Ein Engel, der hundert Kilo wog und nach billigem Filterkaffee duftete

Der Engel, der hundert Kilo wog und nach billigem Kaffee roch

Im Spielzimmer der Kinderonkologie herrschte eine eigentümliche Stille, nur unterbrochen vom gelegentlichen Knistern von Papier oder dem leisen Quietschen von Filzstiften. Diese Stille war zerbrechlich wie aus Glas gegossen. Zu viel Ernsthaftigkeit schwebte in der Luft, als dass es zu diesen Kindern, die alle noch keine zehn Jahre alt waren, passen wollte. Die Aufgabe war schlicht: Male deinen Schutzengel. Die Kinder gaben sich große Mühe.

Für Annemarie, eine junge Ehrenamtliche, war dieser Tag eine Bewährungsprobe. Sie kannte richtiges Schöne aus den Kirchen, die sie als Kind besucht hatte auf den Fresken waren Engel leichte Jünglinge, mit goldenen Locken, engelsblauen Augen und schimmernden Flügeln. Annemarie lief zwischen den kleinen Tischen umher, begeistert: Bei Lukas hatte der Engel ein riesiges Schwert, bei Leni flauschige Flügel wie Zuckerwatte. Alles war berührend, durchaus kanonisch, und irgendwie ähnlich.

Dann trat sie an Friederike heran.

Das Mädchen war sieben Jahre alt. Ihr Kopf war kahl wie eine Billardkugel nach der letzten Chemotherapie, die Haut so dünn, dass man beinahe hindurchsehen konnte. Friederike malte besonders sorgfältig, mit herausgestreckter Zungenspitze.

Annemarie beugte sich über ihre Schulter und musste ein erstauntes Aufatmen unterdrücken.

Auf dem Blatt war anstelle eines himmlischen Boten eine eigenartige Figur zu sehen. Ein rundlicher, massiver Mann nahm fast das ganze Papier ein. Keine Flügel. Dafür ein großer Bauch, eingeschnürt in etwas Weißes, eine Glatze, die fast wie eine große Kartoffel wirkte, und gewaltig schiefe Brillengläser, die auf seiner Nase wie ein Knopf saßen.

Friederike, fragte Annemarie sanft, hockte neben sie, wer ist das? Wir malen doch einen Engel?

Das ist ein Engel, antwortete das Mädchen leise und bestimmt, vertieft ins Ausmalen des Bauches mit weißem Wachsstift.

Aber… er ist doch ziemlich ungewöhnlich, tastete Annemarie vorsichtig nach Worten. Warum hat er keine Flügel? Und warum ist er so groß?

Hat er, widersprach Friederike. Nur versteckt er sie unter dem Kittel. Damit sie nicht schmutzig werden. Hier ist es manchmal dreckig.

Annemarie lächelte nachsichtig. Ach, kindliche Fantasie.

Auf dem Flur klang häufig ein schweres, keuchendes Atmen. Es bewegte sich näher, so wie das Dröhnen eines anfahrenden Zuges. Schritt, Schritt. Die Bodendielen schienen unter dem Gewicht zu erbeben.

Dann öffnete sich die Tür zum Spielzimmer. Im Türrahmen stand er.

Dr. Heinrich Berger, Oberarzt der Intensivstation. Er war enorm. Fettleibig, mit dreifachem Kinn, im stets offenen weißen Kittel, der eigentlich zu klein für ihn war. Sein Gesicht, von Schweiß glänzend, wirkte gräulich. Die Hornbrille rutschte immer wieder auf die Nasenspitze, die er nur mit dem dicken Zeigefinger nach oben schob. Er roch nach Tabak, nach Schweiß und nach starkem, billigem Filterkaffee. Schon die dritte Nacht in Folge schlief er hier auf dem alten Diwan des Schwesternzimmers.

Annemarie sah in ihm immer nur einen erschöpften, vernachlässigten Mann, der längst in Rente oder wenigstens unter der Dusche sein sollte.

Na, Künstler?, dröhnte seine tiefe Stimme, als würde sie aus seinem massiven Leib hervorrollen. Alles noch am Leben?

Ja, Herr Doktor!, riefen die Kinder durcheinander.

Er ging schwerfällig zwischen den Reihen, stützte sich auf die Lehnen der Stühle.

Bei einem Jungen mit Tropf blieb er stehen, legte die riesige Hand auf dessen Stirn.

Durchhalten, mein Großer, murmelte er. Die Werte sind da. Wir schaffen das.

Dann trat er an Friederike heran. Annemarie sah, wie Friederikes Augen aufleuchteten, wie sie die Arme nach diesem schweren, nach Tabak und Kaffee riechenden Mann ausstreckte.

Am Malen?, fragte er. Und hinter den dicken Brillengläsern auf einmal Annemarie konnte es kaum glauben blitzte ein unendliches, übernächtigtes Blau.

Dich, flüsterte Friederike.

Er schnaubte, rückte die Brille zurecht. Ach was, mich? Dafür reicht das Papier doch nicht.

In diesem Moment erklang von draußen ein schrilles Geräusch der Alarm eines medizinischen Geräts.

Dr. Berger war im Nu verwandelt. Das Keuchen, das langsame Schlurfen alles war verschwunden. Mit unerwarteter Wendigkeit für seine Gestalt drehte er sich um und verschwand Richtung Flur.

Niemand aufstehen!, dröhnte er vom Korridor. Carla, den Rea-Koffer! Sofort!

Annemarie blieb zurück, presste die Hände an die Brust. Jenseits der Wand begannen die hektischen Geräusche scharfe Kommandos, Klirren von Metall, und seine Stimme nicht mehr wohlwollend, sondern wie Stahl.

Atmen! Na los! Bleib bei uns! Atmen!

Dieser Ruf ging durch Mark und Bein. Er war Befehl und Flehen zugleich. Annemarie schloss die Augen. Sie hatte Angst.

Vierzig Minuten vergingen. Minuten, die sich endlos in die Länge zogen. Im Spielzimmer war es still geworden. Niemand malte. Alle starrten zur Tür.

Dann öffnete sie sich wieder. Dr. Berger betrat erschöpft den Raum, hielt sich am Türrahmen fest. Der Kittel war schweißnass, am Ärmel ein Fleck getrockneten Blutes. Er nahm die Brille ab, rieb sich das Gesicht, als könne er die Müdigkeit so auslöschen. Schließlich ließ er sich mit einem Stöhnen auf einen kleinen Kinderstuhl fallen, der unter seinem Gewicht jämmerlich quietschte.

Geschafft, keuchte er ins Leere. Er schläft jetzt.

Annemarie betrachtete ihn. Und plötzlich als hätte jemand den Nebel von ihren Augen genommen erkannte sie alles.

Sie sah auf Friederikes Bild. Sah den tollpatschigen, dicken Kerl dann den echten Dr. Berger. Und all der Schweiß, all das Übergewicht verschwanden. Es war Masse, ein ungeheures Gewicht Liebe, die nötig war, um diese zerbrechlichen, leichten Kinderseelen auf der Erde zu halten, wenn sie im Begriff waren, fortzufliegen. Ein goldgeflügelter Engel hätte hier nichts geholfen zu leicht, wäre fortgeschwebt.

Man brauchte einen wie ihn schwer, massiv, nach Erde und Kaffee duftend, der das flüchtige Leben mit großen Händen festhält und rausbrüllt: Ich lasse nicht los.

Sein kahler Schädel schimmerte im Lampenschein wie ein Heiligenschein. Aber keiner aus Gold, sondern einer von Arbeit feucht vom Einsatz.

Friederike rutschte vom Stuhl, ging zu dem Arzt, der mit gesenktem Kopf saß, und umarmte sein dickes Bein höher kam sie nicht.

Hab ich doch gesagt, murmelte sie, Annemarie mit einem Blick anschauend, in dem mehr Alter lag als in jedem Erwachsenen. Der versteckt seine Flügel. Damit es bei uns nicht zieht.

Dr. Berger legte seine schwere Hand auf ihren kahlen Kopf. Seine Finger zitterten.

Haltet durch, ihr Lieben, flüsterte er. Nur noch ein wenig.

Annemarie drehte sich zum Fenster; sie konnte nicht mehr hinschauen.

Die Tränen, vor denen sie solche Angst gehabt hatte, kamen doch. Sie weinte aus Scham über ihre Blindheit. Sie hatte Schönheit im Glanz, in Eleganz gesucht, aber sie saß auf dem zerbrochenen Stühlchen vor ihr, wischte sich den Schweiß mit dem Ärmel ab schwer, unschön und das Heiligste überhaupt.

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Homy
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