Also, weißt du, ich muss dir unbedingt von Annika erzählen. Sie wacht mitten in der Nacht wieder auf die kleine Leni weint, ihre ersten Zähnchen kommen durch. Und dann noch diese Träume… Acht Monate ist es jetzt her, seit Ben nicht mehr da ist, und doch erscheint er ihr ständig nachts.
Halte noch ein bisschen durch, mein Liebling, flüstert sie und wiegt das Baby sanft im Arm. Wir schaffen das irgendwie.
Annika muss alles alleine wuppen. Bens Vater hat seit dem Tod seines Sohnes angefangen, zu trinken und ist einfach nicht erreichbar. Ihre Mama wohnt weit weg auf dem Land, ist selbst krank und kann kaum helfen. Die Freundinnen… am Anfang waren die alle noch für sie da, aber inzwischen hat jede ihr eigenes Leben, eigene Sorgen.
An diesem Morgen nimmt Annika zum ersten Mal ihren Mut zusammen und geht mit Leni zur Isar spazieren. Es ist November, aber irgendwie noch mild, kaum Frost, und die Sonne lugt durch die kahlen Äste.
Schau mal, Lenchen, wie die Spatzen da rumflattern!, zeigt Annika ihrer Tochter lachend die Vögel.
Da sieht sie ihn zum ersten Mal. Ein zotteliger, rotbrauner Hund steht ein paar Meter abseits vom Weg und beobachtet sie. Kein bisschen feindselig, eher vorsichtig-neugierig, fast so, als würde er nach jemandem Ausschau halten.
Na so was, murmelt Annika, zieht vorsichtshalber den Kinderwagen näher, ein Streuner, scheints.
Der Hund rührt sich nicht vom Fleck. Starrt weiterhin mit diesen goldgelben, wachsamen Augen.
Auch am nächsten Tag ist er da. Und am übernächsten stapft er wieder ein Stück hinter ihnen her, immer so zwanzig Meter Abstand, nie zu nah, nie zu weit.
Was soll das denn jetzt?, schüttelt Annika den Kopf, als Frau Meißner, die Nachbarin, am Gartentor sie anspricht.
Sag mal, Annika, hast du jetzt einen Hund?
Nee, der läuft uns irgendwie einfach so hinterher. Keine Ahnung, woher der gekommen ist.
Frau Meißner lächelt verschmitzt: Der scheint euch zu beschützen, sieh dir mal an, wie der alles im Auge behält!
Tatsächlich wirkt der Hund wie ein aufmerksamer Wächter. Als Herr Möller, der halbbetrunkene Alte aus der Nachbarschaft, dem Kinderwagen zu nahekommt, knurrt der Hund leise. Und als ein Schwarm Krähen über ihnen krächzt und Leni zusammenzuckt, verjagt er sie sofort.
Annika gewöhnt sich langsam an diesen stummen Begleiter. Sie gibt ihm den Namen Fuchs, weil sein rotbraunes Fell so wunderbar passt.
Magst du ein bisschen Brot?, fragt sie ihn eines Tages und hält ihm ein Stück Kruste hin.
Fuchs nimmts ganz vorsichtig, frisst es aber nicht. Er legt es ganz feierlich aufs Gras.
Stolze Socke, grinst Annika.
Dann passiert das, was ihr Leben völlig verändert.
Ein typischer Dezembertag nass, windig, alles matschig. Annika kommt gerade mit Leni von der Kinderärztin, die kleine ist erkältet.
Gleich sind wir zuhause, Spätzchen, murmelt sie beruhigend.
Plötzlich rennt Fuchs, der wie immer hinter ihnen trottet, blitzschnell nach vorne. Im selben Moment ein schabendes Geräusch von oben Annika blickt hoch und ihre Knie werden weich. Eine schwere Metallstange, vermutlich von irgendeinem Baugerüst, rutscht vom Dach direkt in Richtung Kinderwagen.
Fuchs ist schneller. Mit seinem ganzen Körper stößt er den Wagen aus der Gefahrenzone. Die Stange kracht runter und erwischt ihn am Rücken.
Oh mein Gott!, japst Annika, zitternd untersucht sie Leni, aber der Kleinen ist zum Glück nichts passiert. Fuchs humpelt, hat ganz offensichtlich Schmerzen.
Sie schleppt den Hund gegen seinen Widerstand zur Tierärztin. Die alte Frau Dr. Auer mustert Fuchs lange.
Moment mal Den kenn ich doch, murmelt sie, das ist doch Bruno! Früher ein Diensthund beim Werkschutz. Vor anderthalb Jahren ist sein Herrchen, ein Jäger, plötzlich im Wald verschwunden. Seitdem ließ er keinen mehr an sich ran.
Annika wird ganz blass.
Vor anderthalb Jahren? Im Wald?
Die Tierärztin seufzt: Ja, ganz tragische Geschichte. War eigentlich noch jung, hatte eine Frau, die damals schwanger war
Annika sinkt auf einen Stuhl, alles rauscht in ihrem Kopf. Ben hatte ihr oft von einem Hund aus der Firma erzählt, den er besonders mochte und selbst trainiert hatte, aber getroffen hatte sie ihn nie.
Leise flüstert sie: Ben das war doch mein Ben.
Die Tierärztin sieht sie erstaunt an, dann von ihr zu Fuchs jetzt Bruno.
Fuchs oder besser Brunolegt zum ersten Mal vorsichtig den Kopf auf Annikas Knie und fiept leise.
Von da an gehen sie immer zu dritt nach Hause: Annika, Leni und Bruno. Jetzt gehört Bruno offiziell zu ihnen.
Abends streichelt Annika ihm sanft das Fell und sagt augenzwinkernd: Du hast uns gefunden, was? Du beschützt uns, stimmts? Ben hat dich geschickt, hm?
Bruno gibt nur einen tiefen Seufzer von sich und schaut mit seinen klugen Augen zur schlafenden Leni.
Die Zeit vergeht. Leni läuft bald ihre ersten Schritte meist festgeklammert an Brunos Fell. Sprechen lernt sie auch, und die ersten Worte sind Mama und Buno (an das r traut sie sich noch nicht). Annika geht wieder arbeiten, ist jetzt viel entspannter, weil sie weiß: Leni ist in den besten Pfoten.
Die Nachbarn tuscheln: Habt ihr den Hund bei Annika gesehen? Der gibt auf die Kleine besser acht als jede Babysitterin! Nur Annika weiß Bruno macht das nicht einfach so, sondern aus Herzblut. Er erfüllt den letzten Willen seines Herrchens beschützt dessen Familie.
Jeden Gedenktag gehen Annika und Leni zusammen auf den Friedhof. Leni stellt immer eine Kerze für ihren Papa auf. Und Annika flüstert: Mach dir keine Sorgen, Liebling. Wir sind bestens beschützt besser gehts gar nicht.
Und irgendwo da oben lächelt Ben, wenn er auf seine zwei Mädchen und Bruno herabblickt den Freund, der sie nie im Stich lassen wird.





