Mein Vater verließ uns, nachdem er von dem Verhältnis meiner Mutter mit einem Kollegen erfahren hatte. Zu Hause gab es einen schrecklichen Streit.
Mein Vater verließ die Familie, als er von der Affäre meiner Mutter mit einem Arbeitskollegen erfuhr. Ein furchtbarer Krach brach in unserer Wohnung aus.
Was erwartest du denn? Ich bin immer allein! Du bist rund um die Uhr im Dienst, Tag und Nacht. Ich bin eine Frau ich brauche Aufmerksamkeit!
Und was, wenn ich diesen Julius, deinen ach so zuvorkommenden Liebhaber, ins Gefängnis bringe? Ich kann ihm was anhängen, und dann wandert er ein, was meinst du? fragte mein Vater mit eiskalter Wut.
Er war Kriminalbeamter.
Du würdest nicht wagen! Niemals! Du hast alles zerstört!
Meine Mutter sank auf das Sofa und begann hemmungslos zu weinen. Mein Vater packte seine wenigen Sachen und steuerte zur Tür. Ich stand im Flur, zwischen Wohn- und Esszimmer, bereit, mich ihm in den Weg zu werfen, um ihn nicht gehen zu lassen. Was für eine Dummheit! Wir waren doch immer eine richtige Familie. Meine Mutter und mein Vater hatten nie gestritten, sie erzählten dieselben Witze und lachten zusammen. Ja, Papa war oft lange auf der Arbeit, kam nach Hause und war völlig erschöpft, wollte nur noch schlafen. Aber die gemeinsamen Momente zeigten mir, dass es uns gut ging. Wie konnte meine Mutter nur alles kaputt machen? Und würde mein Vater das je vergeben?
Karl, bitte geh nicht, flehte meine Mutter verzweifelt und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Vergib mir! Geh bitte nicht! Sebastian, warum stehst du da und lauschst? Familienangelegenheiten!
Aber ich bewegte mich keinen Millimeter. Ich sperrte ihm mit meinem Körper den Weg. Mit zwölf Jahren glaubte ich, ich könnte das Ende unserer glücklichen Familie aufhalten.
Sebastian, lass mich durch! sagte mein Vater mit tiefer Stimme.
So klang er sonst nur im Dienst, nie zu Hause.
Bitte geh nicht! flüsterte ich.
Lass mich vorbei. Seine Stimme blieb kalt.
Papa und ich?
Er schob mich beiseite, wie ein Möbelstück, und verließ das Haus. Ich hatte das Gefühl, er beeilte sich zu gehen, um nichts Unüberlegtes zu tun. Nicht nur, dass er meine Mutter nicht schlagen wollte er hatte auch seine Dienstwaffe bei sich. Seine Augen glühten vor Zorn, und im Nachhinein ist mir klar, es war besser, dass er ging. An diesem Tag wurde er für mich zu dem Mann, der mich weggeschoben hat, als wäre ich ein Stuhl. Und meine Mutter zu der, die uns diese Katastrophe eingebrockt hat.
Julius erwies sich selbstverständlich als Schuft und ließ meine Mutter gleich darauf sitzen. Sie blieb allein zurück, in einer elenden Lage. Der Ehemann war weg, der Liebhaber auch, und der Sohn machte ihr Vorwürfe. Und ich
Ich fing an, nachts herumzuziehen, geriet in schlechte Gesellschaft. Erst haben wir Kleinigkeiten geklaut, dann wurden wir mutiger. Schließlich wurden wir beim Ausrauben eines reichen Kindes erwischt aber wir kriegten nicht alles. Der Junge hatte einen Bodyguard und wir wurden festgenommen, mein Kumpel Nico und ich. Mein Vater, mittlerweile Leiter der Kriminaltechnik in Hamburg, kam ins Polizeirevier, in dem wir saßen. Unser Nachname war selten Starck und das Patronym war nicht unbedingt Martin, sondern Karl-Heinz. Jemand kannte meinen Vater und informierte ihn.
Raus mit dir! sagte er knapp.
Verzieh dich!, fauchte ich durch die Zähne.
Er zog mich aus der Zelle.
Und Nico? schrie ich, während ich mich wehrte.
Er schleppte mich in einen Vernehmungsraum und verpasste mir zwei kräftige Ohrfeigen. Wütend, blutend, mit Tränen in den Augen, hasste ich ihn plötzlich noch mehr.
Wie alt bist du?
Was? verstand ich nicht.
Wie alt? Fünfzehn?
Mir erschien es absurd.
Herzlichen Glückwunsch! Du weißt nicht mal, wie alt dein eigener Sohn ist!
Weil du nicht mein Sohn bist! schrie er. Ich habe Ursula schwanger geheiratet. Dachte, sie wird eine gute Ehefrau. Aber geblieben ist Er benutzte ein schlimmes Wort.
Wer ist dann mein Vater? fragte ich wie betäubt.
Er gab mir ein Taschentuch und eine Wasserflasche, ich wischte mich ab. Karl setzte sich vor mich und sagte:
Es tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe. Du hast mich wahnsinnig enttäuscht. Meinst du, ich habe keine eigenen Probleme?
Dann geh und löse sie doch! murmelte ich.
Sebastian auf dem Papier bist du mein Sohn. Und ich zahle deine Alimente pünktlich. Aber wenn du so weitermachst, verzichte ich auf dich. Dann können sie dich ruhig einsperren, ist mir dann egal.
Und jetzt?
Was jetzt?
Jetzt, komm ich ins Gefängnis?
Er schüttelte den Kopf.
Und Nico?
Hör zu, Nico hat seinen Vater. Die haben Geld, die kriegen das hin. Denk an dein eigenes Leben. Was ist daran reizvoll, im Knast zu sitzen? Glaubst du, das ist das Paradies? Es ist die Hölle! Gerade bei Jugendlichen dreifache Hölle.
Ich wollte nicht ins Gefängnis. Aber mein Leben war voller Schmerz, besonders wenn ich meine Mutter ansah. Also suchte ich meinen Trost, wo ich konnte. Ich sagte das auch Karl.
Am Ende musst du selbst entscheiden: Entweder du reißt dich zusammen lernst und baust dir eine Zukunft auf. Oder du gehst weiterhin deinen krummen Weg, der meistens übel endet. Du willst nicht in den Knast? Dann ändere was! Du bist frei.
Ich lief Richtung Ausgang. Seine Stimme hielt mich zurück:
Und gib deiner Mutter nicht allein die Schuld. Bei einer Scheidung tragen immer beide Verantwortung. Was ich über sie gesagt habe das war aus Wut. Vergiss es.
Karl Papa, ihr liebt euch! Vielleicht versöhnt ihr euch? fragte ich ohne Hoffnung.
Vergiss auch das, mein Junge.
Die Jungs aus der Clique wollten mich nicht gehen lassen. Es gab Prügeleien und ich trug ein paar blaue Flecken davon. Aber schließlich schaffte ich es, mich loszureißen. Nico kam dank meines Vaters mit einer Bewährungsstrafe davon und machte weiter sein Ding. Ich traf meine Entscheidung.
Ich habe meiner Mutter vergeben. Es war schwer, aber ich habe es versucht. Wer mein leiblicher Vater ist, wollte ich wissen, aber ich habe nie gefragt. Für Nachforschungen war sowieso keine Zeit mit den vielen Lücken in der Schule hatte ich alle Hände voll zu tun. Ich schloss die Polizeischule erfolgreich ab, und nun, als ich im Büro meines Vaters stand und seinen stolzen Blick spürte, wusste ich: Das Leben hat uns am Ende wieder zusammengeführt.




