Neben dir zu stehen, ist mir peinlich, Mama – Die Geschichte von Arina: Dreißig Jahre Selbstaufopferung, eine Tochter, die nie fragt, woher das Geld kommt, und das schmerzhafte Erwachen am Tag der Hochzeit, zu der ihre eigene Mutter nicht eingeladen ist

Neben dir zu stehen, ist mir selbst peinlich

Mama, das ist eine Katastrophe! sprudelte meine Tochter gleich los, noch bevor sie Hallo sagte. Mein Laptop ist kaputt. Ganz kaputt. Mitten während des Projekts. Ich habe fast den Verstand verloren.

Katharina klemmte sich das Handy zwischen Ohr und Schulter.

Ganz kaputt?
Komplett hinüber. Der Techniker meinte, es sei günstiger, einen neuen zu kaufen. Und in drei Tagen muss ich meinen Bericht abgeben. Ohne Technik geht das nicht. Ich hab ein gutes Modell gefunden, kostet 1.800 Euro.

1.800 Euro. Ich ging im Kopf schnell den Stand auf meinem Konto durch knapp über zweitausend.

Ich überweise dir das jetzt, sagte ich ruhig.
Mama, du bist die Beste! Kuss!

Das Freizeichen. Ich hielt das Handy noch einen Moment am Ohr, dann öffnete ich die Banking-App. Meine Finger tippten den gewohnten IBAN ein. 1.800 Euro. Abschicken.

Der Bildschirm leuchtete zur Bestätigung auf, und ich ließ mich schwer auf den Küchenstuhl sinken. Draußen leuchtete der Sonnenuntergang und malte orange Streifen auf die alte geblümte Wachstuchtischdecke…

Vor dreißig Jahren leuchtete ein ähnlicher Sonnenuntergang über dieser Küche, als Jens sagte, er gehe kurz zum Bäcker. Unsere Katharina war damals ein Jahr alt. Pausbacken, zwei winzige Vorderzähne, und immer diese Angewohnheit, allen an den Nasen zu ziehen. Jens ist nicht zurückgekommen. Weder damals, noch später. Kein Unterhalt, kein Anruf zum Geburtstag, keine Weihnachtskarte. Er war einfach verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben…

Ich habs geschafft. Was blieb mir übrig?

Frühmorgens Schicht im Werk, abends Reinigung im Büro. Katharina blieb bei der Nachbarin, Frau Schröder, Gott hab sie selig. Manchmal kam ich heim, es war draußen schon stockdunkel, und ich fiel nur noch neben ihr Bett, zu müde, um ins eigene zu gehen. Fünf Uhr aufstehen jeden Tag, jahrelang.

Für mich selbst habe ich nie Geld übrig gehabt. Neuer Mantel? Kommt nicht in Frage, den alten kann ich noch flicken, und er hält nochmal einen Winter. Urlaub am Meer? Wie denn, wenn Katharina Musikunterricht braucht, Nachhilfe, später ein gutes Studium? Ich habe bei allem gespart: reduzierte Lebensmittel kurz vor Ladenschluss, Strumpfhosen gestopft, Haare mit Billigfarbe aus der Drogerie selbst gefärbt.

Aber für Katharina habe ich eine Wohnung zusammengespart zwar nur eine kleine Einzimmerwohnung, aber ihre eigene. Gleich nach dem Studium ist sie eingezogen, und ich habe vor lauter Glück geheult, als ich den Schenkungsvertrag unterschrieben habe.
Alles für sie. Immer nur für meine Tochter.

Katharina ist hübsch geworden, hat ihren Abschluss in BWL gemacht, einen guten Job in einer großen Firma gefunden. Ich war so stolz, dass es fast weh tat. Meine Tochter im Kostüm, mit Maniküre, redet klug über Bilanzen und Quartalszahlen.
Dass sie ihren Job hat, hielt sie aber nie davon ab, regelmäßig bei mir anzurufen, wenn sie was brauchte.

Mama, ich will Englischkurse machen, sonst komme ich nicht weiter. Mama, bei der Firmenfeier könnte ich im alten Kleid echt nicht hingehen. Mama, da gibts ein Last-Minute-Angebot für die Kanaren, solche Preise nur einmal im Jahr!

Ich habe gezahlt. Immer gezahlt. Manchmal habe ich mir von Monika, meiner Kollegin, Geld geliehen zurück mit dem nächsten Vorschuss. Manchmal eine Extrarunde bei der Arbeit gedreht. Für mich war das normal. Das ist eben Mutterliebe. Hört das auf, bloß weil die Kinder erwachsen werden?

Nie hat Katharina gefragt, woher ich das Geld nehme. Und ich habe nie davon erzählt. Für uns beide war es so am einfachsten. Ein eingespieltes System, seit Jahren.

Nach der Überweisung für den kaputten Laptop saß ich abends lange in der Küche, die leere Tasse drehend. Ein ungewohnt schweres Gefühl stieg in mir auf. Keine Kränkung, sondern Müdigkeit. Diese dumpfe, alte Müdigkeit, die bis in die Knochen geht.

Hör auf damit, ermahnte ich mich. Es ist doch Katharina. Mein eigenes Kind. Für wen, wenn nicht für sie, lebe ich eigentlich?

Das Gefühl blieb, aber ich schob es wie immer zur Seite…

Ein Monat später klingelte das Handy wieder. Diesmal war in der Stimme von Katharina so viel Begeisterung, dass sie sich fast überschlug.

Mama! Rate mal! Er hat mir einen Antrag gemacht! Auf dem Dach vom Restaurant, mit echten Musikern!
Katharina… Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Wer denn?
Max! Ich hab dir doch schon von ihm erzählt! Wir sind jetzt ein halbes Jahr zusammen!

Hatte sie? Wahrscheinlich, irgendwie, im Nebensatz. Ein Max aus guter Familie. Mehr wusste ich aber nicht. Nie genaueres.

In zwei Monaten ist die Hochzeit! Seine Eltern haben schon einen Saal ausgesucht!
Katharina, ich freue mich so für dich, ich lächelte, während mir die Tränen übers Gesicht liefen. Wie kann ich helfen? Sag nur Bescheid!
Ach, so vieles… Kleid, Feier, Deko… Seine Eltern übernehmen ihre Gästeseite, und unsere na ja, du weißt schon…

Ich wusste…

Die nächsten zwei Wochen verbrachte ich auf der Bank, um einen Kredit aufzunehmen. Die Summe machte mir Angst ich wollte gar nicht daran denken, wie lange ich das abbezahlen müsste. Hauptsache, die Hochzeit meiner Tochter wird perfekt.

Das Kleid suchten wir per Videocall aus. Katharina drehte sich vor dem Spiegel im Brautladen, probierte ein Kleid nach dem anderen, und auf meinem Handybildschirm musste ich jedes Mal schlucken vor Rührung. Am Ende wurde es ein Spitzenkleid für 3.000 Euro. Mama, darin bin ich wie eine Prinzessin! Ich wäre auch bereit gewesen, noch mehr zu zahlen für dieses Lächeln.

Die Feier. Restaurant. Frische Blumen. Fotograf, Videoteam, Limousine.
Die Rechnung wurde immer länger, und noch immer hatte ich Max nicht kennengelernt.

Katharina, wann sehe ich denn endlich Max? Und seine Eltern? Ist doch komisch so kurz vor der Hochzeit…
Ach Mama, das lässt sich bestimmt einrichten, aber die sind so beschäftigt! Sein Papa hat eine Firma, seine Mutter ist ständig bei Events…
Wenigstens per Video? Ich kenne doch nicht mal den Mann, den du heiratest.
Machen wir bestimmt! Nächste Woche!

Die nächste Woche verging. Und die übernächste. Das Treffen wurde immer verschoben.
Vierzehn Tage vor der Hochzeit rief ich Katharina morgens an.

Katharina, ist meine Einladung irgendwo untergegangen? Ich wollte sie der Nachbarin zeigen, zum Angeben…

Am anderen Ende eine lange, seltsam träge Pause.

Katharina?
Mama… Hör zu… Es gibt da was…

Mir wurde eiskalt. Ich drückte das Handy fester.

Was denn?
Na ja, die Eltern von Max Die sind halt so reich. Die haben ihre eigenen Vorstellungen.
Und?

Katharina atmete tief ein, als wolle sie ins kalte Wasser springen.

Also… Du bist nicht eingeladen. Zu meiner Hochzeit. Nimms mir nicht krumm, Mama, aber

Ich erstarrte. Es war, als kämen die Worte durch dickes Wasser zu mir.

Nicht eingeladen?
Nein. Da sind nur Leute aus der Kreise Du würdest dich nur unwohl fühlen, Mama. Wir reden später, ja?
Katharina. Meine Lippen waren ganz trocken. Ich habe dir das alles bezahlt. Mein Leben für dich hingelegt. Warum?

Stille. Dann diese hektisch-aufgeregte Stimme:

Weil es einfach peinlich wäre, neben dir zu stehen, Mama! Schau dich doch mal im Spiegel an! Ich kann darüber nicht länger reden. Tschüss!

Das Freizeichen.

Ich saß einfach nur da, mit dem Handy in der Hand. Eine Minute. Zwei. Fünf. Die Zeit stand still oder raste. Ich wusste es nicht.

Meine Füße trugen mich ins Bad, zum Spiegel über dem Waschbecken.

Aus dem milchigen Glas blickte mir eine fremde Frau entgegen. Graue Haare, zusammengebunden zu einem schütteren Zopf. Falten rund um Augen, Mund, Stirn. Der alte Pullover, vor zehn Jahren im Schlussverkauf gekauft.

Dreißig Jahre aufgerieben. Für Katharina. Für ihre Zukunft.
Und das ist jetzt also die Zukunft.

So weit ist es gekommen…

Zwei Wochen lief ich wie betäubt durch meinen Alltag. Ich ging zur Arbeit, kochte Essen, das ich nicht essen konnte, lag nachts wach und starrte an die Decke. Innen war nur Leere und ein Echo.

Am Hochzeitstag öffnete ich doch die sozialen Medien warum, wusste ich selbst nicht.
Ein Foto nach dem anderen. Katharina im Spitzenkleid glücklich, strahlend. Neben ihr ein hochgewachsener Typ im teuren Anzug, wohl Max. Schick gekleidete Gäste mit Sektgläsern, prunkvoller Saal, weiße Rosen, Kristall.
Ich scrollte und scrollte. Da ist Katharina mit einer Frau in Perlenkette vermutlich die Schwiegermutter. Da umarmt der Bräutigam einen Herrn im Maßanzug der Vater. Da die Brautjungfern, eine schöner als die andere.

Und ich war nicht würdig, dabei zu sein.

Ich weinte die Nacht durch. Nicht aus Kränkung, sondern wegen dieser unmenschlich klaren Erkenntnis: Drei Jahrzehnte, alles für Katharina und am Ende war ich das Portemonnaie. Die Servicekraft. Die peinliche Verwandte, die man vor den richtigen Leuten verstecken muss.

Drei Tage später klingelte das Telefon wieder.

Mama, wir sollten reden Katharina klang verlegen, wie jemand, der es sich einfach machen will. Vielleicht war ich zu harsch letztes Mal…
Katharina, ich bin selbst erschrocken, wie ruhig meine Stimme war. Du bist jetzt eine erwachsene, verheiratete Frau. Du hast einen Ehemann, eine einflussreiche Familie. Du brauchst kein Geld mehr von mir.
Mama, was redest du? Ich wollte mich doch nur entschuldigen!
Damals blieb ich allein zurück, mit einem Baby. Ohne Mann, ohne Geld, ohne Hilfe. Und ich habe dich großgezogen. Du schaffst das ganz sicher auch. Du hast viel bessere Voraussetzungen als ich je hatte.
Mama, du bist doch nicht sauer, oder?

Ich schwieg. Am anderen Ende wurde geatmet, nervös.

Ich bin nicht sauer, Katharina. Ich habe nur etwas für mich verstanden.

Ich legte auf und schaltete das Handy aus.

Draußen brannte wieder ein Sonnenuntergang orange, satt, genau wie vor dreißig Jahren. Ich betrachtete ihn und dachte zum ersten Mal seit langem nicht an meine Tochter. Ich dachte an die Winterstiefel, die ich mir nun wirklich kaufen musste. Und vielleicht war es endlich Zeit, mal zum Friseur zu gehen. Einfach leben. Nur für mich.

Und das habe ich gelernt: Man darf sich selbst auch mal an die erste Stelle setzen. Selbst wenn es weh tut.

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Homy
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Neben dir zu stehen, ist mir peinlich, Mama – Die Geschichte von Arina: Dreißig Jahre Selbstaufopferung, eine Tochter, die nie fragt, woher das Geld kommt, und das schmerzhafte Erwachen am Tag der Hochzeit, zu der ihre eigene Mutter nicht eingeladen ist
Vera wurde im Dorf am selben Tag verurteilt, an dem ihr Bauch unter dem Pullover hervorzuschauen begann. Mit zweiundvierzig! Witwe! Welche Schande! Ihr Mann, Friedrich, lag nun schon zehn Jahre auf dem Dorffriedhof, und jetzt – sieh an – kommt sie plötzlich mit einem Kind im Leib daher. „Von wem denn?“, zischten die Frauen am Dorfbrunnen. „Wer weiß das schon!“, stimmten die anderen ein. „Still und zurückhaltend… und dann sowas! Hat sich einen eingebrockt.“ „Die Tochter ist noch nicht mal verheiratet, aber die Mutter treibt’s! Wie peinlich!“ Vera blickte niemanden an. Sie kam von der Post, die schwere Tasche über der Schulter, und schaute nur auf den Boden. Ihre Lippen waren fest zusammengepresst. Wüsste sie damals, was das alles noch verursachen würde, hätte sie sich vielleicht rausgehalten. Aber wie sollte sie, wenn doch das eigene Kind in Tränen aufgelöst vor ihr stand? Und dabei fing alles nicht mal bei Vera, sondern bei ihrer Tochter Marina an… Marina war nicht einfach ein hübsches Mädchen, sie war ein richtiges Bild – ganz wie ihr verstorbener Vater, Friedrich. Auch er war ein stattlicher Kerl, der Schönste im Dorf, blond und blauäugig. So war auch Marina. Das ganze Dorf schwärmte von ihr. Die Jüngste, Kathrin, hingegen war ganz die Mutter: dunkelhaarig, braune Augen, ernst – eher unauffällig. Für beide Töchter gab Vera alles. Sie liebte sie abgöttisch, zog sie alleine groß, arbeitete wie verrückt: tagsüber als Postbotin, abends putzte sie im Stall. Alles für ihre Geliebten. „Ihr müsst was lernen!“, sagte sie immer. „Ich will nicht, dass ihr so wie ich euer halbes Leben mit schwerer Tasche im Dreck verbringt. Ihr müsst in die Stadt, unter Leute!“ Marina ging auch wirklich in die Stadt. Ganz leicht flog sie hinaus ins Leben, schrieb sich an der Wirtschaftsschule ein und wurde sofort bemerkt. Sie schickte Fotos: mal im Restaurant, mal im schicken Kleid. Und sogar einen Verlobten hatte sie – den Sohn eines Direktors. „Mama, er hat mir einen Pelz versprochen!“, schrieb sie. Vera freute sich. Kathrin dagegen wurde still. Sie blieb nach der Schule im Dorf, arbeitete als Hilfsschwester im Krankenhaus. Sie hätte gerne eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht, aber das Geld reichte nicht. Die gesamte Witwenrente und Veras Gehalt gingen für Marina drauf – für ihr „städtisches“ Leben. *** In jenem Sommer kam Marina zurück. Nicht wie sonst, laut, schick, mit Geschenken, sondern still, ganz blass. Zwei Tage verließ sie ihr Zimmer nicht, am dritten fand Vera sie weinend im Bett. „Mama… Mama… Ich bin am Ende…“ Sie gestand alles. Der „tolle“ Verlobte hatte sie sitzen lassen – und sie war im vierten Monat. „Abtreiben ist zu spät, Mama!“, schluchzte Marina. „Was mache ich jetzt? Er will nichts von mir wissen!“ Er sagte, wenn ich das Kind bekomme, bekomme ich keinen Cent! Und von der Uni fliegen sie mich raus! Mein Leben ist… vorbei! Vera war wie vom Donner gerührt. „Du… du hast nicht auf dich aufgepasst, Kind?“ „Was soll’s!“, schrie Marina. „Was machen wir jetzt?! Ins Kinderheim abgeben? Irgendwo aussetzen?!“ Für Vera war das unvorstellbar. Ihr Enkel ins Heim geben? Diese Nacht schlief Vera nicht. Sie schlich wie ein Schatten durch die Wohnung. Am frühen Morgen setzte sie sich zu Marina ans Bett. „Ist schon gut“, sagte sie fest. „Wir schaffen das.“ „Mama! Wie denn?! Alle werden es wissen! Das wird eine Katastrophe!“ „Niemand wird etwas erfahren“, sagte Vera. „Wir erzählen… es ist mein Kind.“ Marina konnte ihren Ohren kaum trauen. „Dein Kind? Mama, du bist doch schon zweiundvierzig!“ „Mein Kind“, wiederholte Vera. „Ich fahre zu Tante Ruth im Kreis – helfe ihr angeblich. Dort bekomme ich das Baby und bleibe eine Weile dort. Du gehst zurück in die Stadt und studierst weiter.“ Kathrin, die hinter der dünnen Wand schlief, hörte alles. Sie biss ins Kissen, die Tränen liefen. Sie tat die Mutter so leid – und sie verachtete die Schwester. *** Einen Monat später fuhr Vera weg. Das Dorf redete, dann vergaß es. Ein halbes Jahr später kam sie zurück – nicht allein. Mit einem kleinen, blauen Umschlag. „Hier, Kathrin“, sagte sie zur blassen Tochter, „das ist dein Brüderchen… Michel.“ Das Dorf war fassungslos. So viel zur „stillen“ Vera! So viel zur Witwe! „Von wem wohl?“, zischten die Frauen wieder. „Etwa vom Bürgermeister?“ „Ach was, der ist zu alt. Vom Landwirt vielleicht! Der ist attraktiv, alleinstehend!“ Vera schwieg und ertrug den Klatsch. Es begann ein Leben, das man keinem wünscht. Michel war ein Schreihals, Vera fiel vor Erschöpfung um. Die schwere Posttasche, Stall, jetzt auch noch schlaflose Nächte. Kathrin half, so gut sie konnte – wusch Windeln, wiegte das „Brüderchen“, schwieg. Aber innerlich brodelte sie. Marina schrieb aus der Stadt: „Mama, wie geht’s euch? Ich vermisse euch! Geld habe ich gerade keines, irgendwie schlage ich mich so durch. Aber bald schicke ich euch was!“ Das Geld kam – nach einem Jahr… Hundert Euro. Und Jeans für Kathrin, zwei Nummern zu klein. Vera mühte sich, Kathrin half ihr – ihr eigenes Leben war ebenfalls ruiniert. Die Jungs guckten kurz hin, verschwanden dann aber wieder. Wer will schon eine Frau, bei der die Mutter als „leicht zu haben“ gilt und der „Bruder“ ein Bastard ist… „Mama“, sagte Kathrin mit fünfundzwanzig, „vielleicht sollten wir die Wahrheit sagen?“ „Um Gottes willen!“ Vera erschrak. „Das dürfen wir nicht! Marina würde es zerstören – sie hat doch jetzt endlich geheiratet. Einen guten Mann.“ Marina hatte tatsächlich „das große Los gezogen“. Machte ihr Diplom, heiratete einen Unternehmer, zog in die Hauptstadt. Bilder kamen: Ägypten, Türkei, eine richtige Großstadt-Dame. Nach dem „Bruder“ fragte sie nie. Vera schrieb von sich aus: „Michel geht jetzt in die Schule, bringt lauter Einser mit.“ Marina schickte als Antwort teure, aber völlig unnütze Spielsachen. So vergingen die Jahre. Michel wurde achtzehn. Er wuchs zu einem stattlichen Jungen heran: groß, blauäugig – wie… wie Marina. Fröhlich, hilfsbereit. Er liebte seine „Mutter“ Vera abgöttisch. Und Schwester Kathrin auch. Kathrin hatte sich an alles gewöhnt, arbeitete mittlerweile als leitende Krankenschwester im Kreiskrankenhaus. „Alte Jungfer“, tuschelte man im Dorf. Sie selbst hatte längst abgeschlossen – ihr Leben drehte sich um die Mutter und Michel. Michel beendete die Schule mit Auszeichnung. „Mama! Ich gehe nach Berlin! Studiere dort!“, erklärte er. Vera wurde eng ums Herz. Nach Berlin… Da ist doch Marina. „Willst du nicht lieber an unsere Landes-Uni?“, schlug sie verhalten vor. „Ach, Mama! Ich muss hinaus! Ich zeig’s euch noch, ich werde euch in einem Palast wohnen lassen!“ Und an dem Tag, an dem Michel seine letzte Prüfung ablegte, fuhr ein glänzender schwarzer Wagen vor ihre Gartentür. Ausstieg… Marina. Vera schnappte nach Luft. Kathrin, die gerade vor dem Haus stand, erstarrte mit dem Handtuch in der Hand. Marina war fast vierzig, sah aber aus wie von der Titelseite eines Magazins – schlank, teuer gekleidet, ganz in Gold. „Mama! Kathrin! Hallo!“, trällerte sie, küsste die verdutzte Vera auf die Wange. „Und wo ist…“ Sie sah Michel. Der stand da mit ölverschmierten Händen – hatte in der Scheune geschraubt. Marina verstummte. Starrte ihn an. Dann füllten sich ihre Augen mit Tränen. „Guten Tag“, sagte Michel höflich. „Sie sind… Marina? Meine Schwester?“ „Schwester…“, wiederholte Marina leise. „Mama, wir müssen reden.“ Sie setzten sich ins Haus. „Mama… Ich habe alles. Ein Haus, Geld, einen Mann… Aber keine Kinder.“ Sie brach in Tränen aus, verschmierte ihre teure Wimperntusche. „Wir… wir haben alles versucht. IVF… Ärzte… Nichts hilft. Mein Mann ist sauer. Ich… ich kann einfach nicht mehr.“ „Warum bist du gekommen, Marina?“, fragte Kathrin leise. Marina blickte sie mit verheulten Augen an. „Ich… ich bin wegen meines Sohnes hier.“ „Du bist verrückt geworden?! Wegen welchem Sohn?!“ „Mama, schrei nicht!“, auch Marina wurde laut. „Er ist mein Sohn! Mein! Ich habe ihn geboren! Ich kann… ich kann ihm ein neues Leben geben! Ich habe Beziehungen!“ Er kommt auf jede Uni! Wir kaufen ihm eine Wohnung in Berlin! Mein Mann – mein Mann weiß alles!“ „Weiß?“, keuchte Vera. „Und weiß er auch, wie wir gelitten haben? Wie Kathrin…“ „Ach, was soll’s!“, Marina winkte ab. „Die sitzt doch immer noch im Dorf! Aber Michel – Michel hat eine Chance! Mama, gib ihn mir! Du hast mir damals das Leben gerettet, danke! Jetzt gib mir meinen Sohn zurück!“ „Er ist kein Gegenstand, den man zurückgeben kann!“, schrie Vera. „Er ist mein Sohn! Ich habe keine Nacht durchgeschlafen, ihn großgezogen, erzogen! Ich habe…“ In dem Moment trat Michel herein. Er hatte alles mitgehört. Stand da, bleich wie ein Leintuch. „Mama? Kathrin? Was… was meint sie? Welcher Sohn?“ „Michel! Mein Sohn! Ich bin… deine richtige Mutter!“ Michel schaute sie an, wie auf ein Gespenst. Dann schaute er zu Vera. „Mama… stimmt das?“ Vera verbarg ihr Gesicht in den Händen und begann zu schluchzen. Und Kathrin explodierte. Die stille, zurückhaltende Kathrin trat auf Marina zu und verpasste ihr eine Ohrfeige, dass sie gegen die Wand fiel. „Du Miststück!“, schrie Kathrin voller Wut, Schmerz und Enttäuschung – 18 Jahre Demütigung, zerstörtes Leben, die Mutter entehrt. „Mutter?! Du hast ihn doch weggeschmissen wie einen Hund! Du wusstest genau, wie unsere Mutter deinetwegen durchs Dorf läuft, wie alle auf sie zeigen?! Du wusstest, dass ich… durch deinen ‚Fehler‘ alleine geblieben bin?! Kein Mann, keine Kinder! Und jetzt… willst du ihn holen?!“ „Kathrin, bitte!“, flüsterte Vera. „Doch Mama! Es reicht! Wir haben lange genug gelitten!“ Kathrin wandte sich an Michel. „Ja, das ist deine Mutter! Sie hat dich auf meine Mutter abgeschoben, um in der Stadt ihr Leben zu machen! Und das“, sie zeigte auf Vera, „ist deine Großmutter! Sie hat ihr Leben für euch beide geopfert!“ Michel schwieg lange. Dann ging er langsam zu Vera, kniete sich vor sie und umarmte sie. „Mama…“, flüsterte er. „Mami.“ Er hob den Kopf, sah Marina an, die an der Wand kauerte. „Ich habe keine Mutter in Berlin“, sagte er leise, aber bestimmt. „Ich habe nur eine Mutter. Da ist sie. Und meine Schwester.“ Er nahm Kathrin an der Hand. „Und Sie… Tante… fahren Sie.“ „Michel! Sohn!“, wimmerte Marina. „Ich gebe dir alles!“ „Ich habe alles, was ich brauche“, antwortete Michel. „Ich habe eine wunderbare Familie. Und Sie – haben nichts.“ *** Marina fuhr noch am selben Abend ab. Ihr Mann im Auto, der die ganze Szene beobachtet hatte, stieg nicht einmal aus. Man sagt, er verließ sie ein Jahr später tatsächlich. Fand eine andere, die ihm ein Kind schenkte. Marina blieb allein zurück – mit ihrem Geld und ihrer „Schönheit“. Michel zog nicht nach Berlin. Er schrieb sich an der Landesuni ein, wurde Ingenieur. „Ich werde hier gebraucht, Mama. Wir müssen ein neues Haus bauen.“ Und Kathrin? Sie war wie befreit, als sie an jenem Abend mal die Stimme erhob. Sie blühte mit achtunddreißig plötzlich auf. Sogar der Landwirt, über den das Dorf getratscht hatte, begann, ihr nachzusehen – ein attraktiver, verwitweter Mann. Vera sah sie an und weinte. Doch nun – vor Glück. Die Sünde… ja, sie war da. Aber ein Mutterherz kann noch viel Größeres auf sich nehmen.