Du schickst mich raus? Aus MEINEM Zuhause? damit hatte ihr Mann nicht gerechnet.
Pack deine Sachen, Jens. Und geh.
Er erstarrte.
Du willst mich rauswerfen? Aus meiner eigenen Wohnung?
Die Wohnung läuft auf Kredit. Ich zahle monatlich ab. Du hast seit einem halben Jahr keinen Cent beigesteuert.
Früher hab ich doch bezahlt!
Jens, geh jetzt bitte. Ich meine es ernst. So kann ich nicht weiterleben.
Sabine hatte sich am Abend ins Bad eingeschlossen sie wollte wenigstens ein paar Minuten für sich haben. Nicht mal zum Waschen kam sie selbst dazu ließ ihr Mann ihr keine Ruhe.
Sabine, die Kleine schreit! Bleibst du noch lange da drin stehen? trommelte er an die Tür. In fünf Minuten hab ich ein Spiel, ich muss mich konzentrieren.
Sabine atmete tief durch, drehte den Hahn zu und trat wortlos heraus.
Im Kinderzimmer tobte ihre Tochter das kleine Mädchen stemmte sich an den Gitterstäben des Bettes hoch und weinte herzzerreißend.
Schsch, Liebes, alles ist gut, Sabine nahm das Kind in den Arm und spürte dabei das Ziehen im Kreuz. Papa hat grade wichtigeres zu tun.
Ach, unser Papa ein ganz Großer. Einer, der die Welt im Internet rettet.
Jens saß längst am Computer im Nebenzimmer, Kopfhörer auf den Ohren abgeschottet von allem.
Nach einer Stunde schaute sie schließlich hinein:
Jens, fragte sie leise, während sie die Tochter schaukelte, kam dein Gehalt? Übermorgen ist Kreditrate fällig. Und Windeln sind auch fast alle.
Er zuckte, ohne die Kopfhörer abzunehmen, nur die Schultern. Sabine tippte ihm sanft auf die Schulter. Jens riss angesäuert einen Hörer herunter.
Was ist?!
Gehalt, fragte ich. Ist was angekommen?
Teils. Fünf Hundert Euro.
Fünf?! Sabine schluckte. Jens, die Rate sind anderthalb Tausend, plus Strom und Wasser. Du hast versprochen, alles pünktlich zu überweisen.
Wurde verzögert, knurrte Jens, den Blick fest am Bildschirm. Chef sagt, nächste Woche kommt der Rest.
Lass mich jetzt, du störst bei was Wichtigem!
Und am Wochenende bist du zum LARP quer durchs Land gefahren. Das kostet ja auch nicht wenig, sagte sie leise.
Jens drehte sich zu ihr:
Ich arbeite vier Tage, hab drei frei! Darf ich mich vielleicht auch mal entspannen? Bin ich ein Kerl, oder nicht? Muss auch mal Dampf ablassen!
Du nervst ständig, überall Chaos, das Kind schreit. Gib mir doch wenigstens eine Stunde für mich!
Sabine verließ den Raum wortlos. Streiten brachte nichts. Sie wusste längst, dass ein Teil vom Gehalt wieder in Gaming-Equipment oder Mikrotransaktionen verschwunden war.
Spätabends, als die Tochter endlich schlief, ging Sabine in die Küche. Der Hunger nagte, im Kühlschrank gähnende Leere.
Gestern hatte sie eigens ein Kilo Äpfel und ein paar Bananen gekauft damit sie beim Herumrennen mit der Kleinen zumindest zwischendurch was essen konnte.
Die Obstschale war leer Apfelbutzen und Bananenschalen waren achtlos daneben geworfen.
Jens kam in die Küche, am Bauch kratzend.
Gibts Tee? Oder wieder nur heißes Wasser?
Hast du das ganze Obst gegessen?
Ja, und?
Jens, ich hab das gestern gekauft. Ein Kilo! Nicht einen einzigen Apfel hab ich abbekommen.
Wir haben kein Geld verstehst du das? Ich kann nicht täglich frisches Obst kaufen.
Ach, fängt das wieder an, er rollte mit den Augen. Lass die Luxusmanieren mal stecken. Kauf morgen eben mehr. Ist doch nur Obst.
Soll ich, deiner Meinung nach, fasten? Die Planerei im Haushalt kannst du wohl nicht.
Ich plane schlecht?, Sabines Stimme zitterte. Und du gibst mir genug Geld? Ich bin in Elternzeit, Jens, von deinem Lohn bleibt nach den Raten kaum was übrig!
Dann geh doch arbeiten, wenn du alles besser weißt!, blaffte er. Hockst eh nur zu Hause und jammerst.
Ich bin auch müde, übrigens.
Vielleicht war das der Punkt, an dem es ihr reichte.
Sie begriff plötzlich, dass sie sich auf ihn nicht verlassen konnte.
Sie würde wenigstens für ihr Kind die Verantwortung selbst übernehmen.
***
Eine Woche später fing sie an zu arbeiten.
Nachtschichten im Logistikzentrum fünf Nächte, zwei frei.
Es war die Hölle, aber für diese Qual bekam man Geld auf die Hand.
Das Leben wurde ein einziger Marathonlauf.
Tagsüber kümmerte sich Sabine um die Tochter, wusch, putzte, kochte.
Die Kleine schlief immer nur vierzig Minuten so lange hatte Sabine Zeit, auf dem Sofa ins Nichts zu fallen.
Abends kam Jens, aß, was sie gekocht hatte, setzte sich dann direkt an den Computer.
Sabine brachte das Kind ins Bett und ging zur Arbeit.
Wohin gehst du denn schon wieder?, kam es manchmal gelangweilt vom PC. Zur Plackerei?
Geld verdienen. Damit du weiter jeden Tag einen Apfel haben kannst, sagte sie trocken.
Am Morgen kehrte sie heim Jens schlief meist noch oder war knapp vor seiner Schicht.
Seine Freude über ihr Heimkommen bestand darin, dass er Geld für Mittagessen oder die Monatskarte wollte.
Eines samstags, nach einer besonders harten Nacht, in der sie den ganzen Lkw entladen musste, fiel Sabine zu Hause einfach ins Bett.
Jens, flüsterte sie unter der Decke. Kannst du bitte mit der Kleinen rausgehen? Einmal spazieren? Ich hab die ganze Nacht nicht geschlafen, ich brauche drei Stunden.
Ich hab auch gearbeitet, kam es vom Computer. Ich hab frei heute. Ich will entspannen. Sieh zu, wie du klarkommst!
Kümmer dich selbst oder lass sie eben spielen!
Sie ist anderthalb. Wie soll sie alleine spielen?, Sabine stemmte sich müde auf.
Mach die Glotze an, gib Zeichentrickfilme. Schieb sie mir einfach nicht vor die Nase. Schlaf von mir aus bis abends.
Nach einer halben Stunde wusste Sabine, dass sie nicht schlafen würde.
Jens brüllte ins Headset: Links vor! Deck mich, Junge!
Die Tochter klopfte quietschend mit Bauklötzen auf den Boden.
Sabine taumelte vor Erschöpfung, nahm ihre Tochter und ging in die Küche, Brei kochen.
Sabines Gehalt stopfte inzwischen viele Löcher im Familienbudget.
Das fiel Jens schnell auf.
Von dem Extra kaufte er sich ein neues Teil für sein Spiel, und als Sabine nachfragte, wo das Geld für Einkäufe sei, erklärte er, ihr Lohn gehöre jetzt zum gemeinsamen Konto.
Sabine platze der Kragen.
Wenn ich um Schlaf gebeten hab, war das MEIN Problem.
Wenn ich wollte, dass du nicht alles auffutterst dann war ich zu fein.
Aber beim Geld ist plötzlich alles gemeinschaftlich?
Was regst du dich auf?, Jens runzelte die Stirn. Hab mir halt was gegönnt. Muss doch auch mal drin sein.
Schon recht.
Am nächsten Tag eröffnete sie ein eigenes Konto. Eine Woche später kaufte sie sich neue Jeans (das erste Mal seit drei Jahren) und der Tochter ein hochwertiges Spielset.
Für sich selbst legte sie eine Tüte mit Schokolade in den Schrank die versteckte sie vor ihm.
Abends fand Jens im Kühlschrank nur noch Suppe für das Kind und einen Becher Buttermilch.
Wo ist das richtige Essen?, brüllte er von der Küche aus. Wo ist Fleisch? Wenigstens Tütennudeln?
Sabine saß entspannt im Sessel und las, die Tochter spielte auf dem Boden.
Keine Ahnung, antwortete sie ruhig. Du arbeitest doch. Kauf was ein, wenn du Hunger hast.
Wie, ich hab kein Geld alles in die Kreditkarte gesteckt, um den Dispo auszugleichen. Du hast doch gestern Gehalt bekommen!
Hab ich. Und ausgegeben.
Für was bitte?!
Für mich. Für unsere Tochter. Und meinen Anteil am Kredit.
Sag mal, hast du nen Knall?!, brüllte Jens. Wir sind eine Familie! Was soll dieser geteilte Haushalt?
So, Jens. Du sagst, du arbeitest und bist fertig ich auch.
Ab heute sorgt jeder für sich. Ich bin es leid, einen erwachsenen Mann durchzuschleppen.
Jens wurde blass.
Er versuchte, zu schimpfen, sie als egoistisch zu beschimpfen, unterstellte ihr, sie sei hochmütig geworden, seit sie Geld verdient.
Sabine hörte es in aller Ruhe an. Sie war nicht mehr auf ihn angewiesen.
Einen Monat später suchte Jens sich einen neuen Job.
Wirklich: wenn man will, findet man doch eine Stelle, die pünktlich und besser bezahlt.
Doch einfacher wurde es dadurch nicht.
***
Freitagmorgen begann mit lautem Gepolter. Jens packte für die Arbeit und knallte mit den Sachen.
Wo ist das Waschmittel?!, schrie er durchs Bad.
Ist alle, rief Sabine, während sie in der Küche Brei rührte.
Wie soll ich meine Arbeitssachen sauber kriegen?
Kauf Waschmittel. Und wasch dann.
Willst du mich veralbern? Er kam halb angezogen in den Flur gestürmt. Ich geb dir keine Kohle mehr!
Du hast mich hängengelassen, alss schlecht lief! Willst alles teilen!
Keinen Cent kriegst du von mir!
Ich will doch gar keinen, sagte Sabine gelassen und stellte den Herd ab. Jens, du wohnst hier, du benutzt alles, aber Klopapier und Waschmittel soll ich anschaffen? Ernsthaft?
Auf welcher Grundlage eigentlich?
Du bist schließlich meine Frau!, stieß er drohend den Finger in ihre Richtung. Aber du tust so, als sei ich nur ein Mitbewohner.
Wenn das so ist, dann kannst du dir deine Unterstützung an den Hut stecken.
Wann denn Unterstützung?, fragte sie leise. Als ich mit Fieber hier lag und du trotzdem auf das Abendessen gepocht hast? Oder als ich totmüde aus der Nachtschicht kam und du das Kind ignoriert hast?
Schieb mir jetzt nicht die Schuld zu! Ich geh zur Arbeit! Heute Abend will ich, dass meine Sachen gewaschen sind!
Such das Waschmittel halt selbst. Du hast doch dein Geheimkonto!
Abends kam er überraschend mit Blumen brachte drei Nelken im Zellophan.
Da. Für dich. Frieden?
Sabine nahm die Blumen. Der Versuch wirkte so traurig und deplatziert, dass sie beinahe lachen musste.
Jens, können wir reden?
Später, winkte er ab. Ich will jetzt essen. Was hast du gemacht?
Er stapfte in die Küche nur leere Töpfe.
Bist du verrückt?, drehte er sich empört zu ihr. Ich komm von der Arbeit, ich bin der Mann hier! Ich hab HUNGER!
Im Supermarkt gibts Tiefkühlgerichte. Waschpulver auch, antwortete Sabine ruhig.
Du Er ging drohend auf sie zu. Willst du mich etwa erziehen? Mir was vormachen?
Ich bring Geld heim!
Er warf ein paar zerknitterte Fünf-Euro-Scheine auf den Tisch.
Hier! Fünfzig Euro! Kauf was ein, dann gibts morgen mal n ordentliches Essen! Und mach endlich meine Wäsche!
Sabine sah zu den Scheinen, dann zu ihm.
Jens es geht nicht ums Geld.
Worum dann? Hast wohl die Krone aufgesetzt? Ich geh jetzt duschen. Dann ess ich, was ich finde.
Und heute Nacht, sein Grinsen wurde anzüglich, er griff nach ihrer Taille, zahlst du deinen Ehekredit heim.
Hast dich ja ziemlich emanzipiert, hm? Aber ein bisschen Ordnung muss schon sein!
Verpflichtungen hat jeder!
Ekel und Abscheu bei Sabine. Sie schob seinen Arm fort.
Fass mich nicht an.
Wie bitte?, Jens war sprachlos. Du bist meine Frau!
Ich müsste gar nichts, Jens. Kein Geld geben, kein Abendessen kochen, und auch sonst nichts.
Findest dich wohl ganz clever?!, hob er bedrohlich an. Ich arbeite und recke mich ab und du drehst mir eine lange Nase?
Pass auf ich finde sofort eine, die mehr zu schätzen weiß, was sie an mir hat!
Dann such doch, sagte Sabine leise. Such gleich jetzt.
Wie?
Pack deine Sachen, Jens. Und geh.
Er stockte.
Du wirfst mich raus? Aus MEINER Wohnung?
Die Wohnung läuft auf meinen Namen, auf meinen Kredit. Die letzte Rate hast du seit sechs Monaten nicht bezahlt.
Früher hab ich das aber!
Jens, geh jetzt. Ich meine es ernst. Ich will nicht mehr so leben.
Ich will keine Mutter, Dienstmagd oder Sponsorin für dich sein. Ich kann nicht mehr.
Wer will dich denn schon?, schrie er mit rot angelaufenen Wangen. Alte Frau, mit Kind im Schlepp! Bald kommst du angekrochen, das sag ich dir! Eine Woche, und du bettelst mich an!
Nein, schüttelte Sabine den Kopf, das tue ich nicht.
Jens polterte wütend durch die Wohnung, warf seine Sachen in eine Sporttasche und brüllte:
Das wirst du bereuen! Ohne mich bist du ein Nichts!
Sabine beobachtete sein Wüten. Hauptsache, er war fort. Oh, wie sie müde war
***
Sabine reichte die Scheidung ein.
Aus dem Kredit wurde Jens ausgetragen abbezahlen wollte er sowieso nicht.
Warum auch Geld ausgeben, wenn man wieder bei Mama wohnen und sich bedienen lassen kann?
Unterhalt für die Tochter zahlt er, aber nur das Nötigste für das Kind ist ihm alles zu viel.
Sabine hat nichts bereut. Ja, es ist schwer, aber jetzt ist sie endlich frei.




