Galina kehrt vom Einkaufen zurück und räumt die Lebensmittel aus – doch plötzlich hört sie merkwürdige Geräusche aus dem Zimmer ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter. Als sie nachsehen will, entdeckt sie Valentina weinend beim Kofferpacken: “Ich gehe weg!”, schluchzt sie und überreicht Galina einen Brief. Nach dem Lesen bleibt Galina wie erstarrt stehen. Als Iwan seine frisch angetraute Frau Valentina ins heimatliche Dorf zu Mutter Galina bringt, ist diese überglücklich: Endlich ist ihr Sohn mit über dreißig bereit für die Familie. Das Haus ist voll, der Hof floriert. Galina musste vieles allein stemmen, nachdem ihr Mann früh starb – einen zweiten Sohn konnte sie sich nicht mehr erhoffen. Valentina, zehn Jahre jünger als Iwan und aus dem Waisenhaus, wird zur Tochter fürs Herz. Im Dorf beneiden alle Valentina um ihren attraktiven, wohlhabenden Mann. Bald bringt sie zwei Söhne und eine Tochter zur Welt. Als der Älteste zehn ist, beschließt Iwan, mit einem Freund zum Arbeiten in die Stadt zu gehen, das Landleben langweilt ihn. Die Familie ist entsetzt, aber Iwan bleibt bei seinem Plan und geht wiederholt für Monate fort. Dann kommt eines Tages eine Nachricht mit verheerenden Folgen: “Valentina, entschuldige, ich habe eine andere. Das Haus bleibt für mich nach meiner Mutter. Hier etwas Startgeld, du musst jetzt allein weitermachen.” Galina will ihre Schwiegertochter und Enkelkinder nicht fortlassen: “Du bleibst hier! Ohne euch halte ich das nicht aus.” Jahre vergehen; Valentina meistert das Leben tapfer und die Kinder unterstützen die Familie. Galina und Valentina sind längst wie Mutter und Tochter. Eines Tages steht Iwan mit neuer Frau und Auto vor der Tür. Die Kinder begegnen ihm reserviert. Seine Mutter macht klar: “Für dich ist hier kein Platz mehr – und Valentina auch nicht.” Erst als Galina stirbt, kehrt Iwan zurück, will das Haus für sich beanspruchen. Doch alle Erbangelegenheiten sind längst geregelt: Das Haus gehört Valentina. Iwan muss erkennen – seine Familie ist ohne ihn glücklich geworden. Enttäuscht verlässt er das Dorf, während Valentina bei ihren Kinder und Enkeln bleibt – denn hier ist nun ihr Zuhause.

6. März

Heute, als ich vom Einkaufen aus dem Edeka zurückkam, war ich wie immer dabei, die Taschen und die Einkäufe auszuräumen. Während ich die Milch in den Kühlschrank stellte, hörte ich plötzlich ein ungewöhnliches Geräusch aus dem Zimmer meines Sohnes und seiner Frau. Ich bin sofort nachsehen gegangen und war verblüfft, als ich Friederike entdeckte, wie sie Koffer zu packen begann.

Friederike, wohin willst du denn?, fragte ich ganz erstaunt. Ihre Stimme klang brüchig, als sie mit Tränen in den Augen antwortete: Ich ich geh weg! Wie, weg? Wohin denn? Was ist passiert?, hakte ich nach. Friederike reichte mir wortlos einen Brief meine Hände zitterten, als ich ihn las.

Rückblickend denke ich oft an die Zeit, als Matthias Friederike zu uns nach Bayern brachte ins Haus meiner Eltern im Allgäu. Ich war überglücklich, denn mein Sohn, über dreißig und lange unverheiratet, hatte sich endlich entschlossen, zu heiraten. Die wilden Jahre waren vorbei, und ich hoffte, dass nun Ruhe einkehrt und ich nicht so alleine bin, wenn ich älter werde.

Das Haus war immer gut in Schuss. Mein Mann war ein Fels in der Brandung hat alles für die Familie getan. Kurz bevor er starb, hat er Matthias unser Zuhause und einen ordentlichen Hof hinterlassen. Ich konnte nie ein zweites Kind austragen, und irgendwann gings gar nicht mehr die Arbeit auf dem Land ist eben hart und gönnt einem keinen freien Tag. Am Schluss habe ich sogar den Trecker alleine gefahren, Kartoffeln gelegt und geerntet, alles irgendwie geschafft.

Friederike viel jünger als mein Matthias, vielleicht um die zehn Jahre. Zierlich, still, fast schüchtern. Da habe ich mich oft an meine eigene Jugend erinnert, wie ich mit einem kleinen Koffer bei meinem Mann einzog. Kaum Habseligkeiten, wenig Hoffnung, viel Herz. Aber mein Sohn hat sie sich ausgesucht und sie war ohnehin Waise. Vielleicht war dieses Schicksal gar kein Nachteil.

Die anderen Frauen im Dorf beneideten Friederike heimlich: Sie hatte einen fleißigen, gut aussehenden Bauern abgekriegt. Sogar jetzt noch blickten viele Frauen meinem Sohn nach, obwohl er längst verheiratet war. Aber Matthias blieb Friederike und den Kindern treu. Sie haben zwei Söhne und eine Tochter bekommen.

Als der Jüngste fünf und der Älteste zehn Jahre alt waren, wollte Matthias mit seinem besten Freund nach München zum Arbeiten gehen als Saisonarbeiter. Ich hab versucht, ihn umzustimmen: Was willst du in der Stadt? Hier ist genug zu tun, das Geld reicht, mit eurer beider Gehalt und meiner Rente. Und der Hof irgendwer muss ihn führen. Ich schaffe das nicht mehr alleine.

Mutter, es reicht mir!, entgegnete er. In München finde ich bessere Arbeit. Dann ziehe ich euch alle nach, die Kinder können in der Stadt zur Schule gehen. Das Haus kann man ja verkaufen, kommst einfach mit!

Friederike versuchte, ihn festzuhalten: Aber wozu? Unsere Schule ist gleich um die Ecke, und wie solls deiner Mutter gehen? Du bist doch auch aus der Stadt, oder nicht? gab er zurück, aber Friederike schüttelte traurig den Kopf: Das Kinderheim war zwar in München, aber ich erinnere mich an fast nichts. Wie solls denn deiner Mutter gehen? Sie braucht uns doch.

Die Diskussion endete abrupt. Genug! Zieh dich lieber ordentlich an, du siehst fertig aus.

Friederike und ich, wir verstanden uns mit der Zeit wirklich gut. Ich hab sie mit den Jahren wie eine Tochter lieb gewonnen. Besonders als die Enkel größer wurden, schützte ich sie, als wären sie meine. Sie nannte mich sogar fast von Anfang an Mama.

Als Matthias schließlich ging, ließ ich ihn ziehen mehr aus Resignation als Überzeugung. Er schrieb ab und zu einen Brief Handys gabs noch nicht , kam nach einem halben Jahr mit Geschenken und etwas Bargeld zurück, dann verschwand er wieder für Monate. Sein Freund kehrte irgendwann allein zurück. Dessen Frau erzählte mir, Matthias wohne bei einer reichen Frau in München sie renovierten wohl deren Villa, mittlerweile hätte Matthias die Arbeit eingestellt und lebe einfach dort. Ich sagte Friederike nichts davon, man weiß ja nie, was wahr ist. Aber die Gerüchte machten im Dorf schnell ihre Runde.

Eines Abends packte Friederike ihre Sachen.

Wohin willst du?, fragte ich sie.

Ohne ein Wort reichte sie mir einen Zettel. Es war kaum mehr als eine Notiz:
Friederike, es tut mir leid, aber ich habe eine andere. Das Haus erbe ich irgendwann ohnehin. Verschwende deine Zeit nicht, fang neu an. Hier ist etwas Geld zum Start, den Rest musst du selbst schaffen. Matthias.

Wie sollte ich das Friederike sagen? Ich nahm sie in den Arm Er ist weg. Aber du bleibst hier. Die Kinder gehören nicht in fremde Ecken. Ich kann nicht ohne euch, und ich werde nicht zulassen, dass er euch vertreibt.

Jahre später kam Matthias in einem neuen Mercedes, zusammen mit seiner neuen Frau. Er wusste wohl nicht, dass die Kinder immer noch im Elternhaus wohnten. Unsere 12-jährige Tochter rannte sofort zu ihm und weinte. Der Älteste kam schweigend, ließ sich aber nicht umarmen. Er nahm die Schwester an die Hand und ging. Auch der Mittlere folgte.

Das ist kein Vater, sondern ein Verräter, brummte der Älteste. Wir haben Arbeit. Da setzte er sich auf den Traktor und fuhr raus zum Kartoffelacker. Die anderen fütterten die Kaninchen wir hatten mittlerweile viele, mehr als je zuvor. Der Hof war nicht kleiner, sondern größer geworden. Die Kinder waren groß geworden, und Matthias hatte es nie gesehen.

Und wo ist ihre Mutter?, fragte er mich.

Du solltest nicht von dir auf andere schließen. Sie heißt Friederike. Erinnerst du dich? Sie kommt gleich von der Arbeit zurück. Und was treibt euch hierher, alle beide?

Wir möchten mit dir reden.

Dann rede. Aber machs kurz, bevor Friederike kommt.

Mama, wir wollen, dass du mit uns nach München ziehst. Verkauf den Hof und das Haus, du bekommst ordentlich Geld, wir kaufen dir was in unserer Nähe.

Und die Kinder?, fragte ich.

Friederike soll mit den Kindern auch in die Stadt, da gibt es mehr Möglichkeiten.

Möglichkeiten gäbe es, aber sie wollen nicht. Sonst wären sie längst weg.

Wir haben dir alles gesagt. Die Käufer stehen bereit. Überlegs dir, aber lang darfst du nicht zögern.

Es gibt für mich nichts zu überlegen. Ich gehöre hierher, bin nicht nur die Haushälterin!

Warum sprichst du so, Mama?

Genau in dem Moment kam Friederike zur Tür herein.

Was für eine Überraschung.

Friederike hatte sich in den Jahren, in denen Matthias fort war, wunderschön entwickelt. Modische Kleidung, schöne Ohrringe, frisch frisiert. Von der stillen, erschöpften Frau war nichts mehr übrig. Meine Schwiegertochter war eine Schönheit neben ihr verblasste sogar Matthias neue Frau. Ich bemerkte, wie Matthias sie einen Moment zu lange musterte, bis seine Begleitung ihm einen bösen Blick zuwarf.

Mama, warum deckst du nicht den Tisch? Besuch ist da!, fragte Friederike lachend.

Der Besuch macht sich jetzt auf den Weg. Was er wollte, hat er gesagt. Danke fürs Kommen, Sohn, verabschiedete ich die beiden. Dir auch, junge Dame, alles Gute. Ich hoffe, ich sehe sie beide nie wieder. Matthias drückte mir einen Zettel mit einer Telefonnummer in die Hand. Falls du dich anders entscheidest, ruf an.

Viele Jahre vergingen. Schließlich kam Matthias, weil ich im Krankenhaus lag. Friederike hatte ihm Bescheid gesagt schließlich ist er mein Sohn. Die Kinder sind erwachsen, der Älteste hat selbst schon Kinder. Sie reden nur noch förmlich mit dem Vater, als wärs ein Fremder. Die Tochter geht ihm ganz aus dem Weg.

Friederike, die Kinder sind groß. Das Haus gehört mir, ich will wieder zurückkehren, bin geschieden. Willst du hierbleiben, oder gehst du?

Ohne zu zögern, nahm Friederike die Unterlagen aus dem Buffetschrank. Das Haus hatte ich ihr schon lange überschrieben, passenderweise in jenem Jahr, als Matthias ihr damals den Abschiedsbrief schrieb. Schweigend verschwand Matthias. Friederike hielt ihn nicht auf. Es verbindet uns nichts mehr. Sie hat ihre Kinder, nun sogar Enkelkinder und sie weiß, dass das Wertvollste längst nicht in der Stadt, sondern hier geblieben ist.

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Galina kehrt vom Einkaufen zurück und räumt die Lebensmittel aus – doch plötzlich hört sie merkwürdige Geräusche aus dem Zimmer ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter. Als sie nachsehen will, entdeckt sie Valentina weinend beim Kofferpacken: “Ich gehe weg!”, schluchzt sie und überreicht Galina einen Brief. Nach dem Lesen bleibt Galina wie erstarrt stehen. Als Iwan seine frisch angetraute Frau Valentina ins heimatliche Dorf zu Mutter Galina bringt, ist diese überglücklich: Endlich ist ihr Sohn mit über dreißig bereit für die Familie. Das Haus ist voll, der Hof floriert. Galina musste vieles allein stemmen, nachdem ihr Mann früh starb – einen zweiten Sohn konnte sie sich nicht mehr erhoffen. Valentina, zehn Jahre jünger als Iwan und aus dem Waisenhaus, wird zur Tochter fürs Herz. Im Dorf beneiden alle Valentina um ihren attraktiven, wohlhabenden Mann. Bald bringt sie zwei Söhne und eine Tochter zur Welt. Als der Älteste zehn ist, beschließt Iwan, mit einem Freund zum Arbeiten in die Stadt zu gehen, das Landleben langweilt ihn. Die Familie ist entsetzt, aber Iwan bleibt bei seinem Plan und geht wiederholt für Monate fort. Dann kommt eines Tages eine Nachricht mit verheerenden Folgen: “Valentina, entschuldige, ich habe eine andere. Das Haus bleibt für mich nach meiner Mutter. Hier etwas Startgeld, du musst jetzt allein weitermachen.” Galina will ihre Schwiegertochter und Enkelkinder nicht fortlassen: “Du bleibst hier! Ohne euch halte ich das nicht aus.” Jahre vergehen; Valentina meistert das Leben tapfer und die Kinder unterstützen die Familie. Galina und Valentina sind längst wie Mutter und Tochter. Eines Tages steht Iwan mit neuer Frau und Auto vor der Tür. Die Kinder begegnen ihm reserviert. Seine Mutter macht klar: “Für dich ist hier kein Platz mehr – und Valentina auch nicht.” Erst als Galina stirbt, kehrt Iwan zurück, will das Haus für sich beanspruchen. Doch alle Erbangelegenheiten sind längst geregelt: Das Haus gehört Valentina. Iwan muss erkennen – seine Familie ist ohne ihn glücklich geworden. Enttäuscht verlässt er das Dorf, während Valentina bei ihren Kinder und Enkeln bleibt – denn hier ist nun ihr Zuhause.
Jemand öffnete die Tür mit seinem eigenen Schlüssel, am Küchentisch saß ein Fremder. Tatjana deckte wie immer liebevoll das Frühstück und wartete treu auf die Wünsche ihres Mannes. Pawel starrte in den Fernseher, kaute mechanisch und schenkte seiner Frau keine Beachtung. „Ist etwas, Pashenka?“ „Tatjana, mein Vater wird morgen entlassen. Du verstehst ja selbst, er ist allein, braucht Pflege, und in seiner Wohnung muss dringend sauber gemacht werden.“ „Ich verstehe, ich erledige alles“, antwortete Tatjana bereitwillig. Eine Haushaltshilfe kommt nicht infrage – hat sie mit Pawel übereingestimmt – man muss schließlich sparen, es geht schließlich um Familie. Ihr Mann arbeitet, Tatjana strickt Zuhause Mützen und verdient nicht viel – sie kann sich also ein paar Tage frei nehmen. „Mach bei ihm sauber, hol ihn ab und bleib dann erstmal bei ihm in der Wohnung, er fühlt sich da wohler als bei uns. Bleib, bis er sich erholt hat.“ Tatjana wollte eigentlich nicht vom Mann wegziehen. „Wie kommst du allein zurecht, Pashenka?“ „Ich schaffe das schon, hol mir Essen beim Imbiss, koche selbst, melde mich abends.“ Tatjana und Pawel sind fast zehn Jahre verheiratet. Sie lernten sich über Freunde kennen, im Freundeskreis waren alle schon verheiratet. Manche Paare haben sie eher zum Spaß, mal im Ernst verkuppelt. Tatjana ging schon auf die dreißig zu, Pawel war noch älter. Sie zog zu ihm in die Wohnung. Kinder haben sie nicht. Tatjana war beim Arzt, alles war in Ordnung; Pawel weigerte sich jedoch, sich untersuchen zu lassen. Manchmal bemerkte Tatjana seine vorwurfsvollen Blicke. Zwar sagte er nie ein Wort, aber innerlich gab er ihr die Schuld, dass es keinen Erben gab. Früher folgte Tatjana den Anweisungen der Eltern. Jetzt hörte sie nur noch auf Pawel – so ihr Wesen. Zu Hause bestimmte ihr Mann alles. Sie hatte ihre Freundinnen verloren, strickte, putzte, kochte und betrachtete Pawel als den Mann fürs Leben. Und deshalb müsse man sich fügen, meinte sie. Sergej Iwanowitsch, Pawels Vater, war schon lange Witwer und lag nun erneut im Krankenhaus. Tatjana mochte ihn. Es war selbstverständlich, dass sie zu ihm ziehen würde. „Nimm ein Taxi, ich hab keine Zeit. Bring Vater nach Hause, mach alles sauber“, instruierte Pawel. Wie immer fragte er nicht nach ihrer Meinung. Pawel entschied – so musste es sein. Tatjana gehorchte, putzte die Wohnung, blieb über Nacht. Am nächsten Tag holte sie ihren Schwiegervater per Taxi ab. Plötzlich merkte sie: Ohne den Mann fühlte sie sich leicht. Plötzlich herrschte Ruhe. Niemand verlangte ständige Anpassung, keine Sprüche. Sie wirkte wie befreit. Ihr wurde klar, dass sie daheim ständig unter Spannung war, immer darauf bedacht, was Pawel wohl sagen würde. Ihre eigenen Gedanken verschwanden teils. Entweder strickte sie mechanisch, oder sie suchte es Pawel recht zu machen. Sergej Iwanowitsch las, sah fern, sie unterhielten sich stundenlang respektvoll. Er hörte ihr aufmerksam zu, fragte nach ihrer Meinung. Tatjana spürte: Sie wollte gar nicht zurück zu Pawel. Der überwies nur Geld, kam selten vorbei. Eine Woche später organisierte er eine Reha für den Vater und buchte gleich einen zweiten Aufenthalt. Sergej Iwanowitsch war fast zwei Monate im Sanatorium. Tatjana kehrte in die Wohnung zum Mann zurück. Wieder putzen, kochen, dienen. Doch die Traurigkeit blieb. Sie beschloss, nochmal zur Schwiegervaterwohnung zu fahren, in Ruhe nachzudenken. Doch diesmal ließ sich die Tür nicht öffnen – seltsame Geräusche drangen aus der Wohnung. Tatjana bekam Panik. Wer war da? Sie wollte Pawel anrufen, traute sich aber und läutete stattdessen. Die Tür öffnete sich – eine junge, sportliche Frau sah sie fassungslos an: „Wen suchen Sie denn?“ Tatjana war verwirrt. Eine Verwandte von Sergej Iwanowitsch? Doch da tauchte Pawel im Flur auf. Er stockte. „Tatjana, was machst du hier? Papa ist längst im Sanatorium.“ Tatjana stellte keine Fragen. Sie floh. Auf dem Heimweg dachte sie nur: Ich habe doch alles geputzt, alles gemacht… und sie… Dass Pawel eine andere hatte, überraschte sie längst nicht mehr innerlich. Sie war darauf vorbereitet. Sie hatten keine Kinder, Pawel wollte eins. Viel zu reden gab es zwischen ihnen nicht. „Ich bin wie eine Haushaltshilfe“, bedauerte sich Tatjana. Sie fuhr an ihrer Haltestelle vorbei, schlenderte durch die Straßen, ließ sich auf eine Bank sinken und starrte ins Leere. Eine ältere Dame setzte sich dazu. „Geht es Ihnen gut, mein Kind?“ Tatjana schwieg, Tränen liefen stumm. Die Frau umarmte sie. „Na, was ist denn, Süße, was ist passiert?“ Ein fünfjähriges Mädchen rief: „Oma, lass uns nach Hause, ich habe Hunger.“ Die Frau nahm Tatjana bei der Hand: „Kommen Sie doch mit uns.“ Tatjana folgte ihr willenlos, Hauptsache nicht zurück. In der kleinen, hellen Küche saßen sie zusammen beim Tee. Tatjana wurde warm ums Herz. Sie betrachtete das Mädchen und dachte: So ein Kind hätte ich auch gern. Sie lud das Mädchen auf den Schoß – es kuschelte sich an sie und schlief. Tatjana trug es ins Schlafzimmer. „Sonja hat ihre Mutter lange nicht gesehen, sie vermisst sie“, flüsterte die Oma. Tatjana verstand nichts. Als Sonja schlief, erzählte die Ältere ihre Geschichte: „Mein Sohn Wladimir hat geheiratet, ohne mich zu fragen. Nach der Geburt von Sonja ist seine Frau mit irgendeinem Kerl abgehauen und hat sich scheiden lassen. Wladimir ist geschäftlich viel unterwegs, wir sind zu zweit. Sonja vermisst die Mutter. Sie hat sich gleich an Sie geklammert.“ Als Tatjana zuhause war, packte sie ihre Sachen und zog zu ihren Eltern. Mit Pawel herrschte nur noch kühle Kommunikation: Wir leben getrennt. Tatjana ging immer öfter in den Hinterhof, wo sie Sonja und deren Großmutter begegnet war. Sie wurde bald zum Tee eingeladen. „Lassen Sie mich heute Mittag kochen. Sie haben mir so geholfen, ich will mich revanchieren.“ — „Gern, meine Liebe – ich sehe kaum noch und die Hände zittern sowieso.“ Tatjana bereitete mit Freude das Essen, wusch die Küche. Sonja half begeistert, so gut sie konnte. „Das ist meine Familie, ich brauche nichts anderes“, dachte Tatjana und kam jetzt fast täglich vorbei. Als die Großmutter ins Krankenhaus musste, blieb Tatjana mit dem Kind allein. Sie erzählte Sonja Märchen, sie sahen zusammen fern. Tatjana schlief ruhig wie seit Jahren nicht mehr. Am Morgen klingelte es – jemand schloss mit Schlüssel auf. Tatjana griff hastig zum Bademantel und betrat die Küche. Am Küchentisch saß ein fremder Mann und aß hastig aus dem Topf. „Mama, ich hatte Hunger, entschuldige.“ Dann sah er Tatjana. „Oh, wer sind Sie? Wo ist meine Mutter?“ Tatjana setzte sich verschämt. „Sie sind sicher Wladimir? Ihre Mutter kam gestern ins Krankenhaus, nichts Schlimmes, ich bin eine Bekannte und bleibe mit Sonja hier.“ Völlig aufgelöst entschuldigte Wladimir sich für das aufgegessene Essen. Doch Tatjana winkte ab: „Ist doch kein Problem! Ich koche rasch was Neues.“ Sonja stürmte herein: „Papa, du bist endlich da!“ und flog ihm in die Arme. Tatjana spürte, dass sie gehen wollte, aber sie blieb. Wladimir bot ihr Geld für die Betreuung an, doch Tatjana lehnte entschieden ab. Sie lebte sich ein, kochte und spielte mit Sonja. Abends schlief sie im Kinderzimmer, Wladimir in seinem eigenen. Nach einigen Tagen wurde die Großmutter entlassen. Sie lobte Tatjana vor ihrem Sohn in höchsten Tönen, Sonja hatte sie längst ins Herz geschlossen. Wladimir lud Tatjana ein, mit ihm auszugehen. Von Pawel ließ sich Tatjana scheiden, sie verzichtete auf alles, brachte ihre verbliebenen Habseligkeiten zu ihren Eltern. *** Bei einer Kontrolluntersuchung lächelte die Ärztin sie an: „Herzlichen Glückwunsch, Sie bekommen ein Baby!“ Tatjana war überrascht – so viele Jahre hatte sie Ärzte konsultiert, ohne Erfolg. „Jetzt ist alles in Ordnung“, sagte die Ärztin. Ein Sohn wurde geboren. Tatjana schob den Kinderwagen durch den Hof, wo sie früher mit Pawel gelebt hatte. Dort stand Pawels Auto. Seine neue Frau stieg gerade ein und gab ihm wortkarg Befehle: „Park um, siehst du nicht, wie du stehst? Ich geh jetzt, beeil dich nicht.“ Tatjana musste lachen: Offenbar hat er gefunden, was er suchte. Ich war ihm zu still, zu brav, und dann noch ohne Kind. Sie warf einen liebevollen Blick auf ihren Sohn und steuerte auf Pawel zu. Der erstarrte, als er sie sah. „Tatjana, wie geht es dir – ist das dein Kind?“ „Das ist mein Kind“, erwiderte Tatjana stolz. Pawel war verlegen, blickte zur Seite und sagte leise: „Tanja, komm zurück – bei uns war es doch gut. Ein Sohn? Ich würde ihn aufnehmen.“ „Ja, ein Sohn“, entgegnete Tatjana ruhig. „Außerdem habe ich einen wunderbaren Mann und eine richtige Familie. Leb dein Leben, Pawel, wie du es möchtest.“