„Die Wohnung, in der wir nicht mehr willkommen sind: Wie meine Mutter unser Zuhause in ein Schlachtfeld verwandelte“

Die Wohnung, in die wir nicht mehr zurückkehren dürfen: Als Mutter unser Zuhause zum Schlachtfeld machte
Damals, vor vielen Jahren, arbeitete Matthias gerade im Büro, als das Telefon klingelte. Auf dem Display erschien der Name seiner Frau. Er wunderte sichsie rief sonst selten am hellichten Tag an.
Hallo, Annemarie. Was ist los? Ich bin gerade beschäftigt, sagte er und wandte sich vom Bildschirm ab.
Es… es ist passiert, ihre Stimme war vom Weinen gebrochen. Wir… wir wurden aus der Wohnung geworfen! Wir haben kein Zuhause mehr!
Was?, Matthias sprang entsetzt auf. Was ist mit der Wohnung? Feuer? Einbruch?
Mit der Wohnung ist nichts… Aber wir dürfen nicht mehr hier leben, flüsterte Annemarie.
Wie, ‘dürfen nicht’? Wer sollte uns verbieten, in unserer eigenen Wohnung zu wohnen?!
Wer… deine Mutter!, platzte es aus ihr hervor. In ihrem Ton lag allesSchmerz, Trauer, Verzweiflung.
Vor einigen Jahren waren Annemarie und Matthias mit den Kindern nach Berlin gezogen. Die älteste Tochter war sieben, die kleine fünf. Sie hatten anfangs zur Miete gewohnt, beide rund um die Uhr gearbeitet. Dann hatte das Glück sie gefunden: Annemaries Vater hatte durch eine entfernte Tante unverhofft eine Wohnung bekommen.
Bleibt ihr ruhig dort, hatte der alte Herr gesagt. Ich bin Rentner, die Nebenkosten belasten mich nicht, die Wohnung läuft auf meinen Namen, aber ich störe euch nicht.
Sie renovierten, kauften neue Möbel. Bald glaubten sie schon, die Wohnung sei ihr Eigentumauch wenn es rechtlich anders war. Dennoch hatte Annemarie immer dieses mulmige Gefühl.
Alles, was wir besitzen, steckt hier, aber offiziell gehört uns nichts, sagte sie einmal zu Matthias.
Mach dir keine Sorgen. Susanne wohnt bei den Eltern, wir sind hier. Wer sollte uns rauswerfen? Wir sind doch Familie.
Doch sie wurden nicht von Fremden hinausgeworfensondern von den eigenen Leuten.
Die Wendung kam an Vaters Geburtstag. Die Verwandtschaft war da, man feierte. Und am nächsten Tag sagte Schwiegermutter:
Wir haben beschlossen: Unser Neffe, Viktor, zieht bei euch ein. Er hat einen Studienplatz in München bekommen, das Studentenwohnheim ist viel zu eng. Ihr habt genug Platz. Und außerdem, führte sie aus, die Wohnung läuft auf meinen Namen, also entscheide ich, wer hier wohnt.
Annemarie konnte kaum an sich halten. Matthias nickte nur:
Kein Problem. Es ist Platz da.
Sie hätte schreien mögen, doch sie schwieg. Es war nicht der Momentdoch etwas in ihr brach.
Viktor zog einwie ein Hausherr. Er aß auf dem Sofa, fluchte, räumte nicht auf. Alles, was er berührte, ging kaputt. Dann kamen auch noch Matthias’ Eltern. Wir wollen unseren Enkel sehen, sagten sie. Und dann ging es los.
Viktor, die Schuhe sind ja ganz verdreckt!, schimpfte die Schwiegermutter. Warum ist die Jacke noch dreckig? Wo sind die klitzekleinen Streuselkuchen?
Sie kommandierte wie ein Hauptmann. Sie kochte, spülte, putzte und herrschte. Schließlich sagte sie unverblümt:
Ich verstehe nicht, wie mein Sohn mit so einer wie dir zusammen sein kann! Geh lieber. Verlass die Wohnung.
Aber wohin soll ich gehen? Die Mädchen sind noch klein, Miete ist unbezahlbar… Das sind ja Spiele unter Verwandten.
Das ist nicht mein Problem. Sammle deine Sachen zusammen!
Als Annemarie sich weigerte, sagte die Schwiegermutter:
Ich rede mit Matthias. Er unterschreibt die Scheidung.
Annemarie packte schweigend ihre Sachen und weinte.
Matthias erfuhr davon und eilte sofort nach Hause.
Mama, was ist denn hier los?! Du hast meine Frau rausgeworfen?
Sie ist überflüssig. Und außerdemsie trinkt!
Was?!
Ich habe Flaschenklirren in ihrer Tasche gehört. Was hast du versteckt? So etwas dulde ich nicht unter meinem Dach. Die Wohnung läuft auf meinen Namenich entscheide.
Mama, Viktor hat den Müll weggebracht!
Schieb es nicht auf das Kind! Falls sie nochmal hier auftauchtkomm mir danach bloß nicht mit Gejammer.
Dann gehe ich auch mit ihr.
Umso besser. Viktor hat jetzt eine Freundin, die braucht das Zimmer.
Mit geballten Fäusten verließ Matthias das Gespräch.
Okay. Zwei Tage.
Annemarie, nicht weinen. Wir packen alles zusammenValentin hilft uns, wir haben doch noch die Garage. Das wird schon. Wir nehmen eine Wohnung. Nicht wie wir geträumt haben, aber immerhinunsere eigene.
Nach drei Tagen erschien die Schwiegermutter mit Susannemit Säcken beladen wie im Krieg. Fisch, Fleisch, Einmachgläser, Gemüse…
Sind… sind sie wirklich weg?, fragte Susanne ungläubig.
Leer… Keine Küche… Kein Kühlschrank… Keine Möbel…
Wir räumen alles auf dem Balkon ab.
Es regnet! Mama, wir haben nicht mal Betten!
Maria Petrovna wählte die Nummer ihres Sohneskeiner ging ran. Die Enkel nahmen das Telefon auch nicht ab.
Maria, ich bins, Oma…, sagte sie einer der Enkelinnen ins Telefon, aber die Antwort kam knapp:
Bitte rufen Sie nicht mehr an.
In der Wohnung blieb nur ein altes, schmutziges Sofa und ein Waschzuber im Badein trauriges Symbol des Endes.
Ein halbes Jahr später bereitete Annemarie das Abendessen in der neuen Wohnung zu. Da klingelte das Telefonanonym.
Mein Sohn, ich bin es… Deine Mutter… Ihr meldet euch gar nicht mehr… Es tut mir leid. Kommt zurück. Wohnt hier.
Wir leben hier. In unserer Wohnung.
Eure? Wozu braucht ihr denn eine eigene? Ihr habt doch unsere!
Eure Wohnung ist eure Wohnung. Wir haben unsere.
Und die Enkelinnen? Sie haben mich verlassen!
Sie brauchen nichts. Uns fehlt nichts mehr. Von der alten Wohnung soll keine Rede mehr sein. Und zurück kommen wir auch nicht.
Matthias legte auf. Dieses Kapitel seines Lebens schlug er endgültig zu. Und es öffnete sich auch nie wieder.

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Homy
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