6. März
Heute, als ich vom Einkaufen aus dem Edeka zurückkam, war ich wie immer dabei, die Taschen und die Einkäufe auszuräumen. Während ich die Milch in den Kühlschrank stellte, hörte ich plötzlich ein ungewöhnliches Geräusch aus dem Zimmer meines Sohnes und seiner Frau. Ich bin sofort nachsehen gegangen und war verblüfft, als ich Friederike entdeckte, wie sie Koffer zu packen begann.
Friederike, wohin willst du denn?, fragte ich ganz erstaunt. Ihre Stimme klang brüchig, als sie mit Tränen in den Augen antwortete: Ich ich geh weg! Wie, weg? Wohin denn? Was ist passiert?, hakte ich nach. Friederike reichte mir wortlos einen Brief meine Hände zitterten, als ich ihn las.
Rückblickend denke ich oft an die Zeit, als Matthias Friederike zu uns nach Bayern brachte ins Haus meiner Eltern im Allgäu. Ich war überglücklich, denn mein Sohn, über dreißig und lange unverheiratet, hatte sich endlich entschlossen, zu heiraten. Die wilden Jahre waren vorbei, und ich hoffte, dass nun Ruhe einkehrt und ich nicht so alleine bin, wenn ich älter werde.
Das Haus war immer gut in Schuss. Mein Mann war ein Fels in der Brandung hat alles für die Familie getan. Kurz bevor er starb, hat er Matthias unser Zuhause und einen ordentlichen Hof hinterlassen. Ich konnte nie ein zweites Kind austragen, und irgendwann gings gar nicht mehr die Arbeit auf dem Land ist eben hart und gönnt einem keinen freien Tag. Am Schluss habe ich sogar den Trecker alleine gefahren, Kartoffeln gelegt und geerntet, alles irgendwie geschafft.
Friederike viel jünger als mein Matthias, vielleicht um die zehn Jahre. Zierlich, still, fast schüchtern. Da habe ich mich oft an meine eigene Jugend erinnert, wie ich mit einem kleinen Koffer bei meinem Mann einzog. Kaum Habseligkeiten, wenig Hoffnung, viel Herz. Aber mein Sohn hat sie sich ausgesucht und sie war ohnehin Waise. Vielleicht war dieses Schicksal gar kein Nachteil.
Die anderen Frauen im Dorf beneideten Friederike heimlich: Sie hatte einen fleißigen, gut aussehenden Bauern abgekriegt. Sogar jetzt noch blickten viele Frauen meinem Sohn nach, obwohl er längst verheiratet war. Aber Matthias blieb Friederike und den Kindern treu. Sie haben zwei Söhne und eine Tochter bekommen.
Als der Jüngste fünf und der Älteste zehn Jahre alt waren, wollte Matthias mit seinem besten Freund nach München zum Arbeiten gehen als Saisonarbeiter. Ich hab versucht, ihn umzustimmen: Was willst du in der Stadt? Hier ist genug zu tun, das Geld reicht, mit eurer beider Gehalt und meiner Rente. Und der Hof irgendwer muss ihn führen. Ich schaffe das nicht mehr alleine.
Mutter, es reicht mir!, entgegnete er. In München finde ich bessere Arbeit. Dann ziehe ich euch alle nach, die Kinder können in der Stadt zur Schule gehen. Das Haus kann man ja verkaufen, kommst einfach mit!
Friederike versuchte, ihn festzuhalten: Aber wozu? Unsere Schule ist gleich um die Ecke, und wie solls deiner Mutter gehen? Du bist doch auch aus der Stadt, oder nicht? gab er zurück, aber Friederike schüttelte traurig den Kopf: Das Kinderheim war zwar in München, aber ich erinnere mich an fast nichts. Wie solls denn deiner Mutter gehen? Sie braucht uns doch.
Die Diskussion endete abrupt. Genug! Zieh dich lieber ordentlich an, du siehst fertig aus.
Friederike und ich, wir verstanden uns mit der Zeit wirklich gut. Ich hab sie mit den Jahren wie eine Tochter lieb gewonnen. Besonders als die Enkel größer wurden, schützte ich sie, als wären sie meine. Sie nannte mich sogar fast von Anfang an Mama.
Als Matthias schließlich ging, ließ ich ihn ziehen mehr aus Resignation als Überzeugung. Er schrieb ab und zu einen Brief Handys gabs noch nicht , kam nach einem halben Jahr mit Geschenken und etwas Bargeld zurück, dann verschwand er wieder für Monate. Sein Freund kehrte irgendwann allein zurück. Dessen Frau erzählte mir, Matthias wohne bei einer reichen Frau in München sie renovierten wohl deren Villa, mittlerweile hätte Matthias die Arbeit eingestellt und lebe einfach dort. Ich sagte Friederike nichts davon, man weiß ja nie, was wahr ist. Aber die Gerüchte machten im Dorf schnell ihre Runde.
Eines Abends packte Friederike ihre Sachen.
Wohin willst du?, fragte ich sie.
Ohne ein Wort reichte sie mir einen Zettel. Es war kaum mehr als eine Notiz:
Friederike, es tut mir leid, aber ich habe eine andere. Das Haus erbe ich irgendwann ohnehin. Verschwende deine Zeit nicht, fang neu an. Hier ist etwas Geld zum Start, den Rest musst du selbst schaffen. Matthias.
Wie sollte ich das Friederike sagen? Ich nahm sie in den Arm Er ist weg. Aber du bleibst hier. Die Kinder gehören nicht in fremde Ecken. Ich kann nicht ohne euch, und ich werde nicht zulassen, dass er euch vertreibt.
Jahre später kam Matthias in einem neuen Mercedes, zusammen mit seiner neuen Frau. Er wusste wohl nicht, dass die Kinder immer noch im Elternhaus wohnten. Unsere 12-jährige Tochter rannte sofort zu ihm und weinte. Der Älteste kam schweigend, ließ sich aber nicht umarmen. Er nahm die Schwester an die Hand und ging. Auch der Mittlere folgte.
Das ist kein Vater, sondern ein Verräter, brummte der Älteste. Wir haben Arbeit. Da setzte er sich auf den Traktor und fuhr raus zum Kartoffelacker. Die anderen fütterten die Kaninchen wir hatten mittlerweile viele, mehr als je zuvor. Der Hof war nicht kleiner, sondern größer geworden. Die Kinder waren groß geworden, und Matthias hatte es nie gesehen.
Und wo ist ihre Mutter?, fragte er mich.
Du solltest nicht von dir auf andere schließen. Sie heißt Friederike. Erinnerst du dich? Sie kommt gleich von der Arbeit zurück. Und was treibt euch hierher, alle beide?
Wir möchten mit dir reden.
Dann rede. Aber machs kurz, bevor Friederike kommt.
Mama, wir wollen, dass du mit uns nach München ziehst. Verkauf den Hof und das Haus, du bekommst ordentlich Geld, wir kaufen dir was in unserer Nähe.
Und die Kinder?, fragte ich.
Friederike soll mit den Kindern auch in die Stadt, da gibt es mehr Möglichkeiten.
Möglichkeiten gäbe es, aber sie wollen nicht. Sonst wären sie längst weg.
Wir haben dir alles gesagt. Die Käufer stehen bereit. Überlegs dir, aber lang darfst du nicht zögern.
Es gibt für mich nichts zu überlegen. Ich gehöre hierher, bin nicht nur die Haushälterin!
Warum sprichst du so, Mama?
Genau in dem Moment kam Friederike zur Tür herein.
Was für eine Überraschung.
Friederike hatte sich in den Jahren, in denen Matthias fort war, wunderschön entwickelt. Modische Kleidung, schöne Ohrringe, frisch frisiert. Von der stillen, erschöpften Frau war nichts mehr übrig. Meine Schwiegertochter war eine Schönheit neben ihr verblasste sogar Matthias neue Frau. Ich bemerkte, wie Matthias sie einen Moment zu lange musterte, bis seine Begleitung ihm einen bösen Blick zuwarf.
Mama, warum deckst du nicht den Tisch? Besuch ist da!, fragte Friederike lachend.
Der Besuch macht sich jetzt auf den Weg. Was er wollte, hat er gesagt. Danke fürs Kommen, Sohn, verabschiedete ich die beiden. Dir auch, junge Dame, alles Gute. Ich hoffe, ich sehe sie beide nie wieder. Matthias drückte mir einen Zettel mit einer Telefonnummer in die Hand. Falls du dich anders entscheidest, ruf an.
Viele Jahre vergingen. Schließlich kam Matthias, weil ich im Krankenhaus lag. Friederike hatte ihm Bescheid gesagt schließlich ist er mein Sohn. Die Kinder sind erwachsen, der Älteste hat selbst schon Kinder. Sie reden nur noch förmlich mit dem Vater, als wärs ein Fremder. Die Tochter geht ihm ganz aus dem Weg.
Friederike, die Kinder sind groß. Das Haus gehört mir, ich will wieder zurückkehren, bin geschieden. Willst du hierbleiben, oder gehst du?
Ohne zu zögern, nahm Friederike die Unterlagen aus dem Buffetschrank. Das Haus hatte ich ihr schon lange überschrieben, passenderweise in jenem Jahr, als Matthias ihr damals den Abschiedsbrief schrieb. Schweigend verschwand Matthias. Friederike hielt ihn nicht auf. Es verbindet uns nichts mehr. Sie hat ihre Kinder, nun sogar Enkelkinder und sie weiß, dass das Wertvollste längst nicht in der Stadt, sondern hier geblieben ist.




