Ich nehme ihn mit! – Wenn Kinderherzen brechen: Als Karina von ihrer Tochter erfährt, dass ein anderes Mädchen behauptet, bald ihren Papa „wegzunehmen“, gerät ihr Familienglück ins Wanken. Doch hinter den Worten des fremden Kindes verbirgt sich ein viel traurigeres Geheimnis…

Ich nehme ihn mit

Mama, schau mal, das Mädchen da!
Welches Mädchen meinst du, Annike?
Na, deren Mutter manchmal bei Papa zu Besuch ist. Erinnerst du dich, ich habs dir erzählt?

Sabine drehte den Kopf zu den Kindern, die vor dem Sandkasten wie bunte Schmetterlinge umherschwirrten. Ihr Herz zog sich zusammen, dann purzelte es wie ein Stein in den tiefen Abgrund eines Traums Trotzdem ließ sie sich nichts anmerken, lächelte sogar ihre Tochter an.

Sonnenschein, das ist doch nicht schlimm. Papa hat viele Kunden, weißt du doch, er ist schließlich Maler

Aber dieses Mädchen meinte, dass sie bald unseren Papa mitnimmt! Annike schluchzte, als hätte der Wind ihre Angst geflüstert.

Sabine hockte sich neben ihre Tochter, um ihr auf Augenhöhe zu begegnen.

Niemand nimmt unseren Papa weg. Ich gehe gleich zu ihr rüber und frage mal nach, warum sie sowas sagt, okay?

Ja, bitte!

Zeigst du mir, wer sie ist?

Annike deutete auf ein Mädchen in einer himmelblauen Jacke. Sie war älter als die anderen Kinder und hielt sich etwas abseits, wie ein Schatten am Rand eines bunten Traums.

Hallo! Sabine setzte sich auf die Kante des Sandkastens und schenkte dem Mädchen ein warmes Lächeln. Magst du mir verraten, wie du heißt, Liebling?

Das Mädchen blinzelte überrascht, dann wurde ihre Miene kühl und vorsichtig.

Ich bin nicht Ihr Liebling! Was wollen Sie von mir? Ich rufe gleich meine Mama!

Keine Sorge. Ich möchte nur kurz mit dir sprechen. Wie mit einer Großen, unter vier Augen verstehst du?

Sie ließ sich auf das seltsame Gespräch ein.

Mein Name ist Wanda.

Wanda? Sabine hob leicht verwundert die Brauen. Das hört man nicht alle Tage!

Sagen sie alle Was wollen Sie denn wissen?

Annike ist seit eurem Gespräch ganz traurig. Magst du mir sagen, was ihr besprochen habt? Es geht mir darum, zu verstehen, warum du sowas sagst. Oder hat Annike es nur falsch verstanden?

Na, von mir aus! Wanda wurde auf einmal laut. Meine Mama nimmt bald Ihren Mann mit! Und dann hab ich einen Papa und die Annike nicht mehr! Wir werden zusammen glücklich sein und Sie Sie werden ganz allein heulen, das ist doch klar!

Sabine spürte, wie ihr die Gesichter aller Umstehenden wie Masken im Traum zuwandten. Alles war still.

Wanda, warum sagst du so etwas?

Weil Ihr Mann meine Mama liebt! Und sie liebt ihn auch, na klar!

Sabines Welt geriet plötzlich aus den Fugen. Wozu sollte das Kind lügen? Mein Gott, Martin Wie konnte ich das übersehen? Gedanken wirbelten durch ihren Kopf. Sie stand wankend auf und ging mit schwankenden Schritten weg, dann hielt sie inne.

Ich verstehe, Wanda. Entschuldige bitte, dass ich dich gestört habe.

Mama, unser Papa geht doch nicht weg, oder? Nimmt die doofe mit der blauen Jacke ihn nicht mit? Annike betrachtete besorgt das Gesicht ihrer Mutter. Weinst du Mama?

Sabine fuhr sich instinktiv über die Wange und bemerkte, dass ihre Fingerspitzen feucht waren.

Nein, Liebling Mir ist nur was ins Auge geflogen, bestimmt nur der Wind.

Du weinst doch! rief Annike. Also geht unser Papa weg! Sie hat Recht! Sie hat recht, oder, Mama!? Sag doch!!!

Annike brach heulend zusammen und rannte zum Hausflur. Sabine erwachte aus ihrer Trance und hastete ihr hinterher, während Tränen ihre Wangen hinunterrannen und die Wimperntusche verschmierte…

***

Ich hasse es, im Atelier zu malen! Martin, ein Mann mittleren Alters, zog das Jackett aus und warf es über einen Stuhl. Zuhause in meiner Werkstatt, da sprudle ich nur so vor Energie

Sabine ließ den Teller, den sie schon eine Ewigkeit abwusch, ins Spülbecken fallen. Er zersprang mit einem hellen Ton.

Alles gut, Sabine? Hast du dich verletzt? fragte Martin besorgt.

Alles in Ordnung

Sabine zwang sich zum Lächeln, brachte aber nicht den Mut auf, ihm in die Augen zu sehen.

Na gut Sorry, ich bin einfach kaputt. Heute hab ich mit Kindern gearbeitet. Morgen kommen schon wieder neue Kunden.

Wer denn?

Die aus der Schweiz. Ich male ihr Porträt ganz klassisch.

Die mit den langen, blonden Haaren und der perfekten Taille?

Martin sah sie erstaunt an. Sabines Stimme war ruhig, aber ihre Worte verrieten sie.

Woher soll ich wissen, wie ihre Taille ist? Ich mal nur ihr Gesicht! Aber die Haare, ja, die sind blond. Ach, ist doch egal, ob hell oder dunkel. Sie zahlt gut in Euro, redet wenig und ist nicht anstrengend. Irgendwie passiv.

Passiv hauchte Sabine.

Ja, niedergeschlagen, glaube ich. Einmal hat sie mich gebeten, kurz zu pausieren, um Tabletten zu nehmen. Ich habe den Namen gegoogelt gibts nur auf Rezept.

Und da sagst du, du kennst sie nicht.

Reine Neugier, weiter nichts.

Martin kam auf sie zu, umfasste sie sanft von hinten und flüsterte leise:

Sei nicht böse, dass wir in letzter Zeit so wenig zusammen machen Wenn ich das Porträt fertig hab, fahren wir zusammen in den Urlaub.

Versprochen? fragte Sabine zögernd, das Gesicht an seine Schulter gelehnt.

Natürlich, meine kleine Sabine. Mein sturköpfiges, eifersüchtiges Mädchen, das ich so liebe, antwortete Martin und drückte sie fester an sich.

Am nächsten Tag blieb Sabine zuhause. Sie wollte endlich einen Blick auf die Frau werfen, mit der Martin arbeitete. Als die Türklingel ging, begann ihr Herz einen verrückten Takt zu schlagen. Wie nervös bin ich eigentlich? Wann war das zuletzt? Na los, Sabine Sie marschierte zur Tür und öffnete.

Guten Tag! Ich bin Sabine, Martins Frau. Kommen Sie gern rein!

Die Kundin nickte kühl und trat ein. Sabine wollte gerade schließen, da stand das vertraute Mädchen aus dem Sandkasten vor ihr.

Sie bleibt ganz ruhig und stört niemanden, sagte die Frau, während sie Mantel und Schal ablegte. Nicht wahr, Wanda?

Wanda nickte, musterte ihre Mutter aber nicht.

Die Frau verschwand Richtung Atelier, als gehöre das Haus ihr. Sie bewegt sich hier, als wäre sie die Chefin! dachte Sabine, schob den Gedanken aber beiseite.

Na, Wanda, lernen wir uns noch mal neu kennen? Hast sicher Hunger, oder? Zieh dich aus, ich koch uns Tee.

Doch Wanda hockte sich wortlos auf die Schuhbank und starrte auf ihre Zehenspitzen.

Ist doch so warm brauchst du Hilfe beim Ausziehen? versuchte Sabine freundlich zu sein.

Wanda schwieg. Sabine ließ sich neben sie nieder und legte ihr sachte die Hand auf die Schulter.

Wanda belastet dich irgendwas? Ist etwas passiert?

Stille. Dann blickte Sabine in Wandas Augen und erkannte, dass ihnen schon lange Tränen innewohnten. Glitzernde Tropfen liefen ihr über das Gesicht.

Es tut mir leid wisperte Wanda. Ich habe gelogen.

Wanda mein Schatz Sabines Herz tat weh. Was meinst du?

Niemand will Euren Papa wegnehmen. Ich Ich wollte nur auch einen Papa haben

Wanda begann zu weinen. Ihr Körper bebte, ein Strom von Tränen und klagenden Lauten bahnte sich seinen Weg.

Meine Mama ist krank. Immer krank. Sie hat mich deshalb Wanda genannt. Nach ihrer Krankheit Wandel, Melancholie Ich hasse meinen Namen! Meine Mama ist nie fröhlich. Und Martin er hat mir Farben gezeigt, mir zu essen gegeben Ich sah, wie er am Spielplatz mit Annike lachte! Und ich? Ich bin immer alleine. Immer!

Sabine drückte das einsame Kind liebevoll an sich. Armes Mädchen Dass sie sich so schnell öffnet, heißt nur: Sie fühlt sich hier nicht hilflos, sondern geborgen. Vielleicht sogar geborgen wie nirgends sonst Ach, was für eine Welt, dachte sie und betrachtete träumerisch, wie Tränen auf Wandas Wangen glitzerten, wie Tautropfen im ersten Licht eines neuen Morgens.

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Homy
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Ich nehme ihn mit! – Wenn Kinderherzen brechen: Als Karina von ihrer Tochter erfährt, dass ein anderes Mädchen behauptet, bald ihren Papa „wegzunehmen“, gerät ihr Familienglück ins Wanken. Doch hinter den Worten des fremden Kindes verbirgt sich ein viel traurigeres Geheimnis…
Die Hoffnung verschwand nicht plötzlich. Ein ganzes Jahr verging, ohne ein einziges Lebenszeichen von ihm… Wir haben ihn überall gesucht. Aushänge gemacht, Tierheime angerufen, unermüdlich telefoniert. Irgendwann hörten wir auf zu sagen: „Wenn er zurückkommt“. Und dann, an einem ganz gewöhnlichen Tag, geschah es…