Eines Nachts, irgendwo zwischen Dämmerung und Erwachen, schwebte ich wie schwerelos durch die Gänge eines merkwürdig vertrauten Gymnasiums in München. Die Neonlichter flackerten und die Uhren tickten rückwärts. In einer Klasse saßen wir zusammen mit einem Jungen, dessen Name war Benedikt. Er war so unscheinbar wie ein Regentag im April, mit Noten, die weder strahlten noch fielen, und einer tiefen, fast magischen Liebe zu Brettspielen. Manchmal nahm Benedikt an seltsamen Online-Wettbewerben teil und zu unserer Überraschung gewann er gelegentlich sogar Preise, die aussahen wie glänzende Schokoladentaler.
Seine Mutter, Frau Helene, war als Hausmeisterin an unserer Schule ein vertrauter Schatten. Nach jedem Unterricht trug Benedikt Eimer, schrubbte die Böden, spülte das strahlende Porzellan, während die Welt im Nebel der Träume versank. Anfangs lachten wir über ihn, als würde Lachen die Zeit zurückdrehen. Doch Benedikt war davon unberührt, sein Blick tief und ruhig wie ein Waldsee. Nach einer Weile hörten wir auf, ihm Namen zu geben und plötzlich war er einfach einer von uns.
Unsere Lehrerin, Frau Krämer, war für die Streber und Überflieger eine Göttin, für uns andere aber eine Schreckgestalt, umrankt von Spott und Spitznamen, die im Windflur umherschwirrten. Immer sprach sie mit mir und den guten SchülerInnen mit honigsüßer Stimme, aber Benedikt mied ihre Nähe, so wie Katzen kaltes Wasser fürchten. Er brachte selten seine Hausaufgaben, und man konnte beinahe sehen, wie seine Schultern schrumpften, sobald sie den Raum betrat.
Während einer Biologiestunde es regnete drinnen wie draußen geschah das Unfassbare. Frau Krämer hob den Zeigestab, als wäre er ein Zauberstab, und wandte sich an Benedikt: Weißt du, mehr wirst du nie erreichen als die Eimer deiner Mutter zu schleppen und Böden zu wischen. Es gibt Menschen, die bleiben ihr Leben lang dort, wo sie geboren wurden. Ihre Stimme klang eisig, fast wie zerbrochenes Fensterglas. Die Klasse verschwamm vor meinen Augen, Stimmen tropften von der Decke wie Tinte in Wasser.
Viele Monde später begegneten wir gemeinsam mit Benedikt unserer ehemaligen Lehrerin, Frau Maria, in einem Café voller endloser Spiegel und drehender Kronleuchter. Es waren auch andere Ehemalige dort, die sie eingeladen hatten, obwohl sie schon lange nicht mehr unsere Pädagogin war. Sie lächelte unsicher, doch ihr Wesen war unverändert, steif wie eine Stahlstatue auf einem Münchner Platz. Fast sofort kreisten die Fragen um unsere Schicksale; neugierig wie Spatzen, die den Himmel befragen, wollte Maria wissen, was wir machten.
Als sie Benedikt sah, musterte sie ihn wie einen Fleck, der nicht verschwinden will, und murmelte: Du bist wohl irgendwo der Hausmeister, nicht? Benedikt zuckte nur mit den Schultern: Ich arbeite tatsächlich als Hausmeister, gab er zurück, so gelassen wie eine Wolke am Sommerhimmel.
Maria schnaubte leise und zischte spöttisch: Genau wie erwartet. Du hast ja nichts erreicht. Doch Benedikt lächelte nur rätselhaft, als hätten seine Worte Flügel bekommen. Eigentlich besitze ich eine eigene Firma, entgegnete er ruhig und drehte gedankenverloren einen Taler zwischen den Fingern.
Plötzlich verzerrte sich ihr Gesicht, als hätte sie in eine saure Zitrone gebissen, ihre Augen wurden groß wie Kirschkuchen. Aber das Traumstück war damit nicht beendet. Als Maria kurz darauf das Café verlassen wollte, reichte Benedikt ihr wortlos eine Visitenkarte. Draußen wartete schon ein glänzender, tiefschwarzer Mercedes mit Chauffeur, eingehüllt in den Nebel der bayrischen Morgendämmerung. Die Lehrerin stieg ein, den Blick starr nach vorn gerichtet, die Stirn voller Falten wie ein gepflügtes Feld. Sie verschwand aus dem Traum, während meine Gedanken noch im Zirpen verschwommener Münzen klangen, irgendwo zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Wirklichkeit und dem Wahnsinn eines endlosen, deutschen Traumes.




