohnung und die Möglichkeit haben würde, ihr Leben nach eigenen Regeln zu gestalten. Neben Lukas wirkte alles zu ungewiss: endlose Aushilfsjobs, abendliches Lernen, Zukunftsträume, die bisher nur Träume geblieben waren.

Und als ihr Onkel aus Berlin ihr einen Job in seiner Firma anbot, sagte sie zu. Ohne zu zögern, fast ohne zu schwanken. Es war eine echte Chance greifbar und nicht zu versäumen.

Es gab noch eine andere Wahrheit die, über die Lena nicht nachdenken wollte. In genau jener Zeit, als sie nach Berlin gezogen war und arbeitete, tauchte Klaus in ihrem Leben auf. Er war ein wohlhabender Geschäftsmann, doppelt so alt wie sie, mit selbstsicheren Manieren und dem Willen, alles zu bekommen, was er wollte. Ihre Bekanntschaft war zufällig auf einer Firmenfeier, zu der Lena in einem neuen Kleid gekommen war und sich etwas fehl am Platz fühlte unter den seriösen Kollegen. Klaus bemerkte sie sofort: Er setzte sich zu ihr, fing ein Gespräch an, fragte nach ihrer Arbeit, ihren Plänen, ihrem Leben.

Er sparte nicht mit Aufmerksamkeit. Zuerst Blumen keine großen Sträuße, sondern ordentliche Buketts, die mit einer Nachricht ins Büro gebracht wurden: Für die Schönste. Dann Einladungen in Restaurants, in die Lena früher nur von draußen schauen konnte. Er nahm sie zu Ausstellungen, ins Theater, schenkte Dinge, von denen sie zuvor nicht zu träumen gewagt hatte: Seidenschals, elegante Schmuckstücke, Schuhe mit hohen Absätzen. Jedes Geschenk kam mit Worten, wie sehr sie ein besseres Leben verdiene, dass sie sich nicht einschränken solle, wie wichtig es sei, anzunehmen, was das Schicksal bot.

Lena wehrte sich anfangs sie schämte sich, lehnte ab, versuchte zu erklären, dass sie solche Geschenke nicht brauchte. Doch Klaus bestand sanft darauf und überzeugte sie, es sei nur ein Zeichen der Wertschätzung, dass er wirklich von ihrem Verstand und ihrer Schönheit begeistert sei. Allmählich begann sie, seine Werbung anzunehmen. Die glänzende neue Wirklichkeit zog sie an: Abende in gemütlichen Restaurants, Fahrten mit komfortablen Taxis, die Möglichkeit, in jeden Laden zu gehen und zu kaufen, was ihr gefiel, ohne auf den Preis zu achten. All das wirkte wie ein magischer Traum, aus dem sie nicht erwachen wollte.

Und irgendwo zwischen diesen funkelnden Momenten begann sie, sich mit Klaus zu treffen. Nicht aus Leidenschaft, sondern weil seine Welt mit Leichtigkeit und Sicherheit lockte. Mit ihm musste sie sich keine Sorgen um den nächsten Tag machen oder überlegen, ob das Geld für die Miete oder einen neuen Anzug reichte. Er übernahm einfach alles und schuf um sie herum eine Atmosphäre der Sorglosigkeit.

Und dieses Leben gefiel Lena sehr. So sehr, dass sie den unglücklichen Jungen, der in sie verliebt war, völlig vergaß. Mehr noch jetzt begann sie, ihn zu verachten und zu behaupten, Lukas werde im Leben nie etwas erreichen.

Eines Tages kehrte Lena in ihre Heimatstadt zurück. Nicht, um Lukas zu sehen, nicht, um sich zu erklären oder auch nur zu grüßen. Sie wollte etwas anderes ihm ihr neues Leben zeigen, demonstrieren, wessen sie wirklich würdig war. Irgendwo tief drinnen keimte der Gedanke: Lass ihn sehen, dass sie sich nicht geirrt hatte, dass ihre Wahl richtig war, dass sie es geschafft hatte, aus dieser Ungewissheit auszubrechen, die ihre Beziehung umgeben hatte.

Sie plante den Besuch sorgfältig. Sie wählte ein Café in der Hauptstraße genau das, in das Lukas manchmal nach der Arbeit ging, um einen Kaffee zu trinken. Sie zog ein teures Kleid an, das ihr Klaus zum Geburtstag geschenkt hatte elegant, mit einem schmalen Gürtel, der ihre Taille betonte. An ihrer Hand funkelte ein Ring mit einem großen Stein ein weiteres Geschenk von ihm. In den Händen hielt sie eine Tasche aus der neuesten Kollektion, die sie am Vortag gekauft hatte, kaum dass sie sie im Schaufenster gesehen hatte.

Als Lukas das Café betrat, bemerkte Lena ihn sofort. Sie saß am Fenster, lachte absichtlich laut über etwas, das ihr Begleiter sagte, und drehte sich so, dass Lukas sie genau sehen konnte. Ihre Blicke trafen sich. In seinen Augen las sie Verwirrung, Schmerz, Unverständnis all das, was sie in sich selbst monatelang zu ignorieren versucht hatte. Doch statt sich zu schämen oder wegzuschauen, hielt sie seinem Blick stand, ohne zu zögern.

In diesem Moment schien es ihr ein Sieg zu sein. Sie hatte sich und ihm bewiesen, dass sie die richtige Wahl getroffen hatte. Dass ihr Leben jetzt keine endlosen Gespräche über die Zukunft war, sondern reale Möglichkeiten, Luxus und Sicherheit. Sie überzeugte sich, Zufriedenheit zu fühlen, endlich bekommen zu haben, was sie verdiente.

Doch als Lukas das Café verließ und sie am Tisch sitzen blieb, erstarb ihr Lachen allmählich. Sie blickte auf den Ring, die Tasche, ihren Begleiter, der weiterredete, und spürte plötzlich eine seltsame Leere. All das teure Dinge, schöne Gesten, Aufmerksamkeit wirkte plötzlich fern und unecht. Und obwohl sie weiter lächelte und das Gespräch aufrechterhielt, flüsterte etwas in ihr leise: War es das wert?

Der Sieg erwies sich als bitter das erkannte Lena nicht sofort, doch Tag für Tag wurde die Erkenntnis deutlicher. Anfangs behielt Klaus noch sein Bild als großzügiger, aufmerksamer Mann: Er lud sie in Restaurants ein, schenkte Blumen, machte Komplimente. Doch mit der Zeit erlosch sein Interesse, wie eine Kerze ohne Wachs.

Zuerst zeigte es sich in Kleinigkeiten. Statt warmer Worte kamen zurückhaltende Bemerkungen. Statt unerwarteter Geschenke kamen kurze Nachrichten: Fahr in den Laden und such dir etwas aus. Dann begannen scharfe Ausfälle. Er fing an, sich an ihrem Aussehen zu stören: Vielleicht solltest du ein bisschen mehr auf dich achten?, an ihrer Art zu sprechen: Warum lachst du so laut? Das ist vulgär, an Freunden, mit denen sie sich selten traf: Schon wieder diese provinziellen Bekannten? Findest du nicht, dass es Zeit ist für einen interessanteren Kreis?

Seine Anwesenheit in ihrem Leben wurde seltener. Er verschwand für Tage, manchmal Wochen, und ließ sie allein in der geräumigen Wohnung, die er selbst gemietet hatte. Lena verbrachte Abende allein, hörte dem Ticken der Uhr zu oder durchwühlte ziellos Sachen im Schrank. Wenn sie versuchte, mit ihm zu reden und zu erklären, dass ihr das Gespräch fehlte, winkte er nur ab, ohne ihr in die Augen zu sehen:

Du hast bekommen, was du wolltest. Was brauchst du noch?

Lena suchte nach Ausreden für sein Verhalten. Er hat ein schwieriges Geschäft, dachte sie, viel Stress wahrscheinlich. Oder: Er ist einfach müde, er braucht Zeit. Sie überzeugte sich, es seien vorübergehende Schwierigkeiten, bald werde sich alles einrenken, sie sei einfach zu anspruchsvoll. Doch tief drinnen verstand sie: Es lag nicht an Müdigkeit oder Arbeit. Sie war für ihn zu einem weiteren schönen Spielzeug geworden leuchtend, neu, Aufmerksamkeit erregend. Und als die Neuheit verblasste, erlosch das Interesse.

Sie ertrug es. Ertrug seine scharfen Worte, sein kaltes Schweigen, seine langen Abwesenheiten. Sie ertrug es, weil sie Angst hatte, sich einzugestehen, was ein Einziges, aber sehr Wichtiges war: Sie hatte sich geirrt. Wenn sie anerkannte, dass das glänzende Leben eine leere Hülle war, musste sie auch anerkennen, dass sie den einzigen Menschen verraten hatte, der sie wirklich geliebt hatte. Dass Lukas mit seiner bescheidenen Arbeit und seinen Träumen von seinem eigenen Geschäft derjenige war, der sie einfach dafür schätzte, was sie war, und nicht für den äußeren Glanz oder die Erfüllung irgendwelcher Vorstellungen von einer perfekten Partnerin.

Mit der Zeit brachten sogar die äußeren Zeichen des Luxus keine Freude mehr. Teure Kleider, die sie früher voller Begeisterung in Geschäften betrachtet hatte, hingen jetzt leblos im Schrank. Schmuckstücke, die einst Ehrfurcht hervorgerufen hatten, lagen in der Schatulle, als gehörten sie jemand anderem. Restaurants, die sie am Anfang so geliebt hatte mit gedämpftem Licht, raffinierten Gerichten und festlicher Stimmung , erregten jetzt bei ihrem bloßen Anblick Irritation. Der Duft teurer Parfüms, der ihr früher wie ein Symbol des neuen Lebens erschienen war, löste jetzt leichte Übelkeit aus.

Sie ertappte sich immer öfter dabei, aus dem Fenster zu blicken, Passanten zu beobachten und zu denken: Was, wenn Doch sie brach diese Gedanken sofort ab, aus Angst, ihnen freien Lauf zu lassen. Denn darauf folgte eine Frage, auf die sie keine Antwort hatte: Was dann?

In jenen einsamen Abenden, wenn sich draußen langsam die Dämmerung verdichtete und in der Wohnung eine fast klingende Stille herrschte, dachte Lena immer häufiger darüber nach, dass ihre Träume von Stabilität irgendwie leer waren. Sie stellte sich ein Leben vor, in dem es Sicherheit für den nächsten Tag gab, in dem man sich keine Sorgen um Geld machen musste, in dem alles geplant und geordnet war. Doch jetzt, sitzend in der geräumigen, gut eingerichteten Wohnung, verstand sie plötzlich klar: Ohne einen Menschen, mit dem man diese Stabilität teilen möchte, hatte all das keinen Sinn.

Ihre Gedanken kehrten unwillkürlich zu Lukas zurück. Sie erinnerte sich an seine Hände stark, etwas rau von der Arbeit, aber so warm, wenn er ihre Handflächen in seine nahm. Sie erinnerte sich an sein Lächeln nicht strahlend und auffällig, sondern still und aufrichtig, das erschien, wenn er wirklich glücklich war. Sie erinnerte sich daran, wie er über die Zukunft sprach: ohne Pathos und laute Versprechen, teilte einfach Pläne, glaubte, dass bei ihnen alles klappen würde. Und dieser Glaube war so echt, so greifbar, dass Lena damals fühlte mit ihm konnte sie sich vor nichts fürchten

Am dritten Tag ihres Aufenthalts beschloss Lena, durch den Park zu gehen, in dem sie einst zusammen spaziert waren. Da stand dieselbe Bank unter dem ausladenden Ahorn sie hatten oft hier gesessen, über alles Mögliche geplaudert, über Kleinigkeiten gelacht. Lena erinnerte sich, wie Lukas, auf die fallenden Blätter blickend, plötzlich sagte: Weißt du, ich möchte, dass wir ein eigenes Haus haben. Mit großen Fenstern, damit morgens die Sonne direkt ins Zimmer scheint. Und dass dort immer viel Licht und Glück ist. Damals hatte sie nur gelächelt und gedacht, das seien nur Träume. Doch jetzt klangen diese Worte anders wie etwas Verpasstes, Verlorenes.

Sie blieb stehen, atmete die kühle Luft ein und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Und in diesem Moment hörte sie eine vertraute Stimme:

Lena?

Sie drehte sich um. Vor ihr stand Markus ihr gemeinsamer Freund mit Lukas. Er sah überrascht aus, lächelte aber sofort, als freute er sich über das Treffen.

Ich hätte dich hier nicht erwartet, sagte er und hob leicht die Augenbrauen. Wie geht es dir?

Lena zögerte eine Sekunde, suchte nach Worten. Sie wollte leicht und ungezwungen antworten, doch ihre Stimme zitterte leicht, obwohl sie es zu verbergen versuchte.

Ganz in Ordnung, versuchte sie zu lächeln, und das Lächeln war nicht so gezwungen, wie sie befürchtet hatte. Ich bin gekommen, um meine Mutter zu besuchen.

Markus nickte, musterte sie aufmerksam, bohrte aber nicht weiter nach. Stattdessen zeigte er auf eine Bank in der Nähe:

Sollen wir uns setzen? Ich war gerade spazieren und habe überlegt, wohin ich als Nächstes gehe.

Lena stimmte zu, und sie gingen gemächlich zur Bank. Unterwegs erzählte Markus, wie es bei ihm lief, was Neues in der Stadt passiert war. Seine Stimme klang ruhig und freundschaftlich, und das entspannte Lena ein wenig. Sie hörte zu, warf gelegentlich kurze Bemerkungen ein, während sie selbst darüber nachdachte, wie seltsam sich alles entwickelte: Sie war in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, wo jeder Winkel an die Vergangenheit erinnerte, und schon traf sie jemanden, der Teil dieses Lebens gewesen war.

Markus nickte, schwieg einen Moment, als suchte er nach Worten, und fragte dann ruhig, ohne Druck:

Hast du Lukas gesehen?

Lena senkte unwillkürlich den Blick, ihre Augen glitten über die gefallenen Blätter unter ihren Füßen. Sie antwortete nicht sofort in ihrem Kopf blitzten Erinnerungen an das gestrige Treffen auf, an seinen kalten Blick, an jene kurzen, verletzenden Worte. Schließlich sagte sie leise:

Ja. Gestern.

Und wie?, fragte Markus und blickte sie aufmerksam an.

Er er will nichts von mir wissen, seufzte Lena, wobei sie jedes Wort mühsam hervorzubringen versuchte. Ihre Stimme klang ruhig, doch darin lag Niedergeschlagenheit, als versuchte sie, einen Sturm von Emotionen in sich zu halten. Er hasst mich.

Markus seufzte, setzte sich neben sie auf die Bank, stützte die Ellbogen auf die Knie und blickte in die Ferne, dorthin, wo die Allee des Parks in einen goldenen herbstlichen Dunst überging. Ein paar Sekunden schwieg er, als wöge er ab, was er sagen sollte, und dann sprach er leise:

Weißt du, er konnte lange nicht wieder zu sich finden. Du bist einfach verschwunden, Lena. Kein Anruf, kein Brief. Für ihn war das wie ein Schlag in den Rücken.

Lena ballte die Finger, spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog. Sie wusste das, verstand es, doch die Bestätigung von einer anderen Person zu hören, war schwerer, als sie erwartet hatte.

Ich weiß, flüsterte sie, ohne den Blick zu heben. Ich bin schuld.

Markus wandte leicht den Kopf zu ihr, doch er drängte nicht, begann keine Vorhaltungen. Stattdessen fuhr er fort, immer noch ruhig:

Er hat versucht, dich zu vergessen. Er hat sich mit jemandem getroffen, aber es hat nichts geklappt. Er sagt, dass er niemanden so lieben kann wie dich. Es ging ihm sehr schlecht, verstehst du? Und nach deinem demonstrativen Auftauchen Ich dachte, er würde sich ganz verschließen!

Lena nickte schweigend. Sie stellte sich vor, wie Lukas versuchte weiterzuleben, wie er sich zwang, nicht an sie zu denken, wie er wahrscheinlich jedes Mal zusammenzuckte bei einem ähnlichen Klang oder einer zufälligen Erinnerung. Und dieser Gedanke machte es noch schmerzhafter nicht, weil er litt, sondern weil genau sie die Ursache dieses Leidens war.

Ich wusste nicht, dass es so kommen würde, sagte sie leise, eher zu sich selbst als zu Markus. Ich dachte, ich treffe die richtige Wahl. Ich wollte Stabilität.

Markus widersprach nicht, versuchte nicht, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Er saß einfach neben ihr und gab ihr Zeit, das Gehörte zu verdauen. Im Park rauschte der Wind, Blätter wirbelten in einem langsamen Tanz, und irgendwo in der Ferne lachten Kinder, die am Brunnen spielten. Das Leben ging seinen Gang.

Lena ballte die Fäuste so fest, dass ihre Nägel leicht in die Haut ihrer Handflächen drückten. Sie versuchte, die Tränen zurückzuhalten, doch sie stiegen trotzdem in ihre Augen und trübten den Blick. In ihr zog sich alles vor der bitteren Erkenntnis zusammen: Sie konnte nichts reparieren, die Zeit nicht zurückdrehen, nicht auslöschen, was sie angerichtet hatte.

Ich bitte ihn nicht um Vergebung, sagte sie mit zitternder Stimme, mühsam nach Worten suchend. Ich wollte nur, dass er weiß ich bedauere es! Jeden Tag bedauere ich, was ich getan habe. Diese Gedanken lassen mir keine Ruhe! Ich erinnere mich ständig daran, wie alles war und wie ich alles zerstört habe.

Markus blickte sie aufmerksam an, ohne Verurteilung. Er eilte nicht mit einer Antwort man sah, dass er jedes Wort abwog.

Vielleicht muss er das gar nicht wissen, sagte er schließlich leise, aber bestimmt. Lass ihn in Ruhe, komm nicht mehr her, du machst es nur schlimmer. Er hat lange gebraucht, um sich nach deinem Weggang zu erholen. Und wahrscheinlich hat er gelernt, irgendwie damit umzugehen. Und dein Auftauchen es hat alles wieder aufgewühlt! Gestern hat er mich angerufen und er war furchtbar betrunken. Ich habe ihn schon lange nicht mehr so gesehen, verstehst du? Ruinier ihm nicht das Leben, Lena.

Das Mädchen biss sich fest auf die Lippe, schwieg aber. Sie verstand, dass Markus recht hatte! Ihre plötzliche Rückkehr, der Versuch, Lukas zu treffen all das hatte nur alte Wunden wieder aufgerissen, die er all die Jahre zu heilen versucht hatte. Sie wollte ihre Schuld sühnen, doch vielleicht hatte sie ihm damit nur neuen Schmerz zugefügt

Am Abend saß Lena am Fenster in der Wohnung ihrer Mutter. Hinter dem Glas gingen langsam die Lichter der Stadt an gelbe, orangefarbene, weiße sie verschmolzen zu einem seltsamen Mosaik, flackerten und glitzerten und schufen die Illusion eines Festes. Doch sie hatte keinen Sinn für die Schönheit der Abendstraßen. In ihrem Kopf wirbelten Gedanken einer nach dem anderen, wie Bilder aus einem alten Film, den sie nicht stoppen konnte.

Sie stellte sich vor, wie alles hätte sein können, wenn sie damals geblieben wäre. Wie sie zusammen die erste Wohnung gemietet hätten, wie Lukas sein Geschäft aufgebaut hätte, wie sie die Zukunft geplant hätten, über kleine Unannehmlichkeiten gelacht und sich über kleine Siege gefreut hätten. Sie dachte daran, wie viele glückliche Momente sie verpasst hatte, wie viele warme Worte sie nicht gesagt, wie viele Berührungen sie nicht geteilt hatte. Doch die Vergangenheit ließ sich nicht ändern das verstand sie klar wie nie zuvor.

Am nächsten Tag fuhr Lena ab. Sie packte ihre Sachen ohne Eile, ohne Hast, als wollte sie den Abschied hinauszögern. Die Mutter stand in der Tür des Zimmers, beobachtete sie schweigend, und in ihren Augen lag stille Traurigkeit kein Vorwurf, sondern einfach Trauer darüber, dass die Tochter wieder ging.

Pass auf dich auf, sagte die Mutter, als Lena schon im Flur stand und den Koffer in den Händen hielt.

Lena nickte, küsste sie auf die Wange, verweilte einen Moment, atmete den vertrauten Geruch des Zuhauses ein, und ging dann auf die Straße.

Am Bahnhof kaufte sie ein Ticket nach Berlin sie wollte nachdenken. Ein paar Tage im Zug, in Gesellschaft fremder Menschen Vielleicht würde ihr das helfen, zu verstehen, wie sie weiterleben sollte.

Der Zug setzte sich sanft in Bewegung, schaukelte leicht auf den Schienen. Lena nahm den Blick nicht vom Fenster. Draußen zogen langsam die vertrauten Umrisse der Stadt vorbei: fünfstöckige Häuser mit Balkonen, die mit Blumen bepflanzt waren, ein Spielplatz, auf dem sie einst mit Freundinnen gespielt hatte, eine kleine Bäckerei mit einem bunten Schild. Menschen eilten ihren Geschäften nach jemand mit einer Tüte Lebensmittel, jemand mit einem aufgespannten Regenschirm trotz des klaren Wetters, jemand eilte zur Bushaltestelle. All das war so gewöhnlich, so vertraut, aber schien jetzt unendlich fern.

Irgendwo dort, zwischen diesen Straßen und Häusern, war der Mensch geblieben, den sie mehr als alles auf der Welt geliebt hatte. Ein Mensch, dessen Augen leuchteten, wenn er über die Zukunft sprach, dessen Hände schwere Arbeit verrichten und gleichzeitig zärtlich ihre Hand halten konnten. Ein Mensch, dem sie keine Zeit gefunden hatte, ihren Weggang zu erklären, dem sie keine Chance gegeben hatte, sich zu verabschieden. Und jetzt war er für sie für immer verloren das verstand sie klar, egal wie sehr sie sich auch einreden wollte, dass noch nicht alles vorbei war

Ein halbes Jahr verging. Lena lebte weiter in Berlin, ging zur Arbeit, traf sich am Wochenende mit Freunden auf einen Kaffee, antwortete auf Fragen zu ihrem Wohlbefinden und ihren Plänen. Äußerlich sah alles so aus wie zuvor: derselbe Zeitplan, dieselben Orte, dieselben Gespräche. Doch in ihrem Inneren hatte sich etwas unwiderruflich verändert. Sie rannte nicht mehr vor der Vergangenheit davon, versuchte nicht, sie hinter neuen Bekanntschaften, teuren Käufen oder einem vollen Terminkalender zu verstecken. Jetzt blickte sie ihr direkt ins Gesicht, ohne Angst: Sie akzeptierte ihren Fehler, erkannte den Schmerz, den sie verursacht hatte, und ihre aufrichtige Reue.

Sie lernte, mit dem Gedanken aufzuwachen, dass das Leben weitergeht. Sie lernte, sich zu sagen: Ich habe getan, was ich getan habe. Es war falsch, aber es lässt sich nichts mehr ändern. Und in dieser Akzeptanz lag eine seltsame, stille Erleichterung keine Freude, nein, aber zumindest die Möglichkeit, ruhiger zu atmen, nach vorn zu blicken, ohne Panik.

Eines Abends, als Lena das Abendessen zubereitete, piepte ihr Telefon leise und meldete eine neue Nachricht. Sie wischte sich die Hände an einem Handtuch ab, nahm das Smartphone und sah eine unbekannte Nummer. Nur ein Satz auf dem Bildschirm: Ich hasse dich nicht. Aber ich kann dich auch nicht vergeben.

Lena erstarrte. Ihre Finger umklammerten das Telefon von selbst, und ihr Herz blieb für eine Sekunde stehen, um dann schneller zu schlagen. Sie ließ sich langsam auf den Boden sinken, drückte das Smartphone an ihre Brust, als ob sie dadurch den Herzschlag eines anderen Herzens spüren wollte dem des Menschen, der diese Worte geschrieben hatte.

Sie wusste nicht, was das bedeutete. Sie verstand nicht, wie sie diese Zeilen deuten sollte als einen Schritt aufeinander zu oder als ein endgültiges Lebewohl. Doch zum ersten Mal seit langer Zeit schien es ihr, als ob zwischen ihnen noch ein dünner Faden geblieben wäre. Fein, zerbrechlich, bereit, bei der kleinsten unvorsichtigen Bewegung zu reißen, aber dennoch eine Verbindung. Jemand dort, in einer anderen Stadt, dachte an sie. Jemand hatte sich entschieden zu schreiben, trotz des Schmerzes und der Kränkung. Jemand hatte die Tür nicht ganz geschlossen.

Lena lächelte durch Tränen. Das Lächeln war zaghaft, unsicher, aber echt. Vielleicht war es kein Ende. Vielleicht könnten sie irgendwann einmal ruhig reden ohne Vorwürfe, ohne Versuche, sich selbst oder den anderen zu rechtfertigen. Vielleicht fänden sie Worte, die ihnen beiden helfen würden, weiterzugehen zusammen oder getrennt, aber mit einem klaren Verständnis.

Und vorerst vorerst reichte es ihr zu wissen, dass er noch an sie dachte. Dass irgendwo dort, Hunderte von Kilometern entfernt, ein Mensch lebte, der sich an sie erinnerte, nicht nur als Fehler der Vergangenheit, sondern auch als Teil seiner Geschichte.

Und das vorerst war genug.Nichts hatte sich wirklich verändert

Lena zupfte nervös an ihrem Ärmel, während sie aus dem Fenster des Taxis starrte. Draußen glitten die Straßen ihrer Kindheit vorbei genau jene, auf denen sie einst mit Lukas gelaufen war, lachend und Zukunftsträume spinnend. Sieben Jahre Ganze sieben Jahre hatte sie ihre Heimatstadt nicht mehr betreten.

Wir sind da, meldete sich die Stimme des Fahrers und riss sie aus ihren Gedanken.

Das Taxi rollte sanft vor einem alten fünfstöckigen Haus aus. Lena tastete mechanisch nach ihrem Telefon, holte Geld hervor, bezahlte in Euro und stieg aus. Die Tür fiel zu, und für einen Augenblick blieb sie stehen, sog die Luft ihrer alten Stadt ein. Sie war wirklich anders als die große Metropole, in der sie jetzt lebte. Jeder Duft, jeder Klang weckte etwas tief in ihr. Es roch nach frisch gemähtem Gras aus dem nahen Park, ein Hauch von frisch gebackenem Brot aus der kleinen Bäckerei an der Ecke und nach etwas, das man nur mit einem Wort fassen konnte: Zuhause. Dieses Gemisch ließ ihr Herz schmerzhaft und zugleich süß zusammenziehen, als freute und fürchtete sie sich zugleich vor dem, was kam.

Sie war nur für ein paar Tage hergekommen. Offiziell, um ihre Mutter zu besuchen und bei längst überfälligen Papieren zu helfen. Sie wollte auch durch bekannte Ecken schlendern und prüfen, ob sie noch so waren wie in ihren Erinnerungen. Doch tief drinnen steckte ein anderer Grund vielleicht der wichtigste. Sie sehnte sich verzweifelt danach, Lukas wiederzusehen! Und wer wusste, vielleicht änderte sich dadurch alles?

Lena wusste, dass er nicht weit entfernt wohnte. Sie hatte sein Leben nicht verfolgt nein, sie hatte nie direkt nach ihm gefragt. Aber Freunde erwähnten bei Treffen oder in Nachrichten manchmal seinen Namen. So erfuhr sie Bruchstücke: Er hatte den Job gewechselt und eine gute Stelle, eine Wohnung gekauft und seine Mutter zu sich geholt Jedes Mal, wenn sie etwas hörte, malte sie sich aus, wie er jetzt aussah, was ihn beschäftigte, woran er dachte. Doch sofort verdrängte sie diese Bilder, aus Angst, ihnen zu viel Platz in ihrem Herzen zu geben

Am nächsten Tag beschloss Lena, durch das Stadtzentrum zu gehen. Sie hatte keine festen Pläne sie wollte einfach die Luft einatmen, die vertrauten Orte bei Tageslicht sehen und den Rhythmus der Straßen spüren, der einst zu ihrem Leben gehört hatte. Langsam schritt sie, warf Blicke in Schaufenster, lächelte flüchtig bei längst vergessenen Dingen: dem Zeitungsstand, wo sie einst Comic-Hefte gekauft hatte, der Bank, auf der sie mit Freundinnen nach der Schule gesessen hatte, dem Café, in dem sie zum ersten Mal einen Cappuccino probiert und ihn fast über ihre neue Bluse verschüttet hatte.

Plötzlich sah sie ihn.

Lukas ging auf der anderen Straßenseite. Er bemerkte sie nicht, blickte geradeaus, den Kopf leicht geneigt, als grübele er über etwas nach. Lena erstarrte. Alles in ihr kippte so heftig, dass sie einen Moment vergaß zu atmen. Er hatte sich nicht verändert immer noch groß, mit demselben leichten, entspannten Gang aus ihrer Jugend. Dieselbe Silhouette, dieselben Bewegungen, sogar dieselbe Frisur.

Ohne nachzudenken, rannte sie über die Straße. Die Ampel sprang auf Gelb, irgendwo hupte es scharf, doch sie hörte kaum etwas. Ihre Beine trugen sie einfach voran, ihr Herz hämmerte so laut, dass es schien, als dröhnte es durch die ganze Straße.

Lukas!, rief sie, als sie ihn vor dem Laden eingeholt hatte.

Ihre Stimme zitterte sie hatte nicht geahnt, wie aufgewühlt sie war. Er drehte sich um und nichts. Keine Freude im Blick, keine Wut. Nichts.

Lena?, sagte er ruhig, fast gleichgültig.

Dieser Ton so flach und ohne jede Regung traf sie härter als erwartet. Alles, was sich sieben Jahre aufgestaut hatte, brach plötzlich hervor. Tränen schossen in ihre Augen, die Stimme bebte, und sie konnte nicht mehr anhalten.

Lukas, ich ich bin so schuldig, brachte sie mühsam heraus. Ich weiß, ich habe kein Recht, dich anzusprechen, aber ich Sie schluchzte, kämpfte um Fassung, doch die Tränen liefen über ihre Wangen, und sie wischte sie nicht weg. Ich liebe dich. Ich liebe dich immer noch. Vergib mir. Bitte, vergib mir!

Sie redete schnell und stockend, als fürchtete sie, den Faden zu verlieren, wenn sie pausierte. In ihrem Kopf wirbelten Entschuldigungen, Erklärungen und Bitten, doch nur die wichtigsten Worte drangen heraus jene, die sie so lange in sich verschlossen hatte.

Sie schlang die Arme um ihn, presste sich an seine Brust, als könnte diese Geste alles zurückholen, was vor sieben Jahren verloren gegangen war. In diesem Augenblick gab es für sie weder die laute Straße noch die Passanten noch die Zeit nur die Wärme seines Körpers und die verzweifelte Hoffnung, dass er die Umarmung erwiderte.

Lukas wich nicht sofort zurück. Für einen winzigen Moment glaubte sie, er zögere die Schultern sanken leicht, die Hände hoben sich kaum spürbar, als wollte er sie ebenfalls halten. Dieser flüchtige Impuls entfachte einen Funken Hoffnung in ihr: Vielleicht ließ sich doch noch alles retten, vielleicht hatte er die Erinnerungen ebenfalls im Herzen bewahrt Vielleicht hatten sie noch eine gemeinsame Zukunft!

Doch der Augenblick verging. Lukas griff fest nach ihren Schultern und schob sie sanft, aber entschlossen von sich. Sein Gesicht blieb ruhig, fast ausdruckslos, der Blick fest und beinahe kalt. In diesen Augen war nichts mehr von dem Jungen, mit dem sie einst bis zu Tränen gelacht und von der Zukunft geträumt hatte. Vor ihr stand ein erwachsener Mann, dessen Gefühle längst hinter einer dicken Mauer verborgen lagen.

Verschwinde von hier, flüsterte er ihr ins Ohr.

Die Worte kamen leise und ohne jede Emotion, als bedeute sie ihm gar nichts. Als sei sie eine Fremde, die keiner Aufmerksamkeit wert war.

Ich hasse dich, fügte er eine Sekunde später hinzu, und erst jetzt blitzte unverhohlene Verachtung in seinem Blick auf.

Er drehte sich um und ging weg, ohne sich umzusehen. Lena stand wie betäubt. Die Welt um sie herum lief weiter: Menschen eilten ihren Terminen nach, Autos hupten an der Kreuzung, irgendwo lachten Kinder Ein Passant warf ihr einen schrägen Blick zu, vielleicht verwundert, warum das Mädchen mitten auf der Straße mit leerem Blick und blassem Gesicht verharrte. Doch sie nahm nichts wahr.

Nur das Echo seiner Schritte, das in der Ferne verebbte, und ihr eigenes Atmen abgehackt, stoßweise, hilflos. Jede Sekunde dehnte sich endlos, und in ihrem Kopf kreiste nur ein Gedanke: Das ist das Ende. Für immer.

Langsam schlurfte das Mädchen nach Hause. Die Beine gehorchten kaum, jeder Schritt fiel schwer, doch sie ging, den Blick ins Leere gerichtet. In ihrem Kopf war Leere keine Gedanken, keine Gefühle, nur das hohle Nachhallen seiner Worte, das in ihr pochte.

Als Lena die Wohnung ihrer Mutter betrat, versuchte sie nicht einmal, etwas zu erklären. Schweigend ging sie in ihr Zimmer, sank auf einen Stuhl und starrte aus dem Fenster. Die Mutter sah das verweinte Gesicht und den erloschenen Blick, stellte keine Fragen. Sie seufzte nur leise, als hätte sie diesen Moment schon lange erwartet, und ging, Wasser aufzusetzen. Das vertraute Zischen des kochenden Wassers, der Duft von aufgegossenem Tee all das wirkte so alltäglich, so im Gegensatz zu dem Sturm in Lenas Innerem. Doch genau diese Schlichtheit und Gewohnheit holte sie ein wenig zurück in die Wirklichkeit.

Er hat nicht vergeben, flüsterte Lena, die Tasse mit heißem Tee in den Händen. Der warme Dampf kitzelte ihr Gesicht, doch sie spürte es kaum. Die Finger schlossen sich fester um das Porzellan, als hielte sie etwas Unfassbares fest, und ihr Blick blieb auf die bernsteinfarbene Oberfläche des Getränks gerichtet, in der die trüben Reflexe der Tischlampe tanzten.

Die Mutter setzte sich neben sie, streichelte ihr still und ohne viele Worte die Schulter. Die Berührung war sanft und vertraut wie in der Kindheit, wenn Lena mit aufgeschlagenem Knie oder nach einem Streit mit einer Freundin nach Hause kam. Diese einfache Geste ließ sie plötzlich klein und verletzlich fühlen, als wären alle erwachsenen Entscheidungen und Taten der letzten Jahre spurlos verschwunden.

Du hast doch gewusst, dass es so kommen würde, sagte die Mutter leise, ohne Vorwurf, eher mit stiller Trauer.

Gewusst, nickte Lena und hob endlich den Blick von der Tasse. Ihre Stimme klang ruhig, doch darin lag Müdigkeit, als hätte sie diesen Satz schon lange in Gedanken geübt. Aber ich habe gehofft. Dumm, oder?

Nicht dumm, widersprach die Mutter sanft. Du hast einfach diesen Weg gewählt. Du hast Lukas sehr wehgetan, er konnte sich lange nicht von eurem Bruch erholen Er hat sich in den Kai aus dem alten Kindermärchen verwandelt. Niemand konnte mehr sein Herz erreichen.

Lena seufzte tief, stellte die Tasse ab und lehnte sich zurück. Vor ihren Augen tauchten ungewollt Bilder von vor sieben Jahren auf.

Damals schien alles so einfach, so klar. Sie war zweiundzwanzig ein Alter, in dem die Zukunft in leuchtenden Farben gemalt wird und jede Hürde überwindbar erscheint. An ihrer Seite stand Lukas freundlich, zuverlässig, der Mensch, auf den man sich in jeder Lage verlassen konnte. Er glänzte nicht durch schöne Worte, konnte nicht gefühlvoll über Gefühle reden, doch seine Taten sprachen lauter: Er kam immer zur Hilfe, hörte zu, unterstützte sie sogar in kleinen Dingen.

Doch es gab ein Problem oder eher das, was Lena damals dafür hielt. Lukas arbeitete auf Baustellen, studierte nebenbei, träumte davon, sein eigenes Geschäft zu starten. Seine Pläne waren ernst und durchdacht, brauchten aber Zeit und das Mädchen wollte nicht warten.

Sie träumte nicht von Reichtum, nein. Sie sehnte sich nicht nach Luxus, sondern nach Stabilität, nach Sicherheit für den nächsten Tag. Sie wollte wissen, dass sie in einem Jahr, in zwei oder fünf Jahren Arbeit, eine Wohnung und die Möglichkeit haben würde, ihr Leben nach eigenen Regeln zu gestalten. Neben Lukas wirkte alles zu ungewiss: endlose Aushilfsjobs, abendliches Lernen, Zukunftsträume, die bisher nur Träume geblieben waren.

Und als ihr Onkel aus Berlin ihr einen Job in seiner Firma anbot, sagte sie zu. Ohne zu zögern, fast ohne zu schwanken. Es war eine echte Chance greifbar und nicht zu versäumen.

Es gab noch eine andere Wahrheit die, über die Lena nicht nachdenken wollte. In genau jener Zeit, als sie nach Berlin gezogen war und arbeitete, tauchte Klaus in ihrem Leben auf. Er war ein wohlhabender Geschäftsmann, doppelt so alt wie sie, mit selbstsicheren Manieren und dem Willen, alles zu bekommen, was er wollte. Ihre Bekanntschaft war zufällig auf einer Firmenfeier, zu der Lena in einem neuen Kleid gekommen war und sich etwas fehl am Platz fühlte unter den seriösen Kollegen. Klaus bemerkte sie sofort: Er setzte sich zu ihr, fing ein Gespräch an, fragte nach ihrer Arbeit, ihren Plänen, ihrem Leben.

Er sparte nicht mit Aufmerksamkeit. Zuerst Blumen keine großen Sträuße, sondern ordentliche Buketts, die mit einer Nachricht ins Büro gebracht wurden: Für die Schönste. Dann Einladungen in Restaurants, in die Lena früher nur von draußen schauen konnte. Er nahm sie zu Ausstellungen, ins Theater, schenkte Dinge, von denen sie zuvor nicht zu träumen gewagt hatte: Seidenschals, elegante Schmuckstücke, Schuhe mit hohen Absätzen. Jedes Geschenk kam mit Worten, wie sehr sie ein besseres Leben verdiene, dass sie sich nicht einschränken solle, wie wichtig es sei, anzunehmen, was das Schicksal bot.

Lena wehrte sich anfangs sie schämte sich, lehnte ab, versuchte zu erklären, dass sie solche Geschenke nicht brauchte. Doch Klaus bestand sanft darauf und überzeugte sie, es sei nur ein Zeichen der Wertschätzung, dass er wirklich von ihrem Verstand und ihrer Schönheit begeistert sei. Allmählich begann sie, seine Werbung anzunehmen. Die glänzende neue Wirklichkeit zog sie an: Abende in gemütlichen Restaurants, Fahrten mit komfortablen Taxis, die Möglichkeit, in jeden Laden zu gehen und zu kaufen, was ihr gefiel, ohne auf den Preis zu achten. All das wirkte wie ein magischer Traum, aus dem sie nicht erwachen wollte.

Und irgendwo zwischen diesen funkelnden Momenten begann sie, sich mit Klaus zu treffen. Nicht aus Leidenschaft, sondern weil seine Welt mit Leichtigkeit und Sicherheit lockte. Mit ihm musste sie sich keine Sorgen um den nächsten Tag machen oder überlegen, ob das Geld für die Miete oder einen neuen Anzug reichte. Er übernahm einfach alles und schuf um sie herum eine Atmosphäre der Sorglosigkeit.

Und dieses Leben gefiel Lena sehr. So sehr, dass sie den unglücklichen Jungen, der in sie verliebt war, völlig vergaß. Mehr noch jetzt begann sie, ihn zu verachten und zu behaupten, Lukas werde im Leben nie etwas erreichen.

Eines Tages kehrte Lena in ihre Heimatstadt zurück. Nicht, um Lukas zu sehen, nicht, um sich zu erklären oder auch nur zu grüßen. Sie wollte etwas anderes ihm ihr neues Leben zeigen, demonstrieren, wessen sie wirklich würdig war. Irgendwo tief drinnen keimte der Gedanke: Lass ihn sehen, dass sie sich nicht geirrt hatte, dass ihre Wahl richtig war, dass sie es geschafft hatte, aus dieser Ungewissheit auszubrechen, die ihre Beziehung umgeben hatte.

Sie plante den Besuch sorgfältig. Sie wählte ein Café in der Hauptstraße genau das, in das Lukas manchmal nach der Arbeit ging, um einen Kaffee zu trinken. Sie zog ein teures Kleid an, das ihr Klaus zum Geburtstag geschenkt hatte elegant, mit einem schmalen Gürtel, der ihre Taille betonte. An ihrer Hand funkelte ein Ring mit einem großen Stein ein weiteres Geschenk von ihm. In den Händen hielt sie eine Tasche aus der neuesten Kollektion, die sie am Vortag gekauft hatte, kaum dass sie sie im Schaufenster gesehen hatte.

Als Lukas das Café betrat, bemerkte Lena ihn sofort. Sie saß am Fenster, lachte absichtlich laut über etwas, das ihr Begleiter sagte, und drehte sich so, dass Lukas sie genau sehen konnte. Ihre Blicke trafen sich. In seinen Augen las sie Verwirrung, Schmerz, Unverständnis all das, was sie in sich selbst monatelang zu ignorieren versucht hatte. Doch statt sich zu schämen oder wegzuschauen, hielt sie seinem Blick stand, ohne zu zögern.

In diesem Moment schien es ihr ein Sieg zu sein. Sie hatte sich und ihm bewiesen, dass sie die richtige Wahl getroffen hatte. Dass ihr Leben jetzt keine endlosen Gespräche über die Zukunft war, sondern reale Möglichkeiten, Luxus und Sicherheit. Sie überzeugte sich, Zufriedenheit zu fühlen, endlich bekommen zu haben, was sie verdiente.

Doch als Lukas das Café verließ und sie am Tisch sitzen blieb, erstarb ihr Lachen allmählich. Sie blickte auf den Ring, die Tasche, ihren Begleiter, der weiterredete, und spürte plötzlich eine seltsame Leere. All das teure Dinge, schöne Gesten, Aufmerksamkeit wirkte plötzlich fern und unecht. Und obwohl sie weiter lächelte und das Gespräch aufrechterhielt, flüsterte etwas in ihr leise: War es das wert?

Der Sieg erwies sich als bitter das erkannte Lena nicht sofort, doch Tag für Tag wurde die Erkenntnis deutlicher. Anfangs behielt Klaus noch sein Bild als großzügiger, aufmerksamer Mann: Er lud sie in Restaurants ein, schenkte Blumen, machte Komplimente. Doch mit der Zeit erlosch sein Interesse, wie eine Kerze ohne Wachs.

Zuerst zeigte es sich in Kleinigkeiten. Statt warmer Worte kamen zurückhaltende Bemerkungen. Statt unerwarteter Geschenke kamen kurze Nachrichten: Fahr in den Laden und such dir etwas aus. Dann begannen scharfe Ausfälle. Er fing an, sich an ihrem Aussehen zu stören: Vielleicht solltest du ein bisschen mehr auf dich achten?, an ihrer Art zu sprechen: Warum lachst du so laut? Das ist vulgär, an Freunden, mit denen sie sich selten traf: Schon wieder diese provinziellen Bekannten? Findest du nicht, dass es Zeit ist für einen interessanteren Kreis?

Seine Anwesenheit in ihrem Leben wurde seltener. Er verschwand für Tage, manchmal Wochen, und ließ sie allein in der geräumigen Wohnung, die er selbst gemietet hatte. Lena verbrachte Abende allein, hörte dem Ticken der Uhr zu oder durchwühlte ziellos Sachen im Schrank. Wenn sie versuchte, mit ihm zu reden und zu erklären, dass ihr das Gespräch fehlte, winkte er nur ab, ohne ihr in die Augen zu sehen:

Du hast bekommen, was du wolltest. Was brauchst du noch?

Lena suchte nach Ausreden für sein Verhalten. Er hat ein schwieriges Geschäft, dachte sie, viel Stress wahrscheinlich. Oder: Er ist einfach müde, er braucht Zeit. Sie überzeugte sich, es seien vorübergehende Schwierigkeiten, bald werde sich alles einrenken, sie sei einfach zu anspruchsvoll. Doch tief drinnen verstand sie: Es lag nicht an Müdigkeit oder Arbeit. Sie war für ihn zu einem weiteren schönen Spielzeug geworden leuchtend, neu, Aufmerksamkeit erregend. Und als die Neuheit verblasste, erlosch das Interesse.

Sie ertrug es. Ertrug seine scharfen Worte, sein kaltes Schweigen, seine langen Abwesenheiten. Sie ertrug es, weil sie Angst hatte, sich einzugestehen, was ein Einziges, aber sehr Wichtiges war: Sie hatte sich geirrt. Wenn sie anerkannte, dass das glänzende Leben eine leere Hülle war, musste sie auch anerkennen, dass sie den einzigen Menschen verraten hatte, der sie wirklich geliebt hatte. Dass Lukas mit seiner bescheidenen Arbeit und seinen Träumen von seinem eigenen Geschäft derjenige war, der sie einfach dafür schätzte, was sie war, und nicht für den äußeren Glanz oder die Erfüllung irgendwelcher Vorstellungen von einer perfekten Partnerin.

Mit der Zeit brachten sogar die äußeren Zeichen des Luxus keine Freude mehr. Teure Kleider, die sie früher voller Begeisterung in Geschäften betrachtet hatte, hingen jetzt leblos im Schrank. Schmuckstücke, die einst Ehrfurcht hervorgerufen hatten, lagen in der Schatulle, als gehörten sie jemand anderem. Restaurants, die sie am Anfang so geliebt hatte mit gedämpftem Licht, raffinierten Gerichten und festlicher Stimmung , erregten jetzt bei ihrem bloßen Anblick Irritation. Der Duft teurer Parfüms, der ihr früher wie ein Symbol des neuen Lebens erschienen war, löste jetzt leichte Übelkeit aus.

Sie ertappte sich immer öfter dabei, aus dem Fenster zu blicken, Passanten zu beobachten und zu denken: Was, wenn Doch sie brach diese Gedanken sofort ab, aus Angst, ihnen freien Lauf zu lassen. Denn darauf folgte eine Frage, auf die sie keine Antwort hatte: Was dann?

In jenen einsamen Abenden, wenn sich draußen langsam die Dämmerung verdichtete und in der Wohnung eine fast klingende Stille herrschte, dachte Lena immer häufiger darüber nach, dass ihre Träume von Stabilität irgendwie leer waren. Sie stellte sich ein Leben vor, in dem es Sicherheit für den nächsten Tag gab, in dem man sich keine Sorgen um Geld machen musste, in dem alles geplant und geordnet war. Doch jetzt, sitzend in der geräumigen, gut eingerichteten Wohnung, verstand sie plötzlich klar: Ohne einen Menschen, mit dem man diese Stabilität teilen möchte, hatte all das keinen Sinn.

Ihre Gedanken kehrten unwillkürlich zu Lukas zurück. Sie erinnerte sich an seine Hände stark, etwas rau von der Arbeit, aber so warm, wenn er ihre Handflächen in seine nahm. Sie erinnerte sich an sein Lächeln nicht strahlend und auffällig, sondern still und aufrichtig, das erschien, wenn er wirklich glücklich war. Sie erinnerte sich daran, wie er über die Zukunft sprach: ohne Pathos und laute Versprechen, teilte einfach Pläne, glaubte, dass bei ihnen alles klappen würde. Und dieser Glaube war so echt, so greifbar, dass Lena damals fühlte mit ihm konnte sie sich vor nichts fürchten

Am dritten Tag ihres Aufenthalts beschloss Lena, durch den Park zu gehen, in dem sie einst zusammen spaziert waren. Da stand dieselbe Bank unter dem ausladenden Ahorn sie hatten oft hier gesessen, über alles Mögliche geplaudert, über Kleinigkeiten gelacht. Lena erinnerte sich, wie Lukas, auf die fallenden Blätter blickend, plötzlich sagte: Weißt du, ich möchte, dass wir ein eigenes Haus haben. Mit großen Fenstern, damit morgens die Sonne direkt ins Zimmer scheint. Und dass dort immer viel Licht und Glück ist. Damals hatte sie nur gelächelt und gedacht, das seien nur Träume. Doch jetzt klangen diese Worte anders wie etwas Verpasstes, Verlorenes.

Sie blieb stehen, atmete die kühle Luft ein und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Und in diesem Moment hörte sie eine vertraute Stimme:

Lena?

Sie drehte sich um. Vor ihr stand Markus ihr gemeinsamer Freund mit Lukas. Er sah überrascht aus, lächelte aber sofort, als freute er sich über das Treffen.

Ich hätte dich hier nicht erwartet, sagte er und hob leicht die Augenbrauen. Wie geht es dir?

Lena zögerte eine Sekunde, suchte nach Worten. Sie wollte leicht und ungezwungen antworten, doch ihre Stimme zitterte leicht, obwohl sie es zu verbergen versuchte.

Ganz in Ordnung, versuchte sie zu lächeln, und das Lächeln war nicht so gezwungen, wie sie befürchtet hatte. Ich bin gekommen, um meine Mutter zu besuchen.

Markus nickte, musterte sie aufmerksam, bohrte aber nicht weiter nach. Stattdessen zeigte er auf eine Bank in der Nähe:

Sollen wir uns setzen? Ich war gerade spazieren und habe überlegt, wohin ich als Nächstes gehe.

Lena stimmte zu, und sie gingen gemächlich zur Bank. Unterwegs erzählte Markus, wie es bei ihm lief, was Neues in der Stadt passiert war. Seine Stimme klang ruhig und freundschaftlich, und das entspannte Lena ein wenig. Sie hörte zu, warf gelegentlich kurze Bemerkungen ein, während sie selbst darüber nachdachte, wie seltsam sich alles entwickelte: Sie war in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, wo jeder Winkel an die Vergangenheit erinnerte, und schon traf sie jemanden, der Teil dieses Lebens gewesen war.

Markus nickte, schwieg einen Moment, als suchte er nach Worten, und fragte dann ruhig, ohne Druck:

Hast du Lukas gesehen?

Lena senkte unwillkürlich den Blick, ihre Augen glitten über die gefallenen Blätter unter ihren Füßen. Sie antwortete nicht sofort in ihrem Kopf blitzten Erinnerungen an das gestrige Treffen auf, an seinen kalten Blick, an jene kurzen, verletzenden Worte. Schließlich sagte sie leise:

Ja. Gestern.

Und wie?, fragte Markus und blickte sie aufmerksam an.

Er er will nichts von mir wissen, seufzte Lena, wobei sie jedes Wort mühsam hervorzubringen versuchte. Ihre Stimme klang ruhig, doch darin lag Niedergeschlagenheit, als versuchte sie, einen Sturm von Emotionen in sich zu halten. Er hasst mich.

Markus seufzte, setzte sich neben sie auf die Bank, stützte die Ellbogen auf die Knie und blickte in die Ferne, dorthin, wo die Allee des Parks in einen goldenen herbstlichen Dunst überging. Ein paar Sekunden schwieg er, als wöge er ab, was er sagen sollte, und dann sprach er leise:

Weißt du, er konnte lange nicht wieder zu sich finden. Du bist einfach verschwunden, Lena. Kein Anruf, kein Brief. Für ihn war das wie ein Schlag in den Rücken.

Lena ballte die Finger, spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog. Sie wusste das, verstand es, doch die Bestätigung von einer anderen Person zu hören, war schwerer, als sie erwartet hatte.

Ich weiß, flüsterte sie, ohne den Blick zu heben. Ich bin schuld.

Markus wandte leicht den Kopf zu ihr, doch er drängte nicht, begann keine Vorhaltungen. Stattdessen fuhr er fort, immer noch ruhig:

Er hat versucht, dich zu vergessen. Er hat sich mit jemandem getroffen, aber es hat nichts geklappt. Er sagt, dass er niemanden so lieben kann wie dich. Es ging ihm sehr schlecht, verstehst du? Und nach deinem demonstrativen Auftauchen Ich dachte, er würde sich ganz verschließen!

Lena nickte schweigend. Sie stellte sich vor, wie Lukas versuchte weiterzuleben, wie er sich zwang, nicht an sie zu denken, wie er wahrscheinlich jedes Mal zusammenzuckte bei einem ähnlichen Klang oder einer zufälligen Erinnerung. Und dieser Gedanke machte es noch schmerzhafter nicht, weil er litt, sondern weil genau sie die Ursache dieses Leidens war.

Ich wusste nicht, dass es so kommen würde, sagte sie leise, eher zu sich selbst als zu Markus. Ich dachte, ich treffe die richtige Wahl. Ich wollte Stabilität.

Markus widersprach nicht, versuchte nicht, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Er saß einfach neben ihr und gab ihr Zeit, das Gehörte zu verdauen. Im Park rauschte der Wind, Blätter wirbelten in einem langsamen Tanz, und irgendwo in der Ferne lachten Kinder, die am Brunnen spielten. Das Leben ging seinen Gang.

Lena ballte die Fäuste so fest, dass ihre Nägel leicht in die Haut ihrer Handflächen drückten. Sie versuchte, die Tränen zurückzuhalten, doch sie stiegen trotzdem in ihre Augen und trübten den Blick. In ihr zog sich alles vor der bitteren Erkenntnis zusammen: Sie konnte nichts reparieren, die Zeit nicht zurückdrehen, nicht auslöschen, was sie angerichtet hatte.

Ich bitte ihn nicht um Vergebung, sagte sie mit zitternder Stimme, mühsam nach Worten suchend. Ich wollte nur, dass er weiß ich bedauere es! Jeden Tag bedauere ich, was ich getan habe. Diese Gedanken lassen mir keine Ruhe! Ich erinnere mich ständig daran, wie alles war und wie ich alles zerstört habe.

Markus blickte sie aufmerksam an, ohne Verurteilung. Er eilte nicht mit einer Antwort man sah, dass er jedes Wort abwog.

Vielleicht muss er das gar nicht wissen, sagte er schließlich leise, aber bestimmt. Lass ihn in Ruhe, komm nicht mehr her, du machst es nur schlimmer. Er hat lange gebraucht, um sich nach deinem Weggang zu erholen. Und wahrscheinlich hat er gelernt, irgendwie damit umzugehen. Und dein Auftauchen es hat alles wieder aufgewühlt! Gestern hat er mich angerufen und er war furchtbar betrunken. Ich habe ihn schon lange nicht mehr so gesehen, verstehst du? Ruinier ihm nicht das Leben, Lena.

Das Mädchen biss sich fest auf die Lippe, schwieg aber. Sie verstand, dass Markus recht hatte! Ihre plötzliche Rückkehr, der Versuch, Lukas zu treffen all das hatte nur alte Wunden wieder aufgerissen, die er all die Jahre zu heilen versucht hatte. Sie wollte ihre Schuld sühnen, doch vielleicht hatte sie ihm damit nur neuen Schmerz zugefügt

Am Abend saß Lena am Fenster in der Wohnung ihrer Mutter. Hinter dem Glas gingen langsam die Lichter der Stadt an gelbe, orangefarbene, weiße sie verschmolzen zu einem seltsamen Mosaik, flackerten und glitzerten und schufen die Illusion eines Festes. Doch sie hatte keinen Sinn für die Schönheit der Abendstraßen. In ihrem Kopf wirbelten Gedanken einer nach dem anderen, wie Bilder aus einem alten Film, den sie nicht stoppen konnte.

Sie stellte sich vor, wie alles hätte sein können, wenn sie damals geblieben wäre. Wie sie zusammen die erste Wohnung gemietet hätten, wie Lukas sein Geschäft aufgebaut hätte, wie sie die Zukunft geplant hätten, über kleine Unannehmlichkeiten gelacht und sich über kleine Siege gefreut hätten. Sie dachte daran, wie viele glückliche Momente sie verpasst hatte, wie viele warme Worte sie nicht gesagt, wie viele Berührungen sie nicht geteilt hatte. Doch die Vergangenheit ließ sich nicht ändern das verstand sie klar wie nie zuvor.

Am nächsten Tag fuhr Lena ab. Sie packte ihre Sachen ohne Eile, ohne Hast, als wollte sie den Abschied hinauszögern. Die Mutter stand in der Tür des Zimmers, beobachtete sie schweigend, und in ihren Augen lag stille Traurigkeit kein Vorwurf, sondern einfach Trauer darüber, dass die Tochter wieder ging.

Pass auf dich auf, sagte die Mutter, als Lena schon im Flur stand und den Koffer in den Händen hielt.

Lena nickte, küsste sie auf die Wange, verweilte einen Moment, atmete den vertrauten Geruch des Zuhauses ein, und ging dann auf die Straße.

Am Bahnhof kaufte sie ein Ticket nach Berlin sie wollte nachdenken. Ein paar Tage im Zug, in Gesellschaft fremder Menschen Vielleicht würde ihr das helfen, zu verstehen, wie sie weiterleben sollte.

Der Zug setzte sich sanft in Bewegung, schaukelte leicht auf den Schienen. Lena nahm den Blick nicht vom Fenster. Draußen zogen langsam die vertrauten Umrisse der Stadt vorbei: fünfstöckige Häuser mit Balkonen, die mit Blumen bepflanzt waren, ein Spielplatz, auf dem sie einst mit Freundinnen gespielt hatte, eine kleine Bäckerei mit einem bunten Schild. Menschen eilten ihren Geschäften nach jemand mit einer Tüte Lebensmittel, jemand mit einem aufgespannten Regenschirm trotz des klaren Wetters, jemand eilte zur Bushaltestelle. All das war so gewöhnlich, so vertraut, aber schien jetzt unendlich fern.

Irgendwo dort, zwischen diesen Straßen und Häusern, war der Mensch geblieben, den sie mehr als alles auf der Welt geliebt hatte. Ein Mensch, dessen Augen leuchteten, wenn er über die Zukunft sprach, dessen Hände schwere Arbeit verrichten und gleichzeitig zärtlich ihre Hand halten konnten. Ein Mensch, dem sie keine Zeit gefunden hatte, ihren Weggang zu erklären, dem sie keine Chance gegeben hatte, sich zu verabschieden. Und jetzt war er für sie für immer verloren das verstand sie klar, egal wie sehr sie sich auch einreden wollte, dass noch nicht alles vorbei war

Ein halbes Jahr verging. Lena lebte weiter in Berlin, ging zur Arbeit, traf sich am Wochenende mit Freunden auf einen Kaffee, antwortete auf Fragen zu ihrem Wohlbefinden und ihren Plänen. Äußerlich sah alles so aus wie zuvor: derselbe Zeitplan, dieselben Orte, dieselben Gespräche. Doch in ihrem Inneren hatte sich etwas unwiderruflich verändert. Sie rannte nicht mehr vor der Vergangenheit davon, versuchte nicht, sie hinter neuen Bekanntschaften, teuren Käufen oder einem vollen Terminkalender zu verstecken. Jetzt blickte sie ihr direkt ins Gesicht, ohne Angst: Sie akzeptierte ihren Fehler, erkannte den Schmerz, den sie verursacht hatte, und ihre aufrichtige Reue.

Sie lernte, mit dem Gedanken aufzuwachen, dass das Leben weitergeht. Sie lernte, sich zu sagen: Ich habe getan, was ich getan habe. Es war falsch, aber es lässt sich nichts mehr ändern. Und in dieser Akzeptanz lag eine seltsame, stille Erleichterung keine Freude, nein, aber zumindest die Möglichkeit, ruhiger zu atmen, nach vorn zu blicken, ohne Panik.

Eines Abends, als Lena das Abendessen zubereitete, piepte ihr Telefon leise und meldete eine neue Nachricht. Sie wischte sich die Hände an einem Handtuch ab, nahm das Smartphone und sah eine unbekannte Nummer. Nur ein Satz auf dem Bildschirm: Ich hasse dich nicht. Aber ich kann dich auch nicht vergeben.

Lena erstarrte. Ihre Finger umklammerten das Telefon von selbst, und ihr Herz blieb für eine Sekunde stehen, um dann schneller zu schlagen. Sie ließ sich langsam auf den Boden sinken, drückte das Smartphone an ihre Brust, als ob sie dadurch den Herzschlag eines anderen Herzens spüren wollte dem des Menschen, der diese Worte geschrieben hatte.

Sie wusste nicht, was das bedeutete. Sie verstand nicht, wie sie diese Zeilen deuten sollte als einen Schritt aufeinander zu oder als ein endgültiges Lebewohl. Doch zum ersten Mal seit langer Zeit schien es ihr, als ob zwischen ihnen noch ein dünner Faden geblieben wäre. Fein, zerbrechlich, bereit, bei der kleinsten unvorsichtigen Bewegung zu reißen, aber dennoch eine Verbindung. Jemand dort, in einer anderen Stadt, dachte an sie. Jemand hatte sich entschieden zu schreiben, trotz des Schmerzes und der Kränkung. Jemand hatte die Tür nicht ganz geschlossen.

Lena lächelte durch Tränen. Das Lächeln war zaghaft, unsicher, aber echt. Vielleicht war es kein Ende. Vielleicht könnten sie irgendwann einmal ruhig reden ohne Vorwürfe, ohne Versuche, sich selbst oder den anderen zu rechtfertigen. Vielleicht fänden sie Worte, die ihnen beiden helfen würden, weiterzugehen zusammen oder getrennt, aber mit einem klaren Verständnis.

Und vorerst vorerst reichte es ihr zu wissen, dass er noch an sie dachte. Dass irgendwo dort, Hunderte von Kilometern entfernt, ein Mensch lebte, der sich an sie erinnerte, nicht nur als Fehler der Vergangenheit, sondern auch als Teil seiner Geschichte.

Und das vorerst war genug.

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Homy
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