DER SCHWINDEL DER SCHWIEGERMUTTER
Meine lieben Kinder! Es ist mir eine große Freude, euch zu eurer Eheschließung zu gratulieren! Zu diesem bedeutenden Anlass schenke ich euch mein Ferienhaus am Starnberger See! Natürlich gibt es dort einiges zu tun, aber ihr seid ja so fleißig und geschickt, ihr werdet das alles schon richten!
Gertrud erinnerte sich mit Beklommenheit an den Tag ihrer Hochzeit vor allem wegen der Ansprache der Schwiegermutter. Oder genauer, wegen ihres eigenen naiven Glaubens und der kindlichen Freude über das Geschenk.
Das Geschenk war wirklich beeindruckend: ein zweistöckiges Haus mit großem Garten und kleinem Schwimmteich; das Anwesen war zwar etwas verwildert, aber keineswegs heruntergekommen. Ursprünglich stammte es von einem Ex-Ehemann von Ursula Schneider, der Mutter von Gertruds Ehemann, Markus. Ursula hatte das Haus selbst kaum genutzt, und beim Verkauf wurde ihr nur ein lächerlich niedriger Preis geboten. Darum kam ihr die geniale Idee: Sie schenkte das in ihren Augen lästige Anwesen kurzerhand dem Sohn und der frischgebackenen Schwiegertochter. So hatten es alle beschlossen, als das Geschenk offiziell übergeben wurde. Die Wahrheit hinter Ursulas eigentlichen Absichten sollte erst viel später ans Licht kommen.
Zur Hochzeit erhielten die Frischvermählten eine ansehnliche Summe, rund 13.000 Euro in Umschlägen mit Bayernkarten und guten Wünschen. Kaum hatten die beiden überlegt, wie sie das Geld nutzen könnten, präsentierte die Schwiegermutter ihren klugen Vorschlag.
Kinder! Werft euer Geld nicht zum Fenster raus! Nutzt es lieber sinnvoll: investiert in die Renovierung des Hauses! Das ist die beste Anlaget, die ihr machen könnt. Ihr genießt das Haus selbst als Wochenendsitz, später könnt ihr es saisonal vermieten oder mit Gewinn verkaufen!
Dass das Haus grundlegend renovierungsbedürftig war, stellten die beiden erst fest, als sie zur ersten Besichtigung kamen. Markus fuhr direkt nach München ins Bauhaus, bestellte das Nötigste und fand eine Handwerkertruppe über einen Kollegen. Die Kosten bezahlte er prompt. Es fragte niemand nach Grundbuch oder Schenkungsvertrag zu groß war das Vertrauen zur Mutter, zu naiv die Hoffnung, alles würde schon laufen.
Die Renovierung schritt schnell voran. Markus und Gertrud schauten öfter vorbei, planten bereits, wie sie das Erdgeschoss gestalten, wo das Bücherregal and die Decke kommen sollte, welches Sofa ins Wintergarten gestellt wird. Sie beschlossen, das Haus zwei Jahre für sich als Wochenenddomizil zu nutzen und dann gewinnbringend zu veräußern. Ursula war strikt dagegen.
Warum solltet ihr das behalten? Verkauft es einfach! Die Handwerker haben es gerichtet, jetzt ist es sogar noch wertvoller. Ich kenne einen Makler, der regelt das für euch!
Mama, das Haus hast du uns geschenkt warum bist du jetzt so interessiert daran? Du hast doch gesagt, wir können frei darüber verfügen!
Ihr solltet auf eine Eigentumswohnung sparen, da brauchts kein Ferienhaus! Ich kümmere mich um den Verkauf.
Das Thema ließ Ursula daraufhin ruhen. Kurz vor Abschluss der Renovierung kam es zu einem Schicksalsschlag: Markus und Gertrud gerieten in einen Autounfall auf der B23 und mussten einige Wochen in der Klinik verbringen. Markus überwies in der Not alle restlichen Gelder an die Mutter, damit sie die Handwerker bezahlen konnte, die fast fertig waren. Ursula schickte ihnen täglich Fotos, schwärmte vom neu erblühten Garten und davon, wie schön das Haus nach dem Profi-Umbau sei.
Dann aber wurde alles seltsam. Ursula war plötzlich verschwunden. Nach der Entlassung aus der Klinik war sie tagelang telefonisch nicht zu erreichen. Auch zu Hause öffnete niemand. Die Nachbarn sagten, sie hätten sie seit Tagen nicht mehr gesehen.
Markus, ich weiß nicht, was ich denken soll. In letzter Zeit kam immer wieder ein junger Kerl zu ihr. Ich hielt ihn für einen Freund von dir. Vor etwa einer Woche sah ich, wie sie gemeinsam das Haus verließen. Er schleppte einen riesigen Reisekoffer und Die Nachbarin wurde verlegen.
Und? Was noch? Markus war so nervös, dass er lauter wurde.
Er hielt deine Mutter an der Hand. Und er hat sie sogar vor dem Haus geküsst.
Markus und Gertrud sahen sich schweigend an, verabschiedeten sich und gingen hinunter. Das Handy der Mutter blieb stumm. Ursula war schon immer für ihr bewegtes Liebesleben bekannt. Nach der Scheidung von Markus’ Vater hatte sie drei weitere Männer geheiratet und je eine kleine Erbschaft mitgenommen: Haus, Geld, Auto, Wohnung. Doch sie war noch nie mit einem so viel jüngeren Mann gesehen worden.
Vielleicht ist sie am Ferienhaus. Vielleicht macht sie dort einfach Urlaub, schlug Gertrud zögernd vor.
Ihr Staunen war groß, als sie am Starnberger See eintrafen und in ihrem Garten fremde Menschen trafen, die ihnen Unterlagen präsentierten, die ihr Eigentum belegten.
Markus, deine Mutter hat uns doch das Haus geschenkt?, stammelte Gertrud, unfähig zu begreifen, was geschah.
Geschenkt, ja Aber ich hab nie die Papiere gecheckt. Hab ihr einfach geglaubt. Und dann den ganzen Umbau bezahlt Irgendwas stimmt hier nicht, Gertrud! Was, wenn dieser Gigolo sie angestiftet hat? Und was, wenn Mama in Gefahr ist? Markus war so verzweifelt, dass auch Gertrud plötzlich eher Mitleid empfand als Wut. Noch am Abend meldeten sie Ursula als vermisst bei der Polizei.
Das Erstaunen war gewaltig, als nur eine Woche später eine Videonachricht von Ursula eintraf.
Meine lieben Kinder! Keine Sorge um mich. Mir geht es prächtig! Sucht mich nicht und seid mir nicht böse, ich folge nur meinem Herzen. Ich habe einen neuen, jungen Ehemann! Er hat mir vorgeschlagen, ans Meer zu ziehen und dort ein Haus zu kaufen. Dafür brauchte ich Geld. Mit dem Verkauf meines bisherigen Besitzes hätte ich nie genug bekommen. Deshalb ‘verschenkte’ ich euch das Haus, damit ihr es schön herrichtet. Als es dann fertig war, habe ich es verkauft. Den Rest eures Geldes habe ich mir auch genommen. Ihr seid jung, ihr verdient neues! Und nein, den Autounfall habe ich nicht arrangiert, aber er kam mir gelegen. Mit dem Erlös habe ich mir eine kleine Wohnung in Lübeck an der Ostsee gekauft. Sucht mich nicht! Ich bin glücklich und wünsche euch dasselbe.
Ist das ein dummer Scherz? Wenn ja, dann finde ich diesen Typen und zerreiße ihn wie eine Breze!, brüllte Markus, kaum dass er es verkraftete.
Wochenlang versuchten Markus und Gertrud, seine Mutter zu finden und die Deals rückgängig zu machen, doch vergeblich. Ursula hatte den Sohn nach Strich und Faden ausgetrickst.
Ein ganzes Jahr brauchten Gertrud und Markus, um sich von dem Schock zu erholen. Schließlich schafften sie es sogar, die Motive der Schwiegermutter irgendwie nachzuvollziehen; aber vom Verzeihen wollten sie nichts wissen. Sie hatten alles verloren ihr Geld und das Geschenk lernten aber eine wichtige Lektion: Niemals Geld in etwas zu investieren, das nicht rechtlich eindeutig ihnen gehörte, und insbesondere keine Häuser ohne Grundbucheintrag zu renovieren.
Die Lehre war teuer, aber unauslöschlich. Viele Jahre später kehrte Ursula in ihre Heimatstadt zurück, in der Hoffnung, der Sohn und die Schwiegertochter hätten ihr vergeben Aber das war ein Irrglaube: Von Versöhnung keine Spur. Als ihr junger Ehemann ging, blieb sie allein zurück. Ein weiteres Mal zu heiraten war ihr altersbedingt verwehrt, und Markus blockierte einfach ihre Nummer.





