Es war einmal eine Frau, die eine Mutter hatte – so einfach beginnt diese Geschichte. Ihre Mutter war sehr schwierig im Umgang, manche würden heute sagen: toxisch.

Es gab einmal eine Frau und ihre Mutter. So unspektakulär beginnt diese Geschichte. Die Mutter, jenseits der sechzig, ein schwieriger Charakter, wie man heute sagt: toxisch. Die Tochter ist siebenunddreißig, lebt schon lange allein in ihrer kleinen, gemütlichen Wohnung in Berlin. Sie zahlt noch die Raten dafür ab, arbeitet viel, aber das mit dem eigenen Glück will nicht so recht klappen. Wie soll es das auch, mit so einer Mutter? So viele Fehler im Umgang, so viele Grenzverletzungen, so viel Abwertung. Rauheit, Unverständnis die Schuld der Mutter steht für die Tochter außer Zweifel.

Die Mutter wohnt weiterhin in ihrem alten Zuhause. Eigentlich ist es keine richtige Wohnung, sondern zwei kleine Zimmer in einem ehemaligen Arbeiterwohnheim damals vom Betrieb in Leipzig bekommen, irgendwann privat übernommen. Zwei bescheidene Räume, etwas abgewohnt, Möbel alt, für Renovierungen fehlt das Geld und auch der Wille. Es ist alles sauber, aber schlicht und recht karg.

Die Mutter kommt oft zu Besuch. Was soll sie sonst machen im Ruhestand? Sie kommt, nörgelt, mischt sich in das Leben der Tochter ein. Sie fragt immer wieder nach deren Beziehungssituation: “Wann heiratest du endlich?” Und gleich darauf: “So wie du haushaltest, nimmt dich doch eh keiner!” Den Wortlaut wiederzugeben, lohnt sich kaum; wer kennt es nicht, wenn alte, verbohrte Menschen in ihren Mustern gefangen bleiben. Sie durchsucht den Kühlschrank, stöbert in Töpfen, räumt Sachen im Schrank um, bleibt manchmal über Nacht und raubt mit ihrem Schnarchen den Schlaf. Die Wohnung hat ja nur ein Zimmer. Immer dieselben belanglosen Geschichten aus ihrem Leben, wie eine deutsche Scheherazade, immer wieder: Wer hat was gesagt, wer hat wen geheiratet, wer ist im Gefängnis gelandet. Schlafen ist unmöglich.

Die Tochter erträgt die Besuche nur mit Mühe. Es gibt Streit, immer wieder, dann doch wieder Versöhnung und alles geht von vorn los. Wie ein graues, deutsches Märchen aus tausendundeiner Nacht. Die Tochter liest Ratgeber: Wie trennt man sich von der toxischen Mutter? Wie zieht man Grenzen, wie sagt man nein, wie reagiert man nicht mehr wie ein Kind, sondern wie eine erwachsene Frau?

Sie diskutiert natürlich auch ihr Problem, und stets raten Freundinnen das, was in den Büchern steht: Den Teufelskreis durchbrechen! Schlösser austauschen! Mutter blockieren! Endlich das eigene Leben beginnen! An diesen Beziehungen liegt es! Sie seien die Ursache für alles Unglück und die Einsamkeit.

Eines Tages nimmt sich die Tochter ein Herz. Nach einem besonders verletzenden Streit steht sie auf, öffnet die Tür und sagt schroff: “Geh nach Hause, komm nie wieder! Es reicht jetzt!” Die Mutter ist fassungslos, versucht zu schimpfen, aber die Tochter schweigt mit verschränkten Armen. Die Mutter setzt sich in den Flur, zieht ihren alten Mantel an, nimmt die große abgenutzte Tasche und setzt die grobe Wollmütze auf. Sie schimpft noch vor sich hin, als sie die Wohnung verlässt ganz getroffen von diesem Rausschmiss.

Die Tochter dreht den Schlüssel im Schloss, spürt einen kleinen Triumph. Das Schloss sollte sie schleunigst austauschen die Mutter hat ja einen Schlüssel für die Blumen und das Nachschauen, wenn die Tochter im Urlaub ist. Nun sollte endlich Freiheit und Glück einziehen! Das größte Problem ist beseitigt…

Befreiung, Leichtigkeit das dachte sie sich. Doch das Gefühl stellt sich nicht ein. Sie tritt ans Fenster und sieht hinaus. Draußen wirft ein Straßenlaterne goldenes Licht auf die verschneite Straße. Der Schnee fällt im Licht und legt sich leise auf alles. Die Mutter ist noch zu sehen: klein wirkt sie vom fünften Stock aus, fast wie ein Kind. Gebückt, wohl vor Kälte oder weil sie vielleicht weint? Ihr Mantel ist schon voller Schnee. Sie verlässt das Licht, verschwindet im Dunkel, ganz alleine.

Da erinnert sich die Tochter an ihre Kindheit, wie sie am Fenster stand und auf die Mutter wartete. So schlimm war das Alleinsein damals. Bis plötzlich die Mutter aus dem Dunkel kam, wie ein kleines Wunder. Immer, wenn sie nur lange genug wartete, kam die Mutter von der Arbeit zurück. Nur sie zwei, der Vater war früh gestorben.

Das kleine Mädchen war so allein, aber am Fenster wurde es leichter. Das Warten war schon nicht mehr Einsamkeit. Während man wartet, ist man nicht allein.

Und die Mutter kam dann immer, brachte oft ein Brötchen aus der Werkskantine mit, zog den schneebedeckten Mantel aus und umarmte das Kind. Schimpfte gleichzeitig, weil die Spielsachen herumlagen, die Buntstifte verstreut. Sie wärmte den Suppe auf und das Leben begann erneut. Ein gutes Leben, mit Mama.

Gemeinsame Spiele, Spaziergänge, selbstgenähte Kostüme zu Weihnachten, neue Lackschuhe, gebügelte Kleider, Tränen der Mutter bei der Einschulung, bei der Abiturfeier, der Kuss zum Einschlafen. Und das Taschentuch, mit dem das Kind schlief es duftete nach Mama. Die Mutter arbeitete Schicht. Auch bei der Wohnung half sie, sparte und gab alles dazu. Plötzlich dachte die Frau daran.

Sie erinnerte sich auch an die Geschichten aus Mamas Kindheit: das karge Leben nach dem Krieg, Suppe auf dem alten Herd für eine Woche, zugenähte Strümpfe, der Vater, der die Familie verließ. Den Kindergarten, in dem sie nur am Wochenende abgeholt wurde. Mit siebzehn Vollwaise, arbeiten gegangen. An das alles dachte die Frau plötzlich und sah, wie ihre Mutter langsam im Dunkeln verschwand.

Ach, was die Tochter da alles erinnert… Manchmal genügt eine Minute, um so viel zu fühlen. Jetzt geht die Mutter, immer weiter, ins Dunkel. Die Tochter reißt das Fenster auf und ruft wie damals: “Mama! Mama!”

Die Mutter bleibt abrupt stehen, dreht sich unter dem Schnee um. Steht da, reglos, bis die Tochter, hastig angezogen, unten ankommt und ihr entgegenrennt. Immernoch ruft sie: “Mama! Mama!”, wie ein kleines Kind. So stark ist das Band mit Abnabelung wird es nichts.

Die Tochter stürzt auf die Mutter zu, die jetzt wie ein jämmerliches Schneemännchen wirkt, voller Schnee. Sie umarmen sich. Gemeinsam gehen sie zurück in die Wohnung. Freiheit und Befreiung waren so nah! Sie hätte nur nicht aus dem Fenster sehen dürfen. Sie hätte sich ablenken, alles aufschreiben sollen ihre Ziele, ihre Gefühle.

Aber das Gefühle aufschreiben? Die werden oft einfach gefühlt, nicht geschrieben. Erklären lassen sie sich manchmal kaum besonders wenn es um die eigene Mutter geht, nicht um eine Figur aus einem Buch. Die eigene Mutter, der eigene Schmerz das ist etwas anderes, ganz anderes… Und die Mutter wird sich nie ändern. Wie eine Katze nie ein Hund wird, oder der Mond die Sonne.

Sie gehen also eng aneinandergelehnt durch das Schneegestöber, einzig vom Licht der Laterne begleitet. Die Mutter schnieft leise, und auch das Gesicht der Tochter ist nass vom tauenden Schnee und vielleicht auch von Tränen. So kommen sie an. Sitzen später zusammen auf dem Sofa, schauen einen alten deutschen Film, längst vergessen. Es ist warm. Obwohl es nicht richtig ist. Aber wer weiß schon, was richtig ist, wenn es um die eigenen Menschen geht? Wenn man sieht, wie jemand ins Dunkel geht, so klein und verlassen. Nicht perfekt, aber unvergleichlich nah…

Vielleicht ist man selbst auch kein Ideal? Vielleicht braucht einen selbst kaum jemand wirklich? Verjagt man den einen, der einen braucht, bleibt vielleicht niemand mehr. Nicht jeder Mensch, der uns wichtig ist, ist ganz wunderbar. So ehrlich muss man sein.

Ein Jahr später die Mutter ist gegangen. Für immer. Ganz von selbst. Wohin wir alle einmal gehen. Ihr Herz blieb stehen, wie eine alte Standuhr.

Die Tochter ist jetzt frei von Kontrollanrufen, vom nächtlichen Schnarchen, vom Genörgel, den Vorwürfen, den Geschichten aus fremder Zeit, von bohrenden Fragen nach dem eigenen Leben. Frei auch von Umarmungen, von Küssen, von dieser unbeholfenen Zärtlichkeit, von der ewigen Treue, der Wärme und Liebe.

Manchmal ist das alles miteinander verkettet, wie Knetmasse, nicht zu trennen. Aber am Ende bleibt: Mehr Licht und Wärme. All das ist Liebe. Und ist Mama.

Die Tochter steht am Fenster, als sie von der Beerdigung heimkehrt, blickt hinaus in das gelbe Licht der Laterne und auf den goldenen Schnee, der jetzt fällt. Keiner läuft die Straße entlang. Niemand stört den Frieden in der Wohnung. Da meint sie für einen Moment, da wäre jemand! Sie reißt das Fenster auf, will rufen: “Mama!”… Aber es war nur Einbildung.

Und ja, alles lief falsch. Die Mutter handelte falsch, die Tochter auch. Vielleicht hätte es anders sein sollen. Mehr auf das eigene bestehen, weitergehen lassen. Dem eigenen Leben Raum geben. Aber Menschen sind nicht ewig. Jede Geschichte ist anders, jedes Märchen, jede Liebe, jedes Verhältnis überall.

Die Laterne brennt, der Schnee fällt, der Winter dauert an. Es ist so leicht, die Schuld bei dem zu suchen, der einem nahestand, bei dem schwierigen, manchmal unerträglichen Menschen. Doch wenn er gegangen ist, bleibt niemand mehr zum Vorwurf. Dann bleibt Liebe, ein Rest Reue, tiefes Bedauern und Schmerz. Manche sagen, man kann das alles “aufarbeiten”. Ich glaube es kaum. Der Verlust des nahen Menschen hinterlässt eine Leere, die keiner füllt.

Das Leben trennt uns alle irgendwann von denen, die wir lieben und auf die wir manchmal wütend sind. Trennt uns für immer. Und dann stehen wir am Fenster, schauen hinaus in die Dunkelheit, in die unser geliebter Mensch verschwunden ist. Der, der uns so sehr genervt hat…

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Homy
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Es war einmal eine Frau, die eine Mutter hatte – so einfach beginnt diese Geschichte. Ihre Mutter war sehr schwierig im Umgang, manche würden heute sagen: toxisch.
Mit über 50 Jahren glaube ich, im Namen der Männer etwas sagen zu können.