Der Fluch – oder einfach schwanger? „Toni, warum bist du so schlapp in letzter Zeit?“, fragte die Nachbarin besorgt. „Du wirkst wie ausgewechselt, gesundheitlich nicht auf der Höhe.“ „Stimmt leider“, antwortete die siebenundvierzigjährige Antonia, „ich habe zu nichts mehr Lust – selbst meinem Mann gegenüber schäme ich mich.“ „Du bist irgendwie noch du – aber eben anders. Hör mal, Toni, vielleicht ist das ein Fluch? Mir ist sowas mal passiert, da hat meine Oma Anni Wachs über mir gegossen.“ „Und hat das geholfen?“ „Und wie! Erinnerst du dich noch, damals hat sie doch auch mit dir zusammen die Kinder behandelt.“ „Ich frage mich, woher soll so ein Fluch denn kommen?“, wunderte sich Antonia. „Na bei uns im Dorf laufen doch ständig fremde Leute umher. Neulich erst gingen sie von Haus zu Haus und verkauften bunte Tagesdecken – fremde Gesichter, dunkle, neidische Blicke, die könnten einen schon verhexen.“ „Aber die sind doch gar nicht ins Haus gekommen.“ „Dann überlege, ob du vielleicht jemandem auf die Füße getreten bist – vielleicht ist jemand aus Stefans Familie auf dich schlecht zu sprechen?“ „Red keinen Unsinn! Stefan und ich leben im besten Einvernehmen, seine Verwandten begegnen mir immer freundlich.“ „Na, dann musst du selbst nachdenken, meine Liebe. Aber es klingt schon nach Fluch.“ Antonia seufzte schwer und machte sich auf den Weg zu Oma Anni, um sich den Fluch abnehmen zu lassen. Auch Anni war schnell überzeugt: Antonia sei verflucht worden, und begann sogleich, das Ritual zur Fluchbefreiung vorzubereiten. „Du kommst ein paar Mal zu mir“, bestimmte sie. Doch alle Wachsgüsse halfen nichts – Antonia fühlte sich genauso schlecht wie zuvor. *** „Irgendwie wirkst du beruhigter, Antonia“, stellte Frau Dr. Maria Zimmermann fest, während sie ihre Patientin musterte. „Zeig mal den Bauch. Du meinst also, du bist verflucht? Du bist doch eine gebildete Frau, Antonia! Was für ein Fluch, das ist eine Myom.“ „Das hat mir gerade noch gefehlt…“, stöhnte Toni. „Gerade bringen sie mir das Enkelkind, und jetzt kommt da so ein Myom.“ Am nächsten Morgen nahm sie früh den Bus. „Wenn’s kein Fluch ist, dann eben ein Myom“, dachte sie, „irgendetwas muss es ja sein.“ Dr. Olga Weber untersuchte Antonia gründlich, die ihr ausführlich von ihrem schlechten Befinden berichtete und dass sie sich schon gefragt habe, ob sie verflucht sei. „Du glaubst an einen Fluch?“, fragte Olga lächelnd. „Dein Mann hat dir wohl eher einen Fluch eingebrockt.“ Je breiter das Lächeln der Ärztin, desto größer wurde Antonias Verblüffung. „Das ist eine Schwangerschaft, kein Fluch und keine Myom. Hättest du nicht eher kommen können? Stattdessen holst du dir im Dorf Diagnosen ein und glaubst an Zauberei!“ Einen Moment lang konnte Antonia kein Wort herausbringen. „Frau Dr. Weber, ist das wirklich wahr? Vielleicht ist da ein Irrtum?“ „Irrtum? Das kannst du deinem Mann erzählen. Du hast alle Chancen, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. Oder willst du das nicht?“ „Doch, natürlich… Es ist mein Kind, natürlich will ich das“, stammelte Antonia, „nur – was sage ich den Großen, unser Enkel ist doch schon da.“ „Das ist jetzt deine Sache. Ich leite dich für die Untersuchungen weiter – und wenn du dich entschieden hast, machst du zuhause keine schweren Arbeiten mehr!“ Antonia kam immer noch ungläubig nach Hause und konnte kaum fassen, dass sie zum dritten Mal Mutter werden sollte. „Stefan“, rief sie ihrem Mann zu, der an der Garage herumschraubte, „ich bin schwanger.“ „Wie bitte?“ „Na, ich bekomme ein Kind.“ „Heilige Mutter!“, setzte sich Stefan fassungslos auf die Treppenstufe. „Du hast doch erzählt, das sei ein Myom, davor war’s ein Fluch…“ „Da siehst du’s – kein Myom!“ „Und was machen wir jetzt?“, fragte er. Antonia schwieg und sah ihn an. „Wo zwei Kinder sind, ist Platz für drei!“, lachte Stefan. „Krieg das Kind, wir kriegen das schon hin.“ „Und was sagen wir den Großen?“ „Die Wahrheit: Sie bekommen ein Geschwisterchen.“ *** Im Planungsbüro fiel diese Frau immer durch ihre Liebenswürdigkeit und Ausstrahlung auf – sowohl im Gespräch als auch äußerlich war sie eine angenehme Erscheinung. „So war das damals“, erzählte Liebe-Stefanie lachend, „erst dachten alle an einen Fluch, dann an ein Myom – aber am Ende war es… tja, da kam ich auf die Welt. Danke, Mama!“ Und es ist wirklich erstaunlich: So schön, so geliebt – und vor vielen Jahren vollkommen „ungeplant“ auf die Welt gekommen.

Beschwörung

Frieda, warum schaust du so müde drein? fragte die Nachbarin damals auf dem kleinen Marktplatz. Ich beobachte dich, in letzter Zeit wirkst du irgendwie angeschlagen.

Ach, ehrlich gesagt, stimmt das auch, antwortete die siebenundvierzigjährige Friedrike, ich bringe zu nichts Lust auf, selbst vor meinem Mann schäm ich mich schon.

Du bist wie immer, und doch ist etwas anders an dir. Sag mal, Frieda, meinst du nicht, dass du verhext bist? So was hatte ich mal, da hat mich die alte Gretel mit Bienenwachs abgegossen.

Und? Hat das geholfen?

Aber ja! Erinnerst du dich noch, wie du damals auch mit den Kindern zu Gretel gegangen bist?

Das schon, aber mir ist unverständlich, woher diese Verhexung kommen soll, wunderte sich Friedrike.

Meine Güte, in unserem Dorf gibt es genug fremdes Volk, das bei allen möglichen Haustüren mit ihren bunten Wolldecken hausieren geht, meinte die Nachbarin und schüttelte den Kopf. Fremde Leute, dunkle Augen, neidische Blicke vielleicht haben die einen Fluch ausgesprochen.

Die waren aber nie in unserem Haus drin!

Tja, dann erinnere dich, wem du einmal über den Weg gelaufen bist. Vielleicht hat jemand aus Rudolfs Verwandtschaft noch einen Groll gegen dich?

Ach, red keinen Unsinn! Mit Rudolf lebe ich in bester Eintracht, und seine Familie begegnet mir stets freundlich.

Hm, dann weiß ich auch nicht weiter, mein Täubchen. Aber es klingt ganz wie eine Verhexung.

Friedrike seufzte schwer und machte sich auf den Weg zur alten Gretel, um sich von dem Verdacht der Verhexung befreien zu lassen.

Gretel war wie immer überzeugt, dass tatsächlich ein Zauber auf Friedrike lastete, und bereitete sogleich das Ritual vor. Du musst ein paar Mal zu mir kommen, ordnete Gretel an.

Doch egal wie oft das Bienenwachs auf sie floss es half alles nichts, Friedrike fühlte sich unverändert elend.

***

Irgendwie wirkst du wohlgenährter, Friedrike, sagte, mit prüfendem Blick über die Brille, Frau Dr. Maria Zacharius. Zeig mir doch mal deinen Bauch! Du hältst Hexerei für möglich? Du bist doch eine so kluge Frau, Friedrike. Was für eine Verhexung denn! Das ist ein Myom. Du musst nach Potsdam fahren und dich im Krankenhaus vorstellen.

Das hat mir grade noch gefehlt… seufzte Friedrike, gerade, wo die Enkeltochter gekommen ist, und jetzt schleppe ich so ein Myom mit mir herum.

Am nächsten Morgen wartete sie schon früh an der Bushaltestelle. Nicht verhext, sondern ein Myom also, grübelte sie unterwegs. Was nur ist aus mir geworden?

Im Krankenhaus in Potsdam empfing sie die Ärztin, Frau Dr. Olga Fischer, der sie genau beschrieb, wie schlecht es ihr in letzter Zeit gehe und dass sie keinen rechten Grund dafür finden könne.

Ich habe sogar gedacht, dass jemand mich verhext haben könnte…

Eine Verhexung also? Frau Dr. Fischer musterte Friedrike belustigt. Da hat wohl dein Mann selbst die Hexerei ausgesprochen!

Je größer das Lächeln im Gesicht der Ärztin wurde, desto ungläubiger blickte Friedrike.

Du bist schwanger, Friedrike. Weder Fluch noch Myom. Warum kommst du so spät? Du sammelst noch Diagnosen wie Briefmarken im ganzen Dorf, und dann so ein Märchen.

Einen Moment lang blieb Friedrike sprachlos.

Frau Dr. Fischer, das kann doch gar nicht sein Ist das nicht ein Irrtum?

Ach was, erklär das deinem Mann, vielleicht fällt ihm ein, wie das passieren konnte! Wie dem auch sei, du hast gute Chancen, ein gesundes Kind zu bekommen. Oder möchtest du das etwa nicht?

Doch, doch… natürlich will ich das Kind, stammelte Friedrike verwirrt, aber was sagen wir bloß den Großen? Wir haben ja schon ein Enkelkind!

Was du denen erzählst, musst du selbst wissen. Ich schicke dich jetzt erstmal zum Bluttest. Und zuhause heb bitte nicht schwer, klar?

Friedrike kehrte fast wie im Traum heim zurück. Immer noch wollte sie nicht recht glauben, dass sie wirklich zum dritten Mal Mutter werden sollte.

Rudolf, rief sie nach ihrem Mann, der gerade im Schuppen werkelte, ich bin schwanger.

Was? Wie kann das sein?

Ganz einfach: wir bekommen ein Kind.

Herrgott noch mal! Rudolf ließ sich auf der Bank nieder. Du hast doch gesagt, du hättest ein Myom? Und vorher war von Hexerei die Rede!

Siehst du wohl, nix Myom, nix Hexerei!

Was machen wir denn jetzt? fragte Rudolf.

Friedrike schwieg einen Moment, und betrachtete ihren Mann.

Ach, wo Platz für zwei ist, ist auch Platz für drei! Bekomm das Kind, dann sehen wir weiter.

Und was sagen wir den Kindern?

Ganz einfach: Sie bekommen einen Bruder oder eine Schwester.

***

Im Planungsbüro fiel Friedrike schon immer durch ihre zurückhaltende Liebenswürdigkeit und ihren angenehmen Charme auf sowohl im Auftreten wie im Gespräch war sie stets eine angenehme Erscheinung.

So kam das also, berichtete Lieselotte Rudolf, sie dachten erst an Hexerei, dann an ein Myom, und am Ende am Ende war ich es, die zur Welt kam. Danke, Mama!

Und es war erstaunlich, diese schöne Frau anzusehen, die noch immer ganz leise ein Wunder war: völlig ungeplant, und doch über all die Jahre von ihren Eltern innig geliebt.

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Homy
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Der Fluch – oder einfach schwanger? „Toni, warum bist du so schlapp in letzter Zeit?“, fragte die Nachbarin besorgt. „Du wirkst wie ausgewechselt, gesundheitlich nicht auf der Höhe.“ „Stimmt leider“, antwortete die siebenundvierzigjährige Antonia, „ich habe zu nichts mehr Lust – selbst meinem Mann gegenüber schäme ich mich.“ „Du bist irgendwie noch du – aber eben anders. Hör mal, Toni, vielleicht ist das ein Fluch? Mir ist sowas mal passiert, da hat meine Oma Anni Wachs über mir gegossen.“ „Und hat das geholfen?“ „Und wie! Erinnerst du dich noch, damals hat sie doch auch mit dir zusammen die Kinder behandelt.“ „Ich frage mich, woher soll so ein Fluch denn kommen?“, wunderte sich Antonia. „Na bei uns im Dorf laufen doch ständig fremde Leute umher. Neulich erst gingen sie von Haus zu Haus und verkauften bunte Tagesdecken – fremde Gesichter, dunkle, neidische Blicke, die könnten einen schon verhexen.“ „Aber die sind doch gar nicht ins Haus gekommen.“ „Dann überlege, ob du vielleicht jemandem auf die Füße getreten bist – vielleicht ist jemand aus Stefans Familie auf dich schlecht zu sprechen?“ „Red keinen Unsinn! Stefan und ich leben im besten Einvernehmen, seine Verwandten begegnen mir immer freundlich.“ „Na, dann musst du selbst nachdenken, meine Liebe. Aber es klingt schon nach Fluch.“ Antonia seufzte schwer und machte sich auf den Weg zu Oma Anni, um sich den Fluch abnehmen zu lassen. Auch Anni war schnell überzeugt: Antonia sei verflucht worden, und begann sogleich, das Ritual zur Fluchbefreiung vorzubereiten. „Du kommst ein paar Mal zu mir“, bestimmte sie. Doch alle Wachsgüsse halfen nichts – Antonia fühlte sich genauso schlecht wie zuvor. *** „Irgendwie wirkst du beruhigter, Antonia“, stellte Frau Dr. Maria Zimmermann fest, während sie ihre Patientin musterte. „Zeig mal den Bauch. Du meinst also, du bist verflucht? Du bist doch eine gebildete Frau, Antonia! Was für ein Fluch, das ist eine Myom.“ „Das hat mir gerade noch gefehlt…“, stöhnte Toni. „Gerade bringen sie mir das Enkelkind, und jetzt kommt da so ein Myom.“ Am nächsten Morgen nahm sie früh den Bus. „Wenn’s kein Fluch ist, dann eben ein Myom“, dachte sie, „irgendetwas muss es ja sein.“ Dr. Olga Weber untersuchte Antonia gründlich, die ihr ausführlich von ihrem schlechten Befinden berichtete und dass sie sich schon gefragt habe, ob sie verflucht sei. „Du glaubst an einen Fluch?“, fragte Olga lächelnd. „Dein Mann hat dir wohl eher einen Fluch eingebrockt.“ Je breiter das Lächeln der Ärztin, desto größer wurde Antonias Verblüffung. „Das ist eine Schwangerschaft, kein Fluch und keine Myom. Hättest du nicht eher kommen können? Stattdessen holst du dir im Dorf Diagnosen ein und glaubst an Zauberei!“ Einen Moment lang konnte Antonia kein Wort herausbringen. „Frau Dr. Weber, ist das wirklich wahr? Vielleicht ist da ein Irrtum?“ „Irrtum? Das kannst du deinem Mann erzählen. Du hast alle Chancen, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. Oder willst du das nicht?“ „Doch, natürlich… Es ist mein Kind, natürlich will ich das“, stammelte Antonia, „nur – was sage ich den Großen, unser Enkel ist doch schon da.“ „Das ist jetzt deine Sache. Ich leite dich für die Untersuchungen weiter – und wenn du dich entschieden hast, machst du zuhause keine schweren Arbeiten mehr!“ Antonia kam immer noch ungläubig nach Hause und konnte kaum fassen, dass sie zum dritten Mal Mutter werden sollte. „Stefan“, rief sie ihrem Mann zu, der an der Garage herumschraubte, „ich bin schwanger.“ „Wie bitte?“ „Na, ich bekomme ein Kind.“ „Heilige Mutter!“, setzte sich Stefan fassungslos auf die Treppenstufe. „Du hast doch erzählt, das sei ein Myom, davor war’s ein Fluch…“ „Da siehst du’s – kein Myom!“ „Und was machen wir jetzt?“, fragte er. Antonia schwieg und sah ihn an. „Wo zwei Kinder sind, ist Platz für drei!“, lachte Stefan. „Krieg das Kind, wir kriegen das schon hin.“ „Und was sagen wir den Großen?“ „Die Wahrheit: Sie bekommen ein Geschwisterchen.“ *** Im Planungsbüro fiel diese Frau immer durch ihre Liebenswürdigkeit und Ausstrahlung auf – sowohl im Gespräch als auch äußerlich war sie eine angenehme Erscheinung. „So war das damals“, erzählte Liebe-Stefanie lachend, „erst dachten alle an einen Fluch, dann an ein Myom – aber am Ende war es… tja, da kam ich auf die Welt. Danke, Mama!“ Und es ist wirklich erstaunlich: So schön, so geliebt – und vor vielen Jahren vollkommen „ungeplant“ auf die Welt gekommen.
Nicht vergeben