Nicht länger meine Schwester

Nicht mehr meine Schwester

Das Telefon klingelte um halb acht am Morgen, während ich noch am Herd stand und den Haferbrei umrührte. Die Nummer war mir vertraut, obwohl ich mich kaum erinnern konnte, wann ich diese Stimme zuletzt gehört hatte.

Birgit, guten Morgen. Bist du schon wach?

Katharinas Stimme war leise, etwas heiser so, wie nach langem Weinen oder wenn man nicht geschlafen hat. Ich schaltete den Herd kleiner und lehnte mich ans Fensterbrett.

Ich bin wach. Was ist los?

Ich ich müsste reden. Darf ich?

Rede.

Eine kurze Pause. Ihr Atmen war im Hörer zu hören.

Er ist weg, Birgit. Er hat mich verlassen. Für immer.

Ich schwieg. Sah aus dem Küchenfenster auf den Hof, wo bereits jemand mit einem Dackel spazieren ging. In mir drin war es erstaunlich ruhig. Nicht leer, sondern still wie in einem Raum, in dem alle unnötigen Dinge entfernt wurden, sodass nur noch Platz bleibt.

Birgit, hörst du mich?

Ja.

Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich stecke in Schulden. Und ich habe keine Wohnung mehr. Wirklich keinen Ort, wohin ich gehen kann.

Ich legte den Holzlöffel auf die Ablage, schaltete den Herd aus und blickte in meine Küche. Helles Holz, schlichte Keramik auf den Regalen, weiße Gardinen alles so, wie ich es wollte. Alles meins.

Birgit, ich weiß, zwischen uns war nun, du weißt schon. Aber du bist doch meine Schwester. Du lässt mich doch nicht einfach so im Regen stehen.

Ich nahm das Telefon, schaute auf den Bildschirm. Dann drückte ich auf Löschen. Navigierte zu den Kontakten blockierte ihre Nummer.

Legte das Handy auf den Tisch, goss Tee in meine Lieblingstasse mit blauem Rand und trat hinaus auf die Terrasse.

Der Morgen war kühl ein Maitag, der nach Flieder und feuchter Erde roch. Irgendwo hinterm Zaun sang eine Amsel. Ich stellte die Tasse auf das hölzerne Geländer, stützte mich daneben auf und schaute einfach in den Garten.

Mein Garten. Meine Terrasse. Mein Morgen.

Aber das war kein Anfang. Es war das Ende. Das Anfang lag lange zurück, an einem ganz anderen Tag.

***

Ich bin achtundvierzig. Mein Name ist Birgit Niemann, geborene Schwarzkopf. Nach der Scheidung habe ich meinen Mädchennamen nicht wieder angenommen. Ich lebe in der Nähe von München, in einem kleinen Ort am Rande eines Waldes mit einem Badesee. Bis ins Zentrum sind es mit der S-Bahn keine halbe Stunde. Als mein Mann Markus und ich das Haus vor sieben Jahren kauften, glaubte ich damals, damit alles gefunden zu haben, was ich zum Glücklichsein brauche.

Sieben Jahre. Dieses Zahl hat mich später oft verfolgt. Es heißt ja, alle sieben Jahre erneuern sich die Körperzellen komplett. Vielleicht ist das der Grund vielleicht wird auch der Mensch in sieben Jahren zu jemand ganz anderem, und man merkt es nicht mal.

Oder war Markus nie der, für den ich ihn hielt? Ich weiß es nicht, und, ehrlich gesagt, will ich es auch nicht mehr wissen.

Damals, im September, als Katharina mich anrief und ein Wochenende bei uns verbringen wollte, war ich noch mit meinen Harmonieillusionen beschäftigt. Alles war an seinem Platz: das Haus, die Arbeit, der Mann, ein Jahresplan. Ich leitete ein kleines Keramik-Atelier ein paar Nachbarskinder kamen, einige Erwachsene, die sich gern handwerklich betätigten. Reich wurde ich damit nicht, doch Freude brachte es mir. Markus arbeitete bei einer Baufirma, machte Kostenvoranschläge, füllte Verträge aus. Nichts Großartiges, aber solide.

Wir lebten ruhig. Vielleicht etwas langweilig, aber ich fand, dass das Erwachsensein genau das bedeutete: keine unnötigen Aufregungen, kein Drama.

Katharina war elf Jahre jünger. Als sie zur Welt kam, war ich acht, und ich erinnere mich noch, wie Mutter sie im rosa Tuch nach Hause brachte. Ich dachte, jetzt habe ich eine echte Puppe für mich. Bald merkte ich, dass Katharina ein Mensch mit eigenem Willen und Geschmack war. Doch die Gewohnheit, sie zu umsorgen, blieb.

Wirklich nah waren wir uns nie, nicht wie manche Schwestern. Verschiedene Ansichten, verschiedene Tempramente. Katharina brauchte stets Glanz und Abenteuer. Sie wechselte dreimal den Beruf, war zweimal verheiratet, lebte in Stuttgart, dann Köln, dann München, dann wieder zurück. Ihr Lebensstil war mir immer zu flatterhaft, während sie mich langweilig fand.

Trotzdem trafen wir uns mehrmals im Jahr, an Feiertagen oder einfach so. Eine Beziehung, weder eng noch distanziert so ein Grundgefühl von Familie.

Als sie sich ankündigte, freute ich mich, bereitete das Gästezimmer vor, kaufte ihr Lieblingskäse, Früchte, Mandelgebäck. Markus hatte nichts dagegen er mochte Gäste, besonders, wenn am Freitag ein gutes Glas Wein am Tisch stand und man mal über anderes sprechen konnte als Baukalkulationen.

Katharina kam Freitagabend, mit einem leichten Koffer und einem enormen Chrysanthemenstrauß. Sie war wie immer nicht konventionell schön, aber auffällig. Helle Haare, alle drei Monate ein neuer Farbton nun war es goldblond. Strahlend blaue Augen. Sie war siebenunddreißig, wirkte aber jünger. Uns wurde beigebracht, dass wir uns nicht ähnlich sahen: Ich dunkelhaarig mit ruhigem Gesicht, die Mutter meinte, ich hätte einen nachdenklichen Ausdruck warum auch immer.

Birgit!, rief sie, umarmte mich fest ihre Umarmungen waren immer intensiv. Ist das herrlich hier. Ich bin so müde vom Stadtlärm.

Komm rein.

Ist Markus da?

In der Küche.

Sie ging vor, ich nahm ihr Gepäck. Hinterher dachte ich: Wie klein sind Lebensdinge. Ich trug ihren Koffer, wie man ihn einer Besucherin trägt, die Hilfe braucht. Wie immer war ich die, die fremde Sachen schleppt.

Der Abend lief gut. Wir aßen ausgiebig, redeten über Katharinas neuen PR-Job, über mögliche Umzüge diesmal vielleicht Nürnberg. Markus hörte aufmerksam zu, stellte Fragen. Katharina lachte, erzählte Anekdoten über den Chef. Alles war normal.

Ich räumte ab, spülte das Geschirr. Die beiden blieben mit Wein sitzen. Ich hörte ihre Stimmen durch die offene Tür ruhig, gelassen. Kein Anlass zum Misstrauen. Nur ein Gespräch.

Dann kam ich zurück, um anzukündigen, dass der Filmabend beginnen kann und da sah ich es.

Es war keine Umarmung. Kein typisches Zeichen. Nur ein Blick. Katharina sagte etwas, Markus antwortete, und dann lag für einen Moment etwas in der Luft, das kein Wort, kein Gest war. Nur ein Blick, schnell abgewendet, als sie meine Schritte hörten.

Ich blieb in der Tür stehen.

Oh, ab ins Kino!, lachte Katharina und stand auf. Ja, los welchen Film willst du?

Markus erhob sich und nahm sein Glas.

Birgit, du entscheidest. Mir ist’s egal.

Ich sah sie noch einen Moment an. Zwei ganz normale Menschen. Nichts Ungewöhnliches. Vielleicht habe ich es mir eingebildet.

Ich schau mal ins Programm, sagte ich und ging ins Wohnzimmer.

Doch der Blick hing irgendwo in meinem Gedächtnis. Nicht oben, sondern tief im Innern, wo man nicht sofort sucht.

Wir schauten zusammen den Film, Katharina kicherte, Markus kommentierte das Ende. Dann gingen wir schlafen. Ich lag neben meinem Mann im Dunkeln, dachte, ich sei überarbeitet, bilde mir alles nur ein.

Am nächsten Tag fuhr Katharina nachmittags ab. Sie umarmte uns beide, winkte vom Auto.

Birgit, danke! Beste Erholung überhaupt!

Komm wieder vorbei.

Auf jeden Fall!

Ich sah noch zu, wie sie wegfuhr. Markus stand neben mir. Dann sagte er:

Das ist eine Lebendige. So voller Energie.

Er ging ins Haus.

Lebendig. Das Wort merk’ ich mir nicht aufdringlich, nicht laut. Aber es blieb.

***

Das Leben lief weiter. Oktober, November. Ich bekam im Atelier zwei neue Kursteilnehmer, zwei Männer, die auf Anraten ihrer Frauen kamen, erst schüchtern waren, dann größte Freude am Ton fanden. Ich freute mich über solche SchülerInnen. Markus arbeitete aushäusig, abends gingen wir einmal im Monat ins Kino, wie immer. Abends gemeinsames Kochen, Serien schauen. Alltag.

Nur eine Sache war anders.

Er blieb immer häufiger länger weg.

Erst einmal in der Woche. Dann zweimal. Die Begründungen waren nachvollziehbar: Kundentermine, Arbeitsabgaben, Notfälle. Ich war nie die Frau, die an der Tür steht und kontrolliert. Ich vertraute ihm. Ein einfaches Wort: Vertrauen. Heute weiß ich, es bedeutete eigentlich nur: Ich kontrolliere nicht. Damals hielt ich das für richtig.

Im November kam er erst um halb zwölf nach Hause. Ich lag schon im Bett und las. Er war in der Küche, dann in der Dusche, kam zu mir ins Schlafzimmer.

Harter Tag?

Und wie. Die Sitzung hat ewig gedauert.

Hast du wenigstens gegessen?

Ja, da gabs Essen.

Er drehte sich auf die Seite, mit dem Rücken zu mir. Ich las weiter. Alles normal. Erwachsene Menschen, müde und beschäftigt.

Doch ich bemerkte: Er begrüßte mich nicht mehr mit einem Kuss. Früher machten wir das immer, diese kleine Angewohnheit. Nun vergaß er es. Erst einmal. Dann wieder. Schließlich hörte ich auf zu zählen, weil es weh tat.

Ende November rief ich Katharina an, einfach so. Sie ging gleich ran.

Birgit! Hallo!

Hi. Wie geht es dir?

Gut, gut. Viel um die Ohren. Und euch?

Passt. Markus ist im Stress mit irgendeinem Bauprojekt.

Ach ja, das ist halt der Job, und sie sagte das ganz unbeschwert. Wie läuft dein Atelier?

Wir redeten zwanzig Minuten, ganz belanglos. Ich legte auf und spürte danach nichts. Kein Ärger, kein Wohlgefühl. Einfach nur ein Gespräch.

Der Dezember verging in Weihnachtshektik. Markus kam jetzt regelmäßig spät. Oft, wenn ich schon schlief. Einmal nachts wachte ich auf, sein Platz im Bett war leer. Drei Uhr morgens. Ich stand auf, Küche. Er saß mit dem Handy, legte es schnell weg, als ich kam.

Kannst du nicht schlafen?, fragte er.

Bin nur kurz wach. Wann bist du heimgekommen?

Vor Kurzem. Geh ruhig wieder schlafen, Birgit.

Bist du nachts am Arbeiten?

Mit Kollegen, verschiedene Zeitzonen. Macht dir keine Sorgen.

Er sah mich ruhig an, ohne Nervosität, ohne Schuldgefühl. Nur müde.

Na gut, sagte ich. Aber nicht zu lange.

Ich ging zurück ins Bett und hörte noch lange, wie er in der Küche saß, wie sein Handy leise vibrierte. Fragte mich, wer um drei Uhr nachts schreibt. Es könnten ja Kollegen aus Übersee sein. Ich wollte nicht jener Mensch werden, der kontrolliert und misstrauisch ist.

Aber etwas im Innern schlief nicht mehr. Etwas Kleines hatte längst alles verstanden. Ich hörte nur noch nicht hin.

***

Ich weiß nicht mehr genau, wann meine Ahnung zur Gewissheit wurde. Irgendwann nach den Feiertagen, im Januar. Silvester verbrachten wir nur zu zweit, Markus meinte, er sei zu müde für Gesellschaft. Ich stimmte zu. Wir feierten ruhig, Markus war aufmerksam fast hätte ich geglaubt, ich hätte mir alles eingebildet.

Katharina schrieb eine kurze Neujahrsnachricht separat an uns beide. Mir: Birgit, alles Liebe fürs neue Jahr! Hoffentlich wird es besser. Markus zeigte mir ihre Nachricht: Katharina schickt Grüße. Ich nickte.

Im Februar geschah eine Kleinigkeit, die ich nicht vergaß.

Wir bereiteten das Abendessen vor, Markus Handy klingelte. Aus der Firma, ich bin kurz draußen. Er sprach fünfzehn Minuten im Garten, ich sah nur seinen Umriss durchs Fenster er trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Kam dann wieder rein.

Alles okay?

Kollege hat was Dringendes.

Um acht Uhr abends?

Es brennt halt.

Ich nickte und schnitt Gemüse weiter. Markus an den Herd. Alles wie immer.

Aber: Er hatte während des Gesprächs gelächelt. Menschen lächeln nachts bei der Arbeit nicht. Sie machen das, wenn sie sich freuen.

Ich schwieg. Keine Szene. Aber ich vergaß es nicht.

Zwei Wochen später schaute ich in sein Handy.

Es ist mir fast peinlich, das zuzugeben. Niemals zuvor wäre ich auf so etwas gekommen. Ein fremdes Handy das war für mich wie ein fremdes Tagebuch. Doch an diesem Abend schlief er ein, das Handy lag entsperrt am Nachtschrank. Ich griff im Vorbeigehen danach, ohne zu überlegen.

Da war eine Unterhaltung mit einer Nummer ohne Name nur Zahlen. Die Nachrichten zurückhaltend, nicht intim: Wie gehts? Warte auf dich. Bin gleich da. Bitte warte noch. Die letzte Nachricht war drei Tage alt.

Ich legte das Handy zurück, stand leise auf, ging in die Küche, goss mir Wasser ein, starrte in die Nacht.

Zahlen statt Namen. Bitte warte noch. Könnte eine Kollegin sein. Oder auch nicht.

Aber ich wusste, dass es keine Kollegin war.

Ich wusste es einfach nicht vom Kopf her, sondern mit diesem Wissen, das im Bauch liegt, wo Frauen es Intuition nennen und Männer Misstrauen. Für mich war es Wahrheit, obwohl der Kopf sie noch nicht aussprach.

Ein paar Tage lebte ich damit. Arbeit, Atelier, Abendessen. Markus sprach normal mit mir, ich fragte nichts. Aber innen begann sich was zu verschieben der Körper bereitete sich vor. Für etwas, wofür die Augen noch keine Bilder hatten.

***

Im März fuhr ich zu Katharina.

Ich sagte mir selbst, dass es nicht darum ging, etwas zu kontrollieren. Aber natürlich war es so. Markus meinte morgens, er müsste abends geschäftlich auf eine Tagung, käme spät oder schliefe bei einem Kollegen. Das passierte früher gelegentlich. Ich sagte, ich sei bei einer Freundin.

Stattdessen fuhr ich mit der S-Bahn nach München zu Katharina in ihre kleine Wohnung in Laim. Ich gab nicht Bescheid, redete mir ein, es sei ein Überraschungsbesuch.

Katharina öffnete in Bademantel, noch feuchtes Haar als käme sie gerade aus der Dusche. Einen Moment veränderte ihr Gesicht sich. Dann war sie wieder ganz Alltagsmensch und fragte:

Birgit! Was für eine Überraschung. Warum hast du nicht vorher angerufen?

Ich wollte dich überraschen. Störe ich?

Nein, komm rein. Es ist nur komm rein.

Ich trat durch den Flur. Da standen Herrenschuhe, braune Lederschuhe. Ich kannte die. Die hatte ich ausgesucht, als wir die letzten verweigerten. Ich hatte vorgeschlagen, dass Braun besser als Schwarz wäre.

Ich blieb stehen.

Wer ist bei dir?, fragte ich sachlich. Keine Anklage, kein Drama. Einfach nur die Frage.

Birgit

Wer ist hier, Katharina?

Sie schloss für einen Moment die Augen. Dann öffnete sie sie.

Bitte, geh in die Küche.

Nein. Sag es mir hier.

Da kam Markus aus dem Schlafzimmer. Hemd, Hose, Socken kein Zeichen von Eile. Er stand da, als sei es das Normalste, so aus meiner Schwester Wohnung zu treten und mich anzusehen.

Wir standen da, alle drei, schwiegen.

Birgit, begann er.

Sag nichts, sagte ich ruhig.

Durch die Wand hörte ich sie sprechen. Sie sprachen leise, aber die Wohnung war klein. Fetzen: Wir müssen reden, sie wird es verstehen, wie erklären wir das, die Basis schaffen. Dieses letzte Wort blieb mir: Basis schaffen. Wie auf dem Feld. Umgraben, ebnen, damit Neues wächst.

Ich ging, ohne ein weiteres Wort.

***

Abends kam ich nach Hause, zog die Schuhe aus, hängte die Jacke auf. Ging in die Küche, setzte Wasser auf, starrte durchs Fenster in den dunklen Garten.

Markus kam gegen Mitternacht. Ich saß schon lange am Tisch, den Tee kalt geworden.

Er blieb in der Diele stehen, sah meine Jacke. Kam in die Küche.

Du bist da.

Ja.

Er setzte sich, sah mich an.

Birgit…

Warst du bei ihr? Ich wusste es wollte es aber von ihm hören.

Ja.

Wie lange schon?

Schweigen.

Seit ein paar Monaten.

Ich nickte, nippte am Tee und stellte die Tasse ab.

Du willst die Scheidung? Ich habe euch gehört.

Er antwortete nicht das war Antwort genug.

Wann wolltest du es mir sagen?

Birgit, ich weiß nicht

Ich will keine Erklärung nur die Antwort. Wann?

Wir wir wollten abwarten, bis alles sortiert ist.

Sortiert. Soso.

Ich stand auf, goss den kalten Tee weg, stellte die Tasse ins Spülbecken.

Geh heute. Morgen klären wir den Rest.

Birgit, ich habe keinen Ort

Nicht mein Problem, unterbrach ich. Geh.

Er ging.

Ich schloss die Tür hinter ihm. Stand kurz im Flur, ging dann ins Schlafzimmer, legte mich in voller Kleidung aufs Bett und starrte an die Decke.

Ich weinte nicht. Nicht gleich. Die Tränen kamen Tage später, am Spülbecken, als mir klar wurde, dass ich nur noch mein eigenes Geschirr abwusch. Da habe ich eine Stunde geweint, mitten in der Küche, mit nasser Seife an den Händen. Nicht wegen ihm. Wegen etwas anderem, das man schwer benennen kann. Wegen der Zeit? Wegen der sieben Jahre, die plötzlich eine andere Bedeutung hatten.

***

Scheidung. Dieses Wort begleitete mich ab dann überall: Ratgeber, wie man sie übersteht, wie man danach wieder auf die Beine kommt, wie man nach Verrat weiterlebt. Ich las vieles davon, als es schlimm war, und versuchte, zu begreifen, dass andere das auch erleben. Alles klingt gleich. Vielleicht, weil Betrug überall das gleiche Gefühl hinterlässt.

Rechtlich zog sich die Scheidung Monate hin. Markus nahm einen Anwalt. Ich war naiv genug gewesen, an ein Erwachsenengespräch zu glauben. Er hatte sich längst vorbereitet. Eben die Basis geschaffen.

Das Haus stand auf meinen Namen: finanziert durch das Erbe meiner Oma, dazu Erspartes. Markus wusste das, formal gab es kein Problem. Doch er verlangte einen Teil des Ateliers das ich selbst aufgebaut hatte, mit eigener Ausrüstung, meinem Geld. Nach vier Jahren lief es ganz gut, das reichte ihm als Argument.

Sein Anwalt hatte Mühe, das durchzusetzen. Meine Freundin empfahl mir eine Anwältin sie erreichte das Gegenteil. Aber es waren Monate voller Nervenkrieg, Papierkram, Treffen. Monate, in denen ich diesen Mann ansah, den ich sieben Jahre kannte, und sah, wie er Geld forderte. Nicht, weil er es bräuchte sondern weil er es konnte.

Kleine, schäbige Gier. Ich hatte davon gelesen und gedacht: Gibts das wirklich? Ja, gibts.

Bei einem Termin forderte er den alten Fernseher zurück, den wir vor Jahren zusammen gekauft hatten mittlerweile echt veraltet. Aber er bestand darauf. Die Anwälte blätterten durch Ordner. Ich sah Markus an, dachte: Du im feinen Anzug, mit Anwalt und streitest dich um einen alten Fernseher. Was ist aus dir geworden? Warst du immer so? Habe ich es nicht gesehen?

Nimm ihn doch, sagte ich ruhig.

Er nahm ihn.

Ich war siebenundvierzig und wollte nur, dass es endet, damit ich neu anfangen kann.

***

Die ersten Monate danach waren seltsam. Nicht schlimm einfach ungewohnt. Das Haus gehörte mir, doch es fühlte sich ungewohnt still an. Ich schaffte Markus übrig gebliebene Dinge aus dem Schlafzimmer, gab den Rest an die Tafel, wusch alles durch, kaufte neue Kissen.

Katharina rief zweimal an, im Mai. Ich nahm nicht ab. Beim zweiten Versuch schrieb sie: Birgit, es tut mir leid. Ich muss es dir erklären. Ich antwortete nicht. Nicht aus Schwäche ich wollte es nicht. Erklärungen helfen bei Verrat nicht. Es gibt nur Akzeptanz oder Verweigerung. Sie wollte reden dachte also, man könne es weniger schlimm machen, als es war. Ich glaube nicht daran.

Meine Freundin Claudia war da. Seit Schulzeiten. Sie kam oft vorbei, brachte Kuchen, erzählte von allem und auch von nichts. Manchmal redeten wir, manchmal nicht das war gut so.

Birgit, wie gehts?

Geht schon.

Du lügst.

Ja. Aber ich schaffs.

Bist du wütend?

Ich bin zu müde, um wütend zu sein. Da ist nichts mehr.

Das geht vorbei.

Ich weiß.

Claudia glaubte an Karma, daran, dass sich alles ausgleicht und jeder erntet, was er sät. Ich war nie gläubig, wahr oder falsch war mir egal. Doch in dieser Zeit kam mir manchmal vor, das Leben habe tatsächlich einen gewissen Sinn für Gerechtigkeit. Nicht aus Rache ich wollte weder Markus noch Katharina etwas Böses. Ich wollte einfach mein Leben zurück.

Karma, sagte Claudia. Ich dachte nicht, ich wusste nur.

***

Der Sommer ging langsam vorüber, reinigend irgendwie. Ich machte viel im Garten Markus hatte es immer schleifen lassen, nun griff ich selbst an. Kaufte ein Gartenbuch, sah mir Videos an, setzte Johannisbeeren, Himbeeren, pflanzte Apfelbäume, hob Beete aus.

Arbeiten mit der Erde beruhigte den Kopf. Nach manchen Tagen im Garten war ich abends ganz ruhig. Ein sichtbares Ergebnis: Pflanze gesetzt, sie wächst.

Im August meldete ich mich zu einem Aquarellkurs im Nachbarort an. Nicht, weil ich Künstlerin werden wollte, eher, weil ich endlich das machen wollte, was ich immer auf später verschob. Später war plötzlich jetzt.

Die Kurse waren samstags, oben im zweiten Stock eines Altbaus. Unsere Lehrerin, Frau Bischof, war ruhig, geduldig, lobte nie zu viel, kritisierte nie scharf. Einfach zeigen, nachmachen lassen.

Dort lernte ich Helga kennen, fünf Minuten von mir entfernt wohnend, und doch Fremde bis dato. Sie war etwas älter, ihre Kinder aus dem Haus, und sie begann mit Malen, nachdem sie in Pension gegangen war. Wir quatschten in der Pause; später kamen und gingen wir gemeinsam.

Machst du schon lang Aquarell?, fragte sie einmal.

Nein, fang gerade erst an. Und du?

Dritter Monat. Meine Tochter schenkte mir letztes Jahr einen Farbenset. Dachte, ich probiers halt. War schwer, aber man will eben.

Ja, genau.

Schwer, aber man will das wars.

***

Im Herbst renovierte ich.

Lange geplant. Das Haus war gut, aber stellenweise veraltet eingerichtet. Die Küche hatte ich nie gern. Das Schlafzimmer war düster, die Tapeten hatte Markus bestimmt. Im Wohnzimmer knarrte der Parkettboden.

Ich engagierte eine Fachfirma, der ganze Oktober war Chaos: Staub, Bohrlärm, fremde Leute im Haus. Unbequem, aber seltsam: Es störte mich nicht. Es war ein gutes, schöpferisches Durcheinander.

Die Küche wurde hell, mit weißem Holz und Arbeitsplatte aus Eiche. Im Schlafzimmer suchte ich lang, fand dann die perfekten blaugrauen Tapeten, wie der Himmel an Regentagen. Der Boden knarrte nicht mehr. Auf der Terrasse kamen neue Dielen und endlich das Geländer, das ich mir immer wünschte.

Nach Ende der Arbeiten ging ich langsam durch die Zimmer. Alles war meins, jede Entscheidung, jede Farbe, jeder Stoff. Kein Kompromiss, aber egal. Alles nach mir.

Die übriggebliebenen Erinnerungsstücke ein paar Bücher mit Widmungen, ein altes Urlaubsfoto räumte ich in eine Kiste. Nicht weggeworfen. Vielleicht verschenke ich sie. Oder sie verstauben im Abstellraum.

Dann trat ich auf die neue Terrasse, holte tief Luft. Es roch nach Herbst, nassen Blättern, ein bisschen Rauch von irgendwo im Dorf. Kalt, aber wohltuend.

Vor einem Jahr hätte ich mir nicht vorstellen können, jetzt so dazustehen: allein, frisch renoviert, mit etwas in der Seele, das an Frieden erinnert.

Einsamkeit ich beschäftigte mich viel damit im letzten Jahr. Muss man sie überwinden? Oder ertragen? Es stellte sich heraus: Einsamkeit ist nicht gleich Leere. Sie kann still und angenehm sein, wenn man den eigenen Raum mit sich selbst füllt. Ich habe gelernt zu unterscheiden.

***

Spätestens im Winter war alles in guten Bahnen. Ich stand früh auf, machte Gymnastik, frühstückte, fuhr ins Atelier. Nachmittags Garten, Haushalt, Lesen, Malen. Samstags Kurse, gelegentlich Treffen mit Claudia oder Helga, oder einfach allein Tee auf der Terrasse.

Ein selbstgewählter Rhythmus, auf niemand sonst abgestimmt. Kein Egoismus, einfach das Recht, das Tempo selbst zu bestimmen.

Auch das Atelier lief. Ein neuer Schüler, ein zehnjähriger Junge mit Mutter. Er nahm alles sehr ernst, runzelte konzentriert die Stirn bei jedem Werkstück.

Jonas, bist du zufrieden mit deiner Tasse?, fragte ich eines Tages.

Er dachte nach.

Nicht ganz. Der Henkel ist schief.

Das kann man ändern. Und insgesamt?

Es sieht schon wie eine Tasse aus.

Dann ist es gut.

Meinen Sie das?

Ja. Dass etwas so wird, wie man es sich vorstellt, ist das Entscheidende. Der Rest kommt mit Übung.

Er nickte.

Kindliche Ehrlichkeit direkt, klar. Ich nahm viel mit von diesem Gespräch. Das Wichtigste ist, dass es dem eigenen Bild nahekommt. Mein Leben passte allmählich zu meinem Bild nicht perfekt, aber immer näher dran.

***

Im April, ein Jahr nach der Scheidung, fuhr ich für drei Tage nach Hamburg. Einfach so, längst überfällig. Ich wohnte in einem kleinen Hotel, besuchte Museen, saß in Cafés, spazierte an der Alster. Allein. Zum ersten Mal allein verreisen früher undenkbar. Aber zu entdecken: allein kann man tun und lassen, was man will. Stundenlang vor einem Bild stehen. Dinge weglassen, die einen langweilen. Essen, wann man möchte.

Aus Hamburg rief ich Claudia an.

Und, wie ist es?

Wunderschön. Kalt. Aber schön.

Bist du gar nicht einsam allein?

Nein. Wirklich nicht.

Nicht schlecht! Das nenn ich Fortschritt.

Ich lachte.

Mir ist eben nicht langweilig mit mir selbst.

So solls sein.

Wir plauderten noch weiter. Danach ging ich zurück an die Alster. Nordwind blies, es roch nach Wasser. Ich schlug den Kragen hoch, dachte: Achtundvierzig, und das ist jetzt mein Leben. Anders als geplant, aber mein.

Der Verrat hat etwas zerbrochen, das längst fragil war auch wenn ich es nicht merkte. Gut, dass es zerbrach. Sonst hätte ich mein Leben lang so weitergemacht und gedacht, das sei normal.

Betrug ein Wort für so vieles. Einmal Schwäche, oft nur ein Zufall. Was Markus und Katharina taten, war aber Planung. Sie redeten über die Basis schaffen. Kein Ausrutscher ein Projekt. Das war das Schwerste: nicht, dass sie zusammen waren, sondern wie gewollt es war. Während ich an meiner Illusion festhielt, bauten andere längst ein neues Leben.

Frauenschicksal. Sagen die Leute manchmal mit Bedauern, als ob es unvermeidbar sei: leiden, ertragen, vergeben. Nein. Schicksal ist es nicht. Es sind Entscheidungen. Meine war eine andere.

***

Maimorgen. Flieder blüht. Die Amsel singt.

Das Telefon klingelt um halb acht.

Ich kenne das Ende dieses Anrufs aber ich bleibe mit dem Moment, in dem ich die Nachricht von Katharina lese.

Eine lange Nachricht, mehrere Absätze. Ich überfliege: Er hat eine Jüngere, sie hat Schulden, weiß nicht, wohin. Dann: Du bist meine Schwester, bitte, hilf mir, du bist doch mein Ein und Alles.

Mein Ein und Alles. Komisches Wort.

Ich denke darüber nach war ich wirklich ihr Ein und Alles, oder nur solange es ihr passte? Solange sie nehmen konnte?

Ich? Was war ich für sie? Die ältere Schwester, die sie als Kind beschützte, sie nach München holte, als sie das erste Mal kam, ihr mehrfach Geld lieh, ohne Rückforderung, ihr das Lieblingsgebäck kaufte, das Zimmer herrichtete.

Kein Vorwurf. Ich habe es freiwillig getan. Aber jetzt sehe ich die Grenze: Für jemanden da sein oder nur als Ressource dienen.

Ich drücke Löschen. Finde ihren Kontakt, drücke Blockieren.

Fertig.

Nicht böse, nicht triumphierend. Eher wie ein Fenster schließen, durch das ein kalter Zug weht. Ruhig, kraftvoll, ohne Worte.

Ich stelle den Wasserkocher an, gieße Tee in meine Lieblingstasse mit blauem Rand, gekauft letzten Sommer auf dem Dorffest. Gehe hinaus auf die Terrasse.

Der Morgen weitet sich langsam. Der Himmel blaugrau wie meine Lieblingswandfarbe im Schlafzimmer, Flieder schwer und satt von Duft. Die Amsel singt hinter den Apfelbäumen.

Die Tasse steht auf dem hölzernen Geländer. Ich lehne mich an, blicke auf den selbst gepflanzten Garten, auf das sanierte Haus, auf diesen Morgen, der hundertprozentig meiner ist.

Kraft ein Wort, das mir immer zu groß vorkam. Aber das Jahr hat mich gelehrt, dass es einfach nur heißt: weitermachen. Morgens aufstehen, Frühstück machen, arbeiten, Apfelbäume einpflanzen, Wände tapezieren, eine Handy-Nummer blockieren.

Weitermachen.

Der Tee ist heiß, der Flieder duftet, die Amsel singt.

Ich stehe auf meiner Terrasse und weiß: Ich bin achtundvierzig und habe alles, was ich brauche.

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Homy
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Nicht länger meine Schwester
Asche auf der Veranda