Eine Freundin bat mich, bei mir zu übernachten, und fing sofort an, in meiner Wohnung ihre eigenen Regeln aufzustellen.
Na, wie lange brauchst du denn, um die Tür zu öffnen? Ich dachte schon, du bist eingeschlafen oder versteckst dich mit einem Liebhaber!, schallte der laute Ruf von Svenja durch mein Treppenhaus und ließ den Dackel der Nachbarin hinter der Tür rechts ungehalten kläffen.
Mareike, die gerade im Bademantel im Türrahmen stand, seufzte nur. Es war zehn Uhr abends. Svenja, eine langjährige Schulfreundin, die sie seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen hatte, stand in geöffnetem Steppmantel vor der Tür, einen riesigen Koffer auf Rollen und zwei volle REWE-Tüten im Schlepptau. Sie wirkte nicht unglücklich, sondern eher kampfeslustig.
Hallo Svenja. Komm rein. Ich war gerade duschen hab das Klingeln nicht gehört, erwiderte Mareike und machte Platz.
Die Räder des Koffers ratterten über das Parkett, und schon nahm Svenja die ganze schmale Diele in Beschlag. Sie roch nach starkem Parfum und der Kälte der Straße.
Gott sei Dank, du hast aufgemacht!, rief Svenja, schmiss die Stiefel achtlos, ohne sie richtig auszuziehen, mitten auf den Teppich. Schon gedacht, ich muss am Hauptbahnhof schlafen. Mein Jens, kannst dir nicht vorstellen, der ist völlig durchgedreht. Sagt, ich geb zu viel Geld aus! ICH! Dabei trag ich drei Winter dasselbe Mantel. Ich hab die Tür geknallt und bin abgehauen. Ich bleib ein paar Tage bei dir, bis er angekrochen kommt, okay?
Mareike nickte und schloss die Tür.
Klar, ist genug Platz. Hast du Hunger?
Was hast du denn da?, fragte Svenja, lief ohne Händewaschen direkt in die Küche. Ich verhungere gleich. Weißt du, Stress macht hungrig.
Mareike folgte ihr. Sie mochte ihre Wohnung ihr Rückzugsort, ihre Wohlfühloase. Seit drei Jahren lebte sie nach der Scheidung allein und genoss die Ruhe. Alles hatte seinen Platz, die Tassen standen ordentlich, die Handtücher farblich sortiert, auf dem Tisch nie Krümel. Als sie jetzt zusah, wie Svenja die Einkäufe direkt auf den Esstisch stellte, spürte sie einen Anflug von Unruhe.
Es gibt Quarkauflauf und Gemüse-Salat mit Hähnchenbrust, schlug Mareike vor. Grünen Tee mache ich dir gern dazu.
Svenja verzog das Gesicht.
Mensch Mareike, du bist echt immer noch genauso langweilig wie früher. Quark und Salat! Wir müssen den Stress doch weglöffeln! Ich hab Wurst mitgebracht, richtigen Käse, Mayo, frisches Brot. Machen wir vernünftige Stullen. Und Wein hast du welchen da?
Nein, keinen Wein. Ich muss morgen arbeiten, Svenja. Musst du nicht auch ins Büro?
Ich hab frei genommen, meinte, ich wäre krank. Hab ein Recht drauf, bei meiner seelischen Verletzung!, rief Svenja, während sie in den Tüten kramte. Na, gib halt schwarzen Tee, aber stark und mit Zucker. Den grünen Kräutertee trink ich nicht da fall ich glatt um.
Mareike holte wortlos die Dose mit Schwarztee aus dem Schrank den Tee, den sie eigentlich für Gäste aufhob. Während sie den Wasserkocher auffüllte, hatte Svenja schon mit Brot auf dem Tisch rumgekrümelt, die Salamiverpackung geöffnet und die fettige Folie mitten auf die Arbeitsfläche geworfen. Jetzt suchte sie etwas in Mareikes Schubläden.
Hast du keine vernünftigen Messer? Das hier taugt nur zum Butterstreichen!, sagte sie, mit Mareikes japanischem Tomatenmesser fuchtelnd.
Das ist für Tomaten, Svenja. Es ist sehr scharf, pass bitte auf.
Das Abendessen bestand aus einem endlosen Monolog ihrer Freundin über ihren blöden Ehemann und wie gemein das Leben doch sei. Mareike hörte zu, schenkte Tee nach und zählte innerlich die Minuten, bis sie Svenja endlich in der Wohnstube einquartieren und sich ins Bett schleichen konnte.
Sag mal, unterbrach Svenja ihren Redeschwall und blickte sich um, warum ist es hier so leer? Kein Magnet am Kühlschrank, keine Blumen auf der Fensterbank. Wie im OP!
Ich mag es minimalistisch. Weniger Staub, mehr Luft.
Pff, nur trist. Eine Frau sollte ihr Nest gemütlich machen. Ich zeig dir morgen, wie man’s hier aufpeppt. Da hab ich den richtigen Blick für.
Mareike wurde nervös.
Svenja, bitte nichts verändern. Ich mags so.
Doch Svenja winkte nur ab und schob sich das nächste Brötchen in den Mund.
Ach, reg dich nicht auf. Ich mein’s doch nur gut.
Der nächste Morgen begann nicht mit dem Wecker, sondern mit Wasserrauschen und Krach. Mareike riss die Augen auf. Sie war eine halbe Stunde später dran als sonst, schlüpfte in den Bademantel und sprintete ins Bad verschlossene Tür.
Svenja! Kannst du dich beeilen? Ich muss zur Arbeit!, rief sie klopfend.
Jaja, die Maske muss noch runter!, schallte es von drinnen.
Das Gleich dauerte eine Viertelstunde. Als endlich die Tür aufging, quoll ihr ein Schwall feuchtwarmer Dämpfe entgegen, durchsetzt vom Duft ihres teuren Duschgels und Peelings.
Svenja stand mit Mareikes heiligem, weißen Badelaken, das sie für Gäste und besondere Anlässe aufhob, vor ihr und einem Turban auf dem Kopf.
Dein Kaffeepeeling ist der Hammer, samtweiche Haut! Die halbe Dose ist jetzt leer bin ja schließlich kein Zwerg.
Mareike hetzte ins Bad. Das Spiegelglas beschlagen, Pfützen auf den Fliesen, die Zahnpastatube offen daneben, ihr Lieblingsgesichtscreme ohne Deckel.
Kein Streit keine Zeit. Sie machte sich schnell fertig, zog sich an und rannte in die Küche, wo Svenja schon das Regiment übernommen hatte. Sie briet Spiegeleier Öl spritzte auf Schürze, Herd und Boden.
Setz dich, hab Frühstück gemacht! Abmarsch nicht ohne richtiges Essen.
Svenja, ich esse morgens nur Porridge. Musst mir aber nicht böse sein ich muss jetzt los.
Super, man gibt sich Mühe…, maulte Svenja. Lass mir deinen Schlüssel da. Ich gehe später einkaufen, hier ist ja gähnende Leere im Kühlschrank.
Mareike blieb im Türrahmen stehen. Den Schlüssel wollte sie nur ungern dalassen, aber ihre Freundin einfach hinauszuwerfen, wo sie doch furchtbar leidet, erschien ihr unmenschlich.
Hier ist der Ersatzschlüssel. Bitte, Svenja, mach keinen Saustall. Und meine Sachen im Arbeitszimmer das sind wichtige Papiere, lass sie in Ruhe.
Was will ich mit deinen Akten? Geh schon, du Arbeitsmaschine.
Den ganzen Tag bei der Arbeit saß Mareike auf Kohlen sie wusste, daheim ist was im Argen. Ihre Intuition trog sie nicht.
Schon im Flur roch es abends nach etwas Angebranntem und Chlor. Als sie die Wohnungstür öffnete, blieb sie wie angewurzelt stehen.
In der Diele standen fremde Herrenschuhe.
Ach Mareikechen, da bist du ja!, rief Svenja aus dem Wohnzimmer, rotwangig und bester Laune. Wir trinken hier Tee! Das ist Holger, dein Nachbar von oben! Er hat mir die Taschen hochgetragen, da hab ich ihn eingeladen.
Ein gedrungener Mittvierziger im ausgeleierten Pulli grinste schüchtern aus der Küche.
Guten Abend, Nachbarin. Wir mampfen hier Plätzchen. Deine Freundin ist Gold wert, so fleißig!
Mareike ging in die Küche. Der Esstisch lag voll Kartoffelschalen und leeren Konservendosen. Auf dem Herd brodelte in ihrem guten Edelstahlkochtopf irgendwas, das nach zu scharf angebratenen Zwiebeln roch.
Holger geht jetzt, oder?, sagte sie frostig.
Sofort sprang der Mann auf, kippte den Tee schnell herunter und verschwand im Flur.
Ich mach mich auf den Heimweg, danke für alles, Svenja. Sagen Sie Bescheid, wenn Sie Hilfe brauchen…
Kaum war die Tür zu, wandte sich Mareike an ihre Freundin:
Svenja, was war das bitte? Was sucht der Mann hier?
Was denn? Ist doch der Nachbar! Netter Kerl, alleinstehend. Wir haben nur gequatscht. Nun hab dich nicht so. Ich hab dir sogar Eintopf gekocht richtig deftigen. Sonst wirst du noch durchsichtig!
Mareike schaute auf den Herd.
Du hast Eintopf im Wasserbadtopf gekocht?
Topf wie Topf. Mensch, du bist aber kleinlich! Schau lieber ins Bad, ich hab alles picobello geputzt!
Mareikes Herz rutschte in die Hose. Sie rannte ins Bad der Chlorgeruch raubte ihr fast den Atem. Die Armaturen, die sie immer mit Spezialmittel wienerte, waren jetzt mit weißen Schlieren überzogen. Auch die Acrylwanne sah stumpf aus.
Mit was hast du geputzt?, fragte sie tonlos.
Mit Sagrotan! Stand unter der Spüle. Das andere Ökozeug taugte nix. Sauber ist jetzt sauber, alles keimfrei!
Das Zeug benutzte Mareike normalerweise nur fürs Wischwasser, und dann auch sparsam. Direkt auf Acryl ein Albtraum.
Svenja, begann Mareike mit ruhiger Stimme, ich weiß deine Hilfe zu schätzen. Aber bitte mach nichts mehr, waschen, kochen, Gäste einladen lass es einfach sein. Ruh dich aus, guck Fernsehen.
Ich wollt doch nur helfen!, schmollte Svenja. Kein Wunder, dass du allein bist. Männer mögen Gemütlichkeit, Essen, einfache Dinge. Bei dir ist alles wie im Katalog, kein bisschen Wärme…
Es reicht, unterbrach Mareike. Thema erledigt. Ich will einfach was essen aber deinen Eintopf nicht.
Sie machte sich ein Käsebrot und verzog sich ins Schlafzimmer. Der Abend verlief in frostiger Stille. Svenja drehte demonstrativ den Fernseher lauter, Mareike las, doch die Zeilen verschwammen vor ihren Augen.
Der dritte Tag war ein Samstag. Mareike freute sich, ausschlafen zu können und wollte ihre Freundin diskret fragen, ob und wann sie wieder zu ihrem Mann zurückgeht. Doch sie wurde von Möbelrücken geweckt.
Mareike stürmte ins Wohnzimmer. Sie traute ihren Augen kaum: Das Sofa stand jetzt quer im Raum, der Sessel blockierte den Balkonzugang, und der Couchtisch mit der Trockenblume thronte mitten auf dem Teppich.
Svenja, keuchend, wuchtete gerade die Kommode.
Aha, doch wach! Pack mit an!, kommandierte sie. Hab nachgelesen nach Feng Shui war vorher alles falsch! Die Energie kann so besser fließen, dann läuft’s auch in deinem Liebesleben! Das Sofa muss zum Fenster, der Schrank ins Geld-Eck.
Svenja! Was machst du da?! Stell alles sofort wieder zurück! Der Boden zerkratzt!
Ach, da passiert schon nix! Hier wirkts doch gleich freundlicher! Ich hab auch die Gardinen abgenommen, die sind zu dunkel. Wir kaufen dir nachher frische mit Blumenmuster.
Auf dem Boden lagen ihre geliebten Verdunkelungsvorhänge, der Vorhangstab ragte nackt ins Zimmer.
Jetzt reichts!, Mareikes Stimme zitterte. Das ist meine Wohnung. Mein Zuhause. Meine Möbel. Ich wollte nichts verändert haben!
Du lebst einfach gern im Sumpf! Ich bring Schwung in dein Dasein. Sogar Holger war gestern noch hier, der meint auch, so ists heimeliger.
Holger war da? Wann?
Heute früh, du hast doch geschlafen. Er wollte Salz borgen, da hab ich ihn gebeten, den Schrank zu schieben. War eh zu schwer.
Mareike spürte, wie endgültig irgendwas in ihr riss. Da läuft ein fremder Mann durch ihre Wohnung, während sie schläft, im Nachthemd. Ihre Freundin machte aus ihrem Leben einen Zirkus.
Svenja, setz dich, sagte Mareike leise, so dass Svenja die Kommode losließ.
Was ist jetzt? Willst du eine Moralpredigt halten?
Pack bitte deine Sachen. Jetzt sofort.
Svenja starrte sie an.
Wie bitte? Du wirfst mich raus? Auf die Straße? Weil ich die Möbel umgestellt habe?!
Nicht deshalb. Sondern weil du mich und meine Wohnung nicht respektierst. Ich habe gebeten, nicht zu kochen du kochst. Nichts anzufassen du rückst Möbel. Du lässt Fremde rein. Du tust, als gehört dir der Laden.
Ich wollte nur helfen!, kreischte Svenja, in den Augen Tränen. Ich geb mir Mühe, hab eine Katastrophe zuhause, mein Mann ist ein Tyrann, und du bist undankbar! Deshalb hast du keinen abbekommen: Dir sind Sachen wohl wichtiger als Menschen!
Vielleicht, entgegnete Mareike ruhig. Aber es sind meine Sachen, mein Leben. Du hast eine Stunde, zu packen.
Ich hab doch niemanden!, fiel Svenja auf das Sofa und hielt sich die Augen zu. Ich bin mit Jens fertig! Wir lassen uns scheiden!
Mareike atmete tief durch, nahm ihr Handy und wählte.
Hallo, Jens? Hier ist Mareike Ja, Svenja ist bei mir. Sag mal, ist bei euch alles vorbei? Was? Kein Streit? Du warst auf Geschäftsreise? So ist das …
Svenja ließ die Hände sinken und blinzelte.
Verstanden, sagte Mareike ins Telefon. Sie kommt gleich wieder. Bis dann.
Sie legte auf und sah Svenja an.
Jens ist gestern Abend zurückgekommen. War überrascht, dass du fehlst. Ihr habt euch gar nicht gestritten. Du wolltest bloß Urlaub vom Alltag und nebenbei mir das Leben aufpäppeln, stimmts?
Svenja schniefte, gab aber nicht nach.
Und? Mir war langweilig! Hier war alles so fad, ich dachte, wir hätten Spaß. Jens ist eh zu beschäftigt. Ich dachte, wenn ich gehe, bemüht er sich mal. Und du verrätst mich!
Pack ein, Svenja. Jens wartet.
Die nächsten vierzig Minuten rumpelte Svenja lautstark in den Schränken, motzte:
So erkennt man also Freunde! In Schwierigkeiten wird man rausgeworfen wegen einer Creme! Ich kam von Herzen, und du …
Mareike stand wortlos am Fenster und blickte hinaus. Kein schlechtes Gewissen. Nur Müdigkeit und das Verlangen, die Wohnung wieder sauber zu machen.
Schließlich stand Svenja, anzugsbereit und mit Koffer in der Diele.
Dann bleib halt allein in deinem Museum!, giftete sie. Mit dir ist echt nix los. Häng dir deine Gardinen wieder auf und vegetiere im Dunkeln!
Die Tür knallte zu. Mareike drehte zweimal den Schlüssel um, lehnte die Stirn an die kühle Tür und atmete tief durch.
Stille. Endlich wieder wohltuende Stille.
Im Wohnzimmer schob sie zuerst mit viel Mühe das Sofa an den alten Platz zurück. Den Sessel stellte sie um. Nur die Kommode war zu schwer. Sie hing die Gardinen wieder auf sofort war der Raum in behagliches Dämmerlicht getaucht.
In der Küche schüttete sie den Rest des Eintopfs in die Toilette. Den richtigen Proviant, den Svenja mitgebracht hatte fette Wurst, Mayo, Weißbrot landete konsequent im Müll. Die Fenster öffnete sie weit, um den Geruch nach fremdem Parfum und angerösteten Zwiebeln loszuwerden.
Am längsten dauerte das Bad: Sie polierte die Armaturen so lange wie möglich und blickte traurig auf das stumpfe Acryl. Egal, dachte sie, kaufe ich mir halt Etwas zum Polieren. Hauptsache, ich bin wieder zuhause.
Am Abend war die Wohnung wieder Mareike pur. Sie machte sich einen frischen grünen Tee, schnappte ihr Lieblingsbuch und setzte sich in den Sessel. Da piepte das Handy Nachricht von Svenja:
Jens fragt, wo seine Lieblingstasse ist, die ich dir letztes Jahr geschenkt habe. Hab gesagt, du hast sie zerbrochen. Gern geschehen.
Mareike grinste und blockierte die Nummer. Die Tasse selbstverständlich existierte nie. Jetzt wars auch egal.
Sie nahm einen Schluck Tee. Herb und ohne Zucker genau richtig. Die Stille umhüllte sie wohltuend. Der Nachbarhund bellte, dann war Ruhe. Irgendwo tickte eine Uhr. Noch nie hatte sie ihr Alleinsein und ihre Regeln so sehr geschätzt wie heute. Gastfreundschaft ist eine feine Sache solange der Gast nicht zum Hausherr wird.
Mareike sah auf den ordentlichen Tisch, die aufgereihten Bücher, die Hausschuhe am Sofa.
Mein Zuhause meine Regeln, murmelte sie. Und das war nicht egoistisch, sondern ihr gutes Recht.
Und Svenja? Soll sie doch nach Feng Shui umstellen in ihrer eigenen Wohnung. Wenn Jens es erlaubt.





