Er beugte sich zur Schäferhündin. Sie blickte den Mann mit einem resignierten Blick an und wandte sich ab. Hoffnungen hatte sie längst aufgegeben. Zu gut kannte sie die Menschen…

Er beugte sich zu der alten Schäferhündin. Sie sah ihn mit einem resignierten Blick an, wandte den Kopf ab. Hoffnungen hatte sie längst aufgegeben. Sie kannte die Menschen zu gut, schien es, viel zu genau…

Auf der Straße nannte man sie einfach die Hundemeute. Aber der Mann, der in einem der Häuser dieses Viertels wohnte, korrigierte stets: Das ist keine Bande. Das sind fünf Hunde, die sich zusammentun, um zu überleben.

Die Anführerin war eine greise Schäferhündin, eindeutig einmal ein Familienhund. Vermutlich hatten ihre früheren Besitzer sie zurückgelassen, damals, als sie fortgingen, ohne sich umzudrehen. Nun war sie es, die die Gruppe zusammenhielt, beschützte, führte dieser kleinen Straßenfamilie das Zerbrechen ersparte.

Jeden Tag versorgte der Mann sie mit Futter. Morgens auf dem Weg zur Arbeit, abends beim Heimkommen. Und jedes Mal, wenn er erschien, begannen fünf Schwänze wild zu kreisen manche ringelten sich, andere hingen schlaff , flatterten wie Propeller durch die Luft. In ihren Augen lag so viel Freude, dass dem Mann das Herz eng wurde. Sie sprangen, stießen mit nassen Nasen in seine Hände, leckten seine Finger. In ihren Blicken verbargen sich Dankbarkeit, Vertrauen, Hoffnung.

Worauf mag ein Hund hoffen, den man dem Tod auf der Straße überließ? Und doch blieben ihnen Hoffnung, Glaube, Liebe. Deshalb trat er nie mit leeren Händen heraus sie warteten auf ihn. Und jedes Mal wurden ihre Erwartungen erfüllt.

Doch an diesem Morgen kamen nur vier zu ihm gelaufen. Sie winselten, blickten ängstlich zum anderen Ende der Straße. Der Mann wusste sofort etwas war geschehen.

Mit schwerem Seufzen griff er zum Handy, meldete sich bei der Arbeit, erklärte, dass er später komme.

Am äußersten Ende der langen Straße, im Schlafviertel am Rand von München, unter Sträuchern, lag die alte Schäferhündin. Ein Auto hatte sie erwischt. Hier gab es eine Kurve, und selten fuhren die Wagen langsam. Dieses Mal war es ihr nicht vergönnt.

Vier kleine Hunde heulten kläglich und blickten flehend in die Augen des Mannes er war der Einzige, dem sie vertrauten.

Er kniete sich zu der Hündin, die Tränen liefen ihr übers Fell. Sie sah ihn resigniert an, wandte sich ab. Sie hatte verlernt zu hoffen, kannte Menschen zu gut. Sie sorgte sich nur um eines: Was würde aus den Vieren, für die sie Verantwortung trug?

So ist das also… Tuts weh? flüsterte der Mann, zückte erneut das Handy.

Nachdem er einen freien Tag vereinbart hatte, fuhr er mit dem Wagen vor und legte die Hündin auf die Rückbank. Die vier anderen sprangen neben ihm her, drückten sich an seine Arme, als wollten sie danken.

In der Tierklinik begutachtete der Veterinär die Hündin, seufzte tief:

Besser einschläfern. Zu viele Brüche. Die Chancen sind gering, die Behandlung teuer…

Aber gibt es eine Chance? unterbrach ihn der Mann.

Eine gibt es immer, gab der Arzt zu. Doch sie wird leiden. Ist das sinnvoll?

Doch, antwortete der Mann entschieden. Für mich hat es Sinn. Also auch für sie. Und… da sind vier Hunde, die auf sie warten. Wie sollte ich ihnen sonst je in die Augen sehen?

Der Arzt schaute ihn lange an, nickte dann:

Dann fangen wir an.

Nach einer Woche holte er die Schäferhündin aus der Klinik. Die vier anderen Hunde hatten die ganze Zeit vor seinem Haus gewartet. Ihr heiteres Geschrei bei der Wiedervereinigung war so laut, dass selbst die verletzte Hündin aufblühte und ihre Freundinnen zu lecken versuchte.

Er trug sie ins Haus und hielt dann draußen eine kleine Ansprache. Mehr Verantwortung, ein Zuhause das bedeutete Veränderung, viele Straßen-Gewohnheiten mussten nun weichen.

Die Hunde saßen vor ihm, hörten aufmerksam. Er hielt inne, lächelte:

Na, was wartet ihr? Kommt rein!

Und öffnete das Gartentor.

Die Schäferhündin erholte sich rasch, versuchte ständig zu ihren Kameradinnen zu gehen, doch der Mann achtete streng darauf, dass sie nicht übertrieb. Als ihre Knochen wieder zusammengewachsen waren und sie sicher laufen konnte, bekam sie ein besonderes Halsband vergoldet, mit einem kleinen Glöckchen daran.

Jetzt ging der Mann früher zur Arbeit, lief die lange, verlassene Straße entlang und führte fünf Hunde an der Leine: vier kleine, schalkhafte mit kringelnden Schwänzen und die große, alte Schäferhündin im goldenen Halsband mit Glöckchen.

Und ihr hättet sehen sollen, wie sie nun die Gegend beobachteten. Jetzt hatten sie ein Zuhause. Und sie sie hatte das Halsband. Und die Schäferhündin schritt mit erhobenem Kopf.

Ihr könnt das nicht verstehen, ihr hattet nie ein solches Halsband mit Glöckchen. Aber jedem Hund ist klar: So geht nur eine, die wirklich geachtet wird.

So ziehen sie dahin der Mann, der nicht vorbeiging, und fünf Hunde, die nie aufgehört haben zu hoffen und zu lieben, trotz menschlicher Enttäuschung.

Sie gehen und freuen sich. Worüber, weiß ich nicht. Vielleicht über die Gemeinschaft. Vielleicht über den Sonnenschein. Vielleicht darüber, dass in dieser Welt Liebe geblieben ist.

Und wenn man ihnen in die Augen schaut, begreift man: Solange solche Augen existieren, ist noch nicht alles verloren.

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Homy
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