Meine Schwiegermutter war zutiefst gekränkt, weil wir ihren studierenden Sohn nicht bei uns aufnehmen wollten.
Mein Mann und ich sind nun elf Jahre zusammen. Wir leben in einer kleinen, aber feinen Zwei-Zimmer-Wohnung in Hamburg, die wir nach jahrelanger Abzahlung endlich unser Eigen nennen. Unser achtjähriger Sohn Leon wächst geborgen bei uns auf, und alles schien endlich ruhig und geregelt. Bis meine Schwiegermutter wieder einmal mit einer ihrer großartigen Ideen unsere Ruhe zerstörte.
Mein Mann hat einen jüngeren Bruder, Moritz, siebzehn Jahre alt. Ehrlich gesagt hatten wir nie ein besonders enges Verhältnis zu ihm. Mein Mann sieht ihn kaum der Altersunterschied ist zu groß. Viel mehr aber stört ihn, wie hemmungslos Moritz von seinen Eltern verwöhnt und in Watte gepackt wird. Jeder Fehler wird entschuldigt, jede schlechte Note mit neuen Sneakers oder dem aktuellsten Handy belohnt.
Moritz ist ein katastrophaler Schüler, kurz davor, vom Gymnasium zu fliegen. Dennoch erhält er für jede Vier einen Bonus ein neues Tablet, einmal Shoppen im Mönckebergviertel. Mein Mann schimpft regelmäßig: Ich hätte bei einer Note sechs das Wochenende übern Büchern gehangen. Moritz bekommt dafür Geschenke!
Ich kann ihn voll verstehen. Oft genug haben wir erlebt, wie Moritz sich selbst zu schade ist, sein Essen in der Mikrowelle aufzuwärmen, obwohl alle am Tisch sitzen. Er bleibt sitzen, bis alles vorbereitet ist; kein Wort des Dankes, nach dem Essen verschwindet er wortlos in sein Zimmer. Socken? Findet er nicht. Tee? Kann er nicht machen. Alles wird von den Eltern erledigt. Mein Mann hat oft versucht, seine Mutter wachzurütteln: Ihr zieht einen hilflosen Kerl groß! Doch sie winkte stets ab: Er ist halt anders als du, er braucht eben mehr Fürsorge.
Jede dieser Diskussionen führte zu Streit, Groll, tagelangem Schweigen. Wir versuchten so gut es ging, uns rauszuhalten. Doch dann beschlossen Moritz und seine Eltern plötzlich, dass er sein Studium hier in Hamburg beginnen würde. Und schon standen wir wieder im Mittelpunkt.
Ohne mit der Wimper zu zucken, schlug meine Schwiegermutter vor, Moritz solle doch bei uns einziehen. Studentenwohnheim? Für ihn keine Option keine Meldeadresse, zu teuer, und allein zu leben: undenkbar, da er sich nicht einmal selbst versorgen könne. Ihr seid doch Familie! Eure Zwei-Zimmer-Wohnung hat genug Platz!, dozierte sie voller Überzeugung.
Ich versuchte ruhig zu erklären: Ein Zimmer gehört uns, das andere unserem Sohn. Wo, bitteschön, sollte da noch ein weiterer Erwachsener schlafen? Prompt schlug meine Schwiegermutter vor: Wir stellen einfach ein Klappbett ins Kinderzimmer, dann wohnen die Jungs eben zusammen! Ist doch schön so werden sie richtige Brüder!
An dieser Stelle platzte meinem Mann der Kragen. Er unterbrach sie energisch:
Ich bin kein Babysitter, Mama! Du willst uns deinen Kleinen unterschieben? Nein! Das ist dein Sohn, kümmer dich selbst! Mit siebzehn habe ich schon alleine gelebt. Und, siehe da, ich habe überlebt!
Meine Schwiegermutter wurde rot, die Tränen schossen ihr in die Augen. Herzlos schimpfte sie uns und verließ heulend und mit lautem Türenknallen die Wohnung. Am Abend klingelte dann mein Schwiegervater durch, um uns Vorwürfe zu machen:
Das ist nicht familiär! Du lässt deinen Bruder im Stich!
Doch mein Mann blieb standhaft. Er versprach, Moritz gerne zu besuchen, wenn die Eltern ihm ein Zimmer suchen, aber zusammenleben? Auf keinen Fall. Es reicht! Ihr behandelt ihn wie ein Baby. Das muss endlich ein Ende haben.
Moritz ist erst siebzehn! warf sein Vater ein.
Ich war auch siebzehn, als ich ausgezogen bin. Und ich habs geschafft ganz ohne eure Hilfe!, gab mein Mann zurück und legte auf.
Danach versuchte meine Schwiegermutter es mit zahlreichen Anrufen mein Mann nahm nicht ab. Schließlich kam eine Nachricht: Du kannst das Erbe vergessen. Ehrlich? Wenn dieses Erbe bedeutet, dass wir für einen verzogenen Bengel die Verantwortung übernehmen müssen, dann verzichten wir gern. Wir haben uns durch unsere eigene Arbeit, mit unserer kleinen Familie, Frieden und Sicherheit erkämpft.
Jeder muss für seine Entscheidungen einstehen. Wer sein Kind bis zur Unselbstständigkeit verhätschelt, muss nun die Konsequenzen tragen. Wir schulden niemandem etwas.
Die Erfahrung lehrt uns: Unsere eigenen Grenzen und unseren inneren Frieden zu schützen, ist manchmal die einzige Möglichkeit, das zu erhalten, was wir uns mühsam aufgebaut haben.




