Neben dir zu stehen, ist mir selbst peinlich
Mama, das ist eine Katastrophe! sprudelte meine Tochter gleich los, noch bevor sie Hallo sagte. Mein Laptop ist kaputt. Ganz kaputt. Mitten während des Projekts. Ich habe fast den Verstand verloren.
Katharina klemmte sich das Handy zwischen Ohr und Schulter.
Ganz kaputt?
Komplett hinüber. Der Techniker meinte, es sei günstiger, einen neuen zu kaufen. Und in drei Tagen muss ich meinen Bericht abgeben. Ohne Technik geht das nicht. Ich hab ein gutes Modell gefunden, kostet 1.800 Euro.
1.800 Euro. Ich ging im Kopf schnell den Stand auf meinem Konto durch knapp über zweitausend.
Ich überweise dir das jetzt, sagte ich ruhig.
Mama, du bist die Beste! Kuss!
Das Freizeichen. Ich hielt das Handy noch einen Moment am Ohr, dann öffnete ich die Banking-App. Meine Finger tippten den gewohnten IBAN ein. 1.800 Euro. Abschicken.
Der Bildschirm leuchtete zur Bestätigung auf, und ich ließ mich schwer auf den Küchenstuhl sinken. Draußen leuchtete der Sonnenuntergang und malte orange Streifen auf die alte geblümte Wachstuchtischdecke…
Vor dreißig Jahren leuchtete ein ähnlicher Sonnenuntergang über dieser Küche, als Jens sagte, er gehe kurz zum Bäcker. Unsere Katharina war damals ein Jahr alt. Pausbacken, zwei winzige Vorderzähne, und immer diese Angewohnheit, allen an den Nasen zu ziehen. Jens ist nicht zurückgekommen. Weder damals, noch später. Kein Unterhalt, kein Anruf zum Geburtstag, keine Weihnachtskarte. Er war einfach verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben…
Ich habs geschafft. Was blieb mir übrig?
Frühmorgens Schicht im Werk, abends Reinigung im Büro. Katharina blieb bei der Nachbarin, Frau Schröder, Gott hab sie selig. Manchmal kam ich heim, es war draußen schon stockdunkel, und ich fiel nur noch neben ihr Bett, zu müde, um ins eigene zu gehen. Fünf Uhr aufstehen jeden Tag, jahrelang.
Für mich selbst habe ich nie Geld übrig gehabt. Neuer Mantel? Kommt nicht in Frage, den alten kann ich noch flicken, und er hält nochmal einen Winter. Urlaub am Meer? Wie denn, wenn Katharina Musikunterricht braucht, Nachhilfe, später ein gutes Studium? Ich habe bei allem gespart: reduzierte Lebensmittel kurz vor Ladenschluss, Strumpfhosen gestopft, Haare mit Billigfarbe aus der Drogerie selbst gefärbt.
Aber für Katharina habe ich eine Wohnung zusammengespart zwar nur eine kleine Einzimmerwohnung, aber ihre eigene. Gleich nach dem Studium ist sie eingezogen, und ich habe vor lauter Glück geheult, als ich den Schenkungsvertrag unterschrieben habe.
Alles für sie. Immer nur für meine Tochter.
Katharina ist hübsch geworden, hat ihren Abschluss in BWL gemacht, einen guten Job in einer großen Firma gefunden. Ich war so stolz, dass es fast weh tat. Meine Tochter im Kostüm, mit Maniküre, redet klug über Bilanzen und Quartalszahlen.
Dass sie ihren Job hat, hielt sie aber nie davon ab, regelmäßig bei mir anzurufen, wenn sie was brauchte.
Mama, ich will Englischkurse machen, sonst komme ich nicht weiter. Mama, bei der Firmenfeier könnte ich im alten Kleid echt nicht hingehen. Mama, da gibts ein Last-Minute-Angebot für die Kanaren, solche Preise nur einmal im Jahr!
Ich habe gezahlt. Immer gezahlt. Manchmal habe ich mir von Monika, meiner Kollegin, Geld geliehen zurück mit dem nächsten Vorschuss. Manchmal eine Extrarunde bei der Arbeit gedreht. Für mich war das normal. Das ist eben Mutterliebe. Hört das auf, bloß weil die Kinder erwachsen werden?
Nie hat Katharina gefragt, woher ich das Geld nehme. Und ich habe nie davon erzählt. Für uns beide war es so am einfachsten. Ein eingespieltes System, seit Jahren.
Nach der Überweisung für den kaputten Laptop saß ich abends lange in der Küche, die leere Tasse drehend. Ein ungewohnt schweres Gefühl stieg in mir auf. Keine Kränkung, sondern Müdigkeit. Diese dumpfe, alte Müdigkeit, die bis in die Knochen geht.
Hör auf damit, ermahnte ich mich. Es ist doch Katharina. Mein eigenes Kind. Für wen, wenn nicht für sie, lebe ich eigentlich?
Das Gefühl blieb, aber ich schob es wie immer zur Seite…
Ein Monat später klingelte das Handy wieder. Diesmal war in der Stimme von Katharina so viel Begeisterung, dass sie sich fast überschlug.
Mama! Rate mal! Er hat mir einen Antrag gemacht! Auf dem Dach vom Restaurant, mit echten Musikern!
Katharina… Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Wer denn?
Max! Ich hab dir doch schon von ihm erzählt! Wir sind jetzt ein halbes Jahr zusammen!
Hatte sie? Wahrscheinlich, irgendwie, im Nebensatz. Ein Max aus guter Familie. Mehr wusste ich aber nicht. Nie genaueres.
In zwei Monaten ist die Hochzeit! Seine Eltern haben schon einen Saal ausgesucht!
Katharina, ich freue mich so für dich, ich lächelte, während mir die Tränen übers Gesicht liefen. Wie kann ich helfen? Sag nur Bescheid!
Ach, so vieles… Kleid, Feier, Deko… Seine Eltern übernehmen ihre Gästeseite, und unsere na ja, du weißt schon…
Ich wusste…
Die nächsten zwei Wochen verbrachte ich auf der Bank, um einen Kredit aufzunehmen. Die Summe machte mir Angst ich wollte gar nicht daran denken, wie lange ich das abbezahlen müsste. Hauptsache, die Hochzeit meiner Tochter wird perfekt.
Das Kleid suchten wir per Videocall aus. Katharina drehte sich vor dem Spiegel im Brautladen, probierte ein Kleid nach dem anderen, und auf meinem Handybildschirm musste ich jedes Mal schlucken vor Rührung. Am Ende wurde es ein Spitzenkleid für 3.000 Euro. Mama, darin bin ich wie eine Prinzessin! Ich wäre auch bereit gewesen, noch mehr zu zahlen für dieses Lächeln.
Die Feier. Restaurant. Frische Blumen. Fotograf, Videoteam, Limousine.
Die Rechnung wurde immer länger, und noch immer hatte ich Max nicht kennengelernt.
Katharina, wann sehe ich denn endlich Max? Und seine Eltern? Ist doch komisch so kurz vor der Hochzeit…
Ach Mama, das lässt sich bestimmt einrichten, aber die sind so beschäftigt! Sein Papa hat eine Firma, seine Mutter ist ständig bei Events…
Wenigstens per Video? Ich kenne doch nicht mal den Mann, den du heiratest.
Machen wir bestimmt! Nächste Woche!
Die nächste Woche verging. Und die übernächste. Das Treffen wurde immer verschoben.
Vierzehn Tage vor der Hochzeit rief ich Katharina morgens an.
Katharina, ist meine Einladung irgendwo untergegangen? Ich wollte sie der Nachbarin zeigen, zum Angeben…
Am anderen Ende eine lange, seltsam träge Pause.
Katharina?
Mama… Hör zu… Es gibt da was…
Mir wurde eiskalt. Ich drückte das Handy fester.
Was denn?
Na ja, die Eltern von Max Die sind halt so reich. Die haben ihre eigenen Vorstellungen.
Und?
Katharina atmete tief ein, als wolle sie ins kalte Wasser springen.
Also… Du bist nicht eingeladen. Zu meiner Hochzeit. Nimms mir nicht krumm, Mama, aber
Ich erstarrte. Es war, als kämen die Worte durch dickes Wasser zu mir.
Nicht eingeladen?
Nein. Da sind nur Leute aus der Kreise Du würdest dich nur unwohl fühlen, Mama. Wir reden später, ja?
Katharina. Meine Lippen waren ganz trocken. Ich habe dir das alles bezahlt. Mein Leben für dich hingelegt. Warum?
Stille. Dann diese hektisch-aufgeregte Stimme:
Weil es einfach peinlich wäre, neben dir zu stehen, Mama! Schau dich doch mal im Spiegel an! Ich kann darüber nicht länger reden. Tschüss!
Das Freizeichen.
Ich saß einfach nur da, mit dem Handy in der Hand. Eine Minute. Zwei. Fünf. Die Zeit stand still oder raste. Ich wusste es nicht.
Meine Füße trugen mich ins Bad, zum Spiegel über dem Waschbecken.
Aus dem milchigen Glas blickte mir eine fremde Frau entgegen. Graue Haare, zusammengebunden zu einem schütteren Zopf. Falten rund um Augen, Mund, Stirn. Der alte Pullover, vor zehn Jahren im Schlussverkauf gekauft.
Dreißig Jahre aufgerieben. Für Katharina. Für ihre Zukunft.
Und das ist jetzt also die Zukunft.
So weit ist es gekommen…
Zwei Wochen lief ich wie betäubt durch meinen Alltag. Ich ging zur Arbeit, kochte Essen, das ich nicht essen konnte, lag nachts wach und starrte an die Decke. Innen war nur Leere und ein Echo.
Am Hochzeitstag öffnete ich doch die sozialen Medien warum, wusste ich selbst nicht.
Ein Foto nach dem anderen. Katharina im Spitzenkleid glücklich, strahlend. Neben ihr ein hochgewachsener Typ im teuren Anzug, wohl Max. Schick gekleidete Gäste mit Sektgläsern, prunkvoller Saal, weiße Rosen, Kristall.
Ich scrollte und scrollte. Da ist Katharina mit einer Frau in Perlenkette vermutlich die Schwiegermutter. Da umarmt der Bräutigam einen Herrn im Maßanzug der Vater. Da die Brautjungfern, eine schöner als die andere.
Und ich war nicht würdig, dabei zu sein.
Ich weinte die Nacht durch. Nicht aus Kränkung, sondern wegen dieser unmenschlich klaren Erkenntnis: Drei Jahrzehnte, alles für Katharina und am Ende war ich das Portemonnaie. Die Servicekraft. Die peinliche Verwandte, die man vor den richtigen Leuten verstecken muss.
Drei Tage später klingelte das Telefon wieder.
Mama, wir sollten reden Katharina klang verlegen, wie jemand, der es sich einfach machen will. Vielleicht war ich zu harsch letztes Mal…
Katharina, ich bin selbst erschrocken, wie ruhig meine Stimme war. Du bist jetzt eine erwachsene, verheiratete Frau. Du hast einen Ehemann, eine einflussreiche Familie. Du brauchst kein Geld mehr von mir.
Mama, was redest du? Ich wollte mich doch nur entschuldigen!
Damals blieb ich allein zurück, mit einem Baby. Ohne Mann, ohne Geld, ohne Hilfe. Und ich habe dich großgezogen. Du schaffst das ganz sicher auch. Du hast viel bessere Voraussetzungen als ich je hatte.
Mama, du bist doch nicht sauer, oder?
Ich schwieg. Am anderen Ende wurde geatmet, nervös.
Ich bin nicht sauer, Katharina. Ich habe nur etwas für mich verstanden.
Ich legte auf und schaltete das Handy aus.
Draußen brannte wieder ein Sonnenuntergang orange, satt, genau wie vor dreißig Jahren. Ich betrachtete ihn und dachte zum ersten Mal seit langem nicht an meine Tochter. Ich dachte an die Winterstiefel, die ich mir nun wirklich kaufen musste. Und vielleicht war es endlich Zeit, mal zum Friseur zu gehen. Einfach leben. Nur für mich.
Und das habe ich gelernt: Man darf sich selbst auch mal an die erste Stelle setzen. Selbst wenn es weh tut.





