Meine Mutter buk früher für uns Streuselkuchen, aber insgeheim träumte sie immer von meinem Ehemann…
Martin, findest du nicht auch, dass meine Mutter dich in letzter Zeit ein bisschen merkwürdig anschaut?
Julia stand am Herd und rührte Grießbrei um, während sie ganz leise sprach als müsste sie Angst haben, dass man sie durch versiegelte Türrahmen belauscht. Martin blickte kurz vom Handy auf, guckte überrascht.
Wie meinst du das?
Na ja, zum Beispiel gestern, als sie bei uns war… Sie hat dir dauernd irgendwelche Komplimente gemacht. Über dein Hemd. Über die Frisur. Sogar darüber, wie du die Gabel hältst.
Martin schnaubte und starrte wieder aufs Handy.
Ach Mensch, Jule, das ist eben deine Mutter. Sie meint es nur nett, will halt dem Schwiegersohn ein bisschen Honig ums Maul schmieren.
Ich kenne meine Mutter seit dreißig Jahren, entgegnete Julia, drehte den Herd ab und wandte sich um. Ihr Gesicht sah beunruhigt aus, fast erschrocken. Gerade deshalb frage ich ja.
Martin legte das Handy weg, kam zu ihr und nahm sie in den Arm.
Du machst dir zu viele Gedanken. Bei euch auf der Arbeit ist Stress, da siehst du Gespenster. Frau Gertrud ist eine liebe Frau, sie ist halt einsam. Der fehlt die Gesellschaft.
Julia hätte widersprechen wollen schwieg aber. Sie schmiegte die Wange an seine Brust, schloss die Augen. Doch in ihrem Kopf drehte sich ununterbrochen derselbe Gedanke: Meine Mutter schaut meinen Mann nicht mehr wie eine Mutter den Schwiegersohn anschaut. Und das ist unheimlich.
***
Es fing vor einem halben Jahr an, aber eigentlich lagen die Wurzeln viel tiefer. Gertrud wurde mit fünfundsechzig in den Ruhestand geschickt, nach achtunddreißig Jahren an der Kasse der Sparkasse Hamburg-Süd. Ihr Mann verließ sie damals, wie es so schön heißt, für eine Jüngere das war schon fünfzehn Jahre her. Seitdem wohnte Gertrud allein in einer Zwei-Zimmer-Plattenbauwohnung am Lübecker Stadtrand, in einem der alten Mehrgeschosser mit abgeblättertem Putz und schiefen Balkonen. Julia blieb ihr einziger Lichtblick, der Lebenssinn gewissermaßen.
Als Julia vor drei Jahren Martin heiratete, freute sich Gertrud ehrlich. Der Schwiegersohn war ein Guter: fleißig, trank nicht, konnte anpacken. Arbeitete als Ingenieur in einem mittelständischen Maschinenbaubetrieb, ordentliches Gehalt, eigene kleine Wohnung in Bahrenfeld, schnuckelig eingerichtet. Gertrud kam sonntags, brachte Apfelkuchen vorbei, half beim Putzen, klönte mit der Tochter über Frauensachen.
Doch letzten Herbst veränderte sich etwas. Gertrud feierte ihren zweiundsiebzigsten Geburtstag. Die Gästeliste war übersichtlich: Zwei ehemalige Kolleginnen, Julia samt Martin, Nachbarin Frau Kröger. Sie saßen am Wohnzimmertisch, tranken Kaffee zum Frankfurter Kranz vom Bäcker. Gertrud beobachtete ihre Tochter und wurde ganz melancholisch: Julia lachte, war voller Leben, ihr Haar glänzte, ihre Haut rosig. Daneben Martin, kräftig, mit einem dieser typischen weißen Hemden. Er sah sie an so viel Sanftheit in seinem Blick, dass Gertrud das Herz ganz schwer wurde.
Sie stand auf, flüchtete ins Bad, schloss ab. Sah sich im Spiegel an: Graues Haar, aufgepeppt mit Rot, Falten, Augenringe, der Hals schlaff. Alt. Alte Frau. Dabei waren ihr früher die Männer auf der Mönckebergstraße nachgesehen. Sie war auch mal jung, hübsch, begehrt gewesen.
Mit den Fingern strich sie übers Gesicht, seufzte tief. Aus der Küche hörte sie das Lachen ihrer Tochter, ein Wortwechsel mit Martin. Ihre kleine Familie da brannte noch das Feuer. Und sie? Leere Wohnung, abends das ARD-Kulturmagazin, sporadische Anrufe von Julia.
Gertrud kam blass zurück in die Küche. Julia fragte, ob alles okay wäre. Sie lächelte gequält.
Alles gut, Kindchen. Bin nur ein bisschen erschlagen.
Irgendetwas war in ihr zerbrochen. Gertrud tauchte jetzt immer öfter bei der Tochter auf. Erst zweimal in der Woche, dann dreimal. Es gab immer einen Grund: Kuchen gebacken, Unterstützung beim Fensterputzen, oder Ich vermisse euch halt. Julia fand das schön. Martin war höflich, bot ihr Tee an, fragte nach Kreislauf und Rentenbescheid.
Anfangs beobachtete Gertrud ihn heimlich. So wie er sich bewegte, wie er lachte, wie er redete. Irgendwann tauchten kleine Komplimente auf.
Martin, du siehst heute aber wieder richtig gut aus! Trainierst du im Fitnessstudio?
Er errötete, winkte ab.
Nee, Frau Gertrud, keine Zeit für so was, muss ja auf der Arbeit immer ran.
Mein erster Freund sah dir übrigens ähnlich. Auch so ein stattlicher Typ!
Julia wurde bei diesen Gesprächen leicht unwohl, schüttelte es aber als späten Frühling bei der älteren Dame ab. Was sollte denn schon passieren?
Doch dann wurde alles etwas… unangenehmer. Gertrud fing an, Martin zufällig zu berühren. Sie rückte mit gespielter Fürsorge den Hemdkragen zurecht, wischte ein Staubkorn von seiner Schulter, legte beim Reden die Hand auf seinen Arm. Martin erstarrte, wusste nicht, wie er reagieren sollte schließlich war das die Mutter seiner Frau! Siebzigplus! Oder bildete er sich alles nur ein?
Im März fuhren die drei zusammen zum Schrebergarten. Gertrud hatte ein kleines Grundstück in Billstedt, sechs Parzellen weiter hockte Frau Kröger in ihrem Pavillon. Julia grub mit der Mutter im Gewächshaus, Martin reparierte den Zaun.
Es war heiß Martin zog sein Hemd aus, stand im Feinripp-Unterhemd da. Gertrud kam aus dem Glashaus, musterte ihn ausdauernd.
Martin, willst du was trinken?
Klar, danke.
Sie brachte die Flasche Wasser, reichte sie ihm so, dass sich die Finger berührten. Einen Moment zu lange.
Du bist wirklich ein fleißiger Mensch. Julia hat echt Glück mit dir.
Sanfter, schmeichelnder Ton. Martin wich etwas zurück, trank hastig.
Ich gebe mein Bestes. Familie ist wichtig.
Familie, wiederholte Gertrud nachdenklich. Ja. Aber manchmal zerbricht Familie. Was tut man, wenn der eine schon am Ende ist und der andere noch voller Elan?
Martin runzelte die Stirn.
Wie meinen Sie das?
Gertrud lächelte, schwenkte ab.
Ach, nichts Martin. Nur Gedankenspiele.
Der Abend nach dem Schrebergarten war voller Spannung. Julia fragte zögerlich:
Hat Mama dir irgendwas Komisches gesagt?
Nö, wieso?
Sie hat mir erzählt, du wärst ein hübscher Mann und sowas gebe es selten.
Na und? Ist halt ein Kompliment.
Martin, Julia nahm seine Hand, vielleicht erlebt Mama gerade eine Art Mutter-Tochter-Rivalität? Weißt du, so ein dummes Konkurrenzdenken…
Hab ich schon gehört. Aber sie liebt dich. Ist halt ein bisschen einsam geworden.
Ja. Aber ich glaube, sie ist einfach neidisch. Auf meine Jugend, mein Glück. Und hat Angst vor dem Alleinsein.
Martin drückte sie, küsste sie auf die Stirn.
Mach dir keine Sorgen. Da ist nichts dran.
Aber auch er war sich plötzlich nicht mehr so sicher.
***
Am 8. Mai kam der nächste Knaller: Tag des Sieges, wie ihn Gertrud als alte Schauspielerin gerne feierte. Es wurde wie immer im Familienkreis gespeist. Gertrud brachte Kartoffelsalat und eine Flasche Asbach mit. Aber diesmal erschien sie im knalligen Kleid mit ordentlichem Ausschnitt, scharlachrotem Lippenstift, und trug funkelnde Ohrclips. Julia stutzte.
Mama, was hast du denn heute für schicke Klamotten an?
Warum nicht? Es ist doch Feiertag.
Sie setzten sich an den Esstisch. Martin hielt eine kleine Rede auf die Veteranen, auf den Frieden, auf die Familie, stieß mit den anderen an. Dann meldete sich Gertrud zu Wort und blickte ihn direkt an.
Ich möchte sagen, hob sie theatralisch an, dass ich unglaublich dankbar bin, so einen Mann in unserer Familie zu haben. Stark, verlässlich. Ein echter Kerl.
Julia lächelte.
Danke, Mama. Ich hatte wirklich Glück.
Ja, Gertrud ließ den Schwiegersohn nicht aus den Augen sehr viel Glück. Hütet euch voreinander. Denn manchmal ist späte Liebe stärker als die anfangs.
Kurzes betretenes Schweigen. Martin guckte in den Kartoffelsalat. Julia runzelte die Stirn.
Mama, was willst du damit sagen?
Dass man nicht vergessen sollte, was man hat. Auch wenn man glaubt, dass anderswo das Gras grüner ist.
Danach war die Stimmung endgültig im Keller. Gertrud fuhr früh nach Hause wegen Migräne, sagte sie.
Mein lieber Schwan, was ist bloß mit ihr los? stöhnte Julia, als die Tür ins Schloss fiel.
Martin antwortete nichts. Ihm wurde klar, dass die Lage kritisch war. Eine waschechte Haus-und-Hof-Psychodramaproduktion, direkt im eigenen Heim. Und keiner wusste, wo die Fernbedienung lag, um abzuschalten.
Eine Woche später fuhr Julia für drei Tage auf eine Fortbildung nach München. Martin blieb allein. Am ersten Abend rief Gertrud an.
Martinchen, bist du zu Hause?
Ja, bin da.
Und Julia ist unterwegs?
Jap. Gibts ein Problem?
Ach, ich habe eigentlich nur Lust, ein bisschen zu quatschen. Und mein Wasserhahn in der Küche tropft. Du bist doch so ein Handwerker. Kannst du mal nachschauen?
Martin zögerte. Freundlich Nein sagen, zu einer Frau in Rente? Unmöglich.
Klar, kein Ding.
Gertrud tauchte wenig später auf, im gemütlichen Hauskleid, aber mit Make-up und perfekt frisiert. Eine Flasche Dornfelder in der Tasche.
Da, lass uns auf dein Wohl trinken.
Martin war alarmiert, sagte aber nichts. Sie gingen in die Küche. Er öffnete den Rotwein, schenkte ein. Gertrud setzte sich ihm gegenüber, faltete die Hände.
Martin, ich muss dir etwas sagen.
Ja?
Weißt du, ich bin zweiundsiebzig. Offiziell Rentnerin. Aber ich fühle mich gar nicht alt. Im Inneren bin ich noch die gleiche Gertrud wie mit zwanzig. Die gleiche, die geliebt werden wollte.
Martin trank einen Schluck, setzte das Glas ab.
Was wollen Sie mir damit sagen?
Dass du ein Mann bist, den ich… nun ja, gern an meiner Seite hätte. Stark, klug, anständig. Und mir tut weh, dass du bei Julia bist und nicht bei mir.
Martin erstarrte.
Begreifen Sie, was Sie da sagen?
Ja. Und es ist mir peinlich. Aber ich kann meine Gefühle nicht länger verstecken. Ich bin neidisch auf Julia. Neidisch auf ihr Glück, ihr Jungsein, dieses Leben. Ich habe Angst, einsam als alte Schachtel zu sterben.
Sie stand auf, legte die Hand auf seine Schulter. Martin zog sie ruckartig zurück, hüpfte beinahe vom Stuhl.
Frau Gertrud, hören Sie bitte auf. Das ist absurd.
Warum denn? Weil ich alt bin? Weil ich deine Schwiegermutter bin? Wenn ich jünger wäre würdest du dann nachdenken?
Nein! Ich liebe Julia! Und Sie sind ihre Mutter. Das ist einfach… falsch!
Gertrud senkte den Kopf, brach in Tränen aus. Die Schultern bebten. Martin stand angespannt da, zerrieben zwischen Mitleid, Abscheu und Wut.
Bitte… gehen Sie jetzt. Und machen Sie so etwas nie wieder.
Sie sah ihn an mit roten Augen.
Und wenn ich wiederkomme? Wenn ich Julia erzähle, dass du mich verführt hast?
Martin stockte der Atem.
Das würden Sie nicht tun.
Warum bist du dir da so sicher? Ich habe nichts zu verlieren. Aber du hast Arbeit, gutes Ansehen, Familie. So ein Eklat ist schnell erzählt, und irgendwo bleibt dann immer ein Fleck.
Er sah sie an, irritiert. Wo war die freundliche Schwiegermama mit selbstgebackenem Kuchen? Wer war diese Frau, die jetzt vor ihm stand und drohte?
Warum machen Sie das? Selbst wenn Sie unsere Ehe zerstören mit Ihnen könnte ich trotzdem nicht zusammen sein.
Sie wischte die Tränen weg, rückte die Haare zurecht.
Wahrscheinlich werde ich wirklich langsam verrückt. Das Alter schlägt zu. Jeden Tag wache ich auf und denke: Es ist alles vorbei. Da ist nichts mehr, außer den Erinnerungen.
Sie nahm ihre Tasche, ging zur Tür.
Ich gehe jetzt. Und ich komme auch erst mal nicht wieder. Aber du sollst wissen: Ich habe ehrlich gesprochen. Ich bin einfach nur… neidisch.
Die Tür fiel ins Schloss. Martin blieb wie angewurzelt in der Küche. Hände zitterten. Er schenkte sich noch ein Glas Wein ein. Ex und hopp.
Ein Tag später Telefonat mit Julia:
Martin, wie läufts? Vermisst du mich?
Sehr sogar. Wann bist du zurück?
Übermorgen. Sag mal, hat Mama sich gemeldet?
Martin hielt inne.
Nein, nichts gehört. Warum?
Sie rief mich an, klang nicht gut. Meinte, du solltest mal vorbei schauen, ihr sei nicht wohl.
Julia, ich kann nicht. Muss arbeiten.
Bitte, Martin. Es macht mir Sorgen, sie ist ganz allein.
Martin ballte die Faust. Das war die Falle. Gertrud legte schon wieder Köder aus, und er war mittendrin.
Okay, ich fahre heute Abend hin.
Danke, mein Schatz. Ich liebe dich.
Ich dich auch.
Er schloss auf. Es gab zwei Wege: Alles gestehen und das Verhältnis von Mutter und Tochter für immer ruinieren. Oder Stillschweigen und Gertrud würde weitermachen. Etwas anderes gab es nicht.
Am Abend fuhr er zu ihr. Vierter Stock, keine Lampe im Treppenhaus, alles wie immer. Gertrud machte sofort auf, als hätte sie auf ihn gewartet. Im Bademantel, kein Make-up, sehr blass.
Komm rein, Martin.
Er blieb in der Diele.
Ich bleibe nicht lange. Julia wollte, dass ich nach Ihnen sehe.
Geht schon. Willst du Tee?
Nein, danke. Ich muss los.
Gertrud stellte sich nah vor ihn.
Hast du Julia alles erzählt?
Nein.
Warum nicht?
Weil es sie zerbrechen würde. Sie liebt dich.
Gertrud senkte den Blick.
Ich weiß. Ich liebe sie ja auch. Aber Liebe ist verschieden. Manchmal tut man sogar den Liebsten weh.
Das ist keine Liebe, das ist Egoismus.
Sie nickte.
Vielleicht. Vermutlich bin ich einfach ein schlechter Mensch. Eine schlechte Mutter.
Martin seufzte.
Nein. Sie sind einfach nur unglücklich. Sie brauchen Hilfe, aber nicht von mir. Suchen Sie sich einen Psychologen, Freundinnen, irgendwas. Aber nicht… das hier.
Sie sah so verloren aus, als sie ihn anschaute wie eine alte, einsame Frau, die krampfhaft etwas halten will, was schon längst vorbei ist.
Du wirst gehen, sagte sie leise und ich bleibe allein. Wie immer.
Rufen Sie Julia an. Reden Sie mit ihr. Ehrlich.
Was soll ich sagen? Dass ich eifersüchtig bin? Dass ich ihren Mann wegnehmen wollte?
Nein. Sagen Sie, dass Sie Angst vor dem Alleinsein haben. Und Hilfe brauchen.
Stille. Dann ein Nicken.
Geh, Martin. Danke, dass du gekommen bist.
Unten auf der Straße atmete Martin endlich wieder durch. Er rief Julia zurück.
Ich war bei deiner Mutter.
Und wie geht es ihr?
Julia, wir müssen reden. Wenn du zurück bist ein ernstes Wort.
Worum gehts? Martin, ich mache mir Sorgen.
Es geht um deine Mutter. Was hier passiert.
Kurze Pause. Dann:
Okay. Wenn ich zurück bin, reden wir.
Er legte auf und blickte zum Fenster der Wohnung hoch. Im vierten Stock brannte Licht. Hinter der Scheibe stand Gertrud sie schauten sich einen Moment lang an. Dann zog sie sich zurück, das Licht erlosch.
***
Julia kam ein paar Tage später aus München zurück. Martin holte sie mit einem Blumenstrauß vom Bahnhof ab. Nach dem Abendbrot saßen sie in der Küche.
Jetzt erzähl schon, was ist los?
Martin goss Tee ein, schwieg lange. Dann erzählte er alles: Die Komplimente, Berührungen, das Gespräch am Küchentisch und die Drohungen. Julia wurde weiß wie die Wand, als er fertig war. Sie ging erst ans Fenster und drehte sich dann wieder um.
Ich habs gespürt. Aber ich konnte es nie glauben.
Es tut mir leid.
Wofür? Du hast nichts falsch gemacht.
Dafür, dass ich es nicht früher erzählt habe. Dafür, dass ich gestern hingefahren bin.
Sie umarmte ihn.
Du hast richtig gehandelt. Du hast versucht zu helfen. Ich habe es nicht gesehen. Ich war blind für meine eigene Mutter.
Was sollen wir jetzt tun?
Ich… rede morgen mit ihr.
Doch am nächsten Tag antwortete Gertrud nicht aufs Telefon. Julia fuhr zur Wohnung und öffnete mit ihrem Ersatzschlüssel. Leer. Auf dem Tisch lag ein Zettel: Bin zu Inge aufs Land. Entschuldige. Mama.
Eine Woche verstrich, dann zwei. Kein Ton von Gertrud. Martin kümmerte sich liebevoll, bemerkte jedoch, wie Julia darunter litt.
Dann endlich, nach vier Wochen, ein Anruf. Gertrud, Stimme müde, zerbrechlich.
Julia, ich bins.
Mama! Wo bist du? Wir haben uns solche Sorgen gemacht!
Ich bin bei Inge auf dem Dorf, Nähe Lüneburg. Es geht mir ganz gut. Ist ruhig hier.
Wann kommst du zurück?
Kurzes Schweigen:
Weiß nicht. Vielleicht bleibe ich. Inge meint, ich kann so lange bei ihr wohnen, wie ich mag.
Mama, wir müssen sprechen.
Ich weiß. Martin hat alles erzählt?
Ja…
Noch längeres Schweigen.
Es tut mir leid, Julia. Ich kann dir nicht in die Augen schauen. Bitte, vergib mir.
Julia brach in Tränen aus.
Komm doch zurück. Wir holen uns Hilfe, suchen einen guten Therapeuten. Du bist nicht allein.
Ich war schon immer allein. Das ist mein Schicksal.
Mama, bitte…
Ich hab dich lieb, Kind. Und Martin auch. Er ist ein guter Mann. Pass gut aufeinander auf.
Klick. Sie hatte aufgelegt. Julia saß heulend am Küchentisch. Martin nahm sie wortlos in den Arm.
Noch zwei Monate vergingen. Ab und an rief Gertrud an, alles sei prima auf dem Dorf. Sie helfe der Freundin beim Verschnitt von Apfelbäumen, genieße Ruhe. So wäre es wohl für alle das Beste.
Julia fuhr einmal monatlich vorbei, brachte Einkäufe, ein paar Euro. Sie tranken heimlich auf Inges Bauernküche Filterkaffee, redeten übers Wetter und Lokalnachrichten. Nie über das, was passiert war.
Ein Abend im Herbst: Julia kam von ihrem Besuch bei Gertrud zurück, setzte sich wortlos zu Martin aufs Sofa.
Weißt du, begann sie leise ich frage mich, ob ich Schuld daran bin.
Wie meinst du?
Ich habe meinen Weg gelebt. Und sie blieb allein zurück, hatte nur noch mich. Als ich Martin heiratete, war sie ganz allein.
Martin ergriff ihre Hand.
Nein, Julia. Jeder hat ein Recht auf eigenes Glück.
Aber ich habe nur die eine Mutter. Ich kann sie nicht einfach vergessen.
Und das musst du auch nicht. Wir helfen ihr aber anders.
Julia kuschelte sich an ihn, schloss die Augen.
Glaubst du, sie kann sich jemals verzeihen?
Martin schwieg. Vielleicht würde Gertrud immer auf dem Land bleiben. Vielleicht kam sie zurück. Vielleicht waren sie dann wieder eine Familie, trotz Riss im Fundament. Vielleicht würde das alles sie für immer verändern.
Er küsste Julia sanft auf die Stirn.
Ich weiß es nicht, Jule. Aber wir schaffen das. Zusammen.
Draußen wurde es dunkel, der Herbst war da. Im Wohnzimmer war es warm und ruhig. Zwei Menschen, die viel durchgemacht hatten und zusammenhielten. Und irgendwo auf dem Land, in einem krummen Fachwerkhäuschen bei Lüneburg, saß Gertrud am Fenster, sah nach den Sternen hinaus und dachte: Das Leben ist lang. Aber die Einsamkeit ist länger. Und morgen werde ich wieder wach, und wieder suche ich nach dem Sinn.
Sie stand auf, kochte sich Tee, setzte sich an den Tisch. Sie nahm aus der Schublade ein altes Foto: Sie jung, schön, im weißen Kleid. Daneben der Mann, der längst weg war. Gertrud strich behutsam über das verblichene Papier. Früher war alles vorhanden. Früher hat auch sie am Abend im Arm ihres Mannes gesessen und geglaubt, das Leben bleibe immer so.
Sie steckte das Foto zurück, trank Schluck für Schluck. Aus dem Nebenzimmer drang das Schnarchen von Inge herüber. Bald kommt Winter. Noch schnell das Holz reinholen, Fenster abdichten. Immerhin das Leben ging weiter. Langsam, grau, aber es ging weiter.
Gertrud schaute aufs Handy. Sie wollte Julia anrufen, ließ es aber. Was sollte sie sagen? Dass sie sie vermisst? Dass es ihr leid tut? Worte holen vergangene Tage nicht zurück.
Sie legte das Handy weg, knipste das Licht aus, zog die Decke bis ans Kinn und hörte das Heulen des Windes an der Scheibe. Vielleicht, dachte sie, ist Einsamkeit eine Strafe. Oder vielleicht auch eine Rettung damit niemandem mehr etwas passiert.
***
In Hamburg schlief Julia nicht. Sie lag neben Martin und starrte an die Decke. Sein Atem war ruhig, ganz gleichmäßig er schlief sofort ein, wie immer. Sie dachte nach.
Über ihre Mutter, die mal für sie das ganze Universum war. Die sie allein großzog, in Doppelschichten, zu Geburtstagen neue Kleider kaufte. Die weinte, als Julia heiratete. Und eben diese Frau versuchte dann, ihre Ehe zu zerstören wie sollte man das verstehen?
Julia wusste, wie grausam das Alter ist. Dass Mutter Angst hatte, als verlassene Frau zu enden. Und wahrscheinlich ist Eifersucht einer Mutter auf die Tochter kein Einzelfall, wenn deren Jugend an die eigene Vergänglichkeit erinnert. Verstehen half aber nicht gegen die Schmerzen.
Sie drehte sich zur Seite und betrachtete Martins schlafendes Gesicht ein bisschen stoppelig, die breiten Schultern. Er hatte dieser Prüfung standgehalten. Keine Schwäche, kein Verrat. Aber was, wenn Gertrud noch hartnäckiger gewesen wäre? Oder wenn Martin schwächer gewesen wäre? Julia wurde klar: Vertrauen ist filigran. Ein Fehltritt, und alles zerbricht.
Sie stand leise auf, holte sich Wasser, setzte sich ans Fenster. Die Straßen leer und dunkel. Irgendwo draußen, auf dem Land, saß wohl auch gerade ihre Mutter am Fenster. Zwei Frauen, verwandt und verbunden durch Schmerz. Und jetzt eine Mauer dazwischen.
Sie erinnerte sich, wie ihre Mutter ihr Radfahren beibrachte. Hab keine Angst, ich bin da! rief Gertrud und Julia fuhr los, allein, schaute zurück die Mutter winkte von Weitem. Damals glaubte Julia, ihre Mutter würde immer da sein. Immer helfen. Beschützen.
Und nun?
Sie wischte sich die Tränen weg, ging ins Schlafzimmer zurück. Legte sich vorsichtig neben Martin, Kopf auf seine Brust. Er wachte auf und nahm sie in den Arm.
Kannst du nicht schlafen?
Nein.
Woran denkst du?
Lange Pause.
Daran, dass ich Angst habe, so zu enden wie meine Mutter. Einsam, verzweifelt.
Martin zog sie fest an sich.
Das wirst du nicht. Du bist ganz anders.
Woher weißt du das?
Weil du ehrlich lieben kannst. Nicht nur dich selbst, sondern andere.
Julia schloss die Augen. Sie wollte glauben. Sie wollte hoffen, dass ihre Familie das überstanden hatte. Doch tief in ihr lauerte Angst, eines Morgens alt zu erwachen und im Spiegel ein fremdes Gesicht zu sehen.
Martin, flüsterte sie, versprich mir: Wenn ich je durchdrehe, rettest du mich.
Versprochen.
Und du verlässt mich nie. Auch nicht, wenn ich alt und unattraktiv bin.
Niemals.
Sie schmiegte sich eng an ihn und schlief ein, als der Morgen graute.
Ein halbes Jahr verging. Winter, Frühling, Sommer. Gertrud lebte immer noch auf dem Land. Julia fuhr regelmäßig hin, das Verhältnis distanziert, höflich eher wie Nachbarn denn wie Mutter und Tochter.
An einem Augustmorgen sagte Julia:
Martin, ich bin schwanger.
Er ließ den Kaffeebecher stehen. Sah sie an, stellte ihn wieder ab.
Echt jetzt?
Ja. Zwei Streifen!
Martin stieß einen Freudenschrei aus, hob sie hoch, wirbelte sie herum. Julia lachte und umarmte ihn.
Vorsicht, du Verrückter!
Er küsste sie.
Ich bin so glücklich. Wir bekommen ein Kind!
Julia lächelte, doch ein Schatten blieb.
Und… meine Mutter?
Er wiegte den Kopf.
Was ist mit ihr?
Wir sollten es ihr sagen. Es ist ihr Enkelkind.
Er seufzte.
Sag es ihr, wann du möchtest.
Julia rief am Abend an, die Stimme zitterte dabei.
Mama, ich habe eine Nachricht…
Was denn?
Ich bin schwanger. Du wirst Oma!
Stille. Minuten, die sich zogen. Endlich ein Schluchzen.
Mama? Weinst du?
Ich freue mich sehr, Julia. Herzlichen Glückwunsch euch beiden.
Kommst du uns besuchen?
Lange Pause.
Ich weiß nicht. Mir ist das alles so peinlich.
Mama, so viel Zeit ist vergangen. Das Kind braucht eine Oma.
Es braucht eine gute Oma. Und ich… weiß nicht, ob ich das bin.
Julia schluckte.
Du schaffst das. Ich vergebe dir. Fang neu an. Mit uns.
Gertrud schluchzte. Zwischendurch hauchte sie:
Okay. Ich komme. Versprochen.
Martin umarmte Julia nach dem Telefonat.
Es wird schon werden!
Glaubst du?
Ja. Menschen verändern sich, manchmal.
Julia wollte glauben. Sie wollte hoffen, dass mit der Geburt alles wieder heil würde. Doch sie wusste auch: Manche Risse bleiben. Man kann weiterleben, lernt sie zu übersehen, aber sie sind da.
Gertrud kam zwei Wochen später. Zögerlich, mit Streuselkuchen unter dem Arm, wie früher. Martin begrüßte sie knapp.
Hallo, Frau Gertrud.
Hallo, Martin.
Am Tisch saßen sie und plauderten über Wetter, Dorfleben, Schwangerschaft. Alles höflich, starr.
Als Gertrud aufbrach, fragte Julia:
Kommst du wieder?
Gertrud zog die Jacke an, hob die Augen.
Wenn ihr mögt, komme ich.
Wir wollen es.
Martin schwieg. Er stand an der Tür, verschränkte die Arme. Gertrud sah ihn an: schmerzvoll, schuldbewusst. Julia schaute weg.
Martin, flüsterte sie, verzeih mir. Ich weiß, dass du nicht kannst. Aber ich bitte trotzdem.
Langes Schweigen. Dann ein knappes Nicken.
Ich habe verziehen. Aber vergessen werde ich es nie.
Gertrud lächelte traurig.
Das ist ehrlich. Danke.
Sie ging. Die Tür fiel zu. Julia und Martin blieben zurück.
Glaubst du, es wird wieder gut? fragte Julia.
Martin legte den Arm um sie, seine Hand auf ihren Bauch, wo das neue Leben wuchs.
Keine Ahnung. Aber wir versuchen es.
Mehr konnten sie nicht tun. Versuchen. Vergeben, nicht vergessen. Weiterleben mit dem Erlebten, aber sich nicht erdrücken lassen. Es war schwer. Aber so ist das Leben. Echtes Leben mit scharfen Ecken und wunden Stellen.
Gertrud machte sich auf den Weg zur Bushaltestelle. In der Tasche der Rest vom Kuchenkanten, den Julia liebevoll eingepackt hatte. Wie früher. Nur dass früher vorbei war.
Sie stieg in den Bus und sah hinaus. Stadtlandschaft zog vorbei Häuser, Menschen, Autos. Das Leben ging weiter. Für alle.
Auch für sie.




