Tagebuch, 8. März
Als ich heute nach einem langen Tag die Tür aufgeschlossen habe, habe ich erstmal einen Arm voll Blumen vom Betriebsausflug auf die Kommode geworfen, die lästigen Pumps abgestreift und in die Hausschuhe geschlüpft. Dabei wären Gummistiefel wohl angebrachter gewesen: Das Wasser stand schon auf dem Flur, und aus dem Inneren der Wohnung hörte ich unser Kater Fritz mit gedämpfter Stimme jaulen. Dazu klapperte, brummte und rauchte es irgendwo.
Johann, was ist denn hier los?!
Mein Mann tauchte wenige Sekunden später auf: Nur in Unterhose, barfuß, mit Ruß im Gesicht, einem kräftigen Veilchen unter dem Auge und einem Handtuch als Turban um den Kopf gewickelt. Ein Bild für die Götter.
Helene, du bist schon da? Ich hätte nicht gedacht, dass du so früh kommst. Ich dachte, Betriebsfeier mit allen Kollegen du als Chefin, bis der letzte geht
Ich ließ mich erschöpft auf den Hocker fallen und sagte nur:
Raus mit der Sprache. Was jetzt schon wieder, Schurke?
Äh … Liebling, stammelte Johann, bitte nicht aufregen.
Ich habe mich damals aufgeregt, als in den Neunzigern diese Schutzgelderpresser uns bedrohten. Ich war nervös beim Euro, noch mehr in der Finanzkrise. Danach hat mich nichts mehr umgehauen. Also: Was ist hier passiert?
Weißt du …
Kurzfassung, bitte!
Er seufzte. Okay! Ich wollte dich überraschen, einen schönen Frauentag bereiten. Also hab ich geputzt, gewaschen und ein Festessen geplant. Ich hab Urlaub genommen, die Waschmaschine gestartet, auf dem Markt … Also, erst auf dem Markt, Rinderbraten gekauft und dann lief das plötzlich über
Rinderbraten? fragte ich nach.
Nein, die Waschmaschine! Anfangs war alles gut. Ich habe den Braten vorbereitet, ihn in den Ofen geschoben und dann im Wohnzimmer weiter aufgeräumt. Da kam der Kater ins Spiel
Lebt er noch?
Natürlich! Nur ein bisschen nass ist er. Als ich die Maschine angeschaltet habe, war er nicht drin schwöre! Dann auf einmal war er mittendrin.
Wie soll Fritz denn bloß in eine geschlossene Waschmaschine kommen?!
Keine Ahnung irgendwie durchgeflutscht.
Ich schloss die Augen und atmete durch. Weiter. Aber zeig mir erst den Kater!
Schatz, das … eh, musst du selbst sehen.
Hoffentlich hat er alle vier Pfoten noch!
Johann wischte sich mit einem Handtuch übers verkratzte Gesicht und murmelte:
Und ob! Die sind nur festgebunden zu seiner Sicherheit.
Na gut, später. Und dann?
Während Fritz quasi ein Bad genommen hat, roch es plötzlich verbrannt. Ich stürze in die Küche der Braten schon fast Kohle, ich verbrenne mir die Finger, schütte ein wenig Öl drüber … woher soll ich wissen, dass das gleich brennt?!
Haare angesengt, Rauch steigt auf, ich versuche, zu löschen und dann schreit auf einmal der Kater. Ich renn rüber, sehe Fritz entsetzte Augen hinter dem Bullauge und denke: Das muss raus! Maschine aus, Tür blockiert, Kater schreit, Herd brennt. Ich hole den Brecheisen. Nun ja, nach ein, zwei beherzten Schlägen lief die Maschine aus aber Fritz war draußen.
Während ich den Herd gelöscht habe, tobte diese pelzige Katastrophe durchs Wohnzimmer: Zwei Vasen zerdeppert. Der Teppich vollgekotet. Gardinen abgerissen, Tapeten zerkratzt, der Sekt vom Tisch gefegt. Von unten haben die Nachbarn gegen die Heizung gehämmert, ich glaube, einer hat laut geflucht, sie würden Fritz kastrieren. Oder mich? Jedenfalls, alles okay. Bitte, Helene, reg dich nicht auf.
Mir liefen die Tränen vor Lachen, als ich aufstand, zur Seite trat und mir das ganze Desaster besehen habe. Johann hatte alles ehrlich beschrieben es war ein Bild der Verwüstung, ergänzt um Details, nach denen andere Frauen vermutlich einen Nervenzusammenbruch erleiden würden. Außer mir. Zwanzig Jahre im Management eines großen Unternehmens haben mich abgehärtet. Hauptsache, keine Enkel zu Besuch und alle Mann wie Kater am Leben, trotz allem.
Unser armer Fritz war jedenfalls am Heizkörper festgebunden, alle vier Pfoten verknotet, das Gesicht in ein altes Halstuch gewickelt. Aber lebendig. Ohne Brandflecken. Immerhin. Johann beeilte sich zu erklären:
Schatz, er wollte ja nicht auf der Heizung sitzenbleiben. Ich hatte Sorge, er trocknet sonst nicht. Auswringen ging auch nicht der hat sich gewehrt wie ein Löwe. Da blieb nur das Fixieren. Und das Tuch, damit er nicht miaut. Die Nachbarn haben bestimmt zehnmal geklingelt und stressten schon mit Polizei, Feuerwehr und ich glaub, sogar eine Hexe wollten sie holen, um Unheil zu schicken!
Ich habe Fritz befreit, ihn beruhigt, ihm mit Johanns jetzt glatzen Tuch die Pfoten getrocknet und das Tuch vom Kopf genommen.
Johann, du Ekel. Er hätte ersticken können! Aber nach der Wäsche ist ihm vermutlich eh alles egal wie mir.
Ich sank auf das Sofa und nahm heute den Kater auf den Schoß.
Na?
Wie meinst du das jetzt? sagte Johann niedergeschlagen. Soll ich mich gleich aufhängen? Oder willst du das machen?
Ach, seufzte ich theatralisch. Achter März, Frauentag.
Plötzlich hellte sich sein Gesicht auf. Er rannte ins Nebenzimmer, kam zurück, stellte sich feierlich vor mich hin, versteckte seine Hände hinter dem Rücken, ging in die Knie und sagte:
Helene, Sonnenschein meines Lebens, wir sind jetzt dreißig Jahre verheiratet und ich bin immer noch jeden Tag von dir überrascht. Du bist die schönste, geduldigste, empathischste und liebenswerteste Frau, Mutter und Großmutter. Alles Gute zum Frauentag bleib unbedingt, wie du bist.
Dann überreichte er mir eine Schachtel mit einem goldenen Ring und einen zerzausten, halb zerdrückten Rosenstrauß. Verlegen flüsterte er:
Die waren mal richtig schön. Hat nur der Kater nicht ausgehalten. Bitte, sei nicht böse. Auch nicht auf ihn er ist wirklich unschuldig. Ich wollte es nur besonders schön machen.
Ich habe Johanns Kopf an mein Knie gedrückt, die Blumen gerochen und geschmunzelt.
Sie duften ja sogar noch! Nicht einmal nach Rauch. Bitte, Johann: Keine Experimente mehr. Blumen reichen. Noch so ein Fest übersteht weder das Haus noch die Nachbarn.
Weißt du, ich dachte, du bekommst im Büro ständig edle Geschenke und prachtvolle Sträuße. Ich wollte mal was anderes machen. Was Einzigartiges, mit … feuriger Überraschung. Damit ich dich überraschen kann.
Und das ist dir gelungen, mein Pechvogel, lachte ich. Sogar mit Feuer. Mir ist das im Büro egal. Wichtig ist, dass es von dir kommt mit Liebe.
Jetzt aber los, ihr beiden, lass uns aufräumen und mit den Nachbarn Frieden schließen. Sonst holen die wirklich noch die Hexe. Die hat bestimmt auch so einen Mann zuhause auch einer, der mal eine Überraschung probiert hat. Wer weiß, was die dann hier noch anrichtet …





