Nicht vergeben

Ich saß in meinem kleinen Dorfarztbüro, hörte das Knarren der Holzbohle an der Wand einzwei, einzwei als würde das Leben selbst im Takt gezählt. Ich fragte mich, wie viele Schicksale diese Wände schon erlebt, wie viele Tränen die alte, mit Filz bezogene Liege aufgenommen hatte.

Plötzlich schwang die Tür mit einem klagenden Quietschen, als hätte sie sich vor der Kälte zusammengezogen. Im Türrahmen stand Gerda Krämer, geradezu gerade wie ein Pfahl, trocken, aus einer Miene, aus der nie ein Tropfen Träne herausgepresst werden konnte. Seit vierzig Jahren kannte ich ihr steinhartes Gesicht, das wie gehämmerter Marmor wirkte, und in ihren Augen funkelten zwei Splitter Eis.

Sie trat stumm ein, nahm vom schneeweißen Kopftuch, das ihr Haar bedeckt hatte, ab und legte es sorgsam auf den Kleiderhaken, als wäre es ein Orden. Dann setzte sie sich ans Ende des Stuhls, hielt den Rücken gerade, verschränkte die knöcherigen Finger zu einer knappen Faust.

Guten Tag, Frau Krause, erklang ihre Stimme, immer gleichförmig, flach wie ein gespanntes Segel.

Guten Tag, Gerda. Was führt dich zu mir? Pocht dein Herz?

Sie schwieg, blickte zum Fenster, wo graue Regenschleier fielen. Dann hauchte sie so leise, dass ich kaum hörte:

Friedrich stirbt.

Mein Herz schlug bis zu den Zehen zurück. Friedrich Friedrich Krüger. Er, den sie vor vierzig Jahren heiraten sollte. Das ganze Dorf kannte ihre Geschichte wie ein düsteres Märchen. Ihre Häuser standen gegenüber, getrennt vom schmalen Fluss, jeder am rechten Ufer, der andere am linken, wie zwei Ufer, die niemals zusammenfließen. Kein Wort, kein Blick. Wenn Gerda über die rechte Seite zum Laden ging, wartete Friedrich, bis sie aus dem Blickfeld verschwand, um dann die linke Seite zu betreten. Ein stiller, eisiger Krieg, umso furchterregender.

Die Bezirksärzte waren hier, fuhr Gerda mit ihrer steinernen Stimme fort, sie sagten, zweidrei Tage, nicht länger. Er wird kämpfen.

Ich sah sie an, verstand nicht, warum sie zu mir kam. Um zu berichten? Um Trost zu suchen? In ihren kalten Augen war weder Freude noch Trauer, nur Leere eine verbrannte, aschfahle Erde.

Ich habe ihn besucht, Frau Krause. Jetzt von ihm.

Mir blieb das Wort im Hals stecken. Gerda? Friedrich? Der Fluss unseres Dorfes schien plötzlich rückwärts zu fließen!

Sie schien meine Gedanken zu lesen, lächelte bitter an einer Mundwinkelspitze.

Seine Nachbarin Klara kam heute Morgen. Sie sagte, er rufe sie. Er wolle Verzeihung erbitten, bevor er stirbt. Ich wollte gehen, ihm in die Augen sehen, ein letztes Mal. Damit er sieht, dass ich nicht gebeugt bin. Dass ich nicht verzeihe.

Stille senkte sich über das Büro, mein Herz pochte dumpf. Gerda starrte in die Ferne, ihre Hände knitterten so fest, dass die Gelenke weiß wurden. Ich spürte, wie in diesem Moment der Damm, den sie vierzig Jahre lang gebaut hatte, zu brechen begann.

Ich kam und er liegt da, vertrocknet, Haut bis zu den Knochen. Die Augen eingefallen, atmet nur noch sporadisch. Er sah mich, die Lippen zitterten, kein Wort zu sagen. Nur starrt er, und in seinen Augen keine Angst, Frau Krause, keine. Nur unaussprechliche Sehnsucht, als sterbe er nicht an der Krankheit, sondern an dieser Qual. Er streckte seine Hand zu mir, trocken wie ein Herbstast.

Gerda verstummte, und eine einzelne Träne, schwer und salzig von vier Jahrzehnten Gram, kroch langsam über ihre steinige Wange, wie ein Tropfen, der durch Granit bricht.

Ich ich, Frau Krause konnte nicht. Ich konnte seine Hand nicht ergreifen. Ich stand über ihm wie eine Statue, und in meinen Ohren klangen die Worte meines Vaters, Paul, nach. Er hatte mich als seine Tochter betrachtet. Er sagte stets: Gerda, ich gebe dich für Friedrich her dann bin ich glücklich. Ein verlässlicher Mann. Und als Friedrich, der aus der Stadt zurückkehrte, mit einer Stadtluft, lag mein Vater krank im Bett. Eine Woche später war er tot. Sein letzter Satz zu mir: Tochter, verzeihe keinen Verrat. Nie. Und so verzieh ich nicht. Ich stehe über Friedrich, sehe, wie er erlischt, und will rufen: Ich verzeihe nicht! Hörst du? Nicht für mich, sondern für meinen Vater! Doch die Worte verklebten sich zu einem Knoten im Hals. Wut über mich selbst, Hass Was für ein Mensch bin ich, Frau Krause? Warum ist mein Herz Stein? Er stirbt, und ich reiche ihm nicht einmal die Hand. Ich wende mich um und gehe.

Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, ihre Schultern zuckten in lautlosen, trockenen Schluchzern. Sie weinte nicht, sie zerbrach nur innerlich. Ihr ganzer Stolz, ihr ganzer Mut zerfielen zu Staub auf meinem alten Stuhl.

Ich trat leise zu ihr, goss Wasser in ein Kristallglas, fügte einen Tropfen JohanniskrautTinktur hinzu und reichte es ihr. Sie nahm, die Finger zitterten, das Glas klirrte an den Zähnen. Sie trank in einem Zug.

Ein ganzes Leben lang, Frau Krause, habe ich an diesem Groll gelebt. Er wärmte mich wie ein Ofen, ließ mich nicht ertrinken im Selbstmitleid. Ich hielt das Haus fest, mein Garten blieb keins Grünes, alles nur gegen ihn gerichtet, damit er sieht, wie ich ohne ihn lebe. Und jetzt er wird sterben, und was bleibt? Womit soll ich weiterleben? Nur Leere.

Ich sah in ihre Augen, und mein eigenes Herz zitterte. So ist es, meine Lieben: Trägt man den Groll wie ein Kind, pflegt ihn, bis er dich von innen auffrisst. Man glaubt, er sei Stärke, doch er ist das eigene Kreuz, das eigene Gefängnis.

Geh zu ihm, Gerda, flüsterte ich, geh nicht für ihn, sondern für dich. Nicht zur Vergebung, nur um bei ihm zu sein. Allein zu sterben ist furchtbar.

Sie hob den Blick, voller Qual, und ich spürte, wie alles in mir zusammenzog.

Ich kann nicht, Frau Krause. Ich kann nicht. Ich bin Stein, kein Mensch.

Und sie ging, still wie beim Eintritt, zog ihr nasses Kopftuch über den Kopf und verschmolz mit dem grauen Regennebel.

Den Rest des Abends wanderte ich wie in Trance, dachte nur an sie, an den Fluss, der Schicksale trennte, an den Stolz, der stärker war als Liebe, an das väterliche Vermächtnis, das wie ein Fluch lastete. Schlaf fand ich nicht; die Nacht drehte mich auf, bis ich am Morgen beschloss, selbst zu Friedrich zu gehen. Einen schmerzstillenden Stich zu setzen und einfach zu sitzen nicht als Feldschwester, sondern als Mensch.

Ich warfte den Mantel über, schnürte die Stiefel und ging über die hölzerne Brücke zur anderen Seite. Der Morgen schon erwachte, Nebel lag wie Milch über dem Rhein. Ich klopfte an die Tür des Hauses, mein Herz pochte, Angst, zu spät zu kommen.

Die Tür zum Flur stand offen. Ich trat ein. Der Duft von altem Holz, Kräutern und Hühnersuppe erfüllte den Raum. Woher die Suppe? Ich blickte ins Zimmer und sah

Gerda stand am Herd, in einem alten Kittel, das Haar unter einem Kopftuch verborgen. Ihr Gesicht war müde, abgekämpft, doch lebendig, nicht mehr aus Stein. Sie sah mich, zuckte zusammen, legte den Finger an die Lippen: Leise, Frau Krause, er schläft.

Auf Zehenspitzen ging ich zum Bett. Friedrich lag bleich, atmete gleichmäßig, nicht wie ein Sterbender. Auf dem Nachttisch standen ein Glas Hagebuttentee und ein zerbrochenes Kekschen.

Wir verließen das Zimmer, Gerda schloss die Tür und ließ sich müde auf einen Hocker sinken.

Nach dir, Frau Krause, dann gehe ich nach Hause, begann sie flüsternd. Ich wanderte von Ecke zu Ecke, fand keinen Platz. Es war, als säße ein Tier in mir und nagte. Und dann erkannte ich das ist keine Wut, das ist Angst. Angst, dass er geht und ich mit diesem Stein im Herzen zurückbleibe. Und als ob mein Vater vom Bild herüberblickt und nickt. Nicht das, was er wollte, nicht das Nicht wollte, dass seine Tochter ihr Leben in Hass verbrennt.

Ein tiefer Seufzer löste sich aus ihr, ein Aufatmen wie Befreiung.

Ich nahm den Knoten, den ich am Morgen zubereitet hatte Hühnersuppe, Brühe und ging zu ihm. Die Nacht war bereits da. Ich dachte, wenn er doch sterben muss, dann wenigstens menschlich. Ich trat ein, er lag, stöhnte, bat um Trank. Ich küsste seine Lippen, füllte ihm mit der Suppe. Schluck für Schluck Und dann öffnete er die Augen, sah mich an und sagte klar: Gerda mein Vogel verzeih mir. Und er weinte. Stell dir vor, Frau Krause! Dieser harte Stein weinte.

Und du? hauchte ich. Was ist mit dir?

Gerda blickte auf ihre erschöpften Hände, die auf ihren Knien ruhten.

Ich ich tat nichts. Ich setzte mich neben ihn. Ich nahm seine Hand. Die ganze Nacht saß ich da. Ich sagte ihm nicht Ich verzeihe. Ich konnte es nicht. Ich wollte nicht lügen. Ich verzieh ihn nicht, Frau Krause, wegen meines Vaters, wegen vierzig Jahre verbrannten Lebens. Das lässt sich nicht ausradieren wie Kreide. Aber ich saß da, hielt seine Hand, und fühlte, wie die Wut aus mir floss, Tropfen für Tropfen. Als wäre nicht er, ich selbst heilte. Am Morgen schlief er ruhig, das Fieber war weg. Er wird wohl weiterleben mein Erzfeind.

Ach, meine Lieben ein halbes Jahr seitdem. Der Herbst wich dem Winter, der Winter dem Frühling, und jetzt steht der Sommer in voller Pracht. Die Sonne brennt, das Gras wiegt sich, Bienen summen über Klee ein Segen!

Friedrich erholte sich, nicht sofort, aber Gerda half ihm wieder auf die Beine. Sie kam täglich über den Fluss zu ihm brachte Milch, buk Kuchen, sprach wortlos. Er aß, sagte: Danke, Gerda. Sie nickte und ging. Das ganze Dorf sah zu, schweigend, aus Angst, dieses zerbrechliche, kaum entstehende Friedensabkommen zu stören.

Ich erinnere mich, wie ich vom Ende des Dorfes, bei den Zahners, den Weg am Friedrichshaus vorbeikam. Dort sah ich ein Bild, das Tränen in meine Augen trieb helle, warme Tränen.

Auf einer kleinen Anhöhe, unter einer alten, ausladenden Apfelbaumkrone, saßen zwei Menschen. Er und sie, schon grau, silbergrau. Er werkelte an einem Holzspielzeug für die Kinder des Ortes, sie schnitt junge Kartoffeln in eine Schüssel und erzählte leise, wie ihre Gurken dieses Jahr schief gewachsen sind. Sonnenlicht filterte durch das Blätterdach, tanzte auf ihren Gesichtern, Haaren, Händen. Eine Stille lag über ihnen, so friedlich, dass man kaum atmen durfte.

Er nannte sie nicht Vogel, sie sah ihn nicht mit verliebten Augen an, wie einst. Sie waren nicht Mann und Frau, sondern zwei alte Nachbarn, die am Ende ihres Lebens das Wesentliche erkannten etwas, das größer ist als Vergebung und Groll. Wärme einer ausgestreckten Hand, ein Glas Suppe. Das, was wirklich zählt.

Sie sahen mich, lächelten.

Setz dich, Frau Krause!, rief Friedrich, nun kräftig. Gerda holt gerade kühles Sauerkraut aus dem Keller!

Ich setzte mich und trank das eiskalte, würzige Krautbier, sah zu ihnen, zum funkelnden Fluss, und dachte Sagt mir, meine Lieben, war das Unversöhnlichkeit? Oder die höchste Form der Vergebung, die keine Worte braucht? Wie seht ihr das?

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Homy
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Nicht vergeben
Man darf nichts Fremdes nehmen