NICHT GEBRAUCHTE MUTTER
Markus, setz dich! Wir müssen dringend reden! Seine Ehefrau setzte sich an den Tisch, ihr Gesicht wirkte entschlossen.
Markus setzte sich dazu. Claudia tupfte sich mit einem Taschentuch die feuchten Augen ab:
Ich weiß nicht, was ich mit meiner Mutter machen soll. Sie kann kaum noch laufen. Diesen Winter überlebt sie in ihrem Häuschen nicht, das bricht ja sowieso bald zusammen.
Und was schlägst du vor?
Sag ich doch: Ich weiß es nicht.
Claudia, wie immer hoffst du, dass ich das löse, aber das ist deine Mutter, du musst entscheiden.
Markus, wir können sie nicht zu uns holen. Die Wohnung hat nur zwei Zimmer und die Jungs sind auch schon groß. Wo sollen wir denn meine Mutter unterbringen? Man spürte, dass die Tochter schon eine Entscheidung getroffen hatte und es dem Mann nur noch möglichst einfach beibringen wollte. Es gibt bei uns in der Stadt ein Seniorenheim, ein privates.
Claudia, du willst deine Mutter ins Seniorenheim bringen?
Wir haben keine andere Wahl. Es heißt, dort sei es ganz nett.
Aber wie du sagst, es ist privat, der Ehemann lächelte skeptisch. Und wie viel kostet es?
Siebzig Euro am Tag. Wenn man für den ganzen Monat zahlt, kostet es zweitausend. Da ist Pflege und medizinische Betreuung drin. Zweitausend im Monat sind für uns kein kleines Geld, aber wir schaffen das schon irgendwie.
Claudia, das kommt mir ganz schön herzlos vor. Deine Mutter hat uns immer Marmelade und Eingemachtes gebracht, den Enkeln kleine Geschenke. Alles von Herzen, und wir stecken sie jetzt ins Heim.
Denkst du, mir bricht da nicht das Herz? Es geht einfach nicht anders.
Ach! Der Mann atmete schwer. Gibts sonst keine Möglichkeit?
Ich dachte daran, ihr Häuschen zu verkaufen. Sie hat es ja auf mich überschrieben. Aber jetzt im Herbst kauft das doch keiner mehr. Und was soll man noch dafür bekommen?
Hast du mit ihr darüber gesprochen?
Noch nicht. Am Samstag fahren wir hin, machen im Garten alles winterfest und dann reden wir mit ihr darüber.
Den Garten mache ich mit den Jungs, der Mann schüttelte den Kopf. Aber das Gespräch übers Heim führst du alleine.
Markus, bis zum Frühling bleibt sie dort, und wenn es ihr nicht gefällt, überlegen wir uns was, sobald der Winter vorbei ist.
Nein, Claudia, ich glaube, wenn sie einmal dort ist, bleibt sie für immer. Es ist traurig.
***
Seit einer Woche ist Helga Schäfer nun im Seniorenheim. Sie versteht schon, dass die Tochter keine andere Wahl hatte. Das Gehen fällt schwer und allein im Haus wohnen sie geht auf die Achtzig zu ist nicht mehr möglich.
Aber so hatte sie sich das Altwerden nicht vorgestellt. Ihren Lebensabend wollte sie bei ihren Lieben verbringen. Jetzt aber braucht sie niemand mehr, krank, wie sie ist.
Eine Krankenschwester kommt ins Zimmer:
Frau Schäfer, Ihre Enkel sind da!
Ein Lächeln breitet sich auf dem Gesicht der Oma aus, als die Jungs eintreten. Selbst der jüngere, Lukas, ist schon größer als sie, und Felix überragt sie um einen Kopf.
Hallo Oma! Wie gehts dir hier?
Ganz gut, das Essen ist lecker. Die Schwestern kümmern sich um uns, sie wird geschäftig wie immer. Setzt euch doch an den Tisch!
Wir können nicht lange bleiben. Wir haben dir Lebensmittel und warme Sachen mitgebracht.
Danke! fragt sie gleich. Und wie läuft es in der Schule?
Alles gut, antworten die beiden fast im Chor.
Gebt euch Mühe, Felix, für dich ist es das letzte Jahr. Weißt du schon, was du machen willst?
Ich will an unserer Uni studieren.
Und eure Eltern? Haben sie euch nur geschickt, oder kommen sie noch vorbei?
Papa ist bei dir am Haus.
Ach, er soll unbedingt noch die Karotten aus der Erde holen, es wird langsam kalt, die Oma seufzt. Und den Kohl auch, die Köpfe sind schon riesig.
Ich ruf ihn gleich an!
Lukas holt sein Handy raus, wählt die Nummer:
Papa, Oma sagt, du sollst die Karotten ausgraben und den Kohl ernten.
Alles klar, kommt es aus dem Telefon.
Gib mal her! Die Oma nimmt das Telefon und gibt detaillierte Anweisungen: Markus, nachdem du die Karotten ausgegraben hast, leg sie drei Tage zum Trocknen hin, erst dann in den Keller bringen. Den Kohl gleich mit Strunk nach unten in den Sand stellen, und die großen Möhren auch sortieren, die kleinen kannst du mitnehmen.
Ja, ja, mach ich. Mach dir keine Sorgen, Mama!
Markus, such meine Mietzi und füttere sie, ja? Die Arme ist dort ganz allein.
Mach ich.
Hier, sie gibt das Handy zurück.
Oma, wir gehen dann, ja? Der ältere Enkel steht schon auf.
Moment! Die Oma holt ihr Portemonnaie. Hier habt ihr jeweils fünfzig Euro. Kauft euch was Schönes.
Aber, Oma…
Nehmts, ich brauch das Geld hier nicht.
Danke, Oma!
Sie gehen. Helga bleibt am Fenster stehen und schaut ihnen lange nach.
***
Markus parkt seinen Golf vor dem Fenster seiner Wohnung. Der Nachbar aus dem hinteren Haus stellt gerade seinen alten Passat daneben ab. Als er die Taschen mit Karotten und Kohl in Markus Händen sieht, fragt er:
Frisch vom Schrebergarten?
So ungefähr, von der Schwiegermutter.
Wir überlegen auch, uns ein kleines Haus im Grünen zu kaufen. Die Kinder sind ja ausgezogen.
Sag mal, Dieter, Markus wird nachdenklich. Ihr habt doch eine Vierzimmerwohnung, oder?
Ja, im zweiten Stock.
Vielleicht willst du ja gegen unsere Zweizimmerwohnung tauschen? Im Paket gibt es das Häuschen mit Garten dazu. Meine Schwiegermutter kann nicht mehr, ihr fehlt die Kraft.
Na sowas! Der Nachbar reibt sich das Kinn. Klingt interessant. Muss ich mir anschauen.
Sprich mit deiner Frau, kommt am Abend vorbei.
Mach ich.
***
Markus duscht, isst eine Kleinigkeit und legt sich hin. Claudia geht in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten, bald kommen die Jungs: der Jüngere vom Training, der Ältere ist frisch verliebt.
Wurde ja auch Zeit, siebzehn ist er schon. Hoffentlich machen sie keinen Unsinn. Den Jüngeren krieg ich auch kaum noch ins Haus, immer draußen unterwegs…
Es klingelt an der Tür. Sie wischt sich die Hände ab und eilt ins Vorzimmer. Die Nachbarn vom anderen Eingang stehen da.
Claudia, dürfen wir reinkommen?
Klar, kommt rein! Und? Was gibts?
Hat dein Mann nichts gesagt?
Nein? Claudia ist erstaunt.
Unsere Männer wollen die Wohnungen tauschen.
Wie bitte? Claudia ist verwundert. Kommt, setzt euch erst mal!
Sie stürmt ins Wohnzimmer, weckt den schlafenden Mann auf dem Sofa:
Markus, steh auf! Wir haben Besuch!
Er steht schlaftrunken auf und verschwindet im Bad:
Bin gleich da!
Währenddessen schaut die Nachbarin sich die Wohnung genau an.
Kann mir mal jemand erklären, was hier los ist?
Claudia, unsere Männer wollen eure Wohnung und das Häuschen gegen unsere Vierzimmerwohnung tauschen, sie blickt sich nochmal um. Ihr habt es schön hier.
Markus kommt zurück und Claudia stellt ihn gleich zur Rede:
Was hast du vor?
Wenn wir uns einig werden, ziehen wir in ihre Großwohnung und nehmen deine Mutter zu uns.
Claudia überlegt kurz, dann huscht ein Lächeln über ihr Gesicht:
Na dann? Lasst uns erst Tee trinken und dann eure Wohnung anschauen!
Ach, was für Tee? lacht ihr Mann. Hol lieber was Hochprozentiges auf den Tisch!
***
Diese Nacht können Markus und Claudia lange nicht einschlafen. Sie reden ewig, überlegen, wie und wo sie die Möbel in der neuen, großen Wohnung stellen. Claudia redet am meisten bis Markus langsam wegdöst.
Du schläfst schon? Sie stupst ihn an.
Claudia, sag deiner Mutter noch nichts, sonst macht sie sich nur verrückt. Wenn alles fertig ist, holen wir sie.
***
An einem regnerischen Herbstmorgen blickt Helga Schäfer aus dem Fenster ihres Zimmers im Seniorenheim. Ihr Gemüt ist so trüb wie das Wetter, und dunkle Gedanken gehen ihr durch den Kopf:
Drei Wochen bin ich jetzt hier. Anscheinend haben mich die Kinder vergessen. Ich bin eben eine überflüssige Mutter. Die Enkel waren einmal da, auch sie haben mich vergessen. Die Tochter hat zweimal angerufen.
Beim ersten Mal hat sie gesagt, dass sie mein Häuschen entweder verkauft oder irgendwo eingetauscht hat. Ihre Stimme klang so froh. Na ja, wenigstens zahlen sie jetzt für mich, zweitausend Euro im Monat, das ist viel Geld. Zurück kann ich ja eh nicht.
Beim zweiten Mal meinte sie, sie hätten viel zu tun, kommen aber bald. Natürlich, Junge Leute sind immer beschäftigt. Heute ist Samstag, vielleicht kommen sie. Hätte ich doch wenigstens ein Handy Aber ich wüsste nicht mal, wie man das benutzt.
So sitzt sie da, eine Stunde, noch eine, ganz in Gedanken. Plötzlich stoppt ein Auto vor dem Tor der Wagen ihres Schwiegersohns:
Sie kommen doch! Aber ihre Freude nimmt gleich wieder ab. Warum ist Markus allein? Und ohne Taschen? Ist irgendetwas passiert?
Helga starrt auf die Tür ihres Zimmers. Sie öffnet sich, ihr Schwiegersohn tritt ein und lächelt:
Hallo, Mama!
Hallo, Markus! Ist etwas passiert?
Pack deine Sachen! Ein Lächeln auf seinen Lippen. Wir fahren nach Hause.
Wie bitte? Nur zu Besuch?
Nein, für immer. Pack alles ein!
Wieso sprichst du in Rätseln?
Die Enkel wollten nicht, dass ichs verrate. Sie meinten, Oma soll überrascht werden.
Helga wird plötzlich ganz aufgeregt, spürt einen neuen Abschnitt im Leben. Da kommt ihre Zimmernachbarin und mittlerweile Freundin von der Behandlung zurück:
Helga, wohin gehst du?
Renate, mein Schwiegersohn holt mich ab sagt, für immer!
Du Glückliche! Mich haben sie wohl für immer abgeschoben.
Ach Renate, irgendwann holen sie dich bestimmt. Für die Kinder ist es eben nicht leicht mit alten Eltern.
***
Helga schaut aus dem Autofenster; ihr Schwiegersohn fährt aber sie wird von schweren Gedanken überrollt:
Warum holt er mich? Die Wohnung ist so klein, wo wollen sie mich unterbringen? Ich werd doch nur stören, nachts ihre Ruhe rauben… Wahrscheinlich bringen sie mich doch zurück.
Sie sind da. Markus parkt seinen Wagen wie immer. Er hilft ihr beim Aussteigen, nimmt ihre Taschen aber dann laufen sie zu einem anderen Hauseingang. Sie schaut ihn verwundert an.
Komm rein!
Sie steigen in den zweiten Stock, gehen zu einer Wohnungstür. Sie öffnet sich und die Enkel stürmen heraus:
Oma, komm! Das ist jetzt unsere Wohnung! ruft Lukas.
Sie tritt ein. Die Tochter eilt auf sie zu und umarmt sie fest:
Mama, ab jetzt wohnst du bei uns. Komm, ich zeig dir dein Zimmer!
Das Zimmer ist klein, aber gemütlich, mit einem schönen Schrank und einem neuen Bett. Kaum zu glauben, dass sie jetzt bei Tochter, Schwiegersohn und Enkeln leben wird.
Und dann streicht jemand um ihre Beine und beginnt zu schnurren:
Mietzi! ruft Helga glücklich und weint nun diesmal vor Glück.





