Meine Schwiegermutter übernachtete bei uns. Morgens früh, als der Nebel noch aus den Ritzen kroch, platzte sie mit Getöse in unser Schlafzimmer.
Bei uns hatte also meine Schwiegermutter, Gertrud Eisenhauer, übernachtet. Kaum graute der Morgen, stürmte sie ohne Anklopfen in unser Schlafzimmer und fauchte: Steh auf, Lorelei, hast du gesehen, was in deiner Küche los ist?! Ich sprang aus dem Bett, noch im Nachthemd, das Herz klopfte wie der Rasenmäher im Frühjahr. Im Rennen warf ich mir meinen alten Bademantel über, schnüffelte in die Luft brennt etwas? Haben wir das Gas abgedreht? In meinem Kopf raste schon der ganze Tatort: Der Herd explodiert, die Pfanne brennt, in der Ecke lauert das Desaster. Ich betrete die Küche und dort wimmelt es: Kakerlaken, ein ganzer Chor brauner Monster tanzte auf den Tischen, über die Teller, durch die Brotkrümel vom Vorabend, die ich im Müdigkeitsrausch liegen ließ. Gertrud baut sich vor mir auf, die Arme in die Hüften gemeißelt, ein Blick als hätte ich eigenhändig einen Kakerlaken-Zirkus gegründet, nur um ihr Herz zu brechen.
Lorelei, ist das bei euch immer so? begann sie, die Stimme war scharf wie der Wind auf der Zugspitze, Man kann so doch nicht leben! Du hast Kinder, einen Mann, und in der Küche Kakerlaken, wie im alten Kuhstall! Ich stand wie vom Blitz getroffen und starrte sie an. Ja, ich hatte es nicht mehr geschafft, den Abwasch zu machen. Nach der Arbeit war ich zu nichts mehr fähig. Die Kinder weinten, mein Mann, Helmut, murmelte irgendwas von Bundesliga, und ich wollte einfach nur ins Bett fallen. Wer hätte ahnen können, dass das Ungeziefer genau in dieser Nacht beschließt, ein Fest zu feiern? Und vor allem wo kamen die bitte her? Wir wohnen nicht in irgendeiner verfallenen Bude, sondern in einer Wohnung, alles ist ordentlich. Naja, meistens.
Gertrud Eisenhauer ließ aber nicht locker: In meiner Zeit gab es so etwas nicht! Nach dem Abendessen wurde aufgeräumt, alles blitzte, keine Krümel durften bleiben. Aber du? Die Jugend heutzutage liegt nur am Handy rum! Ich nickte, schluckte meinen Stolz, was sollte ich auch tun? Sie ist nicht nur Schwiegermutter sie ist der Feldwebel im geblümten Rock, für sie ist Ordnung in der Küche Ehrensache. Und ich, offenbar Versagerin. Also packte ich die Putzlappen, jagte die Kakerlaken, schrubbte Tisch und Geschirr, was grad da stand. Gertrud stand hinter mir und kommentierte alles: Da hast du nicht gewischt! Und was ist das für ein Fleck? Wann hast du das letzte Mal den Herd gereinigt? Ich biss die Zähne zusammen. In Gedanken dachte ich: Na, Frau Eisenhauer, auch bei Ihnen hat es bestimmt mal Brotkrümel gegeben. Doch ich schwieg. Streiten, das bringt nichts.
Während ich den Kampf mit den Kakerlaken austrug, kam Helmut endlich aus dem Bett. Er betrat die Küche, sah das Chaos und machte einen Witz: Na Lorelei, machst du jetzt deinen eigenen Zoo auf? Ich warf ihm einen Blick zu, so scharf wie Senf, und er verstummte und verschwand, um Tee zu kochen. Da schüttelte Gertrud den Kopf: Siehst du, und dein Mann? Nicht gerade ein Vorbild. Wenn ich mich damals nicht so um meinen Sohn gekümmert hätte, wäre er heute völlig verkümmert! Nun war alles vorbei. Ich ahnte schon die nächste Standpauke. Und tatsächlich sie setzte sich einfach an den frisch geputzten Tisch und begann: Früher gab es klare Regeln für die Männer. Ihr, die heutige Generation, lasst ihnen alles durchgehen, und das Ergebnis: Kakerlaken in der Küche und sie lachen auch noch!
Ich hörte zu, aber in meinem Kopf kreiste nur ein Gedanke: Wie überlebe ich bis zum Abend, wann fährt Gertrud endlich wieder heim? Nicht, dass ich sie nicht mögen würde sie ist ja eine gute Frau aber diese Angriffe Es geht nie nur um Krümel oder Insekten. Für sie steht fest: Ich bin eine schlechte Hausfrau, Ehefrau, vielleicht sogar Mutter. Da schrubbe ich und schäume, doch sie findet immer noch ein Haar in der Suppe: Gabel falsch platziert, Messer schlecht gespült. Ich bin doch kein Roboter! Mit Arbeit, zwei Kindern, immer im Kreis wie ein Hamster und jetzt auch noch Hochzeitstanz der Kakerlaken. Aber woher kamen sie? Vielleicht von den Nachbarn? Das Haus hat alte Rohre, der Keller ist feucht, das mögen die Biester.
Endlich war alles sauber, die Küche glänzte wie in der Fernsehwerbung für Putzmittel. Gertrud schien etwas besänftigt, aber mahnte trotzdem noch: Lorelei, du musst Ordnung halten. Es sind deine vier Wände, deine Familie. Wenn nicht du, wer dann? Ich nickte, lächelte gezwungen und schrie innerlich: Lass mich doch einfach! Helmut, der mein Gesicht sah, schnappte sich schließlich seine Mutter für einen Spaziergang, damit ich wenigstens einmal durchatmen konnte. Ich sinke an den blitzblanken Tisch, starre in die spiegelnde Küche und frage mich: Bin ich wirklich so eine schlechte Hausfrau? Vielleicht hat Gertrud recht. Oder nicht? Doch dann fällt mir wieder ein, dass Familie nicht perfekte Fliesen sind und Liebe auch über glänzende Teller hinausgeht.



